Frank Meyer berichtet in einem privaten Interview darüber, wie er es schafft, sich trotz der sich zuspitzenden Lage an den Finanzmärkten, zu entspannen. Wir sprechen über seinen eigenen Wandel zwischen der Börsenwelt und seiner „grünen Hölle“ und über einen allgemeinen gesellschaftlichen Wandel, wieder hin zu mehr Ursprünglichkeit und Natürlichkeit. Das passt, denn hier, auf dem Platz vor der Frankfurter Börse, sollte an diesem Tag mittels einiger bepflanzter Gemüsekisten natürliches Wachstum demonstriert werden. Nach dem Gespräch grüble ich, woher diese neue Sehnsucht nach Einfachheit eigentlich rührt, schließlich bin ich selbst auch schwer befallen. Was sagte Frank noch über die Komplexität der Komplexität?

Wir alle wissen, dass wir in Krisenzeiten leben. Seit mindestens vier Jahren dominiert die weltweite Finanzkrise das Geschehen. Die Leser dieser Seite wissen außerdem, dass es sich dabei um ein zyklisch wiederkehrendes und (geld)systemimmanentes Phänomen handelt. Natürlich sind die hier erreichten Dimensionen bisher neu, sozusagen auch systeminternes „Wachstum bis zum geht nicht mehr“ als logische Konsequenz. Die komplexe Vernetzung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, sowohl global als auch bis in die kleinste lokale Einheit, führt daher zur umfassenden Megakrise auf allen Ebenen. So weit, so bekannt - aber was nun? 

Die Komplexität der dargebotenen Problematik, der klebrige, verwobene Klumpen aller Vernetzungen schreit förmlich nach Entwirrung und Vereinfachung, wenigstens im Privatleben. Hier liegt meines Erachtens ein gewichtiger Grund für den zunehmenden Wunsch nach mehr Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und Bescheidenheit. Aber nicht nur viele Menschen, die sich bewusst und aktiv mit dem täglichen Wahnsinn beschäftigen, spüren diesen Drang. Beispielsweise die Zeitschrift „Landlust“ lässt in Krisenzeiten der Printmedien (wie könnte es anders sein) mit ihren stetig wachsenden Verkaufszahlen nicht nur den Focus, sondern auch den Stern, Deutschlands größte Illustrierte, mit einer verkauften Auflage von über 1 Million(!) Exemplaren im ersten Quartal 2012, weit hinter sich.

Der Wunsch nach Einfachheit und Ursprünglichkeit wächst in der westlichen Welt seit Jahren stetig an und wird in den unterschiedlichsten Formen ausgelebt. Überspitzt könnte man sagen, es gehört schon fast zum guten Ton, zumindest ein Stück des berühmten Jakobswegs erpilgert zu haben und der Schweigeaufenthalt im Kloster ersetzt neuerdings immer häufiger den Wellnessurlaub im 5-Sterne-Spa. Auch die Selbstversorgung mit eigenem Gemüse in der Stadt und Gärtnern im Allgemeinen ist sehr angesagt. Die Wartelisten in den Schrebergartenkolonien deutscher Großstädte sind lang und es ist nicht davon auszugehen, dass all diese vornehmlich jungen Menschen die Flächen aus Gründen der Krisenvorsorge selbst beackern wollen. Selbstversorgung, das riecht nach Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstgewissheit. Meiner Ansicht nach ist diese „neue Genügsamkeit“ mehr als ein kurzer Trend, vielmehr sehe ich hier eher einen dauerhaften Wandel, vielleicht manchmal sogar aufgrund einer Art Bewusstseinskrise.

Eine der Ursachen bildet das, bis zur letzten Sekunde aufrecht erhaltene, Wachstumsparadigma eines ständigen höher, schneller und weiter, was sich längst in allen Ebenen unseres gesellschaftlichen Daseins eingeschlichen hat. Alles muss toller, teurer, besser oder eben auch günstiger, nachhaltiger und ökologischer sein, wichtig scheint jedenfalls die Vergleichs- und damit Wahlmöglichkeit. Doch diese schier unendlichen Wahlmöglichkeiten, nein Auswahlverpflichtungen, bei jeder Kleinigkeit des täglichen Lebens, angefangen bei der Buttersorte, erzeugen auf Dauer eine Gegenbewegung in der breiten Masse, die ihre Ausdrucksformen findet.

Denn jede Wahlverpflichtung birgt auch die Möglichkeit einer suboptimalen oder gar später als falsch eingestuften Entscheidung. Psychologisch betrachtet fußt die große Sehnsucht nach dem einfachen Leben also mitunter in der Angst vor der falschen Entscheidung? Naja, ich denke, diese These kann nicht als Allgemeingültig betrachtet werden, aber sie hat was. Wer weniger konsumiert und besitzt hat schließlich mehr Überblick und Ordnung und damit Orientierung und Kontrolle in der sonst so komplexen Welt. Weniger ist mehr. Der Wunsch nach einem bescheideneren Leben ist also eher ein Zeichen dafür, dass nicht nur unsere Systeme, sondern auch die Menschen selbst an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit stoßen. „Ok, wir sind so weit, wir wollen nicht mehr!“ möchte der ein oder andere wohl gerne aufstöhnen.

Jedenfalls beinhaltet diese Gegenbewegung mehr als das Suchen des Kontrasts einer völlig übersättigten Gesellschaft, um überhaupt wieder Genuss am Übermaß empfinden zu können. Trotzdem sei hier nicht bestritten, dass ein Wechselspiel zwischen Verzicht und Entbehrung einerseits, den Genuss andererseits auch fördern oder erst wieder realisierbar machen kann. Und der kleine Bioladen um die Ecke bietet dabei trotzdem eine so kleine Auswahl wie der inzwischen ausgestorbene Tante-Emma-Laden in alten Zeiten, herrlich!

„Entschleunigung“ ist einer der vielen Modebegriffe in diesem Zusammenhang, der häufig fällt. Wieso sagt man nicht einfach Verlangsamung? Aber das Gegenteil von Wirtschaftswachstum heißt ja auch Wirtschaftsrücknahme, nicht Schrumpfung. Klingt halt einfach nicht so.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, dieser Artikel hat mir mindestens drei Sitzungen bei meinem virtuellen Psychologen gespart, der Part der Selbstanalyse ist langwierig ;-) Ganz herzlichen Dank natürlich auch an Frank Meyer! Und jetzt muss ich wieder los, die Schnecken von meinem Salat verjagen!

Herzlichst, Ihre

Julia Jentsch

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