von Thaisa Becker

Das zur Google Gruppe gehörende Motorola Unternehmen baut im Rennen um die Telekommunikation der Zukunft scheinbar auf den gesunden Menschenverstand und zwar auf Ihren, liebe Leser. Die Motorola-Vision der Zukunft ist eine Chip Pille zum Schlucken sowie ein Chip Tattoo auf der Haut der Kunden, welche die Bedienung der elektronischen Geräte revolutionieren sollen. Sinnhaft oder Wahnsinn? Was dadurch mit Sicherheit revolutioniert werden kann, ist die Möglichkeit eines völlig überwachten und transparenten Daseins des Trägers. Ein Marketing Gag? Sieht nicht danach aus. Allerdings war das Timing der Präsentation für positive Resonanz denkbar schlecht gewählt. Kurz nachdem die „Wunderpille“ erstmals vom Unternehmen angepriesen wurde, kamen die bekannten NSA Machenschaften ans Licht.

Regina Dugan, die Chefin der Motorola Abteilung für innovative Forschung, hat die Lösung für eines der größten Probleme der modernen Gesellschaft parat. Ihnen, liebe Leser, ist es vielleicht noch nicht aufgefallen, aber trotz aller Innovationen  im Tech-Bereich, benutzen wir immer noch das selbe Erkennungssystem wie zu Beginn, den guten alten Pin; eine 4stelllige Nummer, die uns die Welt unseres Handys zugänglich macht, nur uns. Sie verstehen nicht was daran schlecht sein soll? Wir auch nicht, aber Regina Dugan erklärt es uns auf der D11 Konferenz 2013 und stellt zum Glück auch gleich eine Lösung vor. Sie öffnet den Zuschauern die Augen, welch ein Zeitaufwand und was für eine Mühe das doch macht, immer diesen Pin eintippen zu müssen und wie herrlich es denn wäre, wenn unser Körper das für uns übernehmen könnte. Alles was man tun muss, ist eine kleine Pille mit einem Mikrochip zu schlucken und/oder sich ein kleines elektronisches Tattoo auf die Haut anbringen zu lassen, und schon können sie ihre elektronischen Geräte ganz ohne PIN bedienen. Worüber sie leider nicht spricht, ist die offensichtliche Frage, die wir uns dann wohl alle stellen müssen: wenn mein Körper auf Geräte zugreifen kann, können dann Google, die NSA und Co. auf meinen Körper zugreifen? Ganz bestimmt. Der Chip, den ich geschluckt habe, wird schnell zur bitteren Pille wenn mein (begründeter) Verfolgungswahn beginnt Alarm zu schlagen. Google wird damit wissen wo ich wann bin, was ich mache und vermutlich sogar wen ich treffe und was ich mit dieser Person bespreche.

Für Kunden, die die Vorstellung der Datenübertragung durch die Bauchdecke abschreckt, gibt es noch die Alternative des modischen Elektro-Smart-Tattoos von der Firma MC10. Das sogenannte EES (Epidermal Electronic System) ist von einem internationalen Team von Wissenschaftlern aus den USA, China und Singapur entwickelt worden. Der kabellose Hautsticker ist leichter als eine Feder, flacher als der Durchmesser eines menschlichen Haares und kann mit der Energie von einem kleinen bisschen Sonne oder elektromagnetischer Strahlen am Leben gehalten werden. Eigentlich ursprünglich für medizinische Zwecke entwickelt, ist das Tattoo weich wie menschliche Haut und haftet ganz ohne Kleber. Das klingt absurd, kann alle Persönlichkeitsrechte verletzten und erschreckende Zukunftsaussichten bedeuten, jedoch ist es laut dem Unternehmen umsetzbar.

Sie denken dies sei schon unglaublich...Es kommt noch viel schärfer: Sie könnten theoretisch unsere Gedanken lesen.

Im offiziellen Patent hinter diesem, wie Science Fiction anmutenden Tattoo steht, dass es ein „auditorisches Signal“ aufgreifen kann und es in ein digitales Signal übersetzt. D. h. man kann dem Sticker also Befehle geben, indem man mit ihm spricht. Aber, die neuronalen Impulse des Gehirns, die das gesprochene Wort erzeugen, werden bewiesenermaßen auch gesendet ohne, dass ein Ton erzeugt wird, also per Gedanken. Keine Sorge, soweit ist das Motorola Pflaster noch lange nicht, aber in diese Richtung geht die Entwicklung des Elektro-Smart-Tattoos. Die Technologie bei solchen Tattoos ist bereits soweit, dass Emotionen des Trägers übermittelt werden könnten. In der medizinischen Forschung arbeitet man eifrig daran, mit solchen Hilfsmitteln Prothesen durch seine Gedanken zu steuern. Im offiziellen Patent wird auch die Option erklärt, dieses e-skin Tattoo mit einem galvanischen Hautresonanz-Detektor zu versehen, was weiter, im Patent so suggeriert, dazu genutzt werden kann, um aufgrund der Körperreaktionen Stress zu messen oder Lügen zu entlarven. Bei einem Lifestyle Produkt ist das doch eher ein ungewöhnlicher Inhalt für eine Patentbeschreibung. Natürlich könnte dieses Feature auch zu viel Gutem verwendet werden. Es könnte in Zukunft z.B. den Langzeitblutdruck aufzeichnen, zur Bekämpfung des „Plötzlichen Kindstodes“ dienen oder sogar Verbrechen VOR der tatsächlichen Tat verhindern...Dafür würde ein jeder Träger natürlich auch seine Privatsphäre aufgeben und sich körperlich nahezu kompletter Transparenz aussetzen.

Spulen wir einmal 10 Jahre vor und gehen davon aus, dass Motorola diese zwei Produkte erfolgreich auf den Markt gebracht habe. Man kann sie sich nicht mehr wegdenken, sie sind Teil des Alltags, wie würde dieser Alltag aussehen? Mehr oder auch weniger realistisch:

Es ist Montag früh, ich wache auf. Viel zu spät, weil ich dem Tech-Tattoo auf meinem Unterarm im Tiefschlaf eingeflüstert habe, dass mein Handy den Wecker ruhig ausstellen soll. Eine Ausrede für meinen Chef vorzubereiten ist zwecklos, er hat die Chip-Pille in meinem Bauch längst am Computer geortet und weiß, dass ich mich zuhause befinde. Die Kaffeemaschine hab ich mit meinen Gedanken beim Zähneputzen angeschaltet, aber der Kaffee ist alle. Vielleicht kann ich eine Amazon Drohne kommen lassen, aber dafür hab ich keine Zeit. Die Haustüre schließt mein Chip für mich. Auf dem Weg zur Arbeit fällt mir auf, dass meine Monatskarte abgelaufen ist. Die U-Bahn fährt schon in die Station ein aber der Kontrolleur kommt bereits auf mich zu. Er braucht nur in den Wagon zu steigen und sieht direkt wer Panik bekommt, das E-Skin Tattoo macht’s möglich. Die Bürotür öffnet mein Chip für mich, die Gedanken des Chefs kann ich ohne die Zugangsdaten zu seinem e-skin Tattoo lesen. Mein Handy klingelt und ich antworte, indem ich mit dem Tattoo rede. Meine Krankenversicherung ist dran, die Beiträge werden angehoben, der Blutdruck ist einfach zu hoch. Kein Wunder.

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