Nun hat auch die japanische Notenbank in der vergangenen Woche beschlossen einen Negativzins auf die Überschussreserven der Geschäftsbanken einzuführen. Sie senkte diesen Zinssatz für Einlagen der japanischen Geschäftsbanken bei der Zentralbank von +0,1% auf -0,1%. Der Gouverneur der Bank of Japan Haruhiko Kurado und seine Kollegen sind nun voller Hoffnung, dass sie mit dieser Maßnahme Geldhäuser dazu zwingen können, mehr Kredite an die Privatwirtschaft zu vergeben. Eine Ankurbelung der japanischen Wirtschaft ist das Ziel, das erreicht werden soll. Zudem will man mit dem Mittel der Strafzinsen nun endlich nach fast zwei Jahrzehnten der Deflation mit stetig fallenden Preisen dem Inflationsziel von zwei Prozent näher kommen. Ein Hoffnungsschimmer könnte sein, dass die Entscheidung für Strafzinsen innerhalb des Notenbankgremiums äußerst knapp ausfiel. Vier der insgesamt neun Notenbanker stimmten gegen die Negativzinsen. Vielleicht war den Vieren klar, dass Auswirkungen auf die Kreditvergabe durch dieses Mittel kaum erreicht werden können.

Die Funktionsweise des Geldsystems wird ausgeblendet

Äußerst interessant ist an dieser Stelle wieder einmal, dass die Funktionsweise des bestehenden zweistufigen Geldsystems an dieser Stelle völlig ausgeblendet wird. Es wird tatsächlich so getan, als ob Geschäftsbanken das Notenbankgeld direkt an Teilnehmer in der Privatwirtschaft ausreichen könnten. Zudem wird ausgeblendet, dass eine Kreditvergabe nicht in erster Linie vom bestehenden Zinsniveau abhängt, sondern vor allem an dem Vorhandensein solventer Schuldner und deren Zukunftserwartungen.

Schauen wir uns einmal an, warum die Maßnahme der Strafzinsen auf Überschussreserven im heutigen Geldsystem kaum Wirkung zeigen wird. In Hinblick auf die Geldmengenausweitung ist festzustellen, dass heutzutage nicht die Notenbanken oder gar ein negativer Zins auf Überschussreserven, sondern in erster Linie die Geschäftsbanken bestimmen, wieviel neues Geld geschöpft wird. Denn jede Kreditvergabe einer Geschäftsbank und jede Kredittilgung einer Nichtbank hat eine Veränderung der Geldmenge zur Folge.

Abbildung 1: Geldmengenveränderung bei der Vergabe eines Kredites

Bei Vergabe eines Kredites finden innerhalb der Bankbuchhaltung zwei Buchungen statt. Schlicht und ergreifend handelt es sich bei einer Kreditvergabe um eine Verlängerung der Bankenbilanz. Im umgekehrten Fall, also bei einer Kredittilgung um eine Verkürzung eben dieser. Bei einer Kreditvergabe erhöht sich in der Bankbilanz einerseits der Posten Kreditforderung, andererseits wächst die Menge an Giralgeld (M1). Mit Anstieg von M1 wächst folglich auch die Gesamtgeldmenge Mmax.

Wir sehen also, dass bei einer Kreditvergabe die Überschussreserve der Geschäftsbank, die im japanischen Fall jetzt mit -0,1 Prozent belastet, wird nicht an den Kreditnehmer weitergegeben wird. Entscheidend für das Zustandekommen eines Kreditgeschäfts ist vielmehr, dass erstens eine verschuldungswillige Nichtbank einen Kredit nachfragt und zweitens, ob die Geschäftsbank ihren möglichen Schuldner als kreditwürdig einstuft.

In welchem Zusammenhang steht nun die Überschussreserve mit der Vergabe des Kredits?

Zunächst einmal sei gesagt, dass sich die Barreserve einer Bank (Zentralbankguthaben) in Mindest- und Überschussreserve aufteilt. Die Höhe der Mindestreserve wird aus einer Geldmenge abgeleitet, die im Wesentlichen der Geldmenge M2 entspricht. Das Einhalten der Mindestreserve wird nicht täglich überprüft, sondern monatlich anhand der reservepflichtigen Verbindlichkeiten zum Monatsende. Dazu gehören u.a. die Guthaben auf den Kundengiralkonten der Geschäftsbanken, Geldanlagen mit einer Restlaufzeit von 2 Jahren und Sparbücher. Von diesem Betrag muss in der Eurozone 1% als Zentralbankguthaben auf dem Konto der Geschäftsbank bei der Zentralbank vorliegen.

Abbildung 2: Die Barreserve besteht aus Mindest- und Überschussreserve

Weiterhin wird das ZB-Giralgeld für die Überweisungen zwischen den Banken benötigt und für Bargeldabhebungen. Die Abhebung von Bargeld von einem Konto bei einer Geschäftsbank ist im heutigen Geldsystem der einzige Weg, wie Bargeld dem Kreislauf zwischen Geschäftsbanken und Zentralbank entzogen werden kann.

Abbildung 3: Konten der Geschäftsbanken bei der Zentralbank (Kontonummer = Bankleitzahl)

Hat eine Bank nun tatsächlich einen kreditwürdigen Schuldner gefunden, wird ein Teil der Überschussreserve zur Mindestreserve. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Notenbanker hoffen mit Minuszinsen eine Ankurbelung der Kreditvergabe erreichen zu können. Allerdings wird dabei vergessen, dass Banken durchaus ihre notenbankfähigen Sicherheiten (z.B. in Pension gegebene Staatstitel) im Tausch gegen Notenbankgeld zurückfordern können, um Negativzinsen auf die Überschussreserve zu vermeiden. Und wenn alle Geschäftsbanken im Gleichschritt neue Kredite schöpfen, wird sich auch an den Überschussreserven herzlich wenig tun, da sie einfach nur zwischen den Zentralbankgeldkonten hin und her verschoben werden.

Banken sind kreativ und werden Wege der Refinanzierung finden

Tatsächlich kann eine Notenbank über den Weg der Negativzinsen keineswegs Banken zwingen, mehr Kredite zu vergeben. Im Gegenteil könnten Negativzinsen dazu führen, dass die Geldmenge M1 sinkt. Zum Beispiel, indem Geschäftsbanken Negativzinsen an ihre Kunden weitergeben und Guthaben auf Girokonten belasten. Denkbar wären auch Gebühren für nicht ausgeschöpfte Kreditrahmen mit der irrigen Begründung, dass Geschäftsbanken das Geld für nicht genutzte Kredite ständig vorhalten müsse. In diesen Fällen würde das Eigenkapital der Banken steigen und die vorhandene Geldmenge sogar sinken. Nebenbei bemerkt wird die geplante Bargeldabschaffung und -verringerung einem solchen Vorgehen der Geschäftsbanken natürlich großen Vorschub leisten.