Viel wurde in den letzten Jahren über die mehrfach von Steuervergünstigungen beglückten griechischen Reeder geschrieben. In den Köpfen der Meisten geistern noch die Yellow-Press-Geschichten über den mythischen Reichtum der einstigen Kontrahenten Aristoteles Onassis und Stavros Niarchos aus den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts. Von Onassis seefahrerischem Imperium ist eine Stiftung geblieben. Sie verwaltet die Flotte durchaus mit Wertzuwachs, aber ohne den unternehmerischen Wagemut des Gründers. Ansonsten vergibt sie Stipendien, betreibt Kulturförderung und eine Privatklinik. Auch die Familie Niarchos wandelte sich von Reedern zu Kunstmäzenen und Förderern von Hilfsorganisationen. Aus der Familie eines weiteren, namhaften Reeders und ständigen Konkurrenten Onassis, den Nachkommen des legendären Yannis Latsis, erwuchsen Banker, Immobilienmagnaten und Raffineriebesitzer. Die Investitionsfreudigkeit für das Heimatland der alten Generation der Schiffsmagnaten hat mit dazu beigetragen, dass die Befreiung der Reeder von Einkommenssteuern für ihre mit den Schiffen erzielten Gewinne in Artikel 107 der griechischen Verfassung einzementiert wurde.

Die heutigen Top-Reeder griechischer Herkunft bevölkern kaum die Klatschseiten der Boulevardpresse aber sie sind laut Lloyd’s List Top 100 Weltspitze. Die von Griechen kontrollierte Flotte verfügt über eine Tragfähigkeit von 335 Millionen Tonnen und liegt somit auf dem ersten Platz knapp 60 Millionen Tonnen vor den Japanern und mit fast doppelter Kapazität wie die Chinesen.

Der mächtigste griechische Reeder laut Lloyd’s ist der in der Öffentlichkeit kaum bekannte Yannis Angelikousis aus Chios. Er belegt mit der Tragfähigkeit seiner Flotte von 26,8 Millionen Tonnen weltweit den 5. Platz vor Angeliki Frankou (16), Giorgos Oikonomou (17), Giorgos Prokopiou (18), Panagiotis Livanos (21), Petros Pappas (31), Nikolas Tsakos (45), Peter Georgopoulos (47), Theodoros Veniamis (48), Kostis Konstantakopoulos (52), Evangelos Marinakis (65), Simos Palios (88) und Dimitris Melisanidis (98).

Die neue Generation und ihre Vertreter

Den meisten Griechen sind aus dieser Reihe vor allem Marinakis und Melisanidis bekannt. Der skandalumwitterte Marinakis besitzt den Fußballverein und griechischen Serienmeister Olympiakos Piräus. Gegen ihn läuft wegen mutmaßlicher Beteiligung an Spielmanipulationen. Melisanidis ist unternehmerisch mit Raffinerien und Tankern tätig. Der Sohn eines griechischen Flüchtlings aus der Pontos-Region in Kleinasien hat sich vom Fahrschullehrer zum Reeder, Ölmagnaten und stolzem Besitzer des Fußballklubs AEK Athen hochgearbeitet. Er schaffte es, sich aus der juristischen Verantwortung für erwiesenen Kraftstoffschmuggel von Schiffen aus der von ihm kontrollierten Flotte zu entziehen. Den hoffnungslos überschuldeten Verein AEK Athen sanierte er, indem er ihn 2013 in die dritte Liga absteigen ließ und von dort mit seinen Millionen wieder in die erste Liga und ab der kommenden Saison in die UEFA Wettbewerbe hievte. Die Schuldenlast übertrug er so dem Staat, der seinerseits nun die Altbesitzer zur Verantwortung ziehen muss, so dies überhaupt noch möglich ist.

Angelikousis hat allein mit seinen 143 Schiffen eine größere Flotte, als alle russischen Reeder gemeinsam. Sein Vater war während des zweiten Weltkriegs am Widerstand gegen die deutschen Besatzer beteiligt und wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit dem Patriotismus Angelikousis kann es dagegen im Vergleich zum Vater aber auch zu den Vorbildern Onassis, Niarchos oder Latsis nicht weit her sein. Der reiche Reeder blieb seinem klammen Heimatland insgesamt 6,2 Millionen Euro Immobiliensteuern für ein riesiges Grundstück an der zentralen Syggrou Avenue in Athen schuldig. Zwar verlegte er seinen Firmensitz von London nach Athen, den Auftrag über 3,5 Milliarden Euro für den Bau vierzehn neuer Schiffe, vergab er dennoch lieber nach Korea als eine der griechischen Werften in Skaramanga bei Piräus oder auf der Insel Syros. Dass mehr als die Hälfte der griechischen Werftarbeiter in der Krise von der Arbeitslosigkeit betroffen ist, muss hinter dem unternehmerischen Interesse zurückstehen. Wirtschaftlich gesehen ist dieses Verhalten für jeden Unternehmer verständlich.

Das Märchen der Griechenland bereichernden Reeder

Politisch hingegen ziehen die Reeder gern die Karte des Patriotismus. Sie betonten, dass ihr Beitrag zum BIP Griechenlands. Der Reeder-Verband verweist auf ein Gesamteinkommen der Schifffahrt von knapp 9 Milliarden Euro, das wären 4,7 Prozent des für 2016 erwarteten BIPs.  Zusammen mit den ebenfalls aufgrund der Schifffahrt getätigten Begleitausgaben würden sich, gemäß des Reeder-Verbandes sogar fast 17 Milliarden Euro, also 8,7 Prozent des BIPs ergeben. Zum Vergleich dazu liegt der Umsatz von Griechenlands „Schwerindustrie“, dem Tourismus, in der Größenordnung von 18 bis 20 Milliarden Euro. Die Schiffsbesitzer rechnen dabei alle ihre weltweit erzielten Einnahmen und Ausgaben zusammen.

Mit diesen Daten setzen die Reeder die jeweilige Regierung immer dann unter Druck, wenn es um ihre Besteuerung geht. Tatsächlich aber hat die Nachrichtenagentur Reuters berechnet, dass nur ein Bruchteil der fraglichen 9 Milliarden Euro überhaupt im Land landet. Reuters behauptet, dass der Beitrag der griechischen Reeder zum griechischen BIP in der Größenordnung von einem Prozent liegt. Die wenigen Schiffe, welche unter griechischer Flagge fahren haben 2014 für das Jahr 2013, wie aus den Daten des Finanzministeriums hervorgeht, ungefähr 80 Millionen Euro für den Fiskus gebracht. Im Vergleich dazu zahlten die griechischen Seeleute im gleichen Jahr fast das Doppelte, nämlich 152 Millionen Euro.

Die deutsche Billigflagge als Konkurrenz

Die griechische Statistikbehörde ElStat verzeichnet zudem Jahr für Jahr eine geringere Zahl von Schiffen unter hellenischer Flagge. Im Februar 2016 schipperten noch 1844 im griechischen Register eingetragene Schiffe mit mehr als 100 BRT über die Weltmeere. Davon waren 613 Passagierschiffe, 521 Tanker und 521 Containerschiffe. Im Vorjahr waren es noch 1851. Im Vergleich dazu waren im September 2015 unter deutscher Flagge bei ebenfalls sinkender Tendenz 3.122 Schiffe unterwegs.

Es mag verwundern, doch Deutschland hat im Vergleich zu Griechenland eine Billigflagge. Die Wirtschaftsberatung Deloitte berechnete jedoch, dass ein Tanker-Schiff mit 51.000 Tonnen Tragfähigkeit mit griechischer Flagge 66.770 Euro Steuern pro Jahr bezahlt, ein Frachter mit 58.000 Tonnen gar 68.328 Euro. In Deutschland wären dagegen nur 22.037 Euro beziehungsweise 23.850 Euro fällig. Denn auch Deutschland besteuert die Reeder nach der Tonnage ihrer Schiffe. Ein griechischer Reeder kann auch mit fremder Flagge die einheimische Einkommenssteuerfreiheit genießen, sofern er seine Mannschaft beim griechischen Sozialversicherungsträger für Seeleute anmeldet. Auf diese Art und Weise kann der griechische Fiskus im internationalen Wettbewerb zumindest an die Sozialbeiträge und die Einkommenssteuer der Seeleute kommen.

Allerdings birgt auch das Risiken. Bei der NAT angemeldete Schiffe können in griechischen Häfen von der Mannschaft besetzt werden, wenn diese wegen ausstehender Heuer von ihrem Rückhaltungsrecht Gebrauch macht. In der Folge löst der Sozialversicherungsträger die Mannschaft aus, und übernimmt das Schiff als Pfand gegen den Reeder. Am 26. April 2016 sank solch ein Schiff, die Panagia Tinou, im Hafen von Piräus. Die Fähre war im Frühjahr 2015 von der Mannschaft besetzt worden. Ende Herbst 2015 übernahm der Sozialversicherungsträger. Der Eigner, die Reederei Ventouris ist zahlungsunfähig. Nun muss der Staat über den Sozialversicherungsträger NAT auch noch die Bergungskosten aufbringen.

Als Fazit bleibt der wirtschaftliche Beitrag der griechischen Reeder ebenso wie der aller übrigen Industriezweige im Land, vor allem des Tourismus, darauf beschränkt, dass ihre Arbeitnehmer über ihre Steuern und Sozialbeiträge die Kosten finanzieren.

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