Trend: Die aktuelle Situation an den Märkten würden Sie spontan bezeichnen als ...

Dirk Müller: ... extrem gefährlich. So gefährlich wie 2008? Wenn es so weitergeht wie derzeit, wird die Krise von 2008 weit übertroffen. Was sich da im Laufe der Zeit zusammengebraut hat, ist der perfekte Sturm. Das wissen wir. Was wir nicht wissen, ist die Zugrichtung des Sturms.

Wer steht für Sie im Zentrum des Sturms?

Der gesamte eurasische Kontinent.

Inwiefern? Beginnen wir im Osten. Seit zwei Jahren warne ich vor extremen Verwerfungen in China. Auch das Platzen der Immobilienblase in den USA hat man ja vor 2008 kommen gesehen. Man wusste nur nicht, wann es passiert. Dasselbe gilt für China, nur in weit größerem Ausmaß.

Erklären Sie uns das. Der Boom in China währt nun schon länger als zwei Jahrzehnte. Er hat Investoren weltweit angezogen. In derselben Zeit war Geld rekordverdächtig billig. Große Investoren haben also riesige Kredite günstig in Yen und US-Dollar aufgenommen, in Yuan gewechselt. Sie haben damit in China mit seinen zweistelligen Wachstumsraten enorm verdient. Ein Free Lunch, wie es im Buche steht. Dabei wurde auch mächtig Blödsinn gebaut.

Zum Beispiel? Es gibt Städte vom Reißbrett, wo Millionen Menschen leben sollten, die aber weitgehend leer stehen. Inklusive Flughäfen, Opernhäusern und Autobahnbrücken ins Nirgendwo.

Und jetzt? Fließt das Geld aus China wieder ab, und zwar mit zunehmender Geschwindigkeit. Im Sommer 2014 haben Chinas Devisenreserven noch vier Billionen Dollar ausgemacht. Inzwischen sind es nur noch 3,2 Billionen. Rechnet man den Exportüberschuss hinzu, sind in der Zeit sogar 1,5 Billionen Dollar abgeflossen. Und die Geschwindigkeit nimmt zu: Alleine im Dezember waren es 100 Milliarden Dollar.

Warum fließt das Geld ab? Lassen sie mich den chinesischen Analysten Niu Dao zitieren: „Die chinesische Wirtschaft ist die größte Blase aller Zeiten. Und sie wird platzen, wenn die Amerikaner den Leitzins anheben.“ Er lag richtig. Und aus den anderen Schwellenländern wird ebenso panisch Geld abgezogen.

Wohin führt das? Viele chinesische Firmen haben sich vermeintlich billig in US-Dollar verschuldet. Die müssen jetzt wesentlich mehr zurückzahlen, da die US-Zinsen und damit der US-Dollar steigen. Das ist dramatisch, insbesondere, wenn man kein tragfähiges Geschäftsmodell hat. Das Fremdwährungs-Kredit- volumen in den Schwellenländern hat ein Ausmaß von 7,9 Billionen Dollar. Und die Zahlungsausfälle chinesischer Firmenkredite liegen schon jetzt so hoch wie zuletzt vor zehn Jahren. Keine Frage: Der Kollaps hat begonnen.

Glauben Sie, dadurch wird das ganze Weltwirtschaftssystem zusammenbrechen? Zumindest mit heftigen Verwerfungen muss man rechnen. Aber wer weiß: Vielleicht macht die chinesische Regierung noch einmal viele Milliarden für Konjunkturpakete locker. Dann gewinnen wir noch etwas Zeit. Seit Herbst glaube ich allerdings nicht mehr, dass sie es schaffen, das Ruder noch einmal herumzureißen.

Viele Marktbeobachter glauben, die chinesische Regierung steuere lediglich um von einer exportorientierten Wirtschaft auf mehr Binnenkonsum. Das halte ich für ausgemachten Unfug. Mag sein, dass sie das vorhaben. Aber ein solcher Prozess dauert viele Jahre. Schauen wir auf die Fakten: Die Exporte Japans Richtung China sind um neun Prozent eingebrochen. Da ist schlicht keine Nachfrage mehr da. Die angeblichen Importe aus Hongkong haben indes dramatisch zugenommen, was mit Scheingeschäften zusammenhängt, mit deren Hilfe man Kapital aus China herausschafft. Die Kapitaflucht aus China.

China ist eine Sache. Aber Sie hatten vom gesamten eurasischen Kontinent gesprochen. Die Ölförderstaaten erleben gerade ihren eigenen Crash. Saudi-Arabien benötigt beispielsweise einen Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel. Wir liegen bei 30. Wenn es so weitergeht, sind die Währungsreserven Saudi-Arabiens in drei Jahren verbraucht. Sie können aber den Hahn nicht zudrehen, damit die Preise steigen. Dann würden sie nämlich kurzfristig noch weniger verdienen. Der Nahe Osten steht in Flammen. Russland geht es auch nicht viel besser. Und in Europa kippt gerade die Stimmung aufgrund der Flüchtlingskrise. Kurz gesagt: Der ganze eurasische Raum steht vor extremen Problemen. Und jetzt vergleichen Sie das mal mit dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase. Doch wie gesagt ...

... ja? Wer weiß: Vielleicht gelingt es den Chinesen, das Ruder noch einmal herumzureißen. Vielleicht einigt sich die OPEC, und der Ölpreis liegt bald bei 50 Dollar. Wer hätte im Jahr 2008 gedacht, dass wir aus einer derart brenzligen Lage noch mal herauskommen? Fast niemand. Aber wir haben immerhin ein paar Jahre gewonnen.

Wobei dadurch die weltweiten Schulden auf absolute Rekordstände gestiegen sind. Das stimmt, es sieht aus, als hätten wir unser Pulver verschossen.

Was wird also passieren, wenn der große Crash kommt? Im Prinzip müssten die Leitzinsen ins Negative rutschen, sonst werden die Schulden niemals abschmelzen. Allerdings müsste das flankiert werden von Bargeldverboten, damit niemand Bargeld horten kann. Ich glaube aber weder, dass sich das durchsetzen lässt, noch, dass die Zeit dazu reicht.

Womit rechnen Sie stattdessen? Mit einem Geysir-Szenario. Ein Geysir besteht aus kleineren Blasen, die immer wieder platzen. Irgendwann bildet sich eine Blase aus, die wächst und wächst und schließlich in sich zusammenfällt. Dort sind wir möglicherweise jetzt gerade. Übertragen auf die Märkte bedeutet das, dass zunächst alle Assetklassen abstürzen, wie wir das zuletzt 2008 gesehen haben. Alle verlieren, jeder braucht dringend Geld, aber keiner traut dem anderen mehr. Eine Kreditklemme wie 2008 entsteht, nur deutlich intensiver.

Wie kommen wir da nur raus? Die Notenbanken werden dagegen andrucken wie der Teufel. Sie werden viele weitere Anleihen aufkaufen, um das System zu stabilisieren. Die großen Finanzhäuser, die nicht ganz so heftige Schwierigkeiten haben, werden ihre Anleihen ebenfalls zu Höchstkursen gegen frisch gedrucktes Geld verkaufen und dafür alles an Aktien aufkaufen, was am Markt zu haben ist. Der Anleihenmarkt hat derzeit ein Volumen von 100 Billionen Dollar, der gesamte Dow Jones nur drei Billionen. Dadurch explodieren die Vermögenspreise, wie der Geysir nach dem Platzen der Blase. Am Ende steht die Hyperinflation. Spätestens dann werden wir über neue Währungs- und Schuldensysteme nachdenken müssen. Diese Entwicklung ist nicht zwingend – aber es ist das Szenario, mit dem ich am ehesten rechne.

Sie selbst haben vor rund einem Jahr einen eigenen Fonds aufgelegt. War das zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt? Es gibt keine guten oder schlechten Zeitpunkte.

Wie bitte? Ich habe den Fonds aufgelegt, um mein eigenes Geld zu investieren. Und auch wenn es pathetisch klingt: Das ist meine Arche Noah. Ich will mein Geld – und das der Anleger – langfristig absichern. Und dafür sind nicht die Zeitpunkte ausschlaggebend, sondern nur die Strategie.

Was ist Ihre Strategie? Grob gesagt, besteht sie aus zweierlei: Diversifizierung und Absicherung. Wir investieren in die aus unserer Sicht 40 besten Unternehmen der Welt. Solche mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell, mit einer astreinen Bilanz und möglichst wenig Schulden. Abgesichert sind wir mit Optionen, die das Gesamtdepot vor allzu großen Kursverlusten schützen sollen. Zehn bis 15 Prozent Schwankung wird man immer ertragen müssen, aber die großen Downs wollen wir vermeiden. Das mag etwas kosten, aber so sind wir auf der sicheren Seite, weil die Optionen in diesem Fall im Wert steigen. Sollten die Aktienmärkte also extrem abstärzen, werden wir davon kaum betroffen und haben durch die Absicherungen Cash für weitere Aktienkäufe auf tiefem Niveau.

Macht sich Ihre Strategie bislang bezahlt? Das macht sie. Derzeit haben wir seit Auflage 13 Prozent Vorsprung auf den MSCI World Value. Es gibt meines Wissens nach keinen vergleichbaren Fonds, der so gut dasteht wir unserer. Auch wir haben verloren – aber mit neun Prozent eben nicht so viel wie beispielsweise der DAX mit 28 Prozent.

Wie hat sich das Volumen Ihres Fonds entwickelt? Für den Start haben wir uns zehn Millionen Euro gewünscht. Es waren 20. Unser Ziel bis zum Jahresende waren 40 Millionen. Es wurden 60. Wir verzeichnen ständig Zuflüsse. Inzwischen ist sogar der erste Dachfonds bei uns eingestiegen, und Versicherungen haben uns mit aufgenommen. Die lassen sich normalerweise drei Jahre Zeit, bis sie in neue Fonds investieren. Es läuft also insgesamt viel besser als erwartet.

Was raten Sie dem Privatanleger? Im Grunde das, was ich selbst mache. Solide Aktien kaufen und die nach unten absichern. Damit fährt man am besten, wenn man mit einem ähnlichen Szenario rechnet wie ich. Und die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Das Schöne an der Strategie ist, dass man nicht recht haben muss. Steigt der Markt stattdessen, ist man mit den Aktien ja voll dabei, und die recht überschaubaren Absicherungskosten sind mit einer guten Aktienauswahl schnell kompensiert.


Dieses Interview ist in der Print-Ausgabe des österreichischen Finanzmagazins "Trend" erschienen.