Man schrieb das Jahr 1998 als mir das erste Mal bewusst wurde, dass technischer Fortschritt im Bereich der Kommunikation und Medien nicht nur großartige Vorteile und Verbesserungen mit sich bringt, sondern auch große Gefahren für Freiheit und Bürgerrechte birgt. Damals erschien in den Kinos der Actionthriller „Der Staatsfeind Nr. 1“ (Originaltitel: Enemy of the State) mit Will Smith und Gene Hackman in den Hauptrollen. Ein in meinen Augen wirklich gut gemachter, sehr spannender und auch aufschlussreicher Film, den Sie sich unbedingt anschauen sollten, falls Sie ihn noch nicht kennen. Ich ordnete den Streifen damals in die Kategorie „Science fiction“ ein, bis mir einer meiner Brüder, der viele Jahre als Programmierer für eine Softwarefirma im Silicon Valley tätig war, die Augen öffnete. 

Der Film handelt von der Macht des amerikanischen Geheimdienstes NSA und seinen schier unbegrenzten Möglichkeiten der Überwachung und Verfolgung von Zielpersonen. Mein Bruder erklärte mir damals, dass der Inhalt von „Der Staatsfeind Nr. 1“ keineswegs eine Utopie darstelle, sondern im Gegenteil der Realität um circa zehn bis fünfzehn Jahren hinterher hinke.

Das Internet mit seinen Online-Medien und Angeboten steckte Ende der 1990iger Jahre noch weitestgehend in den Kinderschuhen und erst in den Folgejahren sollte sich seine Nutzung sowohl im privaten wie auch beruflichen Bereich rasant in der Bevölkerung verbreiten.

Nutzung von Internet und Onlineangeboten elektronischer Medien in Deutschland

ARD/ZDF-Online-Studie 1998: Onlinemedien gewinnen an Bedeutung

[...] Im vergangenen Jahr wurden mit der ARD-Online-Studie 1997 erstmalig repräsentative Basisdaten zur Onlinenutzung in Deutschland zur Verfügung gestellt. In einer eher vorsichtigen Einschätzung gingen die Autoren davon aus, dass "eine Ausweitung des Onlinepotentials in der Bundesrepublik auf einen Anteil von über 10 Prozent in der Bevölkerung wohl nur dann erreicht werden kann, wenn verschiedene Barrieren abgebaut werden. Dazu zählen die leichtere Handhabung (einschließlich einer schnelleren Verfügbarkeit) sowie günstigere Anschaffungs- und Nutzungskosten".

Starker Anstieg der Onlinenutzer in Deutschland

Inzwischen muss diese Zurückhaltung aufgegeben werden. Ohne sich von der Euphorie anstecken zu lassen, die Enthusiasten mit der Technologie des Internets verbinden, ist festzustellen, dass innerhalb gut eines Jahres der Anteil der Onlinenutzer in Deutschland um mehr als die Hälfte zugenommen hat. Im Frühjahr 1998 verfügten über 6,6 Millionen Personen -- sei es beruflich oder privat -- über eine Zugriffsmöglichkeit zu Onlinediensten und/oder dem Internet, die 10-Prozent-Grenze ist damit überschritten. [...]

Meine Wenigkeit gehörte damals zu den wenigen Nutzern, die das im heutigen Vergleich äußerst geringe Angebot im Internet dank eines 586er Rechners nutzen konnten, doch waren Recherchen zu bestimmten Themen eher mühselig und selten erfolgsgekrönt.

Heutzutage ist das natürlich ganz anders. Fast wirkt die ganze Diskussion um die Geheimdienste und Enthüllungen des Edward Snowden im Zusammenhang mit der NSA und GCHQ [1] ein wenig lächerlich, wenn man sich die Mühe macht, die Vergangenheit und das Internet nach Meldungen über geheimdienstliche Aktivitäten zu durchforsten. Ganz zu schweigen von den Büchern zum Thema Geheimdienste, die seit einigen Jahren zuhause in meinem Bücherregal stehen. [2] 

Vielleicht können Sie mir nicht folgen, wenn ich die ganze derzeitige, gewaltige mediale Aufregung und den Hype um Snowden und seine Enthüllungen als teils grotesk, teils amüsant betrachte. Doch um zu verstehen, was mein Bruder mit seiner Aussage damals meinte, lohnt es sich ungemein, die Dinge rund um die Geheimdienste näher zu beleuchten. Ich werde Sie im Folgenden ein wenig langweilen und die Machenschaften der NSA noch einmal kurz darstellen. Am Ende werden Sie wahrscheinlich ein wenig überrascht sein. Nein, nicht über den Enthüller Edward Snowden, sondern über einen gewissen Herrn namens Perry Fellwock.

Vielleicht werden Sie von seinen Enthüllungen genauso negativ überwältigt sein, wie die meisten Mitglieder der deutschen Bundesregierung und des Bundestags. Und nicht zuletzt so erstaunt über die heutigen unbegrenzten Überwachungsmöglichkeiten wie unsere lieben Qualitätsmedien einschließlich eines Herrn Lanz, der jüngst ganz verdattert war, weil ein gewisser Herr Müller angab, von den Machenschaften der NSA bereits schon vor Jahren gewusst zu haben. Was soll man dazu nur sagen? Fassungslosigkeit überwiegt!

Kommen wir zur Sache: Es geht in erster Linie um die amerikanische National Security Agency (NSA), die seit Jahren alle Geheimkodes ausländischer Staaten bricht. Doch die Abkürzung NSA könnte durchaus auch für eine Aufforderung zum Schweigen verstanden werden: „Never say anything!“. Denn natürlich sind die NSA-Angestellten zum absoluten Schweigen verpflichtet, das „jüngst“ gebrochen wurde. Enthüllt wurden die Machenschaften der NSA und anderer Geheimdienste durch einen ehemaligen Mitarbeiter des Nachrichtendienstes. Doch ist an dieser Stelle nicht von Edward Snowden die Rede, sondern – Sie werden diesen Namen wahrscheinlich noch nie gehört haben – von dem ehemaligen NSA-Entschlüsseler Perry Fellwock. Ein 26 Jahre alter Kodebrecher, der in einem Interview mit dem linkskatholischen US-Magazin „Ramparts“ Licht in das Dunkel der NSA-Machenschaften brachte. Somit lenkte Fellwock wohl zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die supergeheime Behörde.

Zweitausend Horchposten in aller Welt sollen seinen Angaben zur Folge nahezu jeden ausländischen Funkspruch und jedes wichtige Teleph(!)ongespräch aufnehmen und das gewonnene Material analysieren. Und "Dirnsa" – so wird der NSA-Direktor in der Kürzel-Sprache genannt -, hat nahezu Einblick in alles, was in fremden Kanzleien und Botschaften gesprochen und geplant wird. Doch verleihe dieses geheime Wissen der NSA eine Macht, die sie zum Schaden des amerikanischen Volkes ausübe, ist sich Fellwock sicher: "Meine Erfahrungen mit der US-Regierung haben mich davon überzeugt, dass die größte Bedrohung meiner Familie und des Weltfriedens vom amerikanischen Militär kommt. Es hat die Legende von ausländischen Aggressionen benutzt, um Gelder, Waffen und Männer für das zu bekommen, was in Wirklichkeit eine amerikanische Aggression gegen die Völker anderer Länder ist."        

Lange Rede, kurzer Sinn. Die Geschichte des Perry Fellwock können Sie hier nachlesen. Es handelt sich um den Artikel „GEHEIMDIENSTE: Dirnsa weiß alles“, der vor ziemlich genau 41 Jahren (!) am 24. Juli 1972 (!) im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL erschien. Vielleicht glauben auch Sie jetzt den Aussagen meines Bruders von 1998.

Ebenfalls bin ich mir sicher, dass die ein oder anderen vermeintlich kleinen Lichter gar nicht ahnen, auf welchen Listen sie feinsäuberlich notiert sind. Vielleicht um sie gegebenenfalls klein zu halten. Vielleicht um sie womöglich zu ersticken. Sicher ist nur eins: steht man im Rampenlicht, sollten möglichst keine Leichen im Keller vorhanden sein. Doch kleine Lichter sind wir alle. Mit oder ohne Leichen. Und wir armen Lichter werden gerade konditioniert. Nämlich auf die Notwendigkeit und Alternativlosigkeit einer allumfassenden Überwachung im Kampf gegen Staatsfeinde und den Terror.   

Denn auf der einen Seite nennen sie uns Konsumenten. Doch auf der anderen Seite sind wir alle stets verdächtig: Staatsfeinde Nr. 1 sozusagen.

Und nicht nur Dirnsa weiß alles: 

[...] Brian und ich verbrachten zusammengerechnet 20 Jahre bei Yahoo!. Wir arbeiteten hart, um die Seite am Laufen zu halten. Und ja, wir arbeiteten hart daran, Anzeigen zu verkaufen, weil das das war, was Yahoo! tat. Yahoo! sammelte Daten, lieferte Websites aus und verkaufte Anzeigen.

Wir sahen zu, wie Yahoo! von Google in den Schatten gestellt wurde … Google war einfach der effizientere und rentablere Anzeigen-Verkäufer. Google wusste, wonach Nutzer suchten, konnten so Nutzerdaten effizienter sammeln und deshalb bessere Anzeigen verkaufen.

Heutzutage wissen Unternehmen buchstäblich alles über Sie – über Sie persönlich, Ihre Freunde und Ihre Interessen. Dieses Wissen dient zu einem nicht geringen Teil dazu, Anzeigen zu verkaufen. [...]

Brian Acton und Jan Koum | Juni 18, 2012 von WhatsApp Blog  

[1] Tageschau.de: Offenbar Glasfaserkabel angezapft - Briten spähen deutsche Daten aus

[2] NSA. Die Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt.

von James Bamford und Helmut Ettinger (2002) ISBN: 978-3442151516

- Der Mossad. Ein Ex-Agent enthüllt Aktionen und Methoden des israelischen Geheimdienstes.

von Victor Ostrovsky, Claire Hoy und Einar Schlereth (Juli 2000) ISBN: 978-3442150663

- Bedingt dienstbereit: Im Herzen des BND - die Abrechnung eines Aussteigers

von Norbert Juretzko und Wilhelm Dietl (2005) ISBN: 978-3548367958

- Bekenntnisse eines Economic Hit Man: Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia

von John Perkins (2007) ISBN: 978-3442154241

Brian Acton und Jan Koum / Juni 18, 2012 von WhatsApp Blog