Auf welch fahrlässige Weise Indiens Regierung das noch verbliebenen Restvertrauen in die heimische Papiergeldwährung aufs Spiel setzt, hatte unser Autor Roman Baudzus in seinem Bericht Demonetisierungskampagne zwingt Inder zurück ins Bankensystem beschrieben.

Jayant Bandahri führt dazu aus, dass die Regierung von Premierminister Modi Mitte letzter Woche quasi über Nacht bekannt gegeben hatte, 500- und 1000-Rupien-Scheine ab sofort aus dem Verkehr zu ziehen und wertlos verfallen zu lassen.

Banken schließen zwischenzeitig die Pforten

Zwar soll es parallel zur Ausgabe von neuen 500- und 2000-Rupien-Scheinen kommen, deren Distribution momentan jedoch stockt. Banken sind jedoch heillos überfordert und mussten aufgrund des enormen Andrangs in den letzten Tagen des Öfteren ihre Pforten schließen.

Momentan bleibt den Indern eigentlich nur die Möglichkeit, wertlose Banknoten mit höheren Nominalwerten in Banknoten mit niedrigeren Nominalwerten wie dem 100-Rupien-Schein einzutauschen, um flüssig zu bleiben.

Zu welch einem Chaos es in einer über die Regierungsmaßnahme vorab nicht informierten Bevölkerung seit der Ankündigung gekommen ist, lässt sich leicht ermessen und an diversen Fernsehberichten nachvollziehen. 

Indien befindet sich am Rande einer großen sozial-politischen Krise, solange die Regierung keine Ordnung in ihr selbst erzeugtes Chaos bringt. Längst schon haben die Probleme in der Geldversorgung die alltäglichen Geschäftsaktivitäten zu einem Halt gebracht.

Zahlreiche Kritiker werfen Premier Modi Arroganz, Unverantwortlichkeit und Versagen in der Umsetzung seiner „Reform“ vor. Mit jedem Tag wachsen Ungeduld und Wut über die erbärmliche Umsetzung der Regierungspläne in der Bevölkerung. 

Das BRICS-Land Indien ist Profiteur der Globalisierungswelle. Jedenfalls gilt dies für die gut ausgebildete Mittelklasse des Landes, die dem Fernsehen in den vergangenen beiden Dekaden zugeneigt und propagandistischen Maßnahmen der Regierung ausgesetzt gewesen ist.  
Dieser die Wirtschaft tragenden Schicht wurde kritisches Denken de facto aberzogen, weshalb deren Mitglieder der nationalistischen Systempropaganda, die einem fanatischen Hinduismus das Wort redet, anheim gefallen ist. 

Aus dieser Perspektive versteht es sich, dass die Aufgabe der 500- und 1000-Rupien-Scheine mit Propaganda einhergeht, die nationalistisch ist, sich gegen die Korruption im Land richtet und – in Bezug auf die Spannungen mit Pakistan – einen „Kampf gegen den Terror“ in den Vordergrund der Bestrebungen stellt.

Auch in Indien finden Dämonisierungen bestimmter Bevölkerungsgruppen auf alltäglicher Basis statt. Nämlich jene, die sich dem propagierten Irrsinn widersetzen, werden öffentlich als potenzielle und gefährliche „Terrorelemente“ gebrandmarkt.

Während die unteren und armen Gesellschaftsschichten momentan noch am stärksten von der Demonetisierungskampagne der Regierung getroffen werden, weisen manche Entwicklungen darauf hin, dass es auch die Mittelklasse ist, die bald durch den Fleischwolf gedreht wird.
Deren bisherige instinktive Vertrauen in Premierminister Modi könnte sich dann recht schnell pulverisieren, wenn diese Gesellschaftsschicht erst einmal von derselben Not ergriffen wird, wie jene unter ihr stehenden Schichten.

Und so reihte auch ich mich in den letzten Tagen in ultralange Schlangen vor den Banken ein, um wertlose Banknoten in neues Papier umzuwandeln. Der höchstmögliche Umtauschbetrag beläuft sich bis auf Weiteres auf 4.000 Rupien, was umgerechnet in etwa $60 entspricht.

Auffällig ist die Unorganisiertheit der Banken, die dem Andrang auch nicht annähernd Herr werden. Folge ist, dass sich die Menschen in den Schlangen aggressiv gebärden und mitunter Kämpfe und Handgemenge ausbrechen.

Das Prozedere ist wahrhaft fürchterlich. Ich selbst musste mich in 3 verschiedenen Schlangen einreihen. Am ersten Schalter erhielt ich ein Formular, das durch meinen Namen, Anschrift, Personalausweisdetails, Seriennummern, Mobiltelefonnummer, umzutauschenden Geldbetrag, usw. auszufüllen war.

Am zweiten Schalter musste ich das ausgefüllte Formular zusammen mit einer Kopie meines Personalausweises abgeben. Die Ausweiskopie musste ich zudem unterschreiben, die hernach am Schalter gestempelt wurde.

Am dritten Schalter bekam ich dann schließlich endlich meine neuen Geldscheine für alte Banknoten in die Hand gedrückt. Dieser Prozess dauerte in meinem Fall zwei Stunden, kann sich in geschäftigeren Stadtvierteln aber auch noch weitaus länger hinziehen.

Jeder, der davon überzeugt ist, dass ein Land, das seinen Bürgern mindestens zwei Stunden Zeit stiehlt, um popelige $60 umzutauschen, zu den ökonomischen Machtzentren dieser Welt gehört, scheint zu viel Kool-Aid zu trinken oder schlicht keine Mathematik zu beherrschen.

Extreme Wartezeiten beim Umtausch

Am Abend machte ich dieselbe Ochsentour noch einmal mit einem Freund durch, der einen Teil seines Geldes bei einer Postfiliale in der Nähe umtauschen wollte. Nach langer Zeit des Schlangestehens und Wartens wurde sodann bekannt gegeben, dass der Postfiliale das Cash ausgegangen ist.

Am Abend galt dasselbe für fast alle Bankautomaten und Bankfilialen. Trotz allem wurden die Schlangen der Wartenden immer länger. Manche Leute stehen die ganze Nacht an, um am Morgen Einlass zu finden und mit neuen Geldscheinen nach Hause gehen zu können.

Doch die Hälfte aller Inder hat gar kein Bankkonto, geschweige denn, dass ein Viertel meiner Landsleute noch nicht einmal über einen eigenen Personalausweis verfügt. Bei ihnen handelt es sich um die Ärmsten des Landes.

Gerade für sie wird es – auch aufgrund mangelnden Wissens – sehr schwer, alte Geldscheine in neue Banknoten umzutauschen. Nach wie vor basiert unsere indische Wirtschaft zu 97% auf Bargeldtransaktionen. Es fällt nicht schwer zu verstehen, dass unsere Wirtschaft zu einem Stillstand gekommen ist, nachdem die Regierung 88% aller ausstehenden Banknoten für wertlos erklärt hat, um diese einzuziehen.

Tagelöhner haben keine Arbeit mehr, weil deren Arbeitgeber nicht mehr genügend Bargeld besitzen, um deren Löhne zu bezahlen. Entsprechend groß ist das Chaos allerorten. Viele dieser Menschen gehen hungrig zu Bett und mancherorts kommt es bereits zu Überfällen auf Lebensmittelgeschäfte.

Menschen sterben, weil sie in Krankenhäusern nicht adäquat behandelt werden können. Einige begehen Selbstmord, weil sie die Situation einfach nicht verstehen und nicht wissen, was jetzt zu tun ist. Die Medien sind zurzeit voll mit solchen Geschichten.

Kleinunternehmen befinden sich in großen Problemen. Viele dieser Firmen werden sich wohl nicht mehr von diesem Schock erholen. Zudem hat die hinduistische Heiratssaison gerade erst begonnen, doch die Menschen halten wertlose Banknoten in Händen.

Die indische Regierung hat unter Bezugnahme auf die Geschichte unseres Landes keinerlei Erfahrung mit Mammutprojekten dieser Art. Dies gilt insbesondere für jene Epoche, die auf den Abzug der britischen Kolonialmacht folgte.

Folgt auf Ärger Wut?

Der Ruf der indischen Institutionen ist ohnehin schon stark ramponiert. Falls es ihnen nicht gelingen sollte, die Menschen wieder schnell mit Bargeld zu versorgen, so werden die alten 100-Rupien-Scheine auch in nur wenigen Tagen komplett verschwunden sein.

Der Drang zur Hortung von „gutem“ – sprich neuem – Geld wird Überhand nehmen. Bis es zu einer kompletten Substitution der alten durch neue Banknoten gekommen sein wird, werden sich die Leute an allem festklammern, was noch einen Wert besitzt, wozu eben auch die 100-Rupien-Scheine gehören.

Unter jenen, die keine Notwendigkeit sehen, alte gegen neue Banknoten einzutauschen, weil deren Cash bereits komplett im Bankensystem veranlagt ist – was für die monatliche Gehälter beziehende Mittelklasse gilt – könnte sich auch schon bald in Ärger und Wut ausbreiten.

Banken lassen zurzeit lediglich einen Betrag von mickrigen 20.000 Rupien, umgerechnet etwa $300, pro Woche zu. Auch diese Schicht wird Entbehrungen hinnehmen müssen, weil deren Bankkonten bis zu einem gewissen Grad eingefroren sind. Viele haben das noch gar nicht so richtig realisiert.

Indiens Wirtschaft wird schwer unter diesem Unsinn leiden  Schlimmstenfalls wird unser Land in eine politische und/oder sozioökonomische Krise stürzen. Dies wird der spätestens der Fall sein, wenn die bisher bevorzugte Mittelklasse die Schmerzen selbst zu spüren bekommen wird.

In den Schlangen vor den Banken lassen sich weder Politiker noch Bürokraten beim Anstellen beobachten. Nach all dem, was jetzt passiert ist, wird das neue Geld noch schneller unter den Matratzen landen als jemals zuvor. 

Die Korruption wächst

Vielerorts wird gar darüber berichtet, dass korrupte Politiker alte Banknoten unlimitiert in neue Banknoten umtauschen durften. Jetzt ziehen sie mit diesem Geld über die Dörfer, um dort unter großen Entbehrungen lebenden Menschen Kredite zu Wucherzinsen anzubieten.

Korruption ist überall – und sie wächst momentan in allen Winkeln unseres Landes auf  exponentielle Weise. Gleichzeitig offerieren jene, die zu viele alte – und nun wertlose – Banknoten gehortet haben, Dritte, um sie gegen Zahlung einer bis zu 20%igen Kommission dazu zu bringen, alte Banknoten auf eigenen Namen gegen neue einzutauschen.

Unterdessen wachsen Furcht und Schrecken vor den Steuerbehörden, was bedeutet, dass die Bestechungsgelder, die an hohe Beamte gezahlt werden müssen, immer weiter in die Höhe steigen.

Die Menschen haben Angst vor potenziellen Folgemaßnahmen, die Premierminister Modi für die nächsten Wochen und Monate ins Auge gefasst haben könnte. Und wie man sich dagegen schützen könnte. Das unaufhaltsame Emporkommens eines Polizeistaats zeichnet sich ab.
Gerüchte schießen tagtäglich ins Kraut, was empfindliche Auswirkungen auf die Preise haben kann. So ist der Salzpreis auf 400 Rupien ($6) pro Kilogramm geklettert, nachdem plötzlich Gerüchte die Runde machten, dass Salz äußerst knapp geworden sei.

Dasselbe geschieht gerade mit Blick auf Zucker. Eine zumeist uninformierte breite Masse gibt bei jedem auch noch so kleinen Gerücht sofort klein bei, um entsprechend in Panik darauf zu reagieren. Folge ist, dass Güter des alltäglichen Bedarfs tatsächlich aufgrund von Panikkäufen verschwinden und ausgehen.

Premierminister Modi hat seine Lektionen nicht gelernt. Er hätte wissen sollen, dass eine auf Konventionen – und nicht auf Vernunft – basierende Gesellschaft niemals auf diese Art und Weise aus den Angeln gehoben werden darf.

Ein Land vor dem Kollaps?

Im Worst-Case-Szenario werden uns vielleicht sogar soziale Unruhen und der Ausbruch von roher Gewalt auf den Straßen drohen. Um die Gründe hierfür zu verstehen, empfiehlt sich ein Blick in unsere Nachbarländer.

Angst breitet sich mit jedem weiteren Tag dieser Ungewissheit in unserer Bevölkerung aus. Dies gilt insbesondere für die Geschäftsleute und Unternehmer. Sie haben nicht nur komplett ihr Vertrauen in die Regierung verloren, sondern die Steuerbehörden haben gleichzeitig auch deren Anwesen und Wohnungen durchsuchen lassen.

Vielen der Betroffenen ist die Erzeugung von Wohlstand ab heute völlig egal. Ihnen geht es zuallererst um die Frage, was sie mit ihren wertlosen Banknoten anstellen sollen, in einem Land, in dem sich harte Arbeit nicht mehr zu lohnen scheint, und in dem Steuerbehörden offiziell grünes Licht für deren Vergewaltigungsorgien erteilt wurde.