Netzwerk Recherche e.V. ist eine gemeinnützige Journalisten-Vereinigung, die sich für die Qualitätssteigerung der Medienberichterstattung mittels Recherche sowie für die Pflege des investigativen Journalismus in Deutschland einsetzt. Günter Bartsch, der Geschäftsführer des Vereins, stand für Cashkurs Rede und Antwort. Im zweiten Teil des Interviews werden u.a. Themen rund um die Rolle der Internet-Blogs, die Internationalisierung des investigativen Journalismus und des Whistleblowing behandelt.

Machen wir einen Sprung von den sozialen Medien zu den Blogs, die ja eine hohe Affinität zueinander aufweisen. Was sagen Sie zu Blogs, die freie Journalisten selbst gründen? Was für eine Rolle spielt das in der gesamten Medienlandschaft?

Schauen Sie sich das Bildblog an oder die Seite von Stefan Niggemeier: Diese wichtigen medienkritischen Themen würden ohne diesen Verbreitungsweg nicht zur Geltung kommen. Es ist ja heute noch manchmal so, dass Leute von den klassischen Medien die Blogs nicht ernst nehmen. So als ob das alles private Internettagebücher seien, die mit Journalismus nichts zu tun hätten. Natürlich gibt es auch private Blogs ohne gesellschaftliche Relevanz. Aber ich behaupte ja auch nicht, dass alles, was auf Papier gedruckt ist, Journalismus ist.

Grenzen wir das nochmal auf den politisch motivierten bzw. investigativ-journalistischen Blog ein, der auch unabhängig von den großen Medien ist.

Die meisten von diesen Blogs haben noch das Riesenproblem der Finanzierung, keine Frage. Gerade auf der lokalen Ebene beobachten wir aber immer mehr Neugründungen von Nachrichtenseiten. Wir vom Netzwerk Recherche wollen uns dieses Jahr für die Etablierung eines gemeinnützigen Journalismus einsetzen, der auch solchen Seiten helfen könnte. Konkret geht es darum, dass bestimmte Journalismus-Formen im Netz die Möglichkeit dazu erhalten sollen, steuerlich begünstigt zu werden. In den USA gibt es das bereits – das „Investigative News Network“ ist ein Dachverband von über 80 solcher Redaktionen. Man könnte sie Blogs nennen oder lokale Nachrichtenseiten. Da sind aber auch ProPublica oder andere große dabei. Ein ziemlich bunter Haufen, aber alle vereint dieser Punkt, dass sie gemeinnützig arbeiten. Sie sind nicht auf Profit aus. Sie haben dadurch, dass sie in den USA die Gemeinnützigkeit erlangen können, den Vorteil, dass sie selber bestimmte Einnahmen nicht versteuern müssen und vor allem dass ihre Unterstützer Spenden steuerlich geltend machen können. Daraus könnte sich auch in Deutschland etwas ganz Neues entfalten. Deswegen haben wir vor, dieses Thema voranzubringen: Quasi die Anerkennung von Investigativ-Journalismus bei den Finanzämtern.

Wenn bestimmte Unternehmen in das Visier des investigativen Journalismus geraten, versuchen sie die Berichterstattung auch mit juristischen Mitteln zu verhindern oder gar gezielt auch einzuschüchtern. Vor allem, wenn es um mächtige und einflussreiche Organisationen geht, haben die natürlich den großen Vorteil, die finanziellen Mittel dafür zur Verfügung zu haben, Top-Anwälte einzuschalten oder auch taktisches Verzögern und die damit verbundenen steigenden Prozesskosten in Kauf zu nehmen. Wie steht es um diesen Kampf zwischen David und Goliath?

Kann man nicht immer ganz so bezeichnen, glaube ich. Weil es da auch nach wie vor Verlage und Sender gibt, die diesen Kampf auch ganz gut aufnehmen können – auch finanziell durchaus die Möglichkeiten haben. Das ist bei freien Journalisten in der Regel schon was ganz anderes. Ich glaube, dass die Verlage dann auch teilweise stärker in die Pflicht genommen werden müssten, als es manchmal in der Praxis der Fall ist, um auch den freien Kollegen diesen Schutz mitzugeben. Das ist gerade angesichts dessen, dass immer mehr Leute als freie Journalisten tätig werden, ein wichtiger Punkt. Es gibt auch durchaus Überlegungen, neuartige Finanzierungskonzepte dafür zu schaffen.

Meinen Sie mithilfe von Crowd-Funding, Fonds und Ähnlichem?

Ja, die Kollegen von Krautreporter, einer Finanzierungsplattform für journalistische Projekte, meinen, dass man einen Fonds oder ähnliches einrichten sollten, der eben speziell für freie Journalisten eine Versicherung - eine Rechtschutz und ähnliches - möglich macht. Zum Teil gibt es so etwas ja auch schon über die Gewerkschaften, die aber nicht unendliche Mittel zur Verfügung haben und auch nicht jedes Prozessrisiko eingehen.

Netzwerk Recherche leistet ja auch einen Beitrag bei der Schulung freier Journalisten, was dieses Thema angeht.

Ja, auf unseren Konferenzen zum Beispiel versuchen wir darzustellen, wie man mit solchen Angriffen umgeht. Wie muss man recherchieren, und vor allem, wie muss man seine Recherche dokumentieren? Also zum Beispiel das Formulieren von Anfragen an die Unternehmen, damit man auf so einen Fall gut vorbereitet ist. Die Kollegen, die in den Skandal der Oppenheim-Esch-Fonds recherchiert haben, haben in einem Seminar schon einmal sehr detailliert dargestellt, wie sie das Gericht überzeugen konnten. Sie haben nämlich jedes Detail sehr genau geprüft und sorgfältig überlegt, welche Anfragen sie stellen und welche Möglichkeiten sie den Unternehmen zur Stellungnahme lassen.

Solche Schwierigkeiten, an Antworten zu kommen, gab es für Journalisten schon immer. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob das in letzter Zeit wirklich mehr geworden ist. In Teilbereichen mach es den Eindruck, dass es noch stärker versucht wird. Auch wenn es, wie Sie sagen, auch nur um Verzögerungstaktik geht, und nicht um unbedingt jedes Mal um den Erfolg in letzter Instanz.

Journalisten kooperieren in letzter Zeit vermehrt auf internationaler Basis. Sie schließen sich auch organisatorisch immer mehr zusammen. Kann das dazu führen, dass die Schlagkraft des investigativen Journalismus dadurch erhöht wird?

Ich finde, das merkt man an Beispielen wie NSA-Recherchen, Offshore-Leaks usw. deutlich. Ich glaube, solche Recherchen haben eine ganz andere Schlagkraft gewonnen, weil sie international koordiniert erschienen sind. Wie beispielsweise vom ICIJ, dem International Consortium of Investigative Journalism. Die Global Investigative Journalism Conference wird von Kollegen schon seit Jahren benutzt, um solche Kooperationen zu arrangieren.

Was für ein konkretes Beispiel könnten Sie dazu nennen?

Beispielsweise hat ein argentinischer Kollege mir erzählt, wie er Klaus Ott von der Süddeutschen bei der Global Conference in Genf getroffen hat. Die beiden haben dann zusammen eine Siemens-Korruptions-Affäre aufgedeckt. Die Grundzüge der Story und der Zusammenarbeit konnten sie auf der Rückfahrt von Genf nach München besprechen. So etwas gab es immer schon, aber in den vergangenen Jahren hat deutlich zugenommen. Soweit ich das mitbekommen habe, wurde diese Offshore-Leaks-Kooperation vor zwei Jahren bei der Global Conference eingetütet.

Das klingt alles sehr nach positiven Entwicklungen für den globalen Investigativ-Journalismus.

Ich habe den Eindruck, dass es da einen Riesenschub gibt, und ich glaube, dass diese internationale Kooperation momentan noch ganz gut möglich ist, weil diese Konkurrenzsituation noch nicht so groß ist. Da muss man mal schauen, ob es so bleibt. Man sieht jetzt, dass die deutschen Medien anfangen – was mich sehr freut – ihre deutschen Texte ins Englische zu übersetzen. So dass auch englischsprachige Nutzer im Internet darauf Zugriff haben. Das wird auch die Bedeutung der deutschen Recherchen erheblich verbessern. Eventuell wird das auch die Relevanz auf ein ganz anderes Niveau heben. Da muss man sich keine Illusionen machen, wenn die Geschichte nur auf Deutsch erscheint, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kollegen in den englischsprachigen Ländern aufgreifen, bei Weitem noch nicht so hoch, als wenn die Geschichte auch auf Englisch vorliegt.

Das Thema Whistleblower ist mit den berühmten Gallionsfiguren Edward Snowden, Julian Assange und Bradley Manning immer mehr in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Wie bewerten Sie das Thema Whistleblowing an sich, und wie schätzen Sie die Relevanz dessen für die zukünftigen Entwicklungen ein?

Im Fall Snowden ist es unumstritten, dass er einfach der Auslöser für so viele Geschichten, Recherchen oder Enthüllungen war. Ohne diese Unterlagen hätte es das alles natürlich nicht gegeben, das ist klar. Er hat sich, das hat der Enthüllungs-Journalist Greenwald auf der Global Conference in Rio auch sehr detailliert beschrieben, sehr genaue Gedanken gemacht, wie er vorgehen will. Natürlich konnte er nicht ahnen, wie es dann im Einzelfall ablaufen wird. Aber Snowden hat das sehr genau geplant und war sich der möglichen Konsequenzen bewusst. Er hat sich sehr schnell, nachdem die erste Veröffentlichung da war, als der Informant zu erkennen gegeben. Ob er genau da landen wollte, wo er jetzt genau gelandet ist, also in Russland, das weiß ich nicht, aber er war sich der möglichen Konsequenzen seines Handelns sicherlich bewusst. Das ist bestimmt nicht immer so. Man muss manchmal die Informanten, wie ich es vorher schon einmal gesagt habe, vor ihrem eigenen Übermut schützen.

Als Journalist muss man da natürlich immer schauen, ob die Informationen plausibel sind, ob es eine zweite Quelle dazu gibt. Also die üblichen Gedanken und Vorgehensweisen, die es bisher auch schon gab, sollten weiterhin gelten. Ich finde, man sollte das Motiv des Whistleblowers nicht aus dem Auge verlieren. Nicht jeder Informant ist ein Whistleblower, der etwas aufdeckt, weil er es für einen schlimmen Missstand hält. Wenn persönliche Motive eine große Rolle spielen, dann läuft man als Journalist Gefahr, instrumentalisiert zu werden. Da muss man als Journalist schon genau hingucken. Generell würde ich aber sagen, dass das Thema Whistleblower, klar an Bedeutung gewonnen hat. Aber damit eben auch der Schutz der Whistleblower bzw. der Informantenschutz. Es ist überfällig, dass bessere gesetzliche Regelungen zum Whistleblower-Schutz festgelegt werden.

Ich komme noch einmal auf das Stichwort „Watchdog“ zurück. Die Medien werden als „Wachhunde der Demokratie“, als „Vierte Gewalt im Staat“ und auf ähnliche Weise bezeichnet. Inwiefern kann man wirklich davon sprechen?

Ich wüsste nicht, wer es sonst machen sollte. Da ist schon was dran, glaube ich. Die Medien gibt es halt nicht. Wenn sich jetzt beispielsweise Boulevard-Medien hinstellen, sich beklagen, die Pressefreiheit in Gefahr ist, wenn es darum geht, dass sie nicht mehr über das Privatleben von irgendwelchen Prominenten berichten dürfen, das finde ich ziemlich vermessen, da von irgendwelchen Einschränkungen der Pressefreiheit zu sprechen. Ich finde, man muss da schon unterscheiden, mit welchem Medium man es da zu tun hat – oder mit welchem Berichterstatter usw. Nicht alles ist da gut, nur weil es sich irgendwie Journalismus nennt.

Was da manchmal in dieser Regenbogenpresse passiert, das ist ja jenseits von Gut und Böse. Ich war mir dessen gar nicht so sehr bewusst. Wann liest man schon mal die ganzen Zeitschriften? Da gibt es ja jetzt dieses Blog: topfvollgold.de. Zwei Studenten, die in ihrer Abschlussarbeit die Regenbogenpresse mal genauer angeschaut haben. Medien, die mitunter übrigens zu großen Verlagen gehören. verdienen ihr Geld mit Lügengeschichten. Da wird die Leserschaft übel hinters Licht geführt wird. Zum Beispiel gibt es da ohne Zweifel Kopplungsgeschäfte zwischen Anzeigen und redaktionellen Inhalten. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.

Wie der Name ihres Vereins schon verrät und Sie auch schon erklärt haben, beinhaltet Ihre Tätigkeit das journalistische Handwerkzeug der Recherche. Viele Leute setzen sich im Zuge ihrer persönlichen Meinungsbildung als politisch interessierter oder aktiver Mensch, kritisch mit bestimmten Themen auseinander. Was empfehlen Sie ihnen, wenn sie selbst recherchieren möchten?

Da gibt es interessante Anlaufpunkte im Netz: Das Bildblog habe ich schon erwähnt, toll ist auch der „Mediendoktor“, eine Seite, die medizinjournalistische Beiträge beurteilt. Diesen kritischen Medienjournalismus im Netz sollte man sich genauer anschauen.

Wer selbst recherchieren und veröffentlichten will, braucht dafür schon journalistisches Handwerkszeug. Bestimmte Fertigkeiten kann man sich auch selbst beibringen. ,Unsere Publikationen, zum Beispiel über Informationsfreiheit oder Auskunftsrechte, geben da schon viele Anregungen.

Vielen Dank für das Interview Herr Bartsch!