An kaum einem besseren Beispiel lässt sich die allgemeine Seelenlage eines Landes besser ablesen als an einem zufälligen, katalytischen Ereignis und dessen Folgen. Solch ein Ereignis fand in der vergangenen Woche bei der Insel Ägina nahe Athen statt.

Ein Unfall mit zahlreichen Folgen

Am Dienstag, den 16. August um 13 Uhr, direkt nach dem die griechische Sommersaison abschließenden Marienfeiertag gab es zwischen dem touristischen Hafen Perdika und der 1,8 km vor Ägina liegenden kleinen Insel Moni den Zusammenstoß zweier Wasserfahrzeuge. In der Meerenge war ein Schnellboot regelrecht über einen Touristenboot gerast und hatte dies auseinandergerissen. Angaben zufolge war das Schnellboot mit 21 Seemeilen pro Stunde unterwegs. In der Meerenge herrscht gewöhnlich reger Verkehr von Touristenbooten, welche Ausflügler in langsamer Fahrt von Ägina auf das kleine Eiland Moni bringen.

Vier Menschen, alles Insassen des Touristenboots starben, fast ein Dutzend wurde verletzt aus dem Meer geborgen. Die vier Todesopfer, darunter der Kapitän des Touristenboots sowie ein Vater mit seinem vierjährigen Kind ertranken. Durch den Zusammenstoß selbst wurde niemand getötet, auch nicht diejenigen der Verletzten, die Gliedmaßen verloren. Die Obduktion ergab, dass alle zu retten gewesen wären. Dennoch raste das Schnellboot nach dem Zusammenstoß einfach weiter und warf nicht einmal Rettungsringe für die im Wasser um ihr Leben ringenden Bootsinsassen aus. Wenig später meldete sich ein siebenundsiebzigjähriger Mann telefonisch bei der Polizei. Der an zahlreichen Krankheiten leidende Thrasyvoulos Lykourezos gab an, er wäre der Lenker des Schnellboots und bat die Beamten, sie mögen doch kurz vorbei kommen, um ihn festzunehmen. Am Schnellboot des Mannes wurden Schäden eines Zusammenstoßes festgestellt. Es gab mehrere kleine, jedoch nicht lebensgefährliche Leckagen.

Der Beginn einer Verschwörungstheorie

Damit beginnt die jüngste, surreal anmutende Verschwörungstheorie Griechenlands. Thrasyvoulos Lykourezos ist Vetter ersten Grades von einem der berühmtesten griechischen Strafverteidiger, dem zweiundachtzigjährigen Alexandros Lykourezos. Ihr gemeinsamer Großvater, Konstantinos Lykourezos war mehrfacher Minister Griechenlands. Alexandros Lykourezos saß lange Jahre für die Nea Dimokratia im Parlament. Beim Gerichtsverfahren über einen Skandal des Landraubs öffentlichen Grunds durch Privatleute war Alexandros Lykourezos 2012 mit einer Bewährungsstrafe der Angeklagte, der aus einer Gruppe prominenter Griechen die geringste Strafe erhielt. Kurzum, der besagte Thrasyvoulos Lykourezos verfügt als Spross einer Politikerdynastie über beste Verbindungen.

Thrasyvoulos Lykourezos sagte in einer ersten Aussage aus, er habe das Touristenboot weder gesehen noch bemerkt. Nur einen Tag nach seiner vorläufigen Festnahme verlor Thrasyvoulos Lykourezos jedoch seinen Anwalt. Alexandros Lykourezos legte das Mandat mit Verweis auf die Verwandtschaftsbeziehung nieder. Zwischenzeitlich war bekannt geworden, dass der mutmaßliche Schnellbootsführer schwer Herzkrank ist, und unter Schlafapnoe, schweren Durchblutungsstörungen und Nierenversagen leidet. Über Nacht muss er für den Schlaf an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden.

Die schweren gesundheitlichen Einschränkungen, die Thrasyvoulos zur Abwendung der U-Haft vorbrachte, bestehen seit vier Jahren, dennoch wurde durch die Behörden nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Gesundheitscheck die Bootsführerlizenz des Unglücksfahrers 2014 für drei Jahre verlängert. Ab dem fünfundsechzigsten Lebensjahr sind für alle Führerscheininhaber in Griechenland gesundheitliche Überprüfungen ihrer Fahrtüchtigkeit vorgeschrieben.

Die Affäre um den mit Fahrerflucht und unterlassener Hilfeleistung verbundenen Unfall nahm endgültig skandalöse Züge an, als Marineminister Thodoris Dritsas öffentlich in seiner Funktion als Minister erklärte, dass er Thrasyvoulos Lykourezos als fähigen, umsichtigen, erfahrenen und besonnenen Bootsführer schätze. Der zur verbliebenen Parteilinken gehörende SYRIZA-Politiker nahm damit eindeutig Stellung für den Unglücksfahrer.

Nun ist Ägina das Eiland, auf dem SYRIZA-Politiker eine kleine Kolonie gebildet haben. Um die graue Eminenz der Regierung, Staatsminister Alekos Flabouraris, dessen Ferienhaus hier ist, sammeln sich regelmäßig Genossen für einen kleinen Ausflug. Böse Gerüchte wurden über rechtsradikale Medien gestreut, dass nicht der greise Lykourezos, sondern einer der SYRIZA-Politiker das Boot gesteuert habe. Schließlich gibt es über die übrigen Insassen des Schnellboots nur die Angaben des zunächst flüchtigen Lykourezos.

Auf den Zug dieser unbelegbaren Anschuldigungen sprangen ausgerechnet zwei prominente Journalisten, der Intendant des Radiosenders SKAI, Aris Portosalte und der Kommentator der Sonntagszeitung To Vima Babis Papapanagiotou auf. Sie verpackten die Gerüchte geschickt in Fragen und posteten sie über Twitter. Es wurde die Annahme in den Raum gestellt, dass Thrasyvoulos Lykourezos für einen prominenten SYRIZA Politiker die Verantwortung übernehmen würde.

Die Regierung reagierte prompt mit einem an alle beim Regierungsverteiler akkreditierten Journalisten ausgesandten „Non Paper“. Namentlich wurden Portosalte und Papapanagiotou als elende Diffamierer bezeichnet, welche die Unendlichkeit der Bodenlosigkeit beweisen würden.

Die so Beschimpften ließen das nicht auf sich sitzen und gingen ihrerseits erneut in die Offensive, indem sie der Regierung faschistoide Züge anlasteten. Nach Ansicht von Portosalte ist sogar die Demokratie in Gefahr, „wenn journalistische Fragen“ zu einer „unkontrollierten Panik der Regierung“ führen würden. Schließlich hatten sich die Parteichefs der oppositionellen PASOK und von To Potami, Fofi Gennimata und Stavros Theodorakis mit ähnlich formulierten Suggestivfragen an die Gerüchteküche angeschlossen.

Nach den Non Paper Aktionen der Regierung schloss sich auch die größte Oppositionspartei, die Nea Dimokratia dem öffentlichen Streit an. Sie wirft der Regierung ebenfalls autokratische Züge vor. Unter den Journalisten der in Griechenland traditionell parteilichen Präferenzen zugeordneten Presse ist ebenfalls ein öffentlich mit gegenseitigen beleidigenden Kommentaren ausgetragener Disput ausgebrochen.

Die milde Behandlung des mutmaßlichen Missetäters

Thrasyvoulos Lykourezos selbst steht nun unter Hausarrest. Eine U-Haft wurde ihm wegen seiner gesundheitlichen Einschränkungen nicht zugemutet. In seiner jüngsten Aussage widerspricht er in allen Punkten den ersten Erklärungen. Er habe das Tourismusboot zu seiner Linken bemerkt, gibt er nun an. Daher habe er Vorfahrt gehabt und somit sei der verstorbene Kapitän des Tourismusboots an allem schuld. Um den anderen Bootsführer nicht zu verunsichern, habe er weder das Tempo verringert, noch den Kurs geändert. Er habe damit gerechnet, dass das Touristenboot anhält oder dreht.

Nach dem Crash habe er Panik bekommen und daher das Weite gesucht. Rettungsringe oder Westen hätte er nicht auswerfen können, weil das in zwei Teile gerissene Touristenboot von ihm aus gesehen in Gegenwind gelegen habe. Warum er nicht, wie in solchen Fällen vorgeschrieben, sein noch seetüchtiges Wassergefährt zum Schutz der Ertrinkenden zwischen den Wind und die Schiffsbrüchigen brachte, erklärte er ebenso wenig wie die Tatsache, dass er für seine Bootsinsassen Freunde zu deren Rettung per Mobiltelefon anrief, aber keinerlei Anstalten machte die Seerettung für die Schiffsbrüchigen zu alarmieren.

Angehörige der Toten und Verletzten kündigten derweil an, dass sie zu Selbstjustiz greifen würden, wenn es keine empfindliche Bestrafung sämtlicher Verantwortlicher gäbe.