Die Zinsentwicklung steht wieder einmal im Fokus der Finanzmärkte. Ist doch das Brexit-Votum mehr als dazu angetan, um der Federal Reserve eine Ausrede ersten Grades ins Nest fallen zu lassen, weshalb der Leitzins in den Vereinigten Staaten nicht weiter steigen kann.

Nach dem Brexit-Votum sind die Markterwartungen auf ein Minimum gesunken, dass es im laufenden Jahr überhaupt noch zu einer Zinserhöhung in den USA kommen wird. Einige unverbesserliche Beobachter gehen weiterhin von einer Anhebung aus – doch nicht vor dem Monat Dezember.

Nun, bis Dezember wird noch eine ganze Menge Wasser den Hudson River hinunterfließen, und wer weiß, welche Entwicklungen uns im 2. Halbjahr noch so beschert werden? Manche Marktteilnehmer weisen indes jedoch auch auf die Möglichkeit hin, dass wir schon vor dem Monat Dezember über Zinssenkungen oder gar Minuszinsen in den USA diskutieren könnten. 

Fed Funds Futures: Keine Zinsanhebung in diesem Jahr

Ach Gottchen, warum überrascht mich das nicht? Weil einen Realisten schlichtweg kaum etwas umhauen kann, werte Leser. Ich hatte Ihnen eben jene wahrscheinlich in der Mache befindlichen Diskussionen bereits im Rahmen der Frankfurter Börsengespräche mit Helmut Reinhardt im November letzten Jahres angekündigt.   

Blicken wir an die Finanzmärkte. Dort indizieren die Fed Funds Futures mittlerweile allzu stark, dass die Fed ihren Leitzins im laufenden Jahr nicht anheben wird. Einer Anhebung im Monat Dezember wird unter Bezugnahme auf FedWatch gerade mal eine Wahrscheinlichkeit von 15% eingeräumt. 

Hat Fed-Chefin Janet Yellen vielleicht Angst davor, sich im aktuellen Umfeld zur zukünftigen Zinsentwicklung in den USA zu äußern? Oder weshalb sonst sagte Yellen eine Teilnahme an dem in der letzten Woche abgehaltenen Zentralbanktreffen der EZB im portugiesischen Sintra ab?

Bank of England: Gleicher Tenor

Gleiches galt im Übrigen auch für Mark Carney, Chef der Bank of England. Sonderbar, nicht? Viele Investoren blicken noch immer in Richtung der Zentralbanken, weil sie sich von dort Führung in schwierigen Zeiten erhoffen. Doch es erweckt immer mehr den Anschein, als ob Notenbanker selbst nicht wüssten, wie es weitergeht und mit ihrem Latein am Ende sind.

Analysten in den USA fürchten nach dem Brexit-Votum ob des geringen Einflusses der britischen Wirtschaft auf deren US-Pendant viel weniger Nachteile und Schäden für Amerika als für die globale Wirtschaft als solches. Das schleppende Wachstum in Europa dürfte im Angesicht der aktuellen Ereignisse anhalten, wenn nicht sogar zurückgehen.

Noch ist nicht ausgemacht, ob Großbritannien das Abrutschen in eine Rezession erspart bleiben wird. Und hier kommt einmal mehr der USD als Zünglein an der Waage ins Spiel. Denn sollten Investoren im USD einen der „sicheren Häfen“ in unsicheren Zeiten suchen, dürfte dies negativ auf den Exportaktivitäten der US-Unternehmen lasten.

Nach Brexit-Entscheidung: Auftrieb für Donald Trump?

Ins Spiel werden mit Blick auf die Zinsentwicklung auch die im November anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA kommen. Nicht von ungefähr blickt die Fed mit Bange auf die Entwicklung des Unternehmervertrauens im eigenen Land. Denn nicht nur Donald Trump, sondern selbst Hillary Clinton hatten zuletzt Anti-Business-Töne von sich gegeben. 

Unterstützer des Establishments warnen davor, dass die Brexit-Entscheidung Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf Flügel verleihen könnte. Die politische Unsicherheit werde sich auf diese Weise nur noch stärker forcieren, was Gift für die Finanzmärkte sei. Goldman Sachs nutzt die Gunst der Stunde.

Dort stellte man offen die Frage, weshalb die Fed ihren Leitzins in einem derartigen Umfeld in der Heimat und in Übersee weiter anheben sollte? Auch an dieser Front also nichts Neues, werte Leser.

Die Analysten der Royal Bank of Scotland stimmen ihre Kunden bereits auf ein ganz anderes Szenario ein: der nächste Schritt der Fed, so die RBS-Analysten, werde sich in einer Senkung des US-Leitzinses wiederspiegeln.