An den Flughäfen herrscht Personalmangel, vor allem beim Bodenpersonal. Es gibt nicht mehr genug Leute, die für etwa 16 Euro brutto den Knochenjob des Gepäckabfertigers machen wollen. Auch beim noch schlechter bezahlten Sicherheitspersonal fehlen Leute. An den Flughäfen herrscht deshalb im Sommerreiseverkehr das reinste Chaos. Tausende Flüge werden gestrichen.

In der Pflege in den Krankenhäusern, mit ebenfalls schlecht bezahlten, harten Jobs, herrscht auch akuter Personalnotstand. Sogar Lockdowns und Ausgangssperren wurden verfügt, um die unterbesetzten Krankenhäuser vor Überlastung mit Covid-Patienten zu schützen.

Das gleiche Bild in Hotels und Gaststätten, einer weiteren notorischen Niedriglohnbranche.

Fragwürdige Erklärung

Als Erklärung liest man in den Medien regelmäßig, die Beschäftigten der während der Pandemie darniederliegenden oder geschlossenen Branchen, hätten sich andere Jobs gesucht und kämen deshalb jetzt nicht zurück. Für die Pflege passt diese Erklärung nicht. Dort ist klar und unbestritten, dass es die schlechte Bezahlung für harte Arbeit, zu wenig Zeit für die Patienten und zu viele Überstunden sind, die die Menschen abschrecken oder diese Jobs aufgeben lassen.

Trotzdem geht es bei der Verbesserung der Bezahlung und der Arbeitsbedingungen nur im Schneckentempo voran. Auch eine Ausbildungsoffensive gab es zu keiner Zeit, trotz der unermesslich teuren Maßnahmen, die angeblich nötig waren, um die zu wenigen Pflegekräfte vor Überlastung zu schützen. Stattdessen wurden mit der wissenschaftlich nicht zu begründenden Impfpflicht im Gesundheitswesen zusätzlich viele Pflegekräfte aus der Branche vertrieben.

Bei Flughäfen, Hotels und Gaststätten leuchtet die Erklärung durch Abwanderung immerhin vordergründig ein. Bei genauerem Hinsehen fragt man sich aber, in welche Branchen diese Abertausend gering qualifizierten Servicekräfte aus den größten Niedriglohnsektoren abgewandert sein sollen. Mir fallen keine passenden Branchen ein, die in der Pandemie dermaßen expandiert wären, dass sie diese massenhaft aufgenommen haben könnten. [Nachtrag: Ich habe die „Branchen“ gefunden, dazu demnächst mehr]

Marktmacht verhindert Marktlösung

Marktwirtschaftler würden sagen, der Markt kann das lösen. Wenn man zu den bisherigen Löhnen, zu denen man in einer teuren Stadt kaum leben, geschweige denn eine Familie versorgen kann, nicht genug Arbeitskräfte bekommt, dann muss man eben höhere Löhne bezahlen. Davon hört man nicht viel.

In der Luftverkehrsbranche ist man stattdessen auf den altbewährten Gastarbeitergedanken verfallen. Sie hat eine wohlmeinende Bundesregierung dazu überredet, die zeitweise Anwerbung von tausenden ausländischen Hilfskräften zu ermöglichen. Die grüne Klientel des Wirtschaftsministers gehört schließlich zu den Vielfliegern und muss vor chaotischen Zuständen auf Flughäfen geschützt werden. Vor allem die Türkei hat man im Auge. Die beteiligten Minister äußerten wortreich, dass man Sozialdumping und Ausbeutung vermeiden werde.

Aber davon, dass die Arbeitgeber erst einmal mit höheren Löhnen ihren guten Willen zeigen sollten, das Problem langfristig zu lösen, war nicht die Rede. Wahrscheinlicher wird es nicht, dass die Löhne kräftig steigen, wenn die Personalnot stattdessen mit ausländischen Hilfskräften gelindert wird.

Auch in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist es bereits seit langem geübte Praxis, den im billigen Ausland ausgebildeten Personalpool anderer Länder durch Anwerbungen zu plündern, damit man dem heimischen Personal keine höheren Löhne und Gehälter bieten muss.

Aber warum führten die Marktkräfte nicht dazu, dass die Löhne soweit steigen, bis der Arbeitsmarkt wieder einigermaßen ausgeglichen ist?

Die Antwort heißt Marktmacht. Marktmacht in Form von regionalen Quasi-Monopolen von Arbeitgebern. Weil die Arbeitnehmer gerade für schlecht bezahlte Jobs nur begrenzt pendeln oder umziehen können und wollen, suchen sie nur Jobs in der Nähe. Deren Anzahl ist eng begrenzt, sodass sie wenige Alternativen haben, auch wenn andernorts mehr bezahlt wird. Auch am Wissen um die besser bezahlten Jobs hapert es.

Das bedeutet: ein Arbeitgeber kann damit rechnen, dass seine Beschäftigten zum aktuellen Lohn bei ihm bleiben. Wenn er nun eigentlich mehr Leute bräuchte, diese aber nur zu deutlich höheren Löhnen bekäme, macht er folgendes Kalkül auf: Ich kann höhere Löhne bieten. Die muss ich aber dann auch meinen schon vorhandenen Beschäftigten bezahlen, sonst gibt es großen Stress im Betrieb. Wenn mir das zu teuer ist, dann muss ich eben irgendwie schauen, wie ich mit den vorhandenen Beschäftigten durchkomme – oder ich überrede die Regierung, mir zu erlauben, ausländische Aushilfskräfte anzuheuern.

Die Lösung

Diese Art des Marktversagens lässt sich durch einen höheren Mindestlohn lösen. Denn wenn die Arbeitgeber ohnehin genötigt werden, ihren bestehenden Beschäftigten mehr zu bezahlen, fällt ein Hindernis für die Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte weg oder wird weniger bedeutsam.

Dafür, dass er mit Kollegen gezeigt hat, dass das nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis so funktioniert, hat der US-Ökonom David Card 2021 den Nobel-Gedächtnispreis für Ökonomie der Schwedischen Zentralbank bekommen. In den meisten Ökonomie-Lehrbüchern fehlt dieser Wirkungsmechanismus jedoch bisher. Der Sachverständigenrat (Wirtschaftsweise) hat ihn in seiner Kampagne gegen die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns in Deutschland verleugnet.

Die Tatsache, dass in fast allen Niedriglohnbranchen händeringend Arbeitskräfte gesucht werden, ist ein starkes Indiz, dass der Mindestlohn von 9,82 Euro, der seit Jahresanfang gilt, deutlich zu niedrig ist. Die Ampel-Regierung hat zwar eine Erhöhung auf 12 Euro vereinbart. Bis es soweit ist, wird jedoch die Inflation einen Großteil der Erhöhung aufgefressen haben. Die Regierung sollte den Mindestlohn für Unternehmen ab einer gewissen Mindestgröße gleich auf 14 oder 15 Euro anheben.

Zwar verdienen Gepäckabfertiger in der Regel etwas mehr als 15 Euro. Aber Studien haben gezeigt, dass die Arbeitgeber Löhne, die wenig über einem erhöhten Mindestlohn liegen, anheben müssen, um ihre Beschäftigten zu halten. Das dürfte in besonderem Maße für Beschäftigte mit Knochenjobs wie Gepäckabfertiger gelten. Denn von diesen würden wahrscheinlich viele gern auf einen nicht ganz so anstrengenden Job zum Mindestlohn wechseln, wenn der Lohnunterschied gering wäre.

Mehr Inflation, weniger Ungleichheit

Die höheren Löhne würden zum Teil zu Lasten der Gewinne gehen, zum Teil würden sie in Form höherer Preise auf die Kunden überwälzt. Die Inflation würde also steigen. Fliegen und Essengehen würde teurer. Aber die Grünen und ihre Wähler, die im Durchschnitt gut verdienen und zu den Vielfliegern zählen, wollen ja eh, dass weniger geflogen wird.

Und auch das Essengehen ist vor allem eine Beschäftigung der Mittel- und Oberschicht, während die Geringverdiener, die sie bedienen, von höheren Löhnen profitieren würden. Die große Einkommensungleichheit in Deutschland würde also abgebaut. Nicht von ungefähr ist das Essengehen in den nordischen Ländern mit geringer Einkommensungleichheit deutlich teurer als in Deutschland. Und wenn eine Zentralbank die zusätzliche Inflation mit höheren Zinsen bekämpft, geht das vor allem zulasten der Vermögensbesitzer, denn es drückt die Aktien-, Anleihen- und Immobilienpreise.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog von Norbert Häring. Vielen Dank für die Erlaubnis ihn übernehmen zu dürfen!