Nun wissen wir schließlich alle, was in Venezuela gerade passiert: Hyperinflation, leere Supermärkte und Geschäfte und ein Regime im Verleugnungsmodus. Die Tempoaufnahme mit Blick auf die venezolanische Hyperinflation hinterlässt einen verängstigend bekannten Eindruck. Kontaktpartner in Venezuela berichten mir, dass schon eine bloße Veröffentlichung der Schwarzmarkt-Wechselkursquote des Bolivars versus des US-Dollars zu einer Verhaftung mit anschließendem Gefängnisaufenthalt führen kann.

Und ja, Venezuelas Regime befindet sich nun komplett im Orwellschen „1984-Modus“: Was auch immer der Wahrheit entspricht, wird als gesetzlos erklärt.

Venezuela Wirtschaft implodiert nicht aufgrund der Hyperinflation, sondern aufgrund von vorherigen politischen Leitlinien, die zu einem Ausbruch dieser Hyperinflation geführt haben.

Dabei handelt es sich um politische Leitlinien, mit denen perverse staatliche Anreize einher gehen. Gleichzeitig wird die Produktions- und Dienstleistungsindustrie abgestraft und stark benachteiligt, um diese Sektoren von staatlichen Subventionen in Abhängigkeit zu halten.

Einer meiner Kontaktpartner hat einen äußerst wunden Punkt angesprochen, der auf diese Weise in den anhaltenden Diskussionen noch immer fast gänzlich unter den Tisch fällt. Und dieser Aspekt sonnt sich in der Tatsache, dass Venezuela fast vollkommen deindustrialisiert worden ist.

Kaum Investitionen in lebenswichtige Infrastruktur

Kapital, das eigentlich in die Strom- und Energienetzwerke sowie die heimische Ölindustrie hätte investiert werden sollen, ist zugunsten von anderen Projekten ausgegeben worden (und in die tiefen Taschen von Regime-Insidern geflossen).

In Supermärkten und Geschäften gibt es kaum Lebensmittel, weil durch die Regierung fest gesetzte Preise keine Anreize zum Anbau und der Produktion von Lebensmitteln mehr liefern.

Stattdessen beliefern heimische Bauern ihre Nachbarländer – falls sie dazu in der Lage sind – mit ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Denn dort wird ihnen für ihre Anbauerzeugnisse ein marktgerechneter Preis bezahlt. Im Fall der Deindustrialisierung handelt es sich im Ergebnis also um weitaus mehr als nur um eine perverse politische Leitlinien.

Wie kommt es zu einer Deindustrialisierung?

Deindustrialisierung findet nämlich dann statt, wenn den Bürgern eines Landes der Zugang zu Produktionsgütern aller Art sowie Kapital verweigert wird, die benötigt werden, um Güter in Massen herzustellen.

Gleichzeitig führen die staatlichen Subventionsleistungen dazu, dass Risiken durch Hersteller kaum mehr eingegangen werden, die jedoch Voraussetzung sowie Gang und Gäbe im Güter- und Produktionsprozess sind.

Deindustrialisierung ist ebenso ein Resultat der Wechselkursentwicklung und der nationalen Handelsstrategie.

Wenn es für ein Land billiger wird, Güter, Waren und Dienstleistungen aus anderen Nationen zu importieren, kommt der heimischen Bevölkerung nicht nur der nötige Wille, sondern auch die Fähigkeit abhanden, eigene Güter und Dienstleistungen herzustellen. 

Gradueller Verlust von Schlüsselindustrien

Es geschehen sonderbare Dinge, wenn eine Nation ihre Fähigkeit einbüßt, reale Güter in der realen Welt herzustellen.

Wenn die Währung und die handelsstrategischen Leitlinien, welche dazu führten, dass eine Nation alles finanztechnisch Wichtige zu importieren begann, offenkundig fehlschlagen, bleibt niemand mehr übrig, der überlebenswichtige Güter herstellt, Lebensmittel anbaut oder kritische Infrastruktur aufrechterhält.

Deindustrialisierung entspricht einem graduellen Prozess. Der Verlust von Schlüsselindustrien geht graduell vonstatten.

Der Verlust von Liefer- und Versorgungsketten, von lokalen Lieferanten und Jobsuchenden, von kenntnisreichen Arbeitskräften, von lokal kursierendem Kapital sowie des Willens dort hinauszugehen und Risiken einzugehen, um reale Güter in einer realen Welt herzustellen, erweist sich ebenso als graduell.

Weltweit ähnliche Entwicklungen

Nachfolgend präsentiere ich Ihnen einen Chart zur industriellen Produktion im Vereinigten Königreich. Eine Vielzahl von Nationen blickt auf dieselbe Entwicklung.

Unter Annahme einer zu starken Währung und restriktiven Politleitlinien macht es nicht mehr länger Sinn, Güter wie Lebensmittel, Transportausrüstung, etc. herzustellen.

Der Prozess der Finanzialisierung und ausgabefreudige Regierungen, die sich  [Hunderte] Milliarden an den Staatsanleihemärkten leihen, erzeugen die Illusion, dass eine Nation, die einst zu den Produzentenländern zählte, zu einer Nehmernation ohne eingebauten Abschwung avancieren könne.

Wenn eine Nation nicht mehr länger überlebenswichtige Güter und Dienstleistungen herstellt, um sich stattdessen von Finanzmarktspielchen oder Rohstoffexporten abhängig zu machen, um dann auch noch anderswo in der Welt produzierte Güter und Lebensmittel zu importieren, wird diese Nation immer anfälliger für einen Kollaps an den Finanz- und Rohstoffmärkten, die es dieser Nation doch nur allzu leicht machen sollten, mit der eigenen Deindustrialisierung voranzuschreiten und fortzufahren.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Ihr

Charles Hugh Smith


Gastbeitrag für CK*Wirtschaftsfacts / © 2016 Charles Hugh Smith

Charles Hugh Smith ist Betreiber der Webseite Oftwominds.com, die von CNBC unter den besten alternativen Finanzwebseiten der Vereinigten Staaten von Amerika momentan auf Platz 7 geführt wird.