Wunschdenken ist keine Lösung. Die Arbeitswelt hat sich verändert und das Tempo, in dem sich diese Veränderungen vollziehen, wächst unaufhaltsam. Trotz der Hoffnungen jener, die den Zeiger der Uhr in die Epoche von einst hoch bezahlten Industriearbeitsplätzen, die nur eine relativ geringe Qualifikation voraussetzten, sowie einer großen Anzahl von „sicheren“ Bürodienstleistungsarbeitsplätzen zurückdrehen wollen, kennt die menschliche Historie keine Rückwendung in die Vergangenheit.

Mit freundlicher Genehmigung von The Daily Reckoning / Agora Publishing

Schafft die Automatisierung mehr Arbeitsplätze als sie vernichtet?

Die Arbeitswelt entwickelt sich niemals zurück in Richtung jener „guten alten Tage“ der Jahre 1955, 1965, 1985 oder 1995. Jason Burack, der die Seite Wall Street for Main St. betreibt, und ich haben diese Trends in einem jüngst publizierten Podcast mit dem Titel „Radikale Veränderungen an den Arbeitsmärkten, Jetzt und in der Zukunft (47:37 Minuten) diskutiert. Diejenigen, die auf eine Rückkehr in die Vergangenheit hoffen, richten ihre Gedanken an Wunschfantasien aus. Denn:

1. Wunschdenken ist, dass die Automatisierung mehr Arbeitsplätze schaffen als sie vernichten wird, da sich eben jene Dinge auch zu Zeiten der ersten und zweiten Industrialisierungswelle vollzogen haben. Wunschdenker hoffen, dass die digitale und dritte Industrialisierungswelle sich ebenso verhalten wird wie ihre zwei Vorgänger, was jedoch nicht geschehen wird: denn vorherige technologische Revolutionen erzeugten mehrere zehn Millionen von neuen Jobs im Niedriglohnsektor, welche die Niedriglohnarbeitsplätze subsituierten, die zuvor im Angesicht der Technologieentwicklung zerstört wurden.

Millionen von Farmarbeitern zogen im Zuge der ersten Industrialisierungswelle vom Land in Richtung der urbanen Zentren, um sich dort in neu entstehenden Manufakturen und Fabriken zu verdingen. Und darauf folgten im Zuge der zweiten Industrialisierungswelle mehrere zehn Millionen von Fabrikarbeitern, die sich fortan in Verkaufs-, Vertriebs- und Verwaltungsjobs ein Auskommen verschafften.

Auch viele Dienstleistungsjobs werden überflüssig werden

Selbst Schlips- und Bürojobs, deren Aufnahme angeblich einen Universitätsabschluss voraussetzten, konnten innerhalb von nur wenigen Stunden, Tagen oder maximal wenigen Wochen erlernt werden. Zudem erforderte es kaum Anstrengungen, um sich in seinem Job auf dem Laufenden zu halten. Die digitale und dritte Industrialisierungswelle erzeugt keine Arbeitsplätze in einem Umfang von mehreren zehn Millionen Stellen im Niedriglohnsektor.

Dazu wird es auch niemals kommen. Was sich für das Camp der Wunschdenker als noch fataler erweisen wird, ist die Tatsache, dass die dritte Industrialisierungswelle nicht nur Technologiearbeitsplätze, sondern auch Dienstleistungsjobs in einem hohen Ausmaß redundant macht. Diejenigen, die erwarten, dass Niedriglohnjobs im Dienstleistungssektor durch Armeen von Programmierern ersetzt werden, blicken einer herben Enttäuschung entgegen, weil das Programmieren selbst bereits automatisiert worden ist.

Die neu entstehenden Jobs sind nicht nur spärlich gesät, sondern erfordern auch einen hohen Grad der Bildung. Auch die traditionelle Arbeitswelt nach Art eines traditionellen Chef-Angestellten-Verhältnisses löst sich auf. Das reale Wachstum findet auf dem Gebiet der peer-to-peer Zusammenarbeit statt, einem Sektor, den ich als hybride Arbeitswelt bezeichne, in der sich arbeitsplatzunabhängige und sehr mobile Kreative tummeln. Es handelt sich dabei um Arbeitnehmer mit hoch entwickelten technischen, kreativen und sozialen Fähigkeiten, denen es Spaß macht, sich bei der Arbeit mit hohem Tempo verändernder Technologien zu bedienen, denen lebenslanges Lernen Freude bereitet und die sich als sehr anpassungsfähig erweisen.

Unterm Strich stets weniger und weniger sichere Arbeitsplätze

Die Lebensdauer der Arbeitsplätze, die im Zuge der digitalen beziehungsweise dritten Industrialisierungswelle geschaffen werden, ist ungewiss. Zudem sind diese Arbeitsplätze nicht sonderlich „sicher“. Die einzige Sicherheit, die sich in einer äußerst schnell verändernden Umwelt generieren lässt, ist die Sicherheit, die auf weitläufigen und breitgefächerten Fähigkeiten, einem hohen Grad der Anpassungsfähigkeit, einem unersättlichen Appetit auf das Erlernen neuer Fähigkeiten sowie auf einem sorgfältig entwickelten Baukasten an Soft Skills, zu denen Kommunikationsfähigkeit, Zusammenarbeit, Selbstorganisation, etc, unter Arbeitssuchenden gehören. Ich setze mich mit all diesen Dingen detailliert in meinem Buch Get a Job, Build a Real Career and Defy a Bewildering Economy auseinander.

Problem ist, dass die zu Verfügung stehende Anzahl dieser Jobs sehr viel geringer ist als die Anzahl der Arbeitsplätze, die durch den Einsatz von Softwaresystemen, Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Roboterisierung wegfallen oder wegfallen werden. Auch die Anzahl der Arbeitnehmer, die dazu in der Lage ist, sich auf produktive Weise in einer solch weit mehr herausfordernden und unsichereren Arbeitswelt zurechtfinden und sich daran anzupassen, ist weitaus geringer als die Anzahl der Arbeitsplätze, die durch den Einsatz von Softwaresystemen und Roboterisierung wegfällt. Um es auf den Punkt zu bringen, benötigen wir ein neues System, Wunschdenken ist keine Lösung.

Fairer Welthandel vs. US-Hegemonialanspruch

2. Als Mär wird sich ebenfalls erweisen, dass sich die Vereinigten Staaten das unilaterale Recht herausnehmen können, die eigenen Güter und Dienstleistungen an andere Nationen zu Vollpreisgeschäften zu exportieren, während die Einfuhr von konkurrierenden Produkten aus dem Ausland abgelehnt wird. Faktisch basiert eine solche Sichtweise aus dem Jahr 1955, in dem die Vereinigten Staaten die eigenen Güter zu Vollpreisen an die Allianzpartner, die mit dem Wiederaufbau von deren durch den Krieg zerstörten Ökonomien beschäftigt waren, exportierten. Damals hielten sich die Importe aus dem Ausland in Grenzen, weil die Ökonomien der Allianzpartner zu jener Zeit darauf fokussiert waren, die heimische Nachfrage zu befriedigen.

Der internationale Handel basiert auf Gegenseitigkeit und Kooperation. Ein fairer Handel erweist sich immer stärker als ein sich durchsetzender Faktor, abhängig davon, auf welcher Seite dieses Handels sich jemand befindet. Jedermann in der Welt versucht heute, die eigenen Überschussgüter zu den bestmöglichen Preisen zu exportieren, doch der internationale Wettbewerb reduziert die Preise und Gewinne. Global agierende Konzerne werden auf diese Weise dazu gezwungen, sich Kostenvorteile durch eine Reduzierung der Kosten für Bauteile, Komponenten und Arbeitskräfte zu verschaffen.

Unternehmensgewinne in einer globalisierten Welt - Wer profitiert wirklich?

3. Die Wunschdenker erhoffen sich eine starke Gewinnentwicklung im Unternehmenssektor, um die heimischen Aktienmärkte und Pensionsfondsperformance aufzupäppeln. Allerdings lehnen dieselben Leute Konzerne und Unternehmen ab, die tun, was notwendig ist, um für diese starke Gewinnentwicklung zu sorgen. Dazu gehört zum Beispiel die anhaltende Auslagerung von Industriearbeitsplätzen und Dienstleistungsangeboten ins überseeische Ausland. Ferner werden Arbeitsplätze – und somit Menschen – durch eine sich forcierende Automatisierung und Roboterisierung substituiert. Man kann zum selben Zeitpunkt eben nicht beiden Seiten der Medaille gerecht werden.

Wunschdenkende entscheiden sich dazu, die Realität zu ignorieren, dass nahezu die Hälfte aller Absätze und Gewinne von in den Vereinigten Staaten ansässigen Konzernen im überseeischen Ausland generiert werden. Es macht aus finanzieller Hinsicht überhaupt keinen Sinn, einem Arbeitnehmer in den USA $20 pro Arbeitsstunde zuzüglich der wahnsinnig hohen Kosten für die Gesundheitsvorsorge zu bezahlen, wenn dieselbe Arbeit in der Nähe zu den jeweiligen Absatzmärkten der im Ausland produzierten Güter und Dienstleistungen zu einem Bruchteil der Kosten in Relation zur Heimat geleistet werden kann.

Hier eine Message an alle Wunschdenkenden, die es sich im Armsessel bequem gemacht haben: wenn ein Unternehmen auf globaler Ebene konkurriert, und sich dabei kostspielige Arbeitskräfte in den Vereinigten Staaten ohne den Einsatz von Automation leistet, dann seien Sie mein Gast. Setzen Sie Ihr eigenes Geld und ihre Zeit ein und nehmen Sie dieses Risiko auf sich, um Ihrem Wunschdenken zum Erfolg zu verhelfen. Stellen Sie heimische Arbeitskräfte zu hohen Gehältern an und erweisen Sie sich als guter Arbeitgeber, indem Sie diesen Arbeitnehmern jede Art der Rundumversorgung anbieten.

Und dann gehen Sie dort raus, um hohe Gewinne an den globalen Märkten einzufahren. Die Wunschdenker im Armsessel und Elfenbeinturmakademiker würden schon bald Ihr Hab und Gut verloren haben, um pleite nach Hause zurückzukehren. Und hierin findet sich der Grund, weswegen diese Leute niemals ihre eigene Sicherheit, ihr eigenes Kapital noch ihre Zeit aufs Spiel setzen würden, um das zu tun, was sie von anderen erwarten.

Steigende Arbeitsfixkosten systemisch bedingt

4. Die Wunschdenker verurteilen den Mangel an gut bezahlten Arbeitsplätzen in der Heimat, doch sie lehnen es ab, sich über die Gründe ins Bild zu setzen, die dazu führen, weswegen es keinen Sinn mehr macht, Arbeitnehmer in der traditionellen Hierarchie nach Art eines Chef-Angestelltenverhältnisses anzustellen. Die Wunschdenker im Arm- und Ohrensessel und Elfenbeinturmakademiker haben niemals in ihrem Leben auch nur eine Person von ihrem eigenen Geld angestellt und beschäftigt. Diese protegierten Privilegierten leben in einer akademisch geprägten und praxisfernen Fantasiewelt, in der Arbeitnehmer auf Basis öffentlicher Bezüge, zusätzlichen Leistungen, usw. bezahlt werden.

Wie ich schon das ein oder andere Mal ausführte, listete Immanuel Wallerstein eine ganze Reihe von systemischen Gründen auf, weswegen die Arbeitsfixkosten weiter klettern werden, obwohl die Löhne und Gehälter größtenteils stagnieren. Dies bedeutet, dass die Arbeitgeber steigenden Arbeitskosten entgegen blicken, selbst unter der Prämisse, dass Löhne und Gehälter stagnieren: es wird somit immer teurer, Arbeitnehmer in der Heimat zu beschäftigen. Hören Sie hinein in meinen Podcast „Why I Will Never Hire Anyone, Even at $1/Hour" (vom 10. November 2015).

Kompensation durch mehr (Aus-) Bildungsmaßnahmen?

5. Als Wunschdenken erweisen sich zudem auch Überzeugungen nach Art von „wir können die Rückschläge im Hinblick auf das traditionelle Arbeitsmodell durch mehr Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen auffangen“. Doch ein höheres Ausbildungsniveau versagt nicht nur dabei, Arbeitnehmer mit einer größeren und qualifizierteren Spanne von Fähigkeiten auszustatten, sondern die Fokussierung auf ein verbessertes Ausbildungsniveau hat zudem auch zu einem Überangebot an Arbeitssuchenden mit Universitätsabschluss geführt. In der realen Welt stagnieren selbst die Einkommen der höher und hoch qualifizierten Arbeitskräfte.

Die strukturellen Veränderungen in der Arbeitswelt werden anhand der nachfolgenden Charts mehr als sichtbar.

Die zivile Partizipationsrate an der Erwerbsbevölkerung ist nach wie vor am Sinken, trotz der propagierten „Erholung“ der Wirtschaft:

Die zivile Partizipationsrate der Erwerbsbevölkerung unter Männern befindet sich in einem Multidekadenabschwung:

Teilzeitarbeitsplätze generieren nicht genügend Einkommen, um einen unabhängigen Privathaushalt oder eine Familie zu gründen, noch lassen sich daraus genügend Steuern generieren, um den ausufernden Sozialstaat zu finanzieren. Die einzige Form der Jobs, die wirklich zählt, sind Vollzeitarbeitsplätze, die aus heutigem Blickwinkel noch nicht einmal auf das einst im Jahr 2007 erreichte Niveau zurückgekehrt sind – trotz eines wachsenden BIPs und einer zunehmenden Bevölkerung.

Prozentual in Relation zum BIP sind die Löhne und Gehälter in den USA über mehrere Dekaden in Folge gesunken.

Der Drang nach Selbständigkeit bildet die Quelle für Entrepreneure und Gründer von Kleinfirmen. Sehen Sie selbst, auch diese Quelle befindet sich seit nunmehr mehreren Dekaden am Sinken:

Es ist an der Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Wunschdenken ist keine Lösung. Wir brauchen ein neues System zur Schaffung von bezahlter Arbeit und der damit verbundenen Bezahlung. Hier ist mein propagiertes Alternativsystem: A Radically Beneficial World: Automation, Technology and Creating Jobs for All.

Ihr

Charles Hugh Smith


Gastbeitrag für CK*wirtschaftsfacts / © 2015 The Daily Reckoning / Agora Publishing

Charles Hugh Smith ist amerikanischer Autor und Finanzblogger. Er ist Chefredakteur der Seite "Of Two Minds", die im Jahr 2005 in Betrieb ging. Bei CNBC wird seine Seite auf Platz 7 der führenden alternativen Finanzwebseiten im Internet gelistet.

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