Ich bin kürzlich aus Brasilien zurückgekehrt, wo ich zwei Wochen lang Gespräche geführt und mir meine eigenen Eindrücke verschafft habe. In diesem Zuge traf ich mich ebenso mit politisch-wirtschaftlichen Machthabern wie auch mit Allerweltsmenschen in São Paulo, Porto Alegre, Rio de Janeiro und Brasiliens Hauptstadt Brasilia. Ich kehrte mit neuen Erkenntnissen darüber nach Hause zurück, was in Brasilien zurzeit wirklich vor sich geht.

Höhepunkt meiner Reise war meine Zusammenkunft mit dem ehemaligen Finanzminister Luiz Bresser-Pereira in dessen Haus in São Paulo, mit dem ich über dessen Theorie namens  „Neuer Developmentialismus“ diskutierte. Diese Theorie lautet wie folgt: Wenn Emerging Markets stärker von lokalen Kapitalabflüssen als ausländischen Spekulationsgeldern abhängig sind, erweisen sich diese Wirtschaften als ökonomisch stabiler.

Ein weiteres großes Thema, das Brasilien in diesen Tagen fest im Griff hält, ist die politische Krise, der sich die Regierung des südamerikanischen Landes ausgesetzt sieht. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die linksgerichtete Staatspräsidentin Dilma Rousseff einem Amtsenthebungsverfahren entgegenblicken dürfte. In Porto Alegre nahm ich an einer gegen eine Amtsenthebung gerichteten und pro-demokratischen Demonstration teil.

Beschäftigte in Krankenhäusern und bei Müllabführ ohne Bezahlung

Ferner unterhielt ich mich mit allen möglichen Leuten über die rückläufige Wirtschaft im Lande. Staatliche Universitätsprofessoren, die einst auf monatlicher Basis bezahlt wurden, teilten mir mit, dass sie nun in neun gestückelten Schecktranchen pro Monat entlohnt werden, weil die Stadt über keine ausreichenden Finanzmittel verfügt. Es ist nicht so, dass Brasiliens Durchschnittsbürger nur in der Theorie auf eine schrumpfende Wirtschaft blicken würden, sondern sie bekommen diese Entwicklung auch tagtäglich zu spüren.

In Rio de Janeiro machte ich die Erfahrung, dass die Stadt damit zu kämpfen hat, die in Krankenhäusern und im Kanalisationsgewerbe beschäftigten Arbeitnehmer zu bezahlen. Dies entspricht nicht gerade der Abgabe einer guten Visitenkarte vor Beginn der Olympischen Spiele. Ich genehmigte mir überdies einige Drinks mit einer Künstlerin, die alleinerziehende Mutter einer neunjährigen Tochter ist.

Diese Frau erzählte mir, dass es absolut keinen Unterschied mache, wer in der Regierung säße. Denn sie seien alle korrupt, während die meisten Brasilianer Probleme damit hätten, monatlich über die Runden zu kommen. In Brasilia schaute ich mich in der im Jahr 1960 auf dem Reißbrett geplanten Stadt um. Jedes Ministerium verfügt über sein ganz eigenes identitätsstiftendes, rechteckiges und abstandgleiches Gebäude.

All of the buildings together dot a wide road feeding into the Power Trio of the National Congress, the president’s office and the Supreme Federal Court. It’s like The Fountainhead meets Stanley Kubrick, Clockwork Orange years. Nothing’s ornate, just functionally sturdy and streamlined — the way the future once felt to the past, stuck in time.

An meinem dritten Tag im klimatisch milden Brasilia verabredete ich mich mit sechs Ökonomen, die vor Ort für die Weltbank aktiv sind. Unter anderem sprachen wir über die Wahrscheinlichkeit im Hinblick auf Dilmas Amtsenthebungsverfahren. Bei mehreren Espressos und der besten Obsttorte, die ich je gegessen habe, fragte ich in die Runde, wer sich vorstellen könne, dass Dilma tatsächlich ihres Amtes enthoben wird? Und wer nicht?

Das Ergebnis lautete 3:3. Letztendlich sind sich die Brasilianer darüber bewusst, dass ihre Regierung korrupt ist. Es werden höchstens Unterscheidungen mit Blick darauf getroffen, wer schlimmer ist. Es gibt nur Wenige, die eine Antwort darauf haben, was getan werden müsste, um nach dieser eskalierenden politischen Krise, welche Straßenunruhen schürt, die heimische Wirtschaft wiederzubeleben.

Nur die Wenigsten der Leute, mit denen ich mich unterhielt – ganz zu schweigen von der Presse – schienen zu realisieren, dass etwas weitaus Größeres und im Geheimen Ablaufendes auf dem Spiel steht. Denn im Schatten des politischen Dramas brauen sich Machtkämpfe unter den pro-amerikanischen und pro-westlichen Eliten des Landes zusammen – und zwar gegen China und die ökonomische Seele Brasiliens.

Spekulationsgetriebenen Boom in Brasilien hat sich in sein Gegenteil verkehrt

In der Folge dieses Artikels zeige ich Ihnen auf, in welchem Stadium sich diese Schlacht zurzeit befindet. Ich bringe Ihnen ebenfalls näher, auf welche Weise die Quantitative-Easing-Programme der Federal Reserve dabei halfen, einen spekulationsgetriebenen Boom in Brasilien zu befeuern, der sich nun in sein Gegenteil verkehrt hat. Im Lauf der vergangenen eineinhalb Dekaden sind China und Lateinamerika weitaus stärker zusammengewachsen.

Allein der bilaterale Handel zwischen China und Brasilien kletterte von $6,5 Milliarden im Jahr 2003 auf $83,3 Milliarden im Jahr 2012. Im Jahr 2014 erwies sich China als größter Im- und Exportpartner der Brasilianer, dicht gefolgt von den Vereinigten Staaten und Argentinien. Trotz einer sich seit dem letzten Jahr abkühlenden Wirtschaft in China haben ausländische Finanzierungszusagen seitens der staatlichen Entwicklungsbank Chinas (CDB) sowie der Ex- und Importbank von China fast ein Allzeithoch von $29 Milliarden erreicht.

Dieser Betrag entspricht einer dreimal höheren Summe als in 2014. Gleichzeitig übertrifft dieser Betrag die im Jahr 2015 gemeinsam durch die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) getätigten Finanzierungszusagen. In diesem Kontext möchte ich darauf aufmerksam machen, dass multilaterale Finanzierungsplattformen Lateinamerika im Jahr 2015 rund $35 Milliarden zur Verfügung gestellt haben.

China: Milliardenschwere Investitionen in Lateinamerika

$20 Milliarden der genannten Summe steuerte allein der chinesisch-lateinamerikanische Industrieinvestitionsfonds bei. $10 Milliarden entstammten den Kassen der Chinesischen Entwicklungsbank (CDB), die in Form von Krediten zugunsten von lateinamerikanischen Infrastrukturprojekten vergeben wurden. Die restlichen $5 Milliarden an frischen Finanzierungszusagen steuerte der chinesisch-lateinamerikanische Kooperationsfonds bei.

Etwa 95% dieser durch chinesische Staatsbanken an Lateinamerika vergebenen Darlehen flossen nach Argentinien, Brasilien, Ecuador und Venezuela. US-Banken mögen Kredite an Privatunternehmen in der Region auf Basis einer billigen Kreditaufnahme vergeben, doch Chinas Darlehensvergabe ist stets langfristiger Natur. Selbstverständlich ist man in den USA ob dieser Entwicklung alarmiert.

Schließlich erwies sich Lateinamerika seit den Tagen der Monroe-Doktrin als „Hinterhof“ der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Washingtoner Regierung schmeckt der Ausblick überhaupt nicht, dass die Ressourcen des südamerikanischen Kontinents nach Asien verschifft werden. Es wäre also keine Überraschung, wenn Washington Dilma gerne aus ihrem Amt entfernt sehen würde.

Milliardenprojekt Interozeanische Eisenbahnlinie zwischen Brasilien und Peru

Dies gilt ganz besonders unter der Prämisse, dass Dilmas Regierung sich auf jedwede Art von Geschäften mit Peking eingelassen hat. Im Februar trafen sich brasilianische Senatoren mit einer chinesischen Delegation, um die zur Unterzeichnung anstehende, bilaterale Vereinbarung zum Bau einer 40 Milliarden Real ($10 Milliarden) teuren interozeanischen Eisenbahnlinie zwischen Brasilien und Peru zu diskutieren. Der chinesischen Delegation gehörte auch Lin Zhouyan, Vorsitzender der Hsin Chong Construction Group, an.

Der Bau dieser Eisenbahnlinie würde zukünftig effizientere Transportrouten für Schlüsselprodukte wie Eisen, Sojabohnen, Erdöl, Hühnerfleisch und Lithium, die an China exportiert werden, mit sich bringen. Der Bau der South Port and Railway East-West Integration (interozeanische Eisenbahnlinie) wurde am Reißbrett geplant, um durch Chinas Lateinamerikanischen Investitionsfonds sowie durch die China Railway Engineering Group finanziert und betrieben zu werden.

Vorgesehen war, diese Investition gemeinsam mit der Regierung der Provinz Bahia und der Bahia Mining Company zu stemmen. Im Fall von Bahia handelt es sich um die zweitwichtigste Provinz, die durch Brasiliens Arbeiterpartei – der Dilma vorsitzt – regiert wird. Deren Anteile an dem geplanten Projekt könnten gefährdet sein, falls Dilma aus ihrem Amt entfernt werden sollte.

Die Rolle der Fed-QE-bedingten Kapitalzuflüsse

Eine neu ins Amt kommende Regierung in Brasilia würde sich von den einst getroffenen Vereinbarungen sehr wahrscheinlich distanzieren oder diese gar für nichtig erklären. Damit würde auch der Verlust von Arbeitsplätzen einhergehen. Andererseits würde ein Scheitern dieses großen Infrastrukturprojekts dabei helfen, sich gegenüber einer argwöhnischen Regierung in Washington versöhnlicher zu zeigen.

Tatsache ist, dass einige heimische Banken und Unternehmen Dilma aus eben jenem Grund ihres Amtes entheben wollen, wie ich aus einigen persönlichen Gesprächen mit João Barroso, hochrangiger Berater der brasilianischen Zentralbank (BCB), in Erfahrung gebracht habe. Barroso und ich diskutierten im Hinblick auf die Kapitalflüsse über die Auswirkungen der Quantitative-Easing-Programme der Federal Reserve.

Unter Bezugnahme auf Barrosos Analysen wurden mehr als 54% aller Kapitalzuflüsse aus den Vereinigten Staaten in Richtung Brasilien auf direkte Weise durch die QE-Programme der Fed verursacht. Grundsätzlich trieb QE amerikanische Spekulanten geradezu nach Brasilien. Die meisten dieser Gelder flossen an die brasilianischen Bondmärkte, was sich als nachvollziehbar erweist, da die Zinsen in Brasilien weitaus höher liegen als im Rest Lateinamerikas.

"Heißes Geld" strömt in die Schwellenländermärkte

Mehr als 65% aller US-amerikanischen Portfoliokapitalflüsse in Richtung der lateinamerikanischen Staaten wurden durch die QE-Programme der Federal Reserve versucht. Doch wie Barroso anmerkte: „Selbst obwohl diese Kapitalzuflüsse sich in Relation zu einem auf $4,5 Billionen expandierten Bilanzbuch der Fed als relativ gering ausnehmen, sind diese ziemlich groß in Relation zur Größe der davon profitierenden Ökonomien.“

In anderen lateinamerikanischen Staaten floss aus den USA stammendes Kapital an die dortigen Aktienmärkte. Spekulatives Kapital – aufgenommen dank der Fed und den nahe 0% liegenden Zinsen in den USA – befindet sich auf der stetigen Jagd nach höheren Renditen. In jenen Tagen, in denen sich Brasilien als weniger politisch und ökonomisch anfällig erwies, floss dieses Kapital in Scharen ins Land.

Ebenso wie in den Vereinigten Staaten zeigte sich dieses Kapital wenig interessiert an einer Umsetzung von langfristigen Infrastrukturprojekten. Vielmehr standen kurzfristige Spekulationsgewinne im Vordergrund allen Handelns. Brasiliens Referenzzinssatz befindet sich aktuell auf einem Niveau von 14,25%, dem höchsten Stand seit dem Jahr 2006. Während die Zentralbanken anderer Emerging Markets ihre Geldpolitik auf Weisung der Fed gelockert haben, haben sowohl Brasilien als auch Russland ihre Zinsen angehoben.

Rohstoffpreise brachen ein - Korruptionsskandale traten ans Tageslicht

Diese Entscheidung wurde aufgrund von heimischen Besorgnissen getroffen, die sich aus einer hohen Inflationsrate und dem Versuch, ausländisches Kapital anzulocken, ableiteten. Während die Rohstoffpreise einbrachen, gerieten Korruptionsskandale ans Licht der Oberfläche und Machtkämpfe brachen innerhalb der Regierung aus, so dass das Kapital nervös wurde und Brasilien in der Folge verließ.

Barroso ist der Ansicht, dass sich die BCB mit Blick auf die Zinsentwicklung wieder auf einen Pfad der „Konvergenz“ begeben wird, wenn sich das politische Chaos irgendwann lichtet. Dann könnte der Referenzzinssatz wieder sinken. Für Barroso ist die Koordination der globalen Wirtschaft, gepaart mit lokaler Interessenpolitik, eine sich taktisch wiedersprechende Angelegenheit.

Selbst über die großen vier Wirtschaftsräume (USA, Europa, Japan und China) hinaus, liefen alle mit einer Spieltheorie einhergehende Probleme in der Welt zusammen. Jedermann unternehme sein Bestes, um die Interessen des eigenen Landes oder Wirtschaftsraumes zu wahren. Die Vorteile aus einer globalen Wirtschaftskoordinierung müssten damit erst einmal in Einklang gebracht werden.

Kurzfristige Spekulation vs. Langzeitpartnerschaften

Die aus QE in den Vereinigten Staaten resultierenden Effekte mit Blick auf Brasilien leiteten sich ebenso aus der geographischen Nähe wie auch einem vorherrschenden Opportunismus aus alten Tagen ab. Die USA erweisen sich weltweit als Kapitaltreiber. Doch dieses Kapital kann sich ganz plötzlich aufgrund von Währungsabwertungen zurückziehen. Dies ließ sich zuletzt beobachten bis es zur jüngsten Anti-Dilma-Erholungsrallye gekommen war. 

Die chinesisch-brasilianischen Beziehungen drehen sich auf der anderen Seite viel weniger um spekulative Kapitalzuflüsse als vielmehr um den Ausbau des bilateralen Handels zwischen beiden Staaten bei gleichzeitig ins Auge gefassten Langzeitpartnerschaften. In Brasilien sticht die eskalierende politische Krise die durch die Fed stimulierten Billigkapitalflüsse und schwachen Fundamentaldaten zurzeit aus.

Barroso fügte den derzeit zu beobachtenden Problemen in Brasilien auch einen zu hohen Grad an Fremdfinanzierung, die starke Zunahme der Privatverschuldung in guten wirtschaftlichen Zeiten und die Weigerung über das Nachdenken der Konsequenzen einer Kreditabwicklung hinzu. All dies zeichne sich in seinem Land immer deutlicher ab. Während Brasiliens Firmen sich immer stärker im Ausland verschuldeten, wurden diese durch die Regierung ebenfalls subventioniert.

Kreditbasierte Fremdfinanzierung höher als in China

Denn die Regierung beschaffte sich an den heimischen Bondmärkten Geld zu einem Zinssatz von 14,25%, um es dem eigenen Unternehmenssektor zu Zinsen von 2% zur Verfügung zu stellen. Diese kreditbasierte Fremdfinanzierung ist von einem noch weitaus größeren Umfang als in China. „Instabile Ökonomien sehen sich einer weitaus größeren Risikoaversion ausgesetzt, die durch die kleinsten Faktoren ausgelöst werden kann. Brasilien blickt auf eine ganze Reihe von Instabilitäten. Wenn sich erst einmal Stabilität einstellt, wird die heimische Währung auch wieder aufwerten.“

Barroso ließ ebenfalls durchblicken, dass es zu einer verstärkten Konvergenz zwischen Brasiliens und Amerikas Referenzzinssätzen kommen könnte. Dazu müsse sich die politische Lage in Brasilien jedoch erst einmal beruhigen. Hinzu komme, dass brasilianische Privatunternehmen und Banken Dilma aus ihrem Amt entfernt sehen möchten, so dass es in der Zukunft zu weniger Wettbewerb mit staatseigenen oder durch die Regierung favorisierten Konzernen kommen wird.

Auch die Wall Street sähe es gern, wenn Dilma aus ihrem Amt entfernt würde, denn falls Vizepräsident Temer erst einmal alles Mögliche im Land privatisiere, würden große ausländische Banken aufgrund einer potenziellen Vereinnahmung von exorbitanten Gebühren davon profitieren. Gleichzeitig würde die Region einer Infiltration durch westliche Banken verstärkt geöffnet.

Politische Chaos in Brasilien dürfte anhalten

Ich gehe davon aus, dass das politische Chaos Brasilien auf absehbare Sicht erhalten bleiben wird, egal ob aufgrund eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Dilma oder dem, was hernach im Land geschehen wird. Das Komitee des Unterhauses des Kongresses stimmte am 11. April darüber ab und sprach sich mit 38 zu 27 Stimmen zugunsten einer Amtsenthebung Dilmas aus.

Die am 17. April im Unterhaus stattfindende Abstimmung endete mit 367 zu 137 Stimmen zugunsten der Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens. Dabei kam es zu insgesamt sieben Enthaltungen und zwei ungültigen Stimmen aufgrund von Abwesenheit. Alles in allem folgten die Unterhausmitglieder also der Linie des Unterhauskomitees. Nun wird am 11. und 12. Mai im Senat – dem Oberhaus – über diese Angelegenheit abgestimmt.

(Anmerkung von Roman Baudzus: Der Senat stimmte inzwischen ebenfalls zugunsten einer Amtsenthebung von Dilma aufgrund der Verletzung von Budgetregeln ab).

Eskalation der Macht- und Handelskriege West und Ost

In Angesicht von Anti-Dilma-Momenten legten sowohl die Kurse an Brasiliens Finanzmärkten als auch der Real zu. In Pro-Dilma-Momenten sanken die Kurse wieder. Doch zu einem gewissen Zeitpunkt wird sich die Realität mit Blick auf den Zustand der Wirtschaft Bahn brechen. Es spielt keine Rolle, wer in Brasilien das Präsidentenamt inne hat. Brasiliens Märkte werden gen Süden streben.

Zu hohe Erwartungen an jede Art von Regierung, von der erhofft wird mit den Problemen fertig zu werden, werden dann sofort durch die harte Realität eingeholt werden. Diese harte Realität wird sich vor allem aus in die Insolvenz gehenden oder das Land verlassenden Firmen, Budgetkrisen, einer schrumpfenden Wirtschaft, zunehmenden Kreditherabstufungen, galoppierenden Zahlungsausfällen sowie erzürnten Bürgern zusammensetzen.

Hinter den Kulissen werden die Macht- und Handelskriege zwischen den kurzfristig orientierten Banken und Unternehmen des Westens und den langfristig orientierten Banken und Unternehmen des Ostens eskalieren. Die sich entfaltende Frage lautet wie folgt: „Wettet“ Brasilien auf China, nun, da China (und dessen politische Führung, die sich mit jener Brasiliens verbunden fühlt) zu kämpfen hat?

Oder wird Brasilien die Seiten wechseln, um sich abermals in die Arme der Vereinigten Staaten zu stürzen? Und um Washington die Tore zu einer billigen Industrieproduktion zu öffnen, nachdem der Real stark im Außenwert abgewertet hat? Im Hinblick auf diese Frage, werde ich mein persönliches Augenmerk in kommenden sechs Monaten verstärkt auf Chinas Ressourcennachfrage in Relation zur Nachfrage, welche die Vereinigten Staaten in Bezug auf Produktionsgüterexporte sowie Finanzierungskapitalzuflüsse im Fall einer Inthronisierung einer neuen brasilianischen Regierung haben werden, legen.

Gastbeitrag für CK*Wirtschaftsfacts / © 2016 The Daily Reckoning & Agora Publishing

Nomi Prins ist amerikanische Autorin, Journalistin und Seniorpartnerin bei dem britischen Think Tank Demos. Nomi arbeitete in der Vergangenheit als Geschäftsführerin bei Goldman Sachs, als Senior-Geschäftsführerin bei Bear Stearns, als Senior-Strategin bei Lehman Brothers und Analystin bei der Chase Manhattan Bank. Nomi  wurde der breiten Öffentlichkeit in den USA vor allem durch ihr Buch All the Presidents’ Bankers bekannt, in dem sie über ein Jahrhundert engster Verbindungen zwischen den 19 Präsidenten von Teddy Roosevelt bis Barack Obama sowie den Schlüsselbankiers der jeweiligen Epoche transparent machte. Ihre Investigationen basierten auf original Archivdokumenten. Nomi stand ebenfalls aufgrund ihrer Whistleblower-Publikation It Takes a Pillage: Behind the Bonuses, Bailouts, and Backroom Deals from Washington to Wall Street im Rampenlicht. Ebenso gern wird sie in der Finanzpresse zu ihrer Sichtweise im Hinblick auf die Entwicklung der US-Wirtschaft befragt. Gleiches gilt für ihre Investigationen bezüglich der Ausgabeprogramme der US-Regierung und ihren Initiativen, die im Zusammenhang mit dem Bankenbailout im Jahr 2008 stehen. Nomi gilt als ausgesprochene Fürsprecherin einer Wiedereinführung des Glass–Steagall-Gesetzes sowie einer vollumfänglichen Regulierungsreform der Finanzindustrie.