Über einen Zeitraum der letzten 50 Jahre wurden in den Vereinigten Staaten von Amerika über 125 Massenerschießungen beziehungsweise Massaker registriert, doch nicht ein Täter wurde als ausgebildetes Mitglied einer internationalen und islamistischen Terrororganisation identifiziert. Eine eingehende Analyse dieser Massenerschießungen wirft einen Lichtkegel auf die politischen, kulturellen und soziopsychologischen Merkmale der amerikanischen Gesellschaft.

Die zunehmende Häufigkeit und Blutigkeit dieser Massenerschießungen erweist sich als Phänomen, das sich auf diese Weise explizit nur in den Vereinigten Staaten ausmachen lässt. Der hohe Anteil an Getöteten in Relation zu verwundeten Überlebenden reflektiert den leichten Zugang zu Hochleistungswaffen in den USA.

Gleichzeitig zeichnet sich immer deutlicher ab, auf welch ärmliche Weise die koordinierten Polizeireaktionen auf diese Vorfälle ausfallen. So genannte SWAT-Teams stellen den Schutz der Sicherheitskräfte über die Rettung von einzelnen Leben. Bis vor Kurzem erwiesen sich durch Zivilisten initiierte Massaker noch als recht seltenes Phänomen in der US-Gesellschaft. 

Wie effizient sind Polizei- und Unfallhilfereaktionen?

Um den starken Anstieg der durch Zivilisten verübten Massaker als amerikanisches Phänomen zu verstehen, werde ich die jüngere Geschichte des Landes in einzelne Zeitspannen unterteilen, die jeweils ungefähr 20 Jahre lang reichen. Daraufhin werde ich Ihnen einen Überblick über die verübte Anzahl der Massaker in jeder dieser Zeitperioden verschaffen.

Damit wird auch eine Untersuchung der Anzahl der jeweils Getöteten sowie eine genauere Betrachtung der politischen und sozialen Moralethen in jeder dieser Zeitspannen verbunden sein. Interessant wäre gewiss auch, einen Blick auf das Verhältnis zwischen Getöteten und verwundeten Überlebenden zu werfen, um die jeweiligen Effizienzen von Polizei- und Unfallhilfereaktionen zu messen.

Es lassen sich drei Zeitspannen konstruieren: die frühe Periode zwischen 1960 und 1980, die mittlere Periode zwischen 1981 und 1998 sowie die jüngste Periode zwischen 1999 und 2016. Über das gesamte halbe Jahrhundert lässt sich eine deutliche und konsistent ansteigende Anzahl der Massaker und Getöteten feststellen.

Massive Zunahme der Gewalt

Von 1960 bis 1980 kam es zu nur einem großen Massaker, das 14 Tote und 32 Verletzte zur Folge hatte. In der darauffolgenden Periode zwischen 1981 und 1998 machte die Anzahl der Massaker den deutlichen Sprung einer Vervierfachung. Auch die Anzahl der Getöteten und Ermordeten erhöhte sich um das Vierfache von 14 auf 71.

In der jüngsten Periode zwischen 1999 und 2016 verdoppelte sich die Anzahl der Massaker noch einmal. Auch die Anzahl der Getöteten und Ermordeten stieg um das Zweieinhalbfache. Die Anzahl der Massaker und deren Opfer ist insbesondere in den vergangenen Jahren massiv angestiegen.

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass wir uns in einer Transformationsphase befinden – und zwar vom Phänomen des Massakers als Seltenheit hin zu einer Transitionsphase, in der diese Form der heimischen Gewalt signifikant zunimmt. Diese Beobachtung scheint zur „neuen Norm“ im Bereich der in der Öffentlichkeit stattfindenden Massentötungen geworden zu sein.

Von welcher Seite ging besonders viel Gewalttätigkeit aus?

Große und durch Zivilisten begangene Massaker waren einst einmal selten (Das Massaker im  Texas University Tower im Jahr 1967) zwischen den beiden Dekaden 1960 und 1980 – und dies trotz der Tatsache, dass es sich um eine Zeit der Massenproteste gegen den Krieg und den Rassismus sowie kulturelle Revolten und Arbeiteraufstände handelte.

Während dieser tumulthaften Jahre ermutigte das politisch-kulturelle Klima zu massenkollektivem Aktionen, die darauf ausgerichtet waren, die strategische Leitlinie der Regierung zu ändern. Individuelle politische, soziale und lokale Missstände oder psycho-kulturelle Voreingenommenheiten wurden mittels gut strukturierten und in den Kommunen lokalisierten Organisationen aufgefangen.

Staatliche Propaganda wurde durch ein breitgefächertes System robuster Oppositionsmedien und in der Breite publizierten Stimmen der Kritik herausgefordert. In der Heimat wurden Massaker zu einem weitaus höheren Grad durch den Staat verübt, so sie denn stattfanden. Dies spiegelte sich beispielsweise in dem Massaker gegen die Führung der Black Panther oder der Erschießung von Studenten an den Jackson State und Kent State Universitäten.

Der Kult um die private Gier

Der Anstieg in Bezug auf durch Zivilisten verübte Massaker, die in der Öffentlichkeit großen Widerhall fanden, begann zwischen den Jahren 1980 und 1998, einer Zeit wachsender Dominanz der Elite über das alltägliche Leben von jedermann sowie einem damit einher gehenden Rückgang des kollektiven Stimmungsausdrucks.

Diese „mittlere“ oder „Transitionsphase“ lasst sich auf Basis der Anstrengungen des Staates und der Medien zur Zurückdrängung individueller Rechtfertigungen und Stimmungen charakterisieren.

Zeitgleich wuchs der Kult um die private Gier – die animalischen Instinkte der Märkte – sowie das Getrommel in Sachen eines militärischen Wiederauferstehens durch Reagans Invasion Grenadas und George Bushs Zerstörung von Panama und des Iraks.

Die zuvor vorherrschende politische Kultur, die sich dazu in der Lage gesehen hatte, gesellschaftliche Missstände zu absorbieren und öffentliche Einrichtungen zur Bekämpfung individueller Aggression zur Verfügung stellte, befand sich auf dem Rückzug.

Pathologie des Neids ersetzt politische Kultur des Widerstands

Die Eliten, angeführt durch Präsident Reagan, etablierten eine Kultur des ‘Lone Ranger’ (oder einsamen Wolfes), der sich gesellschaftlichen Missständen mit dem Gewehr in der Hand entgegenstellte.

Die Zusammenführung des Zweiten Verfassungszusatzes der amerikanischen Verfassung mit der Raubeinigkeit des einsamen Wolfes half dabei, den zeitgenössischen Massenkiller hervorzubringen.

Die politische Kultur des Widerstands wurde substituiert durch die Pathologie des Neids und Proteste, die sich gegen politische Ziele richteten, wurden ersetzt durch gewaltsamen Terror, der sich gegen weitschweifige, apolitische und teils in der Öffentlichkeit stehende Menschen richtete.

Kult des “Individuums über das Kollektiv”

Die Transitionsphase ging mit Etablierung von mannigfaltigen Schlüsselaspekten einher, die zur nachfolgenden Steigerung von Erschießungsmassakern beitrugen. An erster Stelle wären da die politisch-kulturellen Eliten zu nennen. Sie waren es, die den bislang gültigen sozialen Kontext und populäre Massenproteste aus eigenem Antrieb systematisch diskreditierten.

Auf diese Weise wurde die Meinungsäußerung unterdrückt, während Frust und Aggression der Kanal zum Luft ablassen versperrt wurde. Gleichzeitig wurde das Bild der individuellen Kraft und Macht über die Medien in der Öffentlichkeit transportiert.

Der Kult des “Individuums über das Kollektiv” führte geradewegs zu Ayn Randian Atlas mit seiner 9mm Halbautomatik.

Deregulierung der Wirtschaft und Massenausspähung

Zweitens erneuerte und stärkte die Transitionsphase der politischen Kultur die Rolle der staatlichen Gewalt, um gesellschaftliche Konflikte zu lösen. Der Einsatz von Gewalt zur Lösung dieser Konflikte brach sich Bahn bis auf die unterste Ebene der Gesellschaft.

Unter Führung der politischen und medialen Eliten ermutigten oder erlaubten die 1980iger und 1990iger Jahre keine effiziente massenkulturelle Alternative mehr, mit Ausnahme einer Anwendung von Gewalt.

Die Deregulierung der Wirtschaft und das politische Regime der Clintons beziehungsweise dessen sich verewigende Leitlinie der Eroberung (oder des Regimewechsels) mittels massiver Bombardierungen von Feinden in Übersee führte zur massiven Ausspionierung und Kontrolle von sowohl imperialen Satelliten als auch der heimischen Zivilgesellschaft.

Diese Entwicklung brach sich Bahn bis auf die individuelle Ebene, die sich dazu aufmachte, deren Konflikte mit der Waffe zu lösen. Die ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts wurden Zeuge eines scharfen Anstiegs der durch Zivilisten verübten Massaker in der Heimat, die eine immer höhere Anzahl von Todesopfern zur Folge hatten.

Tötungsdelikte durch die Polizeikräfte werden zum "New Normal"

Die kumulativen Effekte der Massentötungen aus früheren Dekaden fanden ihren Ausdruck in einer wachsenden Spirale dieser Gewaltmassaker. Das 21. Jahrhundert ist die Epoche einer zunehmenden Anzahl von Serientötungen in jeder geographischen Region auf diesem Erdball.

Die blutigen Konsequenzen aus gesetzlosen imperialen Kriegen der Aggression und deren betrügerische Rechtfertigung (Regimewechsel oder humanitäre Interventionen), ließen sich besonders unter dem Clinton-Regime ausmachen.

Die Militärbudgets sind seitdem auf internationaler wie auch auf nationaler Ebene durch die Decke geschossen und spiegeln sich in milliardenschweren Waffenkäufen durch Individuen, die der heimischen Zivilgesellschaft angehören.

Millionen haben diese Kriegszone mittlerweile betreten. Fast täglich eingehende Berichte über Tötungsdelikte durch die Polizeikräfte, insbesondere von Afroamerikanern und einer marginalisierten Jugend, sind zur neuen gesellschaftlichen Norm avanciert.

Dämonisierung von Einwanderern

In der Zwischenzeit werden Hunderttausende von Einwanderern dämonisiert, angegriffen, aus ihren Häusern, Heimen und Arbeitsplätzen gedrängt, in Haft genommen und mit kaum etwas anderem als deren Hemd auf der Haut in deren Heimatstaaten zurückgeschickt.

Zurück bleiben traumatisierte Familien und örtliche Gemeinden. Am wichtigsten ist die Tatsache, dass der amerikanische Imperialstaat Muslime – direkt oder indirekt – durch die Ermordung von Millionen zivilen Landsleuten brutalisiert hat.

Diese Bürger gehörten einst einmal souveränen Staaten im Nahen und Mittleren Osten, Südasien und Nordafrika an. Selbst in den Einwanderungsghettos ist die Rechtlosigkeit auf ein neues und diffuses Maß geklettert.

Die Pathologie des amerikanischen Staates, der staatliche gesponserte Massaker vorlebt, hat zu einer Massenphobie gegen Muslime in unserer Gesellschaft geführt. Wir befinden uns geradewegs auf dem Pfad zum Rande des siedenden Gesellschaftskessels.

Homegrown Terrorists

Es lässt sich davon ausgehen, dass noch mehr brutale Massaker an Zivilisten die Folge sein werden. Es muss an dieser Stelle explizit darauf hingewiesen werden, dass amerikanische Bürger – größtenteils Nicht-Muslime – die übergroße Mehrheit an den verübten Massakern in Amerika stellen.

Selbst in die Massenerschießungen, verübt durch selbst ernannte Islamisten, waren in den USA geborene Muslime oder religiöse Konvertiten involviert, die ihre Affinität und ihre Hingabe zum alles dominierenden Waffenethos in Amerika schon früh zu erkennen gegeben hatten.

Kein Einziger von ihnen wurde „in Übersee ausgebildet“ und keiner von ihnen wurde als „Soldat“ einer geographisch weit entfernten und islamistischen Bewegung identifiziert. Die meisten der Killer haben sich ihre Kenntnisse mittels gewinnorientierten Schießzentren in den USA antrainiert.

Spirituelle Hingabe zur dominanten US-Waffenkultur

Nur zwei der jüngsten sieben Massenmassaker weisen eine entfernte Verbindung zum Islam auf – und diese Attentäter stehen nicht direkt in Verbindung mit überseeischen Ländern und gut organisierten Terrorgruppen, sondern hatten sich selbst im Kontext zur individuellen US-Waffenkultur radikalisiert.

Omar Mateen, der eine Vielzahl von unbewaffneten jungen Menschen im Schwulenclub von Orlando, Florida erschoss – die meisten unter ihnen waren Hispanics – hatte augenscheinlich weitaus mehr (spirituell und operationell) mit dem norwegischen Massenkiller Anders Breivik oder mir Adam Lanzo, der 20 Schüler und 6 Lehrer im Jahr 2012 im Bundesstaat Connecticut erschoss, gemeinsam, als mit jenen Kampfgruppen in Syrien oder Afghanistan.

Der persönliche politische Hass unter Massenmördern hat hingegen nahezu alles mit deren kultureller und psychologischer Isolation, deren Neid und deren tiefer spiritueller Hingabe zur dominanten Waffenkultur in den USA zu tun.

Ereignisse werden propagandistisch ausgeschlachtet

Dominante politische und polizeiliche Institutionen nutzen diese Ereignisse naturgemäß zum Zweck der Propaganda, um deren politische Agenda voranzutreiben, anstelle die Menschen zu einem positiven Stimmungsausdruck mit Blick auf die gesellschaftlichen Missstände zu ermutigen, wodurch sich soziale Schieflagen offen benennen ließen.

Heutzutage gibt es keinen kollektiven Stimmungsausdruck mehr, dem glaubwürdige und sich einer Sache verpflichtende Aktivisten vorstehen. So war es einmal in der Dekade der 1960iger und 1970iger Jahre, in denen Massenerschießungen von Zivilisten in der Öffentlichkeit nur sehr selten vorkamen.

Dem im Jahr 1967 stattfindenden Ereignis des Massakers in Austin, Texas, verübt durch einen ehemaligen Marinescharfschützen (ein Schuss pro Getötetem) folgte eine gewissenhafte Expertenuntersuchung der Umstände und des individuellen Zusammenhangs.

Heute finden keine politisch-kollektiven oder durch die jeweiligen Gemeinden initiierten Reaktionen wie auf die damaligen Ereignisse um den Turmscharfschützen in Texas mehr statt.

Mediale Überflutung mit militärischen Lösungen und gesellschaftlichen Missständen

Während der 1980iger und 1990iger Jahre ermutigten und propagandierten die Eliten in den USA zu zahlreichen Aggressionen gegen rivalisierende Märkte und ganze Nationen. Die Finanzmedienmeute hat diese Ereignisse als Ausdruck „animalischer Instinkte“ gefeiert, als Triumph der Stärksten über die „Schwächeren“.

Der individualisierte Kapitalismus wurde mehr und mehr ins gesellschaftliche Rampenlicht gerückt. Vom Jahr 2000 bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben die Massenmedien ihre Leser- und Zuhörerschaft mit militärischen Lösungen von Konflikten und gesellschaftlichen Missständen überflutet.

Die Psychopathologie von Massenmördern spiegelt sich in nichts anderem als der Handschrift des Staates!

Gastbeitrag für CK*Wirtschaftsfacts / @ 2016 Professor James Petras/Global Research

Das Zentrum zur Analyse der Globalisierung (CRG) ist eine politisch unabhängige Analyse- und Medienorganisation mit Sitz in Montreal, Kanada. Das CRG ist eine in der kanadischen Provinz Quebec registrierte Nichtregierungsorganisation. Zusätzlich zu den durch Global Research betriebenen Webseiten, publiziert das CRG Bücher, leistet Unterstützung zugunsten von humanitären Projekten und engagiert sich in Bildungsprojekten, wozu auch die Organisation von öffentlichen Konferenzen und Vorlesungen gehört. Das CRG ist ebenfalls als Think Tank im Hinblick auf zentrale wirtschaftliche und geopolitische Fragen aktiv. Auf der Webseite von Global Research (www.globalresearch.ca) werden Nachrichtenberichte, Kommentare, Hintergrundanalysen sowie Analysen zu einer breiten Spanne von Themen publiziert, die sich auf soziale, ökonomische, (geo-)strategische und umweltrechtliche Fragen fokussieren.

Beitrag senden Beitrag drucken