Chinas Wirtschaft ist im Zuge eines kreditgetriebenen Investmentbooms, wie ihn die Welt bis dahin noch nicht gesehen hat, transformiert worden. Eine durch Kreditvergabe angekurbelte Wirtschaft, die um etwas herum errichtet wurde, was sich de facto als US-Dollarstandard bezeichnen lässt, machte diese Entwicklung überhaupt erst möglich. Es gibt keine Grenzen im Hinblick auf die Kreditbeträge, die in einem Fiatgeld-System erzeugt werden können. Der US-Dollar-Standard initiierte einen enormen globalen Boom, da US-Dollars die Welt fluteten, was auch für China galt. Doch wie wird es nun weitergehen, da dieses System zu einem Ende kommt?

Zwischen 1990 und 2014 erhöhten sich die Investitionen in China um das 50-fache. Allein zwischen den Jahren 2007 und 2014 kletterten die Investitionen in China um 236%. In den USA erhöhten sich die Investitionen in derselben Periode hingegen gerade einmal um 6%.

Aus diesem Grunde sind die Chinesen vom US-Dollar-Standard abhängig. Falls Peking sich von dieser Abhängigkeit hätte befreien können, wäre dies längst geschehen. Es ist einfach nicht möglich.

China versucht sich verzweifelt an der Aufrechterhaltung eines Handelsüberschusses mit den Vereinigten Staaten und dem Rest der Welt, um die eigene Wirtschaft zu finanzieren und Arbeitsplätze im Land zu erhalten.

Heimische Arbeitsplätze entsprechen dem Hauptnutzen, den China aus dem Dollar-Standard zieht. China blickt auf eine Explosion der eigenen Bevölkerungszahlen in den vergangenen drei oder vier Dekaden.

China forcierte die Inflationierung der globalen Blase

Grund ist der Dollar-Standard, die Globalisierung und das stetig steigende Handelsdefizit der USA mit China. Diese drei Faktoren trugen dazu bei, diese vielen Menschen in China in Brot und Arbeit zu halten, sie zu ernähren und die allgemeine Prosperität wachsen zu lassen.

Es war China, das die Inflationierung der globalen Blase nach dem Platzen der Blase in den USA im Jahr 2008 aufrechterhielt. Erreicht wurde dies auf Basis eines rapide in die Höhe schnellenden Kredit- und Investitionswachstums.

Doch dieses kreditgetriebene Wachstum kam irgendwann in 2014 oder 2015 zu einem Halt. Ergebnis ist, dass China heute ernsthaften Problemen entgegenblickt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Chinas Wirtschaft im vergangenen überhaupt Wachstum erzeugte.

Chinas Außenhandel schrumpft

Chinas Exporte kletterten für gewöhnlich um 30% pro Jahr. Nun blicken wir auf eine Schrumpfung der Exporte. Im vergangenen Jahr schrumpften beispielsweise auch Chinas Importe um 17%. Der enorme Exportanstieg zwischen 1990 und 2014 ist Geschichte.

Es gibt momentan schlichtweg nicht genügend Nachfrage in der Welt, um Chinas durch Investitionen getriebene Wirtschaft Wachstum zu erlauben. Vielmehr wandelt die globale Wirtschaft am Rande einer Rezession, wenn es nicht gar zu einer Depression kommen sollte.

In der Vergangenheit sah sich China dazu in der Lage, den größten Teil seiner eigenen Überschussproduktion an andere Länder in der Welt auszuführen. Doch nun kollabiert der Handel und die globale Nachfrage ist viel zu schwach, um Chinas überschüssige Produktion zu absorbieren.

Weltkonjunktur: US-Kreditwachstum zu schwach

In der Zwischenzeit ist auch Amerikas Kreditwachstum zu schwach, um das allgemeine Wachstum anzukurbeln. Dies gilt für die Märkte in der Heimat ebenso wie für Übersee. Meine zum Einsatz kommenden Modelle weisen nicht darauf hin, dass sich an diesen Dingen so schnell etwas ändern wird.

Das Fazit lautet, dass China nicht dazu in der Lage sein wird, seine Wirtschaft durch weiteres Exportwachstum aufrechtzuerhalten. Chinas Investmentboom hat die bestehende Nachfrage schon vor langer Zeit übertrumpft.

Und da Chinas Exporte schrumpfen, wirken sich diese Entwicklungen äußerst verlustträchtig auf das Bankensystem aus. Investitionen entsprechen einem Nettogut, was jedoch nur solange gilt, solange Güter produziert werden, die sich oberhalb von deren Herstellungskosten an den Märkten veräußern lassen.

Hohe Investitionsniveaus nicht mehr aufrecht zu erhalten

Wenn die Investitionen in Relation zur allgemeinen Nachfrage jedoch zu hoch sind, sinken die Preise, so dass Investitionen eher mit Verlusten, denn mit Profiten, einhergehen. Und dies ist exakt jener Punkt, an dem China sich nun befindet.

China realisiert gerade, dass sich derart hohe Investitionsniveaus nicht mehr aufrecht erhalten lassen. Denn diese Investitionen haben bereits zu einer viel zu hohen Überschussproduktion geführt. Der größte Anteil dieser Investitionen generiert bereits Verluste.

Und umso mehr nun noch zusätzlich investiert wird, desto stärker wird der Prozess der Vermögenszerstörung ausfallen. Weitere Investitionen in Verluste generierende Unternehmen werden lediglich in zusätzlichen Verlusten resultieren.

Niedriges Pro-Kopf-Einkommen

Doch ohne die Aufrechterhaltung von hohen Investitionsniveaus wird Chinas Wirtschaft in eine ernsthafte Rezession rutschen. Und dies ist die Falle. China investiert mehr als es konsumiert, was eine Wirtschaft mit ernsthaften Ungleichgewichten hervorgebracht hat.

Chinas Pro-Kopf-Einkommen ist nach wie vor viel zu niedrig, um die Überschussproduktion des Landes zu konsumieren. Das durchschnittliche verfügbare Einkommen liegt in China zum Beispiel bei gerade einmal $8,13 pro Tag.

In den Vereinigten Staaten zeichnet der Konsum der privaten Haushalte für 68% des BIPs verantwortlich. Die Investitionen haben nur einen Anteil von 18%. In China hat der Konsum gerade mal einen Anteil von 38% am BIP, während Investitionen 44% beitragen.

Transformation von export- zu importgetriebener Wirtschaft?

Vielleicht hatten Investitionen schon nicht mehr seit den Zeiten der ägyptischen Pharaonen, die ihre Pyramiden mittels Sklavenarbeit errichteten, einen derart hohen Anteil am BIP eines Landes – und der Konsum im Umkehrschluss einen derart geringen.

Chinas Offizielle führten aus, dass sie das heimische System von einem exportbasierten in Richtung eines konsumorientierten Modells transformieren wollen, da sich das Exportmodell als zu anfällig im Hinblick auf globale Abschwünge erweist.

Doch dieses Ziel sieht sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Es gibt in der Tat keinen einfachen Weg, um eine Wirtschaft von einem investitionsgetriebenen in Richtung eines konsumgetriebenen Modells zu transformieren. Und dafür gibt es zahlreiche Gründe.

Verfügbares Einkommen von 8,13 Dollar pro Tag und Kopf

Wenn Sie zum Beispiel Tausende von Arbeitnehmern im Stahlsektor auf die Straße setzen, werden diese Leute gewiss nicht mehr konsumieren als zuvor. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass weniger konsumiert wird.

Wenn Sie diese Leute aus dem Produktionsprozess herausnehmen, um sie in den Sektor der Dienstleistungen zu transferieren, lässt sich festhalten, dass diese Arbeitsplätze im Sektor der Dienstleistungen weitaus geringer bezahlt werden als Jobs im Produktionssektor.

Um den heimischen Konsum anzukurbeln müsste China die privaten Einkommen seiner Bürger dramatisch erhöhen. Wenn das frei verfügbare Einkommen pro Kopf jedoch nur bei $8,13 pro Tag liegt, werden diese Leute nicht dazu in der Lage sein, viel zu konsumieren.

Höhere Löhne - geringere internationale Wettbewerbsfähigkeit

Auf der anderen Seite würde ein ganz anderes Problem entstehen, falls China tatsächlich dazu in der Lage wäre, Löhne und Gehälter – und somit den heimischen Konsum – deutlich zu erhöhen.

Basierend auf aktuellen Prognosen werden Chinas Fabrikarbeitnehmer in den nächsten zehn Jahren in der Lage sein, etwa $60 pro Tag zu verdienen. Dies hört sich positiv an. Doch bald schon würden Chinas Löhne und Gehälter international nicht mehr wettbewerbsfähig sein. 

Die Arbeitsplätze im Fabrik- und Produktionswesen würden von China nach Vietnam, Indien, Indonesien und Bangladesch verlagert werden. Die Exporte würden noch stärker einbrechen und Millionen von Arbeitsplätzen gingen in China über die Wupper.

Es gibt 100 Millionen Inder, die glücklich wären, wenn sie für $5 pro Tag arbeiten könnten. Diese Verlagerungsentwicklung hat bereits begonnen, so dass wir noch einen langen Weg zurückzulegen haben, bevor wir uns mit einer Knappheit von mit $5 pro Tag bezahlten Jobs konfrontiert sehen werden. Und hierin spiegeln sich Chinas Probleme.

Verschuldungs-Modell Japan?

Die Investitionen befinden sich in China am Sinken. Gleiches läst sich mit Blick auf den Konsum sagen. Dies bedeutet, dass Chinas staatliches Haushaltsdefizit deutlich ansteigen muss, um das Land vor einer Depression zu bewahren.

Anders ausgedrückt wird China dem Modell Japans in den vergangenen 26 Jahren folgen müssen. Und dieses Modell basierte auf einer massiv wachsenden Verschuldung in Relation zum BIP sowie weitaus höheren Budgetdefiziten des Staates.

Chinas wirtschaftlicher Abschwung wird sich vielleicht nicht als derart heftig wie in Japan erweisen, doch das Risiko einer ausgewachsenen Depression lässt sich nicht ausschließen, falls Peking nicht zu drastischen Maßnahmen greifen wird.

Ewige Stagnation nach geplatzten Blasen

Und Chinas Regierung darf eine solche Möglichkeit auch nicht nur annähernd entstehen lassen. Japans Blase platzte im Jahr 1990. Und heute, 26 Jahre später, ist dessen Wirtschaft nicht größer als sie es im Jahr 1993 auf nominaler Basis gewesen ist.

Japan befindet sich nun seit 26 Jahren in einer so genannten L-förmigen Erholung. Im Zuge einer L-förmigen Erholung bricht die Wirtschaft in der ersten Phase massiv ein, worauf eine lange Periode eines stagnierenden Wachstums folgt.

26 Jahre sind ein langer Zeitraum, wenn sich ein Land mit einem nur stagnierenden oder zeitweilig gar schrumpfen Wachstum konfrontiert sieht. Doch Japan schaffte es zumindest, das Absinken in eine Depression zu verhindern, weil das Land seine Verschuldung von 60% auf 250% des BIPs in die Höhe katapultierte.

Kann China eine lang anhaltende Depression vermeiden?

Ich gehe davon aus, dass in China etwas Ähnliches geschehen wird. Hoffentlich wird China – mit ein wenig Glück und Können – in der Lage sein, das japanische Szenario zu wiederholen. Dies ließe sich nur auf Basis astronomischer Budgetdefizite und einem massiven Anstieg der staatlichen Verschuldung erreichen, um das Abrutschen in eine Depression zu verhindern.

China wird wahrscheinlich über einen sehr langen Zeitraum auf kein sonderliche hohes BIP-Wachstum blicken. Das über die vergangenen 25 Jahre betriebene Exportmodell hat sich überlebt und kommt zu einem Ende.

Der Versuch, die heimische Wirtschaft in Richtung eines konsumorientierten Modells zu transformieren wird sich alles andere als einfach erweisen. Doch falls China dem japanischen Vorbild folgen sollte, wird es hoffentlich eine Depression vermeiden können.

Eine wirtschaftliche Depression in China würde nämlich nicht nur mit einer riesigen Herausforderung für das eigene Land, sondern für die ganze Welt einhergehen.

Ihr

Richard Duncan

Vorherige Gastbeiträge von Richard Duncan in der Rubrik CK*Wirtschaftsfacts:

Yuan-Abwertung absehbar: Was wären die Folgen?

Gastbeitrag für CK*wirtschaftsfacts / © 2016 The Daily Reckoning / Agora Publishing

Richard Duncan ist Autor der internationalen Buchbestseller The Dollar Crisis: Causes, Consequences, Cures, The Corruption of Capitalism: A strategy to rebalance the global economy and restore sustainable growth sowie The New Depression. Richard begann seine Karriere als Aktienanalyst in Hongkong und diente ABN Amro Asset Management als globaler Chef für Investmentstrategien. Ferner war er Sektorspezialist im Bereich Finanzen bei der Weltbank sowie Chef der Sparte Aktienanalyse bei der Firma James Capel Securities und Salomon Brothers. Er diente dem Internationalen Währungsfonds zu Zeiten der Asienkrise als ökonomischer Berater in Thailand. Zum aktuellen Zeitpunkt ist er Chefökonom der Firma Blackhorse Asset Management in Singapur.