Die Wachstumsraten im globalen Stahlsektor befinden sich auf Rekordtiefs. Gleiches lässt sich über die Preise für Stahlendprodukte berichten. Schon vor etwa einem Jahr begann es vor allem im Gebälk von chinesischen Stahlherstellern zu knirschen, die neben einer teils astronomischen Verschuldung auch unter immensen Überkapazitäten sowie einer weltweit sinkenden Nachfrage leiden. Nachdem heute einer der führenden Stahlerzeuger Chinas bekannt gab, trotz vielerlei Hoffnungen nicht an einer Schuldenrestrukturierung im Zuge eines bereits laufenden Insolvenzverfahrens vorbeizukommen, sorgen sich Analysten, dass der Einbruch in Chinas Eisenerz- und Stahlsektor auf andere Ökonomien überspringen könnte.

Es sind nicht mehr nur Chinas immer öfter unter den allgemeinen Erwartungen liegende PMI-Daten, die Investoren an den internationalen Finanzmärkten beschäftigen und in Atem halten. Längst haben sich auch die Realdaten, die allmonatlich von Chinas Wirtschaftsfront gemeldet werden, merklich eingetrübt. Lesen Sie dazu vielleicht nochmals meinen zuvor publizierten Bericht China: Konjunkturdaten gefährden Jahreswachstumsziel. 

Dass eine Vielzahl von chinesischen Stahlherstellern im Angesicht des signifikanten Preisverfalls an den Kohle-, Eisenerz- und Stahlmärkten aus dem Wettbewerb ausscheiden würde, zeichnete sich bereits seit längerer Zeit ab. Die PboC, Chinas Zentralbank, operiert in diesem sich recht schnell verschlechternden Umfeld hinter den Kulissen, um den Ausbruch einer Kreditkrise und einer damit verbundenen Verkaufspanik am heimischen Finanzmarkt zu verhindern.

Trotz allem wurde die heimische Nachfrage nach Eisenerz, Stahl, Zement und auch Fahrzeugen besonders hart getroffen. Das letzte Mal, als China eine harte Landung seiner Wirtschaft erlebte, geht zurück auf den Höhepunkt der globalen Finanzkrise. Damals brach das ökonomische Wachstum zu Beginn des Jahres 2009 auf annualisierter Basis nur noch auf 6,6% ein. Mehrere zehn Millionen Chinesen wurden damals arbeitslos, da die Nachfrage aus den Industrieländern einbrach.

Die kommunistische Führung des Landes bediente sich damals – im Schulterschluss mit den politischen Führungen der Industrie- und vieler Schwellenländer – niemals zuvor gesehener Maßnahmen zum Zweck einer Revitalisierung der globalen Wirtschaft. Direktes Resultat ist eine unbezifferbare Anzahl von Fehlinvestitionen wie auch eine haarsträubende Fehlallokation von Kapital in den letzten Jahren, die Chinas Wirtschaft nun arge Probleme bereiten.

Zusätzliche Konjunkturmaßnahmen, um willkürlich festgesetzte Wachstumsziele der Pekinger Regierung zu erfüllen, würden im Angesicht horrender Überkapazitäten vielleicht schon kaum mehr etwas dazu beitragen, um einen Crash der chinesischen Wirtschaft zu verhindern oder in die Zukunft aufzuschieben. China kann unter Umständen von Glück sprechen, falls es in der nächsten Dekade ein Wachstum von zwischen 3% und 5% erreicht – eventuelle Schrumpfungen in manchen Jahren nicht ausgeschlossen!!

Dass der Tag der Erkenntnis für Chinas politische und wirtschaftliche Führung nicht mehr allzu weit entfernt sein dürfte, zeigt unter anderem die sich seit Sommer letzten Jahres merklich verschlechternde Lage an den heimischen Kreditmärkten. Erste Bondausfälle unter bis dahin als „sicher“ geltenden Emittenten hatten zur Folge, an den Grundfesten des riesigen Schattenbankensektors des Landes zu rütteln.

Und so wurden Investoren durch die heutige Meldung  aufgeschreckt, laut der es zur bislang größten Unternehmensinsolvenz im laufenden Zyklus gekommen ist. Wie Bloomberg berichtet, hat es die nicht börsennotierte Haixin Iron & Steel Corporation erwischt. Schon im März dieses Jahres reichte die Stahlfirma einen Insolvenzantrag ein und legte die eigene Produktion auf Eis, nachdem das Management einen Zahlungsausfall auf eine 3 Milliarden Yuan schwere Anleihe bekannt geben musste. 

Seitdem hatten Investoren darauf gehofft, dass die Pekinger Regierung dem Stahlbauer mittels eines Bailouts zu Hilfe eilen würde. Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Analysten und Beobachter sprechen von einem Paradigmenwechsel und wiesen darauf hin, dass die aktuellen Ereignisse erst als Beginn einer größeren Insolvenzwelle in Chinas Wirtschaft zu sehen seien.

Anstelle eines Bailouts, von dem vor allem Bondhalter der in der Provinz Shaanxi ansässigen Haixin Iron & Steel Corporation profitiert hätten, wird es nun zu einer Restrukturierung der ausstehenden Schulden des Unternehmens kommen. Haircuts unter Anleiheinvestoren werden damit einher gehen. Nicht nur horrende Überkapazitäten, sondern auch Gesetzesänderungen in Bezug auf eine anvisierte Reduzierung der Luftverschmutzung und eine Abschwächung der chinesischen Wirtschaft machen Chinas Stahlunternehmen schwer zu schaffen.

Laut Analysten werde es in den nächsten Wochen und Monaten noch zu einer ganzen Reihe von Insolvenzen in Chinas Stahlsektor kommen. Stahlanalysten weisen schon seit geraumer Zeit darauf hin, dass es in Chinas Stahlindustrie zu einer weitläufigen Restrukturierung kommen müsse. Viele Eisenerz- und Stahlproduzenten realisierten langsam aber sicher, dass deren Wachstumserwartungen eher mit Prognosen aus Schlaraffenland als mit der Realität zu tun hätten.

Was Analysten noch weitaus bedenklicher stimmt, ist der Faktor, dass Chinas Abschwung im Eisenerz- und Stahlsektor auf die globale Wirtschaft überspringen könnte. In jedem Jahr der vergangenen Dekade ist es in China zur Gründung von neuen Stahlmühlen mit einer Produktionskapazität gekommen, welche die gesamte Jahresproduktion Deutschlands – dem größten Stahlhersteller in Europa – übertraf.

Der in der Geschichte der Rohstoffmärkte bislang ungesehene Produktionszuwachs in China habe zu einem Aufsaugen von fast der Hälfte des jährlich in der Welt geförderten Eisenerzes geführt, wovon insbesondere große Rohstoffexporteure wie Australien und Brasilien in ganz besonderem Maße profitiert haben. Eisenerz war auch im letzten Jahr der global am meisten gehandelte Rohstoff nach Erdöl.

Im Angesicht der aktuellen Entwicklung machen bereits Slogans von „Peak Steal“ die Runde. Wie zuvor berichtet, ist die Party an den Eisenerz- und Stahlmärkten vorbei. Und dies sehr wahrscheinlich für einen Zeitraum von mehreren Jahren. Alles an diesen Märkten steht und fällt mit der chinesischen Nachfrage. Und hier deuten die jüngsten Daten darauf hin, dass sich die Dinge eher abwärts als aufwärts entwickeln werden.

Vorwürfe müssen sich natürlich auch die Zentralbanken gefallen lassen, deren künstlich nach unten manipulierte Zinssätze neben einem enormen Einpumpen von Liquidität in die globalen Finanzmärkte nicht nur zu horrenden Fehlinvestitionen samt Fehlallokation von Kapital in der Welt geführt haben – was insbesondere für China gilt –, sondern die eine Blasenbildung in einer Vielzahl von Marktsegmenten ein weiteres Mal erst ermöglichten.

Schwer wiegt auch, dass Minenriesen wie Glencore, BHP Billiton, Rio Tinto, Vale Do Rio Doce oder Xstrata in den letzten Jahren $125 Milliarden an neuen Investitionen gestemmt hatten. In dem festen Glauben, dass Chinas Stahlproduktion nicht vor dem Jahr 2030 ihren Höhepunkt erleben würde. So wie es in China aktuell aussieht und berücksichtigend, dass nicht nur die Kohle- und Eisenerzpreise, sondern auch der Stahlpreis im gestrigen Handel ein neues 5-Jahres-Tief markierte, erweckt es mehr und mehr den Eindruck, als ob sich diese Prognose nicht erfüllen wird.

Viele Rohstoffanalysten geben sich deshalb nicht nur besorgt, dass Chinas Wachstums- und Nachfrageabschwächung auf andere Ökonomien wie Kanada, Australien oder Brasilien überspringen könnte. Vielmehr herrschte bis dato auch die Ansicht vor, dass es die großen Unternehmen der Branche schon am besten einschätzen könnten, wie lange der Zyklus noch andauern werde.

Gerade weil sich Minenfirmen in den vergangenen Jahren teils extrem hoch verschuldeten, um ihre Kapazitäten durch neue Investitionen hochgradig auszuweiten, könnten sich schon nur die geringsten Fehleinschätzungen als dramatisch für die gesamte Branche erweisen. Nicht nur Profitabilität und Gewinnentwicklung, sondern auch die Aktienkurse der Firmen würden auf diese Weise negativen Tendenzen ausgesetzt sein, die über Jahre anhalten könnten. Eine Entwicklung, von der viele Mineninvestoren schon in den vergangenen Jahren ein Lied singen konnten.