Helmut Reinhardt: Im Jahr 2009 wurde der Verein Global Change 2009 e.V. gegründet, dessen Vorstandsmitglied Du bist. Welche Ziele verfolgt Global Change?


Jörg Buschbeck: 2009 haben sich in Global Change Leute zusammengefunden, die sich schon sehr lange Gedanken insbesondere zu den Problemen des Finanzsystems machen. Es ging und geht uns aber grundlegend um die Vision einer neuen Gesellschaftsordnung, einer von ihren grundlegenden Marktstörungen befreiten Marktwirtschaft.

Marktwirtschaft klingt natürlich maximal „gähn“, langweilig bleibt es aber nur, bis uns der heute völlig gestörte Mischmasch aus Kapitalismus und Sozialismus  um die Ohren fliegt. Uns geht es auch um einen grundlegenden Paradigmenwechsel und die Machtfrage. Ein aus der Besteuerung von Marktvermachtungen und Externalitäten gewährtes Einkommensmonopol für Menschen kann die Machtfrage grundlegend in Richtung einer dienenden Wirtschaft beantworten. Auch könnten wir mit einem intelligent gesteuerten Grundeinkommen die grundlegenden Marktstörungen in so wichtigen Märkten wie z.B. dem Geldmarkt und dem Arbeitsmarkt, sowie die wuchernde Bürokratie und Korruption aushebeln.

Mittlerweile sehen ja viele Initiativen und Lösungsansätze die Verknüpfung von Grundeinkommen und anderen Reformen wie z.B. einer Geldreform. Du bist da ja auch am basteln ... 

Ich sehe 2011 deshalb unsere Mission vor allem in 2 Schwerpunkthemen:

1. Gegen die Märchenwelt der Tauschökonomie mit einem Geld-Ding als Tauschmittel anzuschreiben. An diesem fundamentalen Irrtum scheitern n.m.E. nicht nur die Mainstream-Ökonomen, sondern auch viele alternative Lösungsansätze. Arbeitsteiliges Wirtschaften ist nicht Tauschen und Geld ist kein Ding zur Tauscherleichterung.

2. „Bist Du Volkswirt, so beachte stets des Anderen Gegenbuchung.“, 
so zitiert der deutsche Jahrhundert-Ökonom Wolfgang Stützel seinen Lehrer Wilhelm Lautenbach im Vorwort zur Volkswirtschaftlichen Saldenmechanik. Ökonomische Überlegungen verharren heute in der Regel im Einnahme/Ausgabe – Überschussdenken der Individualperspektive. Hier sollten wir evolutionär auf das bilanzierende Denken der Stützelschen Saldenmechanik umschalten. Dies öffnet dann den Blick auf so triviale Zusammenhänge wie dauerhafte Exportüberschüsse = Überschuldung des Auslands oder Guthabenwachstum = Schuldenwachstum.

Helmut Reinhardt: Jörg, Du sagst Geld sei kein Ding zur Tauscherleichterung. Könntest Du den Lesern eine kurze verständliche Definition des Begriffes „Geld“ geben?

Jörg Buschbeck: Ja, in der Tat: am Geldbegriff scheiden sich die Geister. Zunächst ist es wichtig zu betrachten, warum Geld in einer arbeitsteiligen Wirtschaft überhaupt notwendig ist.

Lebten wir als Selbstversorger, könnten wir Überschüsse unserer
Subsistenzwirtschaft Zug um Zug gegen die Überschüsse der anderen Subsistenzler tauschen. Obwohl es wohl nicht notwendig wäre, könnten wir auch ein Tauschmittel vereinbaren, so wie es in den ökonomischen Märchenbüchern unter „Die Geschichte des Geldes“ beschrieben wird.

Doch kenne ich nicht einen Subsistenzler persönlich und heute haben wir eine komplett arbeitsteilige Wertschöpfung. Diese ist davon geprägt, dass wir Wertschöpfungsprozesse haben, die sich incl. der Vorstufen der Produkte über Jahrzehnte hinziehen können. Die Schaffung des Waren- und Leistungsangebots bedingt also die physische Arbeit und die Vorfinanzierung der Einkommen bis zum Verkauf an den Endverbraucher.

Um es anschaulich zu erklären: Ein Arbeiter in einer Erzgrube muss beispielsweise ein Einkommen haben, lange bevor aus dem Erz eine Maschine gebaut wird und diese wieder über die Abschreibung im Endprodukt via Handelskette beim Endverbraucher landet. Erst dann nämlich wird die Arbeitsleistung des Grubenarbeiters in einer arbeitsteiligen Wirtschaft tatsächlich erst vergütet.

Vorfinanzierung der Wertschöpfung ist die heutige Grundaufgabe des Geldsystems. Der Kredit an den vorfinanzierenden Unternehmer, dessen Guthabenseite wir Geld nennen, finanziert das Angebot vor. Geld entsteht also in seiner „gesunden Form“ gleichzeitig mit dem Leistungs- und Warenangebot aus Schuldkontrakten – wir kommen also zu folgender Gelddefinition:

Geld ist eine umlauffähige Nominalforderung aus einem Schuldkontrakt, welche ihre Umlauffähigkeit, also die Tauglichkeit als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel, durch eine besondere Besicherung erhält. Diese Besicherung besteht in der Regel aus dem Pfand des Kreditnehmers und der zusätzlichen Haftung des Bankenvermögens. In der Vergangenheit wurden aber auch mit dem aus der Mode gekommenen sogenannten Wechsel umlauffähige Schuldtitel durch Haftung mehrerer Nichtbanken generiert. Dort liegt also übrigens auch die Notlösung, falls die Banken demnächst mal ein paar Wochen zusperren sollten.

Helmut Reinhardt: Trotz allem sind es ja nicht nur vorfinanzierende Unternehmen, die Schulden haben. Fast alle Staaten der Welt stecken ebenfalls bis Unterkante Oberlippe im Schuldensumpf. Nun muß man sich fragen, wer sind denn eigentlich die Gläubiger beispielsweise der unfassbaren 14 Billionen US$-Schulden? Ist Verschuldung, - insbesondere die der Staaten - ein Zwang des Systems? Sind die mittlerweile von der Politik geplanten gesetzlichen Schuldenbremsen von daher systembedingt gar nicht durchführbar, ohne dass es zu einem sofortigen deflationären Zusammenbruch käme?

Jörg Buschbeck: Ja, nun kommen wir zur Frage, was eigentlich die Ursache der sogenannten Schuldenkrise ist. Ist es das „Schuldgeld“ selbst, die verschuldungswütigen Politiker, ist es der Zins, die böse FED oder der Mangel an Metalldeckung?

Meine Antwort wird wohl kaum jemanden richtig gefallen – es ist die zu große Blockade der vorfinanzierten Einkommen, also die kollektive Freude am Geldsparen und der fehlende Rückzahltermin für Guthaben. Guthaben und Schulden entstehen ja gleichzeitig  bei der Kreditvergabe mit dem Buchungssatz „Forderung an Sichtguthaben“. Während der Kredit aber getilgt werden muss, werden die Guthaben, also die blockierten Schuldtilgungsmittel, immer mehr ausgeweitet. Natürlich auch aus Zinsen, aber auch aus allen anderen vorfinanzierten Einkommensarten. Diese Ausweitung der Guthaben ist natürlich nur möglich, in dem der Staat sich gigantisch für seine privaten Guthabenfreunde = sein Wahlvolk verschuldet.

Würde er dies nicht mehr machen, wären wir mit den heutigen Rahmenbedingungen tatsächlich schnell im deflationären Crash. Da die Staaten global aber offensichtlich an ihre Verschuldungsgrenzen stoßen – kommt dieser Crash jetzt bald und damit die Situation für eine globale Wende. Wir sollten jetzt  die Pläne hin zu einer Wende zum Guten machen. Aber es ist natürlich emotional hart – private Guthaben als Problem für die Gemeinschaft zu begreifen. Guthaben sind heute für viele göttlich und gerade durch den fehlenden Rückzahltermin Kompensation von Urängsten um die eigene Vergänglichkeit. Ist die Zeit für solche Gotteslästerung schon reif? Und können wir den Menschen einen „schuldlosen Sachwertspargott“ als materialistische Alternativreligion verkaufen?

Helmut Reinhardt: Also wird eine Schuldenbremse niemals funktionieren können, wenn man nicht gleichzeitig den Zuwachs an blockierten Schuldtilgungsmitteln verhindert?


Jörg Buschbeck: Ja, man sollte sich dies einfach vorstellen wie ein Stromnetz. Wir haben einen Geld-Generator, dies ist die Neuverschuldung. An diesem Generator hängen zwei Geldverbraucher, die Kredittilgungen und das Geld-Sparen. Dreht der Neuverschuldungsgenerator zu hoch, dreht alles etwas zu schnell, fällt er aber zu tief – droht ein Blackout. Der Hammer ist ja, dass der große Geldverbrauch durch Kredittilgung (ca.12% vom Volkseinkommen) von den Tauschökonomen gar nicht gesehen wird. Deswegen fummeln die jetzt alle ganz unbekümmert an Generatorbremsen, ohne den schnellen Blackout auch nur zu ahnen.  

Helmut Reinhardt: Aber in was, wenn nicht Geld soll der Normalbürger denn dann sparen? Oder geht es Dir nur um die Vermögen der Geldelite, also den oberen fünf bis zehn Prozent der Einkommensskala? Selbst Warren Buffet hat sich ja mittlerweile an die Seite von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi geschlagen und möchte nicht mehr, dass Superreiche verhätschelt werden.

Jörg Buschbeck:
Geldvermögen sind wohl viel gleichmäßiger verteilt als die Sachvermögen, hier bitte auch an die Versicherungsguthaben denken. Deswegen würde eine Währungsreform auch viel mehr den Mittelstand treffen. Man könnte auch eine Art Sachwerte-Fonds schaffen, der ohne Kredithebel arbeitet. Dieses „Wertgeld“ wäre der Weg, nicht länger das Schuldgeld zur langfristigen Wertaufbewahrung zu missbrauchen. Nur haben die Banken wenig Interesse an ungehebelten Fonds, weil Sie ihre Kosten und Provisionen dann schlecht verstecken können. Hier müssen also noch Organisationsfragen geklärt werden und der Geldmarkt so organisiert, dass die Anlage in Wertgeld gegenüber dem „Schuldgeldmissbrauch“ interessant wird.

Helmut Reinhardt: Geldvermögen sind gleichmäßig verteilt? Da sagen die Statistiken doch etwas ganz anderes! 2007 besaßen ein Zehntel der Deutschen 61,1 Prozent der Geldvermögen.

Jörg Buschbeck: Ich sagte gleichmäßiger – nicht gleichmäßig. Ca. 2/3 der Vermögenswerte sind ja Sachvermögen, die jenseits des selbstgenutzten Wohneigentums als i.d.R. wesentlich höher ertragstragendes Produktivkapital wohl noch wesentlich ungleicher verteilt sind.  Dass wir eine fast feudalistische Vermögensverteilung haben, möchte ich überhaupt nicht in Abrede stellen. Nur ist dies kein alleiniges Zinsproblem oder Zinseszinsproblem wie manche Geldsystemkritiker behaupten. Die Kapitalakkumulation fördernde Marktvermachtungen gibt es in fast allen Märkten. Da müssen ganzheitliche Lösungen gesucht werden. Ich sehe die Variante, diese Marktvermachtungen für ein Grundeinkommen zu besteuern. Extrem hohe Einkommen und Vermögen können beispielsweise nur aus erfolgreicher Marktvermachtung stammen – sonst wären diese Extrem-Einkommen ja herunterkonkurriert worden.

Helmut Reinhardt: Bevor wir über das bedingungslose Grundeinkommen sprechen, lass uns noch kurz zurückkehren zur aktuellen Krise. In den Medien wird zurzeit immer von einer Schulden- oder Überschuldungskrise gesprochen. Haben wir eine solche tatsächlich oder wie würdest Du den Schlamassel bezeichnen, in dem die Staaten stecken.

Jörg Buschbeck:
Mit dem Wort „Guthabenkrise“ hätten wir eine Bezeichnung, welche die Ursache anstelle der sichtbaren Folge benennt. Dazu ist wieder wichtig, die Reihenfolge der monetären Abläufe zu verstehen. Da offensichtlich keine Unsummen Bargeld gehortet werden und die Zinsen noch über Null stehen, glaubt jeder, dass es kein Geldsparen ohne Kreditnachfrage gibt. Die Erklärung ist aber die, dass die staatliche Wirtschaftspolitik = Verschuldungspolitik eine ungesunde Kreditnachfrage künstlich schafft, um ein Abrutschen in die Massenarbeitslosigkeit und Depression zu vermeiden. Es wird durch Geldsparen der Nichtunternehmer auch nicht etwa den Unternehmern Geld zu Verfügung gestellt. Wolfgang Stützel schreibt zu recht auf Seite 81 der Volkswirtschaftlichen Saldenmechanik:

Größenmechanik:

 „Der Netto-Kreditbedarf der Unternehmer zur Aufrechterhaltung der Liquiditätskonstanz ist in jeder empirischen Wirtschaft stets genau gleich den Einnahmeüberschüssen der Nichtunternehmer.“

Das Geldsparen der Nichtunternehmer erzwingt also eigentlich die Verschuldung der Unternehmer. Nur wenn die inländischen Unternehmer sich wie heute komplett aus ihren Abschreibungen finanzieren können, muss der Staat sich für die komplette Ersparnis der Nichtunternehmer mit Verschuldungspolitik um Ersatzschuldner kümmern. Dies leistet er heute durch eigene Verschuldung und durch eine Politik, welche die gigantischen Exportüberschüsse Deutschlands = Verschuldung des Auslands gefördert hat. Dass dies alles natürlich nicht nachhaltig war, wird von Tag zu Tag klarer, die Sache wird jetzt heiß. Du kennst ja auch meinen Kaputtalismus-Quickie zu den leider historisch bewährten Lösungsansätzen:  

1. Geld-Sparen ERMÖGLICHT Verschuldung Dritter
und
2. Geld-Sparen ERZWINGT Verschuldung Dritter.

Der erste Fall ist NACH dem Krieg – der zweite Fall ist VOR dem Krieg

Helmut Reinhardt: Ja, Deinen Kaputtalismus-Quickie kenne ich ... (lacht) Aber könntest Du den Lesern noch kurz erklären, wie ein Unternehmer sich aus Abschreibungen finanziert.

Jörg Buschbeck: Abschreibungen sind ja steuerfreie Einnahmen eines Unternehmens, die als Teil der Kalkulation die Abnutzung des Sachkapitals abbilden - Bruttoinvestitionen abzgl. Abschreibung ergibt die Nettoinvestition. Zu einer Stunde Null, z. B. nach  einem Krieg müssen fast alle Investitionsgüter neu angeschafft werden. Die Unternehmer brauchen dafür den Nachfrageverzicht, also das Geldsparen der Nichtunternehmer. Es gibt sehr hohe fremdfinanzierte Nettoinvestitionen – Geldsparen ermöglich Wiederaufbau der (Produktions)Infrastruktur und Wohlstand.

Je länger so eine Zerstörung zeitlich entfernt ist, desto mehr wird die Neuinvestition der Unternehmer aus Abschreibungs-Einnahmen und Gewinnen abgedeckt. Es werden natürlich noch neue Kredite aufgenommen, aber es werden eben auch alte Kredite getilgt, so dass der Nettokreditbedarf der Unternehmer nicht mehr wächst.
2009 haben die Körperschaften in Deutschland erstmals selbst Geld gespart, statt die Ersparnisse der Nichtunternehmer mit Ausgabeüberschüssen zu kompensieren. Dieses Problem ist übrigens auch nicht mit einem Währungsschnitt lösbar. Wenn die privaten Geldsparquoten nicht sinken sollen – braucht es jetzt wohl echte Zerstörung. Krieg gegen Autos haben wir 2009 mit der Abwrackprämie schon geführt. Ich bin in  einer Mangelwirtschaft (Anm. d. Red.: Jörg Buschbeck wuchs in der DDR auf.) groß geworden und vor diesem Hintergrund kriegt man den umgekehrten Wahnsinn des Zerstörungsbedarfs kaum verarbeitet. Es muss doch auch noch einen vernünftigen Mittelweg gegen.   

... wird in Teil 2 fortgesetzt u.a. mit dem Thema BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen).

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