Die Geschichte des Zementwerks beginnt vor nahezu einem Jahrhundert. 1926 gründeten Geschäftsleute aus Chalkida. Damals stand Griechenland, das zuvor im Krieg mit der Türkei eine verheerende Niederlage erlitten hatte, vor einer riesigen Herausforderung. Im Zuge der ethnischen Säuberung, die im Friedensvertrag von Lausanne verankert wurde, musste das Land mehr als ein Drittel der vor dem Krieg im nach der Niederlage verbliebenen Restland befindlichen Bevölkerung an Flüchtlingen aufnehmen. Für die aus Kleinasien und der Schwarzmeerregion stammenden Flüchtlinge musste Wohnraum geschaffen werden. Zementfabriken und Ziegeleien waren seinerzeit die Industrien, deren Absatzmarkt nahezu unerschöpflich schien.

Heute stehen keine auf Zement wartenden LKWs vor den Toren des Zementwerks Chalkida. Der Spruch „MOLON LAVE“ wurde in die Eingangsmauer gemeißelt. „Komm und hol sie dir“, war die Antwort, mit welcher der spartanische König Leonidas an den Thermopylen auf die Aufforderung des persischen Großkönigs Xerxes zur Waffenübergabe reagierte.

Der Spruch wurde von den streikenden Arbeitern nicht zufällig gewählt. Allen ist, wie sich im Einzelgespräch herausstellt, bewusst, dass ihr Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze ebenso geringe Chancen hat, wie Leonidas Ausharren mit dreihundert Spartanern gegen tausende Krieger des persischen Heers. Sie geben dennoch nicht auf.

Der Niedergang ihrer Fabrik begann bereits 1968. Damals war das zwischenzeitlich, 1960, von griechischstämmigen Unternehmern Pamoukoglou und Kioseoglou aufgekaufte Werk nach einem gescheiterten Expansionskurs gegenüber staatlichen Banken und öffentlichen Gläubigern überschuldet. Eine Rekapitalisierung der Kredite rettete den Betrieb seinerzeit vor dem Konkurs. 1982 schrieb es jedoch erneut rote Zahlen – die nahezu ohne Unterbrechung bis zur vorläufigen Schließung 2013 jeden Jahresabschluss charakterisierten. Drei Jahre später lehnten die Gläubiger eine erneute Rekapitalisierung der Schuldenlast ab. 1988 beliefen sich wegen der zweistelligen Zinsraten die Schulden des Werks auf stolze 50 Milliarden Drachmen. Das Werk geriet aufgrund der Schulden gegenüber der öffentlichen Hand unter staatliche Kontrolle. 1991 erwirbt die italienische Calcestruzzi die Zementwerke. Nachdem die Calcestruzzi auch den Firmenverbund für Beton und Zement AGET Iraklis erwarb, blieb das Werk Chalkida mit einer Verdopplung der Schuldenlast zurück.

1996 erwarb dann der zur italienischen Compart gehörende Firmenverbund Concretum die Zementfabrik Chalkida, welche Ende 1996 in den griechischen Firmenverbund AGET Iraklis, der heute 33 Standorte in Griechenland hat, eingebunden wurden. Zum Millennium, im Jahr 2000 wurde AGET Iraklis von der britischen Blue Circle übernommen. Diese wiederum wurde von der französischen Lafarge aufgekauft.

Von 1996 bis 2001 hatte das Zementwerk Chalkida mit Dumpingpreisen versucht, Marktanteile zurückzugewinnen. Der Verkauf von Produkten unter dem Selbstkostenpreis hatte Folgen. Umsatzsteuer und Sozialbeiträge wurden nicht abgeführt. Faktisch war das Werk schon damals in der Pleite.

Jedoch gaben zahlreiche Großprojekte Anlass zur Hoffnung. Der neue Athener Großflughafen Eleftherios Venizelos befand sich im Bau. Der Bau der Athener Metro erforderte Unmengen an Beton. Für Olympia 2004 in Athen und im gesamten Land wurden zahlreiche Sportanlagen buchstäblich aus dem Boden gestampft. Schließlich boomte der Wohnungsbau, Griechenlands damalige Hauptindustrie. Statt aufs Sparbuch setzten die an die weiche, inflationäre Währung Drachme gewohnten Griechen auf die eigenen vier Wände zur Absicherung des Alters.

Mit all dem war schon vor dem offenen Ausbruch der Staatsfinanzkrise Schluss. Von 2007 bis 2012 sank das Bauvolumen im Athener Großraum Attika auf ein Drittel. Wurde in Griechenland noch 2008 ein Zementabsatz von 10,2 Millionen Tonnen pro Jahr registriert, befand sich der inländische Absatz 2012 bei 3,9 Millionen Tonnen. 2013 registrierte Lafarge nur noch einen Bedarf von 2,5 Millionen Tonnen.

Die Austeritätspolitik der griechischen Regierungen hatte das Abschöpfen von immer neuen Steuern und Abgaben mit dem Segen der Kreditgeber als Allheilmittel zum Haushaltsausgleich entdeckt, und damit für den Ruin von Griechenlands Haupterwerbsquellen, Bau, Tourismus, Dienstleistungen, verarbeitende Industrie und Agrarwirtschaft gesorgt.

AGET Iraklis wählte als Ausweg aus der Misere, die Konzentration auf den Export. Der Verbund kann jährlich knapp 18 Millionen Tonnen Zement produzieren. Den Verantwortlichen von Lafarge erschien es daher angebracht, den Standort Chalkida buchstäblich Knall auf Fall zu schließen. Mehr als sechzig Prozent der verbliebenen Produktionskapazitäten werden exportiert. AGET Iraklis Zement verkauft sich in Singapur und Argentinien besser als im Heimatland, wo kaum mehr gebaut wird. Lafarge setze 2013 die 236 Angestellten des Zementwerks Chalkidas fristlos vor die Tür. Massenentlassungen in solchem Ausmaß sind jedoch per Gesetz nicht möglich. Das Arbeitsministerium lehnte die Entlassungen ab und Lafarge klagte dagegen.

Gleichzeitig klagten die Angestellten gegen ihre Entlassungen. Sie gingen zum Schutz vor der Durchführung der Entlassung in Streik und nutzen die Paragraphen des griechischen Arbeitsrechts. Weil Lafarge die Lohnzahlungen einstellte, wurde das Werk besetzt – und ist es bis zum heutigen Tag.

Der Rechtstreit gegen die Massenentlassungen zieht sich derweil durch die Gerichtsinstanzen. Dabei erhalten die Arbeiter und Angestellten regelmäßig Recht. Dabei wurde Lafarge auch zur Weiterbeschäftigung jener verurteilt, die nach der eigentlich gültigen Maximalregel für Massenentlassungen von fünf Prozent der Belegschaft pro Monat entlassen wurden. Der Konzern hatte nach dem Scheitern der direkten Schließung auch den alternativen Weg gewählt.

Zudem scheiterte am 21. Dezember eine Normklage vor dem EU-Gerichtshof. Dieser befand, dass das griechische Arbeitsschutzrecht den europäischen Normen entspricht und es somit keine Handhabe der EU dagegen gibt.

Die Zukunft der streikenden Arbeiter steht dennoch in den Sternen. Sie machen sich kaum Illusionen, dass es schnell wieder aufwärts gehen könnte. Ihnen ist bewusst, dass die aktuelle Lage des Immobilienmarktes mit zahlreichen, zunächst als Sondersteuer bezeichneten, nunmehr dauerhaften Zusatzbelastungen keinen Spielraum für Investitionen lässt.

Aufgeben möchten sie aber auch nicht. Sie sind vernetzt mit den ebenfalls gegen ihre Entlassungen streikenden 2.500 Angestellten der Firma 3E, welche die Lizenz für die Abfüllung von Coca Cola Produkten auf dem Balkan besitzt. 3E hatte in Griechenland sieben Produktionsstätten geschlossen, weil die Unternehmenssteuer in Griechenland mittlerweile zu den höchsten der Eurozone gehört und weil die Arbeitnehmer trotz sinkender Löhne und Sozialabgaben wegen der hohen Energiesteuern nicht mehr konkurrenzfähig eingesetzt werden konnten. Die Coca Cola-Werke werden seit der Auslagerung der Produktion nach Bulgarien seit nunmehr 39 Monaten bestreikt.

Das, was außer dem ausdauernden Arbeitskampf der Chalkidäer beindruckt, ist deren soziale Grundhaltung. Trotz der mit drohender Arbeitslosigkeit, ausstehenden Löhnen und steigender Steuerbelastung verstärkten finanziellen Sorgen finden sie Mittel und Wege in ihrer Not den Flüchtlingen in den naheliegenden Camps wie in Ritsona beizustehen.