Warum es jeden Sommer brennt – am Beispiel Griechenland

Griechenland ist nicht Portugal, Spanien oder Frankreich. Trotzdem haben all diese Staaten eins gemeinsam, jedes Jahr gibt es verheerende Waldbrände. Für die weitaus meisten von ihren dürfte der Faktor Mensch, ob durch Unachtsamkeit oder willentliche Brandstiftung, Verantwortung tragen. In Griechenland sind die Geschehnisse um die alljährlichen Waldbrände jedoch wie unter einem Brennglas so extrem, dass ihr Studium zahlreiche Rückschlüsse auf das Phänomen zulässt.

Der Peak der jüngsten Serie von Busch- und Waldbränden fand in Hellas ausgerechnet zum Peak der Urlaubssaison um das Marienfest vom 15. August statt. Das Datum, in der Orthodoxie oft als Ostern im Sommer bezeichnet, ist für die Griechen ein wichtiger Stichtag sowohl in religiöser als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Am 15. August enden für die meisten Arbeitnehmer die Sommerferien, die Betriebe mit fester Urlaubsregelung bereiten sich auf eine Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Aktivitäten vor und nach den Bauernkalendern beginnt der klimatische Umschwung vom Sommer zum herbstlichen Ambiente. Für viele Minister der aktuellen Regierung des Landes steckt hinter der Brandserie ein Plan einer nicht näher genannten Organisation, die Regierung zu stürzen.

Tatsächlich litt Griechenland dieses Jahr zur fraglichen Zeit unter einer Hitzewelle. Zu deren Ende setzten starke Winde ein. Starke Winde und vorherige lang anhaltende Trockenheit sind das beste Rezept für eine schnelle Ausbreitung eines Waldbrandes. Sie werden von den Meteorologen der Wetterdienste frühzeitig angesagt. Gleichzeitig gibt es in Zeiten der Computerisierung detaillierte Karten des Landes, in denen die spezifische Brandgefahr gesamter Regionen aufgezeichnet ist. Der Staat wusste also um die Gefahr, bevor diese auftrat.

Brandstiftung und Verschwörungstheorien

Trotzdem reagierte die Regierung in den ersten Tagen des Großbrandes direkt vor der eigenen Haustür, um Kalamos und Kapandriti in Ost-Attika, mit einer Verschwörungstheorie. Sowohl Justizminister Stavros Kontonis als auch Bürgerschutzminister Nikos Toskas sprachen offen von einer konzertierten Aktion von Brandstiftern. Premierminister Alexis Tsipras blieb über einige Tage verschwunden und meldete sich lediglich über Twitter. Das Feuer in Kalamos brach am Sonntag den 13. August gegen 16 Uhr Ortszeit aus, und hatte bis in die Nacht eine Feuerfront von mehr als 15 km Ausdehnung zur Folge. Es konnte erst in den frühen Morgenstunden der Nacht zum Mittwoch unter Kontrolle gebracht werden.

Die Verschwörungstheorie wurde mittlerweile weitgehend wiederlegt, obwohl im gesamten Land innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden 91 verschiedene Großbrände ausbrachen und zahlreiche mutmaßliche Brandstifter festgenommen werden konnten. Der Umkehrschluss, dass potentielle Brandstifter ebenfalls die meteorologischen Meldungen über Brandgefahr studieren, erscheint dagegen eher plausibel.

Die verantwortlichen Lokal- und Regionalpolitiker der Insel Kefalonia, die während des Verfassens dieser Zeilen seit Tagen immer noch brennt, nannten ein viel profaneres Motiv. Verbrannte Waldgebiete auf der Insel werden von Viehzüchtern gern als Weideflächen genutzt, während Waldgebiete dafür tabu sind.

Privatisierung der Feuerwehr oder gleich ganzer Waldgebiete

Zudem herrscht auch in Griechenland die Unsitte der Schwarzbauten oder sonstiger wirtschaftlicher Nutzung gerodeter Flächen. Kapitalkräftige Investoren ziehen nach einem Brand dank ihrer Verbindungen zu Verwaltung und Politik gern Hotels oder Villen hoch. Diese werden, wenn sie schwarz gebaut werden, hinterher gegen einen Obolus von den finanziell klammen Regierungen legalisiert. In neoliberalen Kreisen wird deshalb der Vorschlag verbreitet, dass man das Bauen im Naturschutzgebiet von vornherein zulassen solle, wenn die Bauherren für einen ordentlichen Brandschutz sorgen würden. Dies sprach der prominente Journalist und bekennende Neoliberale Aris Portosalte allen Ernstes als Vorschlag in einer morgendlichen Sondersendung zu den Bränden aus. Andere, wie der frühere Minister der Nea Dimokratia und spätere Abgeordnete der PASOK Andreas Adrianopoulos, wollen die Feuerwehr privatisieren und so für besseren Brandschutz garantieren. Es gibt sogar einschlägige Kommentare, dass die Waldgebiete komplett privatisiert werden sollten.

Die Meinung, dass Regierungsfeinde hinter den Bränden stecken, vertritt heute nur noch der Vizeumweltminister Sokratis Famelos. Die übrige Regierung bemüht sich um Schadensbegrenzung. Tsipras selbst fand es angemessen, als er am Mittwoch das Katastrophengebiet um Kalamos per Hubschrauber überflog, sich über einen seiner Meinung nach relativ glimpflichen Brand zu freuen. Unter seiner Regierung seien nur 15.000.000 Quadratmeter Wald in Kalamos verbrannnt, meinte er, während unter dem früheren konservativen Premier Kostas Karamanlis in der gleichen Region 150.000.000 Quadratmeter zu Asche wurden. Tsipras wurde vom  Nationalen Observatorium Athen schnell wiederlegt. Dieses errechnete allein um Kalamos knapp 27.000.000 verbrannte Quadratmeter.

Sparen als Mitursache der Katastrophen

Auch über die Brandursachen gibt es einige Theorien, welche nicht unbedingt für die gute Regierungsarbeit sprechen. Denn viele Brände brechen schlicht deshalb aus, weil Bäume, welche Überlandleitungen des staatlichen Elektrizitätsriesen DEI-Public Power Company berühren, nicht zurückgeschnitten werden. Es fehlt dem Staat zudem an Geld, um gefährdete Waldgebiete von Kiefernzapfen und trockenen Kiefernnadeln zu reinigen. Die Bewaldung mit Kiefern ist weit verbreitet im Land. Beim Brand eines Kiefernwaldes fliegen brennende Kiefernzapfen mehrere hundert Meter weit und lösen dann auf trockenem, brennbarem Material landend eine weitere Feuerfront aus. Wenn Windstärken um sieben Beaufort vorherrschen ist das Phänomen der Kettenreaktion bei der Ausbreitung von Bränden in Kiefernwäldern nicht mehr beherrschbar. Fehlen aus Kostengründen Brandschutzzonen im Waldgebiet, dann hilft nur noch das Hoffen auf Windstille. Genau dies geschah beim Brand in Ostattika.

Die Brandbekämpfung ist in solchen Fällen nur mit Luftunterstützung erfolgreich. Es ist nicht möglich entsprechende Hubschrauber und Flugzeuge zur Brandbekämpfung mit Nachtfluggeräten zu nutzen. Die Luftunterstützung der Feuerwehr ist somit nur am Tag aktiv. Wenn die Winde in der Nacht nicht abnehmen, kann die am Boden kämpfende Feuerwehr keinerlei wirksame Maßnahmen mehr ergreifen. Der Band in Ostattika wurde gelöscht, als es in der Nacht zum Mittwoch windstill wurde und die Flieger mit der Morgenröte dort weitermachen konnten, wo sie am Abend zuvor aufhören mussten.

Es fehlt an Personal und Ausstattung

Alternativ könnten die Stunden des Tageslichts besser genutzt werden, indem mehr Flugzeuge eingreifen. Jedoch sind von 18 Canadair Löschflugzeugen krisenbedingt nur sechs einsatzfähig. Diese mussten, unterstützt von drei geleasten Hubschraubern und einem halben Dutzend eigener, einsatzbereiter älterer Hubschraubermodelle bei 91 Bränden gleichzeitig ihre am Boden tätigen Kollegen unterstützen. Der Dauereinsatz zwang immer wieder zu mehrstündigen Pausen für eine schnelle Reparatur der noch flugfähigen, aber über Gebühr strapazierten Maschinen.

Brandschutz ist eine Ausgabe, welche dem Staat vieles an Unterhaltskosten aufbürdet. Die Feuerwehr wurde daher im letzten Jahrzehnt aus Sparzwängen auch personell ausgedünnt. Wenn dann mehrere Brände gleichzeitig ausbrechen, fehlt es an allen Ecken und Enden an Personal und Ausstattung.

In Griechenland gab es sogar den surreal erscheinenden Fall, dass auswärtige Löschzüge, die in Kefalonia die Brandbekämpfung unterstützten, bei ihrem Abzug vom privaten Betreiber der Fährverbindung zum Festland mit Verweis auf bürokratische Fehler abgewiesen wurden. Den Betroffenen fehlte danach neben der Erholung und den gemessen am kargen Gehalt unerschwinglichen Kapitalbedarf für das weitere Verweilen auf der Insel auch die Gelegenheit in ihren Heimatorten weiter am Brandschutz zu arbeiten.

Die Griechen hatten zudem das Glück, dass die zahlenmäßig hoffnungslos unterbesetzten Löschzüge mit ihrem unermüdlichen Einsatz zumindest Verletzungen oder gar Todesfälle von Bürgern verhindern konnten. Denn in gesamten Gebiet von Attika waren zum fraglichen Zeitpunkt maximal 45 Krankenwagen verfügbar, während allein für die Zahl der in der Region lebenden Bevölkerung auch ohne Brand mehr als 100 notwendig sind. Diese sind als Fahrzeuge real existent in den Garagen des Rettungsdienstes. Jedoch fehlt es für mehr als zwei Drittel der verfügbaren Fahrzeuge am Geld, diese fahrbereit zu halten.

Die nächste, programmierte und vorhersehbare Katastrophe

So sicher wie das „di efchon“ in der orthodoxen Kirche die Messen beendet, ist die nächste Katastrophenmeldung aus Hellas bereits jetzt in die Kalender zu notieren. Wenn im Spätherbst die Zeit der intensiven Regenfälle kommt, dann wird es in und um die verbrannten Gebiete Überschwemmungen geben.

Allerdings kam bislang keine Regierung, auch nicht die aktuelle von Alexis Tsipras, auf die Idee, direkt nach dem Brand mit Überschwemmungsschutzmaßnahmen zu beginnen. Über deren Notwendigkeit wird – vollkommen analog zum Brandschutz -  erst wieder nachgedacht, wenn im Fernsehen die Bilder überschwemmter Siedlungen und verzweifelter Bürger gezeigt werden.

Dann reden die griechischen Politiker traditionell nicht mehr von Brandstiftung sondern von einer Gottesstrafe, als welche sie die starken Regenfälle sehen.