Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1.1265 (08.05 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1.1080 im europäischen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 124.30. In der Folge notiert EUR-JPY bei 140.05. EUR-CHF oszilliert bei 1.0522.


Zum Griechenlanddrama fassen wir uns heute kurz: Die Troika hat ein ultimatives Angebot vorgelegt. Offensichtlich ist das trotz Entgegenkommen der Troika für die Genossen Tsipras & Co. nicht gut genug.


Liebe Troika: Wie ultimativ ist ultimativ? Was bedeutet der Begriff Glaubwürdigkeit in diesem Prozess für die Troika? Wie müssen sich die Regierungen in Madrid, Dublin und Lissabon fühlen? Wer sich an Regeln/Verträge/Verabredungen hält ist der Verlierer? Was heißt das für die kommenden Wahlen in obigen Reformländern? Was heißt das für die Zukunftsfähigkeit der Eurozone? Ist Solidarität bezüglich Griechenland eine Einbahnstraße? Gibt es nicht die einfache Frage an Athen: "Take it or leave it!"


Aus Gründen der politischen Korrektheit verzichten wir an dieser Stelle auf eine weitere Kommentierung. Nein, nicht ganz: Spielt unter Umständen nicht die sachliche Würdigung die entscheidende Rolle, sondern geopolitische Erwägungen oder gar Forderungen Dritter? Was bedeutet das für die Frage der Selbstbestimmung? Intern diskutieren wir den Begriff "grotesk"!

EZB - Interessante Nuance

Erwartungsgemäß gab es keine Änderungen in der Zins- und Geldpolitik der EZB. Auf der Pressekonferenz der EZB ergaben sich jedoch aufschlussreiche und für den Euro positive Aspekte.


1. EZB-Stabprojektionen:

Mario Draghi betonte die Politik der ruhigen Hand. Derzeit stehe eine Veränderung des Anleiheankaufprogramms nicht auf der Agenda.


Es wird planmäßig durchgezogen, bis sich die Inflationsrate dem Ziel der EZB angenähert hat. Damit belegt Draghi, das die QE-Politik abhängig von Daten und somit nicht dogmatisch ist. Das ist eine aus unserer Sicht neue und beachtenswerte Nuance, die sehr wohl ein verändertes QE-Profil ermöglicht.


Bei der Konjunkturlage, die sich auch nach Ansicht der EZB bessert, will die EZB immer noch dominierende Abwärtsrisiken erkennen. Die Lage sei jedoch ausgeglichener als zuvor. Die Abwärtsrisiken sieht sie vornehmlich durch Schwäche von Ländern außerhalb der Eurozone (u.a. USA) bedingt. Die binnenwirtschaftlichen Kräfte der Eurozone blieben stark (durch Strukturveränderungen bedingtes Wachstum). Dazu trage die EZB mit ihrem aktuellen Politikmix bei.


Bezüglich der Volatilitäten an den Finanzmärkten sei die EZB nicht irritiert. Daraus ergäbe sich bezüglich der EZB-Politik kein Handlungsbedarf. Der Markt sollte sich an höhere Kursausschläge gewöhnen.


Im Zuge der Pressekonferenz der EZB konnte der Euro gegenüber den Hauptwährungen zulegen. Die erkennbare Divergenz der Konjunkturverläufe Eurozone/USA als auch die neuerdings datenabhängige QE-Politik der EZB zeichnen dafür maßgeblich verantwortlich.

IWF abenteuerlich!

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass Institutionen wie der IWF, Thesen vertreten, die massivstes Erstaunen oder gar Atemlosigkeit provozieren. Das war gestern jedoch der Fall.


Zu den Fakten: Nachdem das Thema der öffentlichen Schulden ein maßgeblicher Katalysator der Herabwürdigung der Eurozone war, kommt justament zu dem Zeitpunkt, da die Eurozone erkennbar den Pfad der Gesundung beschreitet (und während der gesamten Phase der Krise die niedrigste Neuverschuldung aufwies, siehe Tabelle) der IWF auf den Plan und definiert in einem "Working Paper: When should Public Debt Be Reduced?" (Link: www.imf.org/external/pubs/ft/sdn/2015/sdn1510.pdf ) ein neues Paradigma:

Die Kurzzusammenfassung lautet:

Sofern Länder mit hoher öffentlicher Verschuldung sich zu verträglichen Bedingungen finanzieren können, sollten sie erwägen, mit der hohen Verschuldung zu leben.


Diese These ist mutig. Der IWF bezieht sich auf die "Ist-Situation". Eine "Ist-Situation" ist jedoch nicht extrapolierbar. Die Krisen der Vergangenheit belegen diesen Umstand nur allzu eindrücklich. Ein derartiger Ansatz führt zu immer weiterem Aufbau der Gesamtverschuldung und zu einer Einschränkung diskretionärer Ausgaben.


Mehr noch findet bei dieser Betrachtung keine Differenzierung zwischen strukturellem und zyklischen Defizit statt. Strukturelle Defizite sind ultimativ lethal (siehe nachfolgende Tabelle Primärhaushalt, konjunkturell bereinigt).


Versucht man also in dem Moment, in dem das Thema der öffentlichen Haushaltslage den USA, dem UK und Japan offensichtlich auf die Füße fällt, dieses Thema durch vermeintlichen intellektuellen "Spin" seitens des IWF aus dem Fokus zu ziehen?

Der Datenpotpourri aus der Eurozone überzeugte voll und ganz. Die Markterwartungen wurden durchgehend übertroffen. Der von Markit ermittelte Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor legte per Mai laut finaler Berechnung von zuvor 53,3 auf 53,8 Punkte zu. Der Composite Index verzeichnete gegenüber dem vorläufigen Wert eine Revision von zuvor 53,4 auf 53,6 Zähler.


Interessant ist die Entwicklung des Beschäftigungsindex, der das höchste Niveau seit vier Jahren markierte. Die früheren Sorgenkinder konnten hier punkten. Frankreich markierte ein 41- und Spanien ein 94-Monatshoch. In Italien blieb der Jobaufbau trotz leicht verringerten Zuwachses kräftig.

Die Arbeitslosenrate der Eurozone sank per Berichtsmonat April von zuvor 11,2% (revidiert von 11,3%) auf 11,1%. Die Prognose lag bei 11,2%. Damit wurde das niedrigste Niveau seit 2012 erreicht.


Aus Italien erreichten uns positive Meldungen. Dort kam es im April zu einem Rückgang der Quote von zuvor 12,6% (revidiert von 13,0%) auf 12,4% (Prognose 12,8%).

Die Einzelhandelsumsätze der Eurozone legten per April im Monatsvergleich um 0,7% zu. Das entsprach der Prognose. Gleichzeitig wurde der Vormonat von -0,8% auf -0,6% revidiert. Im Jahresvergleich ergab sich ein Anstieg um 2,2% (Prognose 2,0%) nach zuvor 1,7% (revidiert von 1,6%).

Die Daten aus den USA lieferten ein durchwachsenes Bild:

Der ADP-Beschäftigungsindikator, der Auskunft über die Beschäftigungslage in der privaten Wirtschaft gibt, lieferte das erwartete Ergebnis ab. Per Mai sind demnach 201.000 neue Jobs geschaffen worden (Prognose 200.000). Der Vormonatswert wurde geringfügig von 169.000 auf 165.000 neue Jobs revidiert.


Der Blick auf den Chart verrät aber auch, dass bei dem Jobaufbau Dynamik verloren geht. Die Ergebnisse dieses Jahres liegen alle unterhalb der Vorjahreswerte.

Das US-Handelsbilanzdefizit stellte sich per April auf 40,88 Mrd. USD (Prognose 44,0 Mrd.). der Vormonatswert wurde geringfügig von -51,5 auf -50,6 Mrd. USD revidiert. Exporte legten im Monatsvergleich von 188,0 auf 189,9 Mrd. USD zu, während Importe von zuvor 238,6 auf 230,8 Mrd. USD sanken. Der Blick auf den 20-Jahreschart verdeutlicht das strukturelle US-Problem in der Handelsbilanz eindrücklich.

Der ISM-Dienstleistungsindex per Berichtsmonat Mai enttäuschte nachhaltig. Der Index sank von zuvor 57,8 auf 55,7 Punkte (Prognose 57,0). Damit markiert der Index den niedrigsten Stand seit April 2014. Die Schwäche war breit angelegt. So verlor der Beschäftigungsindex von 56,7 auf 55,3 Zähler. Der Geschäftsaktivitätsindex ging von 61,6 auf 59,5 Punkte zurück. Der Auftragsindex verlor von 59,2 auf 57,9 Zähler. Dynamikverluste der Expansion sind unverkennbar.

Aktuell ergibt sich ein Szenario, das den Euro gegenüber dem USD favorisiert. Erst ein Unterschreiten der Unterstützungszone bei 1.0800 -30 neutralisiert den positiven Bias des Euros.


Viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Bremer Landesbank

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