Dass die Aktienmärkte sich von den Aktivitäten in der Realwirtschaft abgekoppelt haben, ist hinlänglich diskutiert worden. Warum sollte das auch anders sein, wenn Notenbanken die Finanzmärkte mit aberwitzigen Liquiditätsspritzen versorgen, die jedoch im Bankensystem versickern oder teilweise zum Zocken auf Basis neuer Kredite und Margin Debt an die Märkte für hochriskante Vermögenswerte fließen? Die Volatilität ist dadurch entsprechend gestiegen, während der Hochfrequenzcomputerhandel die ohnehin schon enormen Risiken an den Märkten potenziert.

Es wurde auf Cashkurs bereits des Öfteren darauf eingegangen, dass die Ausbreitung des Hochfrequenzcomputerhandels (HFC) für kaum bezifferbare Risiken an den Finanzmärkten sorgt. Dirk Müller wurde zu diesem Thema durch eine Enquete-Kommission zu einem Vortrag in den Bundestag eingeladen. In diesem Vortrag ging er nicht nur auf die immensen Risiken des HFC-Tradings ein, sondern macht auch auf einen anderen wichtigen Aspekt aufmerksam. Dieser Aspekt beruht auf der Tatsache, dass die eigentliche Funktion einer Börse durch den Hochfrequenzcomputerhandel ausgehöhlt wird, indem immer mehr Firmen sich gegen eine Kapitalaufnahme an den Börsen entscheiden, weil sie diesem Spiel einfach nicht ausgesetzt sein wollen.

Ein weiterer Punkt, auf welche Weise diese Aktivitäten der Realwirtschaft Schaden zufügen!

Nun, trotz allem gibt es immer noch sehr viele Protagonisten – auch auf Cashkurs –, die Käufe verschiedener Vermögenswerte, darunter Aktien, unter dem Etikett Investieren laufen lassen. Ich würde es dann doch eher Zocken nennen. Stellen Sie sich nicht auch manchmal die Frage, warum ein Wert wie Siemens an manchen Tagen um 3% steigt, um am darauf folgenden Tag um 4% zu fallen, obwohl es überhaupt keine Unternehmensnachrichten oder irgendwelche anderen kursrelevanten Meldungen gibt, die die Marktkapitalisierung eines DAX-Werts in einer solchen Weise beeinträchtigen könnten.

Der Unterschied zwischen Investieren und Zocken

Leider ist auch der DAX – wie seine kleineren deutschen Börsenpendants – schon lange nicht mehr vor dem HFC-Trading gefeit, das die enorm wachsenden Schwankungsbreiten an den Märkten braucht, um teils hohe Zockerprofite pro Handelstag einzufahren. Vielleicht wird Ihnen meine grundsätzliche Abneigung gegen Aktienanlagen in diesen Zeiten unter dieser Prämisse ein wenig besser verständlich. Man muss diesem Markt ja nicht komplett fernbleiben – auch ich tue das nicht. Doch man sollte aufgrund dieser nicht bezifferbaren Risiken vorsichtig agieren, und nur einen geringen Teil seines Vermögens für diverse Zockaktivitäten vorhalten. Geld, das man im Extremfall auch verlieren kann, ohne dabei gleich existenziell unter die Räder zu kommen, wenn es an diesen Märkten irgendwann wieder hoch her gehen sollte.

Ein Aspekt, den eine große Anzahl von Akteuren und Kleinanlegern trotz der in den letzten zehn Jahren gemachten Erfahrungen immer noch unter den Tisch kehrt. Ich hatte Ihnen die Gründe, warum das so genannte „Buy and Hold“ Modell eines Andre Kostolany heute keinen Bestand mehr hat, zigfach zu erklären versucht. Zuletzt erfolgte dieser Versuch vor wenigen Tagen in meinem Bericht „Cisco Systems: Alles andere als eine heile Welt“. Ich präsentierte Ihnen darin einen Chart des inflationsbereinigten S&P 500 Index, nach dem die aktuellen Kurse trotz neuer Allzeithochs an den Börsen der westlichen Industrieländer nach Abzug der Inflation gerade einmal ihr Niveau aus dem Jahr 1997 erreicht haben. Und hieraus ergibt sich ein gewaltiger Unterschied zwischen real und nominal!

Ein immanenter Unterschied, den die meisten der gängigen Aktienbullen nicht zu kennen scheinen, oder der in deren Universum schlichtweg nicht vorkommt. Einen guten Hinweis erhalten Sie darauf auch anhand eines vor Kurzem publizierten SPIEGEL Berichts, nach dem mehr als die Hälfte aller DAX-Werte trotz eines neuen Allzeithochs im Gesamtindex teils weit unter ihren ehemaligen Rekordniveaus notieren. Die Deutsche Telekom AG ist dafür eines der besten Beispiele. Auch aus diesem Grunde lasse ich Vorsicht walten, weil anhand dieser Daten klar ersichtlich ist, dass die neuen Allzeithochs in den Indizes nur durch eine ausgewählte Anzahl von Highflyer-Aktien ermöglicht wurden. Und damit schließt sich der Kreis zum HFC-Trading.   

Als Investor werden sie an diesen Aktienmärkten keinen Erfolg haben, da ihre Anlagen langfristigen Charakter aufweisen. Und wer der Meinung ist, dass man Aktien zu jeder Zeit kaufen könne, weil es sich auf lange Sicht ja immer rentiere, der irrt einfach, und das gänzlich nachgewiesenermaßen! Die beiden brutalen Crashs in den Jahren 2000 und 2008/2009 haben eine Schar von Anlegern hervorgebracht, die mit Aktienanlagen Haus und Hof verloren haben. Viele Einzelwerte haben sich von diesem Schock bis heute nicht mehr erholt. Und nun stellen Sie sich vor , was passieren wird, wenn die nächste Blase poppt. Wenn Sie hingegen zu den Zockern gehören, können Sie mit Aktien sehr viel Geld verdienen – egal ob Sie die Klaviatur hinauf oder hinunterspielen. Dazu braucht es jedoch sehr viel Erfahrung und Gespür für die Märkte, die Sie als Kleinanleger in den meisten Fällen NICHT haben.

Darüber hinaus sind Sie gegenüber großen Investoren aufgrund von deren Informationsvorteil immer im Hintertreffen. Schauen Sie sich doch einfach mal an, wie schwer es schon für in Aktien anlegende Fondsmanager ist, den Gesamtmarkt zu schlagen. Ich bin in diesem Hinblick auch kein Anhänger der Diversifikationstheorie. Denn bricht der Gesamtmarkt ein, geschieht das im Angesicht einer immer stärkeren Korrelation zwischen einzelnen Vermögenswerten nicht selten mit all ihren Werten, die Sie im Portfolio haben. Ich bin trotz aller Vorbehalte ein Freund des Konzentrierens, um Gewinnchancen in aussichtsreichen Marktlagen maximal auszuschöpfen, dabei jedoch eben nur mit überschaubaren Summen bzw. einem geringen Anteil am bestehenden Gesamtvermögen zu hantieren.

Selbst dieser überschaubare Anteil reicht in den meisten Fällen – abhängig vom individuellen Vermögen – aus, um die Ihnen aufgrund der Nullzinspolitik von Notenbanken entgehenden Jahreszinsgewinne auf alternative Anlagen zu kompensieren. Gier und ein immerwährendes Bewusstsein für die immensen Risiken müssen sich stets die Waage halten. Lassen Sie mich in diesem Kontext auf einen gestern publizierten SPIEGEL Bericht verweisen, der meine Vorbehalte untermauert und zeigt, auf welche Weise die Algorithmen das Zepter an den Börsen übernommen haben. Hier ein kurzes Zitat aus diesem Bericht: 

Trader sind wie Fußballer. Ihr bestes Spielalter erreichen sie Mitte zwanzig. Wer mit Anfang dreißig den Job nicht gewechselt hat, versteinert wie die alten Männer, die grau wie Saurier in den Großraumbüros sitzen und von den jungen Händlern abends beim Feierabendbier bemitleidet werden. Die Banken und Handelsfirmen haben in den vergangenen Jahren viele Mitarbeiter entlassen. Diejenigen, die geblieben sind, müssen strampeln, um Geld zu machen. In den letzten Jahren erhöhte sich der Marktanteil des Hochfrequenzhandels in Europa auf über 40 Prozent, auch das macht Leute wie Jan Breuer unempfindlicher gegen die Krise. In den USA liegt der Anteil des Hochfrequenzhandels bei bis zu 70 Prozent. HFC-Händler Breuer lässt seine Arbeit vom Rechner erledigen.

Breuer sagt (zu seinem Arbeitsplatz) nicht Firma, sondern "Bude". Die Quants in Breuers Bude bauen statistische Modelle, schätzen Risiken ein und entwickeln speziell auf das Arbeitsgebiet ihrer Firma zugeschnittene Formeln. Viele sind promovierte Physiker oder Mathematiker. Breuer ist halb Ingenieur, halb Quant. Ein Mischwesen. Nach dem Abitur studierte er in der Schweiz Wirtschaftsinformatik und fing bei einer kleinen Handelsfirma im Steuerparadies Zug an. Er kaufte und verkaufte Aktien, Optionen auf Aktien, Zertifikate, fast alle Produkte, die der Finanzmarkt bereithielt. Ein volatiler, also unruhiger Markt ist gut für Breuer, weil die Preisspanne zwischen Kauf und Verkauf und damit sein potentieller Gewinn wächst. Unsicherheit ist gut, etwa nach der Italien-Wahl. An solchen Tagen machen Breuer und seine Algorithmen bis zu 30.000 Euro Gewinn für die Firma. Von solchen Ausnahmen abgesehen ist der Markt derzeit allerdings ruhig.

Zu ruhig für Breuer. Mit Stabilität verdient er nichts. Er machte viel Geld für seine Firma, hin und wieder verlor er aber auch. "Wenn an einem Tag etwas schief geht, geht meistens alles schief", sagt er. An einem dieser wahnwitzigen Tage verlor einer seiner Leute drei Millionen Dollar, "weil ein Algorithmus durchgedreht ist", wie Breuer sagt. Der Algorithmus biss um sich wie ein tollwütiges Frettchen. Erst nach sieben Minuten konnten sie ihn unter Kontrolle bringen, aber da war es zu spät. Jan Breuer weiß bis heute nicht, wie es dazu kommen konnte. Solche unkontrollierbaren Ausbrüche, auch Flash Crashs genannt, geschehen immer wieder.

Oft denkt Breuer darüber nach, wie viel Geld er braucht, um zu kündigen und endlich "etwas Sinnvolles zu machen". Er nennt das "Fuck-you-Money": genug Geld verdient zu haben, dass man seinem Chef den Mittelfinger zeigen kann. Zehn Millionen Euro wären nicht schlecht, sagt Breuer. Irgendwann wird er das Geld beisammenhaben. Dann will er ins Urban Farming einsteigen und Obst und Gemüse anbauen; ein Bauernleben als Tagtraum gegen das Dauerfeuer der Algorithmen.

Ich habe Ihnen diese Auszüge aus dem oben verlinkten Bericht ganz bewusst hier präsentiert, liebe Leser. Möchte mir irgendwer von Ihnen immer noch erzählen, dass dieses Gezocke auch nur irgendetwas mit Investieren zu tun habe? Dann nur zu. Ich bin auf Ihre Kommentare gespannt. Ich verweise Sie in diesem Kontext auch nochmals auf meinen Bericht „Anadarko Flash Crash wirft neue Fragen auf“. Interessant sind für mich die Überlegungen von Breuer, den Drang zu verspüren, endlich etwas Sinnvolles in seinem Leben zu tun.

Das kann man ihm ganz sicher nicht verdenken. Als Apfel- oder Obstbauer würde er immerhin über die Art eigener Lebensmittelproduktion verfügen, die er irgendwann dringend benötigen wird, wenn Zocker und Spekulanten (von denen wir uns sicher nicht ausnehmen dürfen) das bestehende Geld- und Wirtschaftssystem mit Unterstützung der Notenbanken vollends aus den Angel gehoben haben werden. Es lohnt sich ganz sicher, darüber eher zweimal als nur einmal nachzudenken.