„Früher kaufen als die Konkurrenz“ oder moderner „Finanz-Cyberwar“?

Der Aktienhandel ist nicht der, welcher er früher einmal war. Andre Kostolany´s Weisheit vom „kaufen und liegenlassen“ einer Aktie scheint über die vielen Jahre einfach nicht mehr zeitgerecht zu sein. Der Börsenhandel und dessen Volatilität hat sich mit Beginn der globalen Börsenkrise ab dem Jahr 2008 auf ein nie dagewesenes Maß gesteigert. Vom täglichen Nachrichtenfluss der Konjunktur- und Arbeitsmarktzahlen werden die Börsenkurse bestimmt. In immer stärker werdender Intensität – egal ob nach oben oder untern - sind hier die Kursschwankungen zu beobachten. Noch vor der Krise galt eine komplette Handelswoche im Deutschen Aktienindex mit einer Schwankungsbreite von beispielsweise einem Prozent als sehr volatil. Heute gehören solche Kursausschläge quasi schon zum täglichen Börsengeschehen. Wir als Marktteilnehmer haben uns damit abgefunden. Die Börse hat uns gewissermaßen über die letzten Jahre konditioniert. Doch was ist der eigentliche Grund für diese enormen, tagtäglichen Schwankungen in den bekannten Indizes?

Die Notenbanken dieser Erde fluten die nationalen und internationalen Indizes seit 2008 mit ungeahnten Geldmengen. Diese Geldschwemme fließen langsam aber stetig in die Märkte, die Liquidität an den Börsen nimmt im Umkehrschluss zu. Durch immer mehr zur Verfügung stehende Gelder werden mehr und mehr Anlageklassen gefüttert, was zu einer erhöhten Nachfrage – egal ob auf der Long- oder Shortseite – führt. Dementsprechend schwanken die Aktien- und Derivatekurse heftiger als noch vor der globalen Finanzkrise. Neben den Geldschwemmen hat der Computerhandel im letzten Jahrzehnt immens an Bedeutung gewonnen. Ohne den elektronisch gesteuerten Xetrahandel würde heutzutage bekanntermaßen an den deutschen Indizes nichts mehr funktionieren. Durch den elektronischen Handel von Wertpapieren und Derivaten hat sich so in den letzten Jahren ein neues „Geschäftsfeld“ entwickelt: Der Hochfrequenzhandel. Heutzutage werden rund 40-50% der gesamten Handelsumsätze an den deutschen Börsen durch so genannte Algorithmen abgewickelt. Ein Algorithmus ist vereinfach beschrieben nichts anderes als ein äußerst schlau programmierter Computercode, welcher dem computergestützten Handelssystem eines Börsenhändlers das Signal zum Kauf- und Verkauf von Aktien, Derivaten etc. vorgibt. Je besser ein Algorithmus durch den Programmierer programmiert wurde, umso besser sind die Ertragsaussichten für den Hochfrequenzhändler. In der Regel werden die Algorithmen (unter Börsianern auch vereinfacht „Algo“ genannt) von sehr kundigen Mathematikern und Physikern programmiert. Diese werden nicht selten direkt von der Universität abgeworben, um sich ganz allein der Programmierung des bestmöglichen Algos hinzugeben. Liebe Leserinnen und Leser, dies ist kein Hollywoodmärchen welches ich Ihnen erzähle, sondern die Realität. Überlegen Sie sich, in welchen Dimensionen wir uns mittlerweile bewegen. Blicken wir dazu auf den Gesamtumsatz im Dax vom 26. September. Dieser lag bei 3,31 Milliarden Euro auf Xetra; vergleichen Sie hier. Laut Schätzungen der Deutschen Börse fallen nun die oben genannten 40-50% auf diese Summe durch den Handel der computergesteuerten Handelssysteme der Hochfrequenzhändler zurück! In Summe bedeutet dies, dass etwa 1,3 - 1,655 Milliarden Euro allein nur am 26. September im DAX durch programmierte Algorithmen der Hochfrequenzhändler umhergeschoben wurden. Eine stattliche Summe, oder nicht?

Den „Algo-Tradern“ ist es im Übrigen egal, wie die aktuelle Börsenstimmung ist. Je mehr Volatilität, umso besser. Ziel ist es tagtäglich, die größtmögliche Performance zu erreichen. Hierzu werden nicht selten viele tausende Kauf- und Verkauforders im Millisekundentakt abgewickelt. Es wird vereinfacht gesagt versucht, schneller als das gegnerische Handelssystem zu sein. Wir „Normalaktionäre“ werden hier bewusst oder zunehmend auch unbewusst von den Handelsalgorithmen über den Tisch gezogen. Hier ein kurzes Beispiel aus der Praxis. Da möchte ich eine Aktie aus dem Mdax oder Sdax verkaufen, sehe dazu beispielsweise 5 000 Aktien zu 3,02 Euro auf der Geldseite. Kaum drücke ich auf den Verkaufsknopf, wurde diese (im Nachhinein angebliche Kauforder) im Millisekundenbereich vor meinem realen Verkauf herausgenommen. Der Algorithmus erkannte also in Bruchteilen einer Sekunde, das nun eine (in diesem Fall meine) „echte“ Verkaufsorder ins System kommt. Da die eigentliche Aufgabe des Algorithmus aber nicht der Kauf „meiner Aktie“ war, sondern nur das Vortäuschen von Kaufaufträgen, wurde die Order dementsprechend „in Blitzgeschwindigkeit“  zurückgezogen. Meine Aktien standen dann zu 3,02 Euro im Verkauf auf der Briefseite des Xetra-Orderbuches und wurden nicht (sofort) verkauft. Es musste sich erst ein echter Käufer finden, welcher bereit war, mir die Aktien abzunehmen. Ziel des Algorithmus war es also, lediglich Kaufinteresse in der Aktie vorzutäuschen, um potenzielle Käufer (welche dann einen Kursanstieg auslösen) anzulocken. Wäre dies gelungen, hätte der Algo seine (vorher erworbenen Aktien) mit Gewinn abgestoßen.

Gleichzeitig gibt es als Gegenpart wiederum andere Handelssysteme von anderen Hochfrequenzhändlern, welche ausschließlich auf der Suche nach Aktien sind, welche vor potenziellen Kurszuwächsen stehen. Diese „grasen“ dann sämtliche Orderbücher im Sekundentakt ab und versuchen potenzielle echte Kauforders (beispielsweise von großen Fonds)  in den Orderbüchern ausfindig zu machen. Ist sich ein Algorithmus sicher, einen potenziellen Kaufauftrag bei einer Aktie entdeckt zu haben (entgegen des Algos im obigen Beispiel, welcher nur „Fakeorders“ eingestellt hat), wird die Aktie umgehend gekauft. Der Kurs steigt so und der eigentliche Käufer muss (wenn er denn noch will) nun zu höheren Kursen als geplant kaufen. Wenn der Käufer (Fond) dann auf die Kauftaste drückt, verkauft der Algorithmus des Hochfrequenzhändlers bereits die Aktien, welcher er aufgrund seines „Abgrasens der Orderbücher“ vormals gekauft hatte. Das Geschäft ist perfekt, die „schnelle Mark“ auf dem Konto.

Die genaue Programmierung bzw. „die Zauberformel“ des Algorithmus kennen meist ausschließlich die Hochfrequenzhändler selbst. Schließlich ist jeder Algorithmus bares Geld wert und gleicht dem Geschäftsgeheimnis. Algos sind so vielfältig wie der Erfinder und können kursbeeinflussende Nachrichten, wie beispielsweise bei der Veröffentlichung der Arbeitsmarktzahlen, lesen und in Millisekunden analysieren. Vormals muss nur vom Händler festgelegt werden, was genau bei einem entsprechenden Ereignis passieren soll. Fallen die Arbeitsmarktdaten am jeden Freitag der Woche um 14.30 Uhr negativ aus, muss dies binnen Bruchteilen einer Sekunde durch den Kauf von  „Short-Kontrakten“ (Wette auf fallende Kurse) an der Terminbörse umgesetzt werden. Fallen die Zahlen gut aus, muss entsprechend in Blitzgeschwindigkeit ein (oder mehrere) Kontrakte auf steigende Kurse gekauft werden. Dies erledigt das Handelssystem dann hurtig von allein. Hier zählt einzig und allein der Faktor Zeit. Je schneller das Handelssystem respektiver der Algorithmus handelt und je schneller der Serverzugang zur Börse ist, umso mehr Geld wird verdient. Praktisch umgesetzt sind dies genau die Kursausschläge, welche Sie bestimmt schon öfters einmal im DAX beobachtet haben. Wenn es nach der Veröffentlichung einer kursrelevanten Nachricht (beispielsweise jeden Freitag um 14.30 Uhr nach den Arbeitsmarktdaten) blitzschnell im Dax hoch oder runtergeht, genau dann haben die „Algo-Trader“ wieder zugeschlagen und viele Millionen Euro binnen Sekunden umgesetzt. Hier ist Zeit wirklich Geld wert. Wer nur eine Sekunde langsamer ist als der andere agierende Computer, verliert unter umständen hohe Millionensummen. Liebe Leserinnen und Leser, Sie können dieses Treiben auch schon getrost als modernen „Finanz-Cyberwar“ bezeichnen. Zeit ist Geld und Geld regiert die Welt! Der Hochfrequenzhandel bringt für den eigentlichen Börsenhandel außer Liquidität rein gar nichts, außer Ärger. Aktienkurse werden manipuliert, Kleinanleger unbewusst über das Ohr gehauen und die Börsenleitungen wegen der vielen Orderlegungen im Sekundentakt nicht selten überlastet.

„Flash-Crash“ im Dow Jones, erinnern Sie sich?

Am 6. Mai 2010 brach der Dow Jones Index aus heiterem Himmel um 9% ein. Binnen Minuten wurden 1000 Punkte vernichtet. Niemand wusste was vor sich ging. War ein Weltkrieg ausgebrochen, dessen Vermeldung jedoch an allen Marktteilnehmern vorbeiging? Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Abend. Ich schaute nur verdutzt auf meinen „Trading-Monitor“ und suchte nach Erklärungen. Innerhalb von wenigen Minuten wurden hier über 1,3 Milliarden Aktien gehandelt, eine unvorstellbar hohe Anzahl für eine solch kurze Zeitspanne. Viele Aktien implodierten in dieser Zeit um bis zu 99%. Was nun? Ursachenforschung, Erklärungsnot. Und weiter? Die Kurse erholten sich sehr schnell wieder, die meisten Verkäufe der Aktien wurden rückabgewickelt. Was war der Grund? Bis heute wurde die 100%ige Ursache noch nicht ausgemacht. Die Börsenaufsicht stellte jedoch fest, dass automatisierte Handelssysteme (Algorithmen) falsch programmiert wurden und so eine Kette von Verkaufsaufträgen diesen „Flash-Crash“ auslösten. Anhand diesen realen Beispiels wird deutlich, wie automatisierte Handelsprogramme schnell zur automatisierten „Finanz-Waffe“ werden können.  

Damit soll jetzt aber Schluss sein!

Es tut sich etwas in Deutschland. Der Hochfrequenzhandel soll besser reguliert werden. Das Bundesfinanzministerium hat am 26. September den Entwurf eines neuen Gesetzes zur Vermeidung von Gefahren und Missbräuchen im Hochfrequenzhandel beschlossen. Lesen Sie dies hier. Hoffen wir auf Besserung!

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag,

Mit freundlichen Grüßen

Boris Schulze