Fortsetzung von Teil 1

Helmut Reinhardt: Mal kurz eine Zwischenfrage, Herr Sahm. Wenn man Ihren Lebenslauf so betrachtet, fällt auf, dass Sie ab April 2004 plötzlich als selbständiger Finanzberater und Sales-Manager im mobilen Vertrieb der Deutschen Bank tätig waren. Es gibt ja Gerüchte, dass gegen die Deutsche Bank in Sachen "Scheinselbstständigkeiten" ermittelt wird. Ist an den Gerüchten was dran?

Andreas Sahm: Wenn Sie sich meinen Lebenslauf anschauen, war mein Wechsel aus dem Angestelltenverhältnis als Trainer, Coach und Spezialberater Investment in die Selbständigkeit nicht "plötzlich", sondern eher eine konsequente Weiterentwicklung.

Ich war bereits von 1995 -2000 selbständiger Berater und Gesellschafter bei einem unabhängigen Beratungsunternehmen, welches sich den ethischen Beratungsprinzipien verschrieben hat, die ich in einer der Vorfragen genannt hatte. Zu diesem Beratungsunternehmen, das mittlerweile "Maklerstatus" hat, bin ich im letzten Jahr mit großer Überzeugung zurückgekehrt und stelle mit Freude fest, dass mein altes Unternehmen noch professioneller und moderner geworden ist, ohne seine "Wurzeln" und das "Wertesystem" verändert zu haben. In diesem Jahr dürfen wir unser 25-jähriges Bestehen feiern.

In den Jahren 2001-2004 habe ich sehr viel gelernt und einen tiefen Einblick in die internen Abläufe einer Großbank nehmen können. Meine Entscheidung, erneut wieder als selbständiger Berater tätig zu werden, hatte im Jahr 2004 zwei Gründe:

1.) Mir fehlte der direkte Kundenkontakt, ich war vorwiegend im "internen Bereich" tätig

2.) Ich wollte - wie bereits in den Jahren 1995-2000- "ganzheitlich" beraten können, also auch eher "bankuntypische" Themen wie Krankenversicherung, betriebliche Altersvorsorge, etc. in der Praxis umsetzen.

Zudem hat es mir große Freude gemacht, ein gutes Finanzberater-Team im Raum Hagen aufzubauen und damit "Mehrwert" für Kunden und Bank zu liefern. Zu den Gerüchten um das Thema "Scheinselbständigkeit" kann ich nichts sagen (zumal ich "Gerüchte" - sofern sie "Dritte" betreffen - generell immer nur zur Kenntnis nehme und weder bestätige noch dementiere), von konkreten "Ermittlungen" ist mir nichts bekannt.

Helmut Reinhardt: Kommen wir zurück zum Thema „Finanzen“. Sie sprachen davon, dass es Finanzprodukte an jeder Ecke gäbe, aber nur Experten tatsächlich Lösungen anbieten können. Können Anleger den sogenannten "Experten" denn wirklich vertrauen? Immerhin gibt es nur sehr, sehr wenige wirkliche Experten, die frühzeitig vor der Finanzkrise gewarnt haben.  Woran liegt es, dass kaum jemand die Krise hat kommen sehen, von der ja in der Mainstreampresse behauptet wird, sie sei schon wieder vorbei. Wie ist Ihre Einschätzung der Lage?

Andreas Sahm: Sehr geehrter Herr Reinhardt, gestern Abend habe ich noch einmal ein Lied von Reinhard Mey gehört, den ich sehr schätze. Es heißt: "Sei wachsam"

Hier sang er schon vor Jahren folgendes:

"Ich habe Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit,

nach 'nem bisschen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit.

Doch sag die Wahrheit, und du hast bald nichts mehr zu lachen,

sie werden dich ruinieren, exekutieren und mundtod machen!

Erpressen, bestechen, versuchen, dich zu kaufen!

wenn du die Wahrheit sagst, lass draußen den Motor laufen!

Dann sag sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:

"Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd!"

Hier der link zu youtube bzw. dem gesamten Text:

http://www.youtube.com/watch?v=BU9w9ZtiO8I

http://www.magistrix.de/lyrics/Mey Reinhard/Sei-Wachsam-263546.html

Zur "Mainstreampresse" sagt er dort:

"Du machst das Fernsehen an, sie jammern nach guten alten Werten,

ihre guten alten Werte sind fast immer die Verkehrten,

und die, die da so Vorlaut in der Talkrunde strampeln,

sind es, die auf allen Werten mit Füßen rumtrampeln.

Der Medienmogul und der Zeitungszar  sind die Schlimmsten Böcke als Gärtner, na wunderbar.

Sie rufen nach dem Kruzifix, nach Brauchtum und nach Sitten,

doch ihre Botschaft ist nichts als Arsch und Titten.

Verdummung, Verrohung, Gewalt sind die Gebote,

ihre Götter sind Auflage und Einschaltquote.

Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht,

so viele gute alte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!"

Natürlich ist es für jeden Berater schwer "gegen den Strom zu schwimmen" und eine bekannte Börsenweisheit sagt ja auch "Never piss against the wind" oder etwas freundlicher "the trend is your friend".

Aber und das zeigen die aktuellen Ereignisse sehr deutlich: Die etablierten Systeme sind durch die kurzfristige, auf Wahlerfolge und Quartalsberichte ausgerichtete Politik in Staat und Unternehmen ins Wanken geraten. Gestern habe ich noch einmal das Spiegel-Interview mit dem noch amtierenden Bundesbank-Chef Axel Weber gelesen, wo er die Gründe für seinen Rücktritt nannte, nämlich die Tatsache, dass er es nicht verantworten könne, dass die EZB die Notenpresse angeworfen hätte um mit gedrucktem Geld Staatsanleihen zu kaufen.

Ich persönlich glaube nicht, dass die Krise vorbei ist. Ein "Vordenker", manche sagen auch "Querdenker" hat die Lage jetzt auf einem Kundenforum, dass ich durchgeführt habe, so umschrieben: "Wir befinden uns im Auge des Zyklons". Die scheinbare Erholung in der Wirtschaft, der Ifo-Geschäftsklima-Index und andere Stimmungsbarometer können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir in allen Industriestaaten massive strukturelle Probleme haben, die wir mit "einfachen" Mitteln nicht lösen können. Konkret meine ich hier neben den bekannten Schuldenproblematik auch die demografische Entwicklung in den westlichen Ländern. Und diese Probleme betreffen nicht nur Kapitalanleger, sondern jeden Bürger und seine Altersvorsorge.

Die versprochenen oder in Aussicht gestellten Renditen von Lebensversicherungen oder Versorgungswerken (Garantiezinsen zwischen 2,25% bis 4,5%) können nicht mehr mit (scheinbar) sicheren Bundesanleihen erzielt werden, die Aktienquoten sind erschreckend niedrig (Bilanzkosmetik) und derzeit sind geschätzte 30-40% der Versichertengelder in (damals) gut gerateten scheinbar sicheren Staatsanleihen aus Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Irland usw. investiert. Was würde passieren, wenn einige dieser Staaten "pleite" gingen? Was wäre, wenn eine große deutsche Versicherung oder ein  Versorgungswerk ihre garantierten Leistungen nicht mehr zahlen würden?

"Sei wachsam!"

Ich möchte hier kein Untergangsszenario an die Wand malen, denn es gibt weltweit auch viele positive Entwicklungen und damit auch Investitionsmöglichkeiten: Demokratisierungen in den Diktaturen der ölreichen Länder Nordafrikas, Kaufkraftanstieg der Menschen in den bevölkerungsreichen Entwicklungsländern in Asien und Lateinamerika, stabile politische Verhältnisse in demokratischen westlichen Ländern mit hohen Rohstoffreserven wie z.B. Norwegen (Öl), Chile (Erze) oder Australien.

Ich denke nur, das der Begriff "Sicherheit" neu definiert werden muss.

Wir stehen an einem Wendepunkt!

Ich habe jedenfalls das Vertrauen in die sogenannten "Experten" aus Wirtschaft und Politik verloren, die Anderen nach dem Mund reden, nur, um "beliebt" zu sein.

Helmut Reinhardt: Da geht es wahrscheinlich vielen Menschen ähnlich wie Ihnen, Herr Sahm. Das Vertrauen in Experten und Politik wurde durch die Krise nachhaltig zerstört. Wie sieht Ihre Neudefinition von Sicherheit aus? Kann es überhaupt eine allumfassende Sicherheit geben, angesichts eines vielleicht drohenden Systemzusammenbruchs? Tatsächlich ist die Frage doch nicht mehr, ob irgendein Staat Pleite geht, sondern nur noch wann das passiert und welchen es zuerst erwischen wird. Die USA sind ja bekanntlich faktisch schon pleite, oder? Wie kann sich Max Mustermann schützen? Bieten die Anlageklassen "Edelmetalle und Rohstoffe" eine Sicherheit?

Andreas Sahm: Das sind ja eine ganze Fülle von Fragen, lieber Herr Reinhard, aber ich will einmal versuchen, sie alle zu beantworten:

Zur Frage nach der "Sicherheit":

Gerade heute sieht man an der Erdbeben und Tsunami-Katastrophe in Japan wieder, dass es nie eine 100%-tige Sicherheit geben kann. Alles ist auf einmal anders, was gestern dort noch als "sicher" galt ist nun im Norden der Insel ins Wanken gekommen oder zusammengebrochen.

Genauso ist es mit unserem Finanzsystem. Niemand hätte vor 5 oder 6 Jahren an der Sicherheit von einer IKB, den Landesbanken oder einer der größten Investmentbanken (Lehman Brothers) sowie der weltgrößten Versicherung (AIG) gezweifelt. Und heute?

Ich gebe Ihnen recht: Trotz politisch anders lautender Erklärungen und Beteuerungen sehe ich auch Staaten pleite gehen. Das ist ja auch nichts Neues. Schweden und Argentinien in jüngerer Vergangenheit haben gezeigt, dass das nicht das "Ende" sein muss, in der Industrie ist auch aus "Schutt und Asche" viel neues entstanden. Selbst Privatinsolvenzen bieten die Chancen zu einem erfolgreichen Neuanfang.

Ein Privatanleger kann sich am besten schützen, wenn er Risikostreuung betreibt. Niemand weiß genau, wann die Zusammenbrüche kommen werden und wo sie beginnen. Und Risikostreuung nicht nur im Depot, sondern auch und vor allem bei der Altersvorsorge. In dem Vortrag vom 5.2. sprach der Redner, den ich für sehr kompetent und erfahren halte, von 3 möglichen Szenarien:

1.) Wachstum

Das notwendige Wachstum, um annähernd die Maastricht-Kriterien zu erreichen, müsste im EURO-Raum viele Jahre bei 5% oder mehr liegen, also kaum wahrscheinlich, dass so etwas gelingt.

2.) Staatsbankrott

Politisch nicht erwünscht aufgrund der genannten Folgen für Banken und Versicherungen

3.) Inflation

Das 3. Szenario halte ich für am wahrscheinlichsten, aber auch am gefährlichsten, denn:

Wie soll man die einmal vorhandene Inflation, die ja auch die Schulden verringern würde, wieder stoppen?!?

Wenn dieses Szenario so eintritt, wären Sachwerte ein guter Schutz. Dazu gehören sowohl Aktien(fonds), Immobilien als auch Edelmetalle und Rohstoffe. Vorsicht jedoch bei Zertifikaten, die Herausgeber könnten selber pleite gehen und das könnte zum Totalverlust führen, auch wenn die zertifizierte Anlageklasse an Wert gewinnt (z.B. Gold- oder Indexzertifikate).

Bei Immobilien und Rohstoffen besteht immer die Gefahr einer neuen "Blasenbildung", hier sollte man also auf der Hut sein und auch bereit sein, sich wieder davon zu trennen. Ich spreche hier jedoch nicht von heute, denn jetzt würde ich eher kaufen als verkaufen. Und das unter 3. beschriebene Szenario kann einige Jahre andauern, vielleicht sogar Jahrzehnte.

Helmut Reinhardt: Sie halten eine Deflation für ausgeschlossen? Würden denn nicht im Falle eines Systemcrash´ Geldvermögen vernichtet werden?

Andreas Sahm: Die Gefahr einer weltweiten Deflation war vor 2 Jahren sehr groß. Oft entstehen diese deflationären Abwärtspriralen ja nach dem Platzen einer "Blase", wie z.B. in Japan zu Beginn der 90iger Jahre, die das Land bis heute in einem "Klammergriff" gefangen hält. Dieser Beinahe-Zusammensturz des Finanzsystems in 2008 war sicherlich auch der Hauptgrund, warum FED und EZB die Märkte mit Geld "geflutet" haben, um eine Weltwirtschaftskrise analog der 30iger-Jahre zu vermeiden. Um den Vertrauensverlust und die damit verbundene Kauf- und Investitionszurückhaltung der Bevölkerung auszugleichen, traten die Staaten als Käufer ein, so hat z.B. die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im Monat März 2009 5000 Tonnen Butter aufgekauft.

Die Gefahr einer Deflation ist daher latent nach wie vor vorhanden und wird durch Katastrophen wie jetzt in Japan natürlich weiter verstärkt. Milliardenbeträge werden wie von einem "schwarzen Loch" aufgesogen und vernichtet. Sollten die Finanzsysteme "crashen", kann dieses auch andere große Volkswirtschaften in den Strudel einer Deflation und in Folge einer Depression/ (Welt-)Wirtschaftskrise hineinziehen. Einige Dinge sprechen jedoch zumindest momentan dagegen:

Die Kräfteverhältnisse auf unserer Erde haben sich in den letzten Jahren deutlich verschoben: China, Indien, die Ölländer und die bevölkerungsreichen Emerging-Markets erzeugen starke Nachfrage und ersetzen zunehmend die USA und Europa als Konjunktur-Lokomotive. Hier wirkt die Globalisierung stabilisierend und gleicht den Nachfragerückgang in den Ländern der "old economy" aus.

Was passieren würde, wenn ein (erneuter) "System-Crash" kommt, lässt sich kaum vorhersagen, es wird dann darauf ankommen, wie Staaten und Notenbanken miteinander kooperieren werden. Die jüngsten Erfahrungen aus 2008/2009 geben begründete Hoffnung, dass man (anders als in der "Great Depression" vor 80 Jahren) koordiniert zusammenarbeiten wird.

Die Psychologie der Menschen im Hinblick auf "Vertrauen in die Zukunft" läßt sich jedoch nicht prognostizieren und es gibt präventiv auch kaum Möglichkeiten, sich dagegen zu schützen. Für Griechenland sehe ich zum Beispiel kaum Hoffnung, einer Deflation zu entkommen, da die internationale Bereitschaft (z.B. seitens der IWF) dem Land zu helfen sehr gering ist. Zu viel Vertrauen ist in den letzten Jahren zerstört worden. Das "Down-Rating" des Landes in der vergangenen Woche bestätigt das. Sie merken, sehr geehrter Herr Reinhardt, die Antwort auf Ihre Frage muss sehr differenziert beantwortet werden.

Doch wie soll sich ein (Privat-)Anleger dagegen schützen?

Die Antwort ist die gleiche wie auf eine Frage vorab:

Risikostreuung! Also eine gesunde Mischung aus Geldvermögen (Liquidität = Deflationsvorsorge) und Sachwertanlagen (Rohstoffe/ Aktien/Immobilien = Inflationsvorsorge). Abraten würde ich derzeit jedoch vor Anlagen in Staatsanleihen.

Helmut Reinhardt: Also mein Vater sagte immer zu mir: „Investiere ein Drittel in Gold, ein Drittel in Immobilien und ein Drittel in Bargeld, - und wenn Du dann noch die Lebensmittelkammer voll hast, Junge, dann kann dir nix passieren.“ Ist dieser väterliche Ratschlag ein guter?

Andreas Sahm: Ihr Vater scheint ein erfahrener und weitsichtiger Mann gewesen zu sein, in der momentanen Kapitalmarktsituation ist dieser Rat durchaus keine schlechte Idee!

Aber es kommt natürlich immer auf die jeweilige Lebenssituation und den Anlagehorizont bei der Anlage an. Eine zu starre Festlegung halte ich grundsätzlich für nicht besonders gut. Angenommen, Sie hätten den Ratschlag vor 2 oder 3 Jahren umgesetzt und würden heute überprüfen, was aus den jeweiligen Anlagen bis heute geworden ist, würden Sie folgende Gewichtungsänderungen feststellen: Prozentual wäre der Goldanteil auf mehr als die Hälfte Ihres Gesamtvermögens angestiegen, die beiden anderen Anlageklassen wären deutlich untergewichtet und wie es in Ihrer Lebensmittelkammer aussieht, käme natürlich auf Ihre Lebensgewohnheiten an...

Sie verstehen, was ich damit sagen will? Aus meiner Sicht als Berater bedürfen einmal getroffene Anlageentscheidung regelmäßiger Überprüfung und gegebenenfalls Anpassung an die Lebenssituation einerseits und die Kapitalmarktsituation andererseits. Ich hatte als Beispiel einen "guten Arzt" genannt. Auch er macht in regelmäßigen Abständen bei seinen Patienten einen "Gesundheitscheck" und weist auf mögliche Risiken hin oder gibt Tips, um weiter "gesund" zu bleiben.

Es gibt heute vermögensverwaltende Fonds (sogenannte "Multi-Asset-Fonds"), die diese Anpassungen bequem und professionell vornehmen. Solche Fonds halte ich durchaus geeignet für einen Anleger, der seine "Ruhe" haben möchte und sich nicht ständig mit diesem Thema beschäftigen möchte. Auch breit anlegende Dachfonds, die eine breite Risikostreuung vornehmen, kommen hier in Frage.

... wird in Teil 3 fortgesetzt.

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