Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2


H. Reinhardt: Lassen Sie mich eine vielleicht provokante These äußern:

Meiner Meinung nach gehört Ihr Beruf als Finanzberater abgeschafft! Damit meine ich, dass jeder Anleger am besten beraten wäre, sich in Gelddingen soweit auszukennen, dass er selbst entscheiden kann.

Und ist eine Risikostreuung nicht in Wirklichkeit nur etwas für Leute, die sich nicht auskennen. Ich persönlich habe zum Beispiel schon vor zehn Jahren meine beiden Lebensversicherungen und alle anderen Papierwerte verkauft und bin massivst zu 100 Prozent in Edelmetalle eingestiegen.

Mein Bankberater und Versicherungsvertreter erklärten mich damals für verrückt und zweifelten nicht nur an meinen Aussagen über unser Finanzsystem, sondern auch an meinem Verstand im Gesamten. Den sich schon damals abzeichnenden Finanzgau hielten beide für absolut unmöglich und ausgeschlossen.

Was meinen Sie, habe ich damals falsch gehandelt?

Andreas Sahm: Lieber Herr Reinhardt, gestatten Sie mir bitte, genauso provokant zu antworten.

Wenn Ihre These stimmen würde, müsste man auch alle steuerberatenden und rechtsberatenden Berufe abschaffen, dann wäre es für jeden Bewohner in unserem Land eine "staatsbürgerliche Pflicht", sich mit allen Gesetzen und steuerlichen Verordnungen selbst auseinanderzusetzen, statt diese Themen zu "delegieren"!

Ich widerspreche Ihnen hier (mit einem leichten Augenzwinkern) natürlich vehement!

Wer es sich also nicht selber zutraut, die Auswahl unter mittlerweile über 10.000 in Deutschland zugelassenen Fonds (dazu kommen noch 1000ende von Direktanlagen in Aktien, Anleihen, Zertifikaten, Genussrechten, usw. usw.) selber zu treffen, sollte weiterhin Expertenrat einholen. Das spart Zeit, kostet aber Geld!

Aber frei nach dem Motto "Guter Rat kann teuer sein, ein schlechter (oder gar kein Rat) ist noch teurer!" sollte man sich es gut überlegen (sowohl bei juristischen, steuerlichen oder finanziellen Fragen).

Ausserdem bekommen meine Kunden, wenn sie mich als Honorarberater oder Makler einschalten, einen umfassenden Versicherungsschutz (zur Zeit bis zu 1,1 Mio. EUR pro Schadensfall).

Diese "Vermögensschadenhaftpflichtversicherung" tritt ein für den Fall, dass mir tatsächlich mal ein "Fehler" passiert und ich eine für die Bedürfnisse eines Kunden "unpassende" Anlage empfehle oder vermittle. Das Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) spricht hier von "Anleger- und Anlagegerechter Beratung" und billigt dem "Verbraucherschutz" des "unerfahrenen Kunden" einen sehr hohen Stellenwert zu.

Jede Anlageberatung wird zudem dokumentiert (Beratungsprotokoll) und lässt sich so auch nach Jahren (im Extremfall durch die Erben) noch nachvollziehen.

Zum 2. Teil Ihrer Frage (Risikostreuung): Zunächst gratuliere ich Ihnen zu Ihrer mutigen und konsequenten Entscheidung! Im Nachhinein haben Sie absolut richtig gehandelt und anscheinend auch das notwendige Durchhaltevermögen gehabt "gegen den Strom zu schwimmen".

An dieser Stelle sage ich auch "mea culpa" zu den beiden Menschen, denen ich als Anlageberater bei der Deutschen Bank irgendwann in den Jahren 2003/2004 einmal davon abgeraten habe, in großen Mengen effektives Gold zu kaufen (sie haben zum Glück nicht auf mich gehört!). Die Beimischung von "Rohstoffonds" habe ich jedoch konsequent in den letzten Jahren immer empfohlen (hier haben leider zu wenige meiner Kunden auf meinen Rat gehört!).

Heute denke ich etwas anders, ohne meine Aussagen zum Thema "Risikostreuung" aufweichen zu wollen: Für mich sind Edelmetalle in "effektiver Form" (also z.B. Münzen oder Barren) eine Art "finale Währung", also ein Tauschmittel für den Fall, dass alle anderen Zahlungsmittel keine Kaufkraft mehr haben. Daneben eignen sich Edelmetalle natürlich auch sehr gut wegen ihrer mengenmäßigen Begrenzung als "Spekulationsobjekt" und vor allem als "besonderes Zeichen der Wertschätzung für einen geliebten Mitmenschen" (Schmuck).

Ansonsten bleibe ich bei meinen zuvor gesagten Aussagen und möchte hier auch auf die bis vor kurzer Zeit noch eher schlechte bzw. teure (durch Bank- und Handelsgebühren) Liquidierbarkeit hinweisen. Wer also immer wieder mal  "kurzfristig Geld braucht", sollte hier zumindest für eine ausreichende Reserve in anderen Anlageklassen sorgen.

Und - nicht zu vergessen -: "Gold lockt Diebe und Räuber an" also sollten Sie bei dieser Frage ausdrücklich darauf hinweisen, dass Ihre Rohstoffe an einem sicheren Ort verwahrt werden, sonst bekommen Sie demnächst unerwarteten Besuch :-).

Kurz noch eine Bemerkung zum Thema Lebensversicherungen:

Diese Anlageform hat ja zwei Merkmale: Einmal der (mittlerweile sehr diskussionswürdige) Aspekt der "Geldanlage durch Profis", andererseits die Absicherung gegen sogenannte "biometrische Risiken", also zum Beispiel Todesfallschutz und Hinterbliebenenvorsorge. Dieses sollte man bedenken, bevor man eine Versicherung aus Renditeüberlegungen kündigt. Lieber für diesen Fall vorher eine neue Risikoversicherung (ohne Kapitalbildung) abschließen und dann den Altvertrag kündigen, sonst steht man im Extremfall (wenn sich z.B. der Gesundheitszustand mittlerweile verschlechtert hat) ohne Todesfallschutz da.

H. Reinhardt: Natürlich war meine These bezüglich der Abschaffung von Finanzberatern nicht wirklich Ernst gemeint. Es ist natürlich so, dass viele Menschen weder Zeit noch Lust und das Wissen haben, sich um Finanzdinge zu kümmern. Doch muss ich ebenfalls mit einem Augenzwinkern sagen, dass Antworten auf provokante Fragen oft gute Antworten nach sich ziehen. Vielen Dank dafür!

Übrigens finde ich es auch sehr nett, dass Sie sich Sorgen über Diebe machen, weshalb ich natürlich an dieser Stelle darauf hinweise, dass meine Edelmetalle an einem sicheren Ort neben einer deutschen Eiche tief in der Erde vergraben sind .... *lacht*.

Andreas Sahm: Herzlichen Dank, dass Sie meinem/unserem Berufstand noch eine Chance geben *schmunzelt* und ich bin beruhigt, dass Ihr Vermögen (hoffentlich erdbebensicher) gut geschützt ist.

Helmut Reinhardt: Was halten Sie eigentlich insgesamt von der Konstruktion unseres Finanzsystems, denn es scheint ja einiges schief zu laufen in der Welt des Geldes. Ich meine an dieser Stelle die vielen Krisen der letzten Jahre. Welche Gründe haben beispielsweise zur Staatsschuldenkrise geführt, wobei ich übrigens immer auch gerne spiegelbildlich von einer Guthabenkrise spreche.

Lösungsvorschläge gibt es genug, z.B. eine Rückkehr zum Goldstandard, die Monetative, die Freiwirtschaft oder den Vorschlag der Linken, einfach große Vermögen radikal zu besteuern.  Welche Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach sinnvoll, um ein nachhaltiges Geld- und Wirtschaftssystem zu schaffen?

Andreas Sahm: Mit dieser Frage fühle ich mich zugegebenermaßen erstmals überfordert. In einem Gebet heißt es sinngemäß: "Gott gebe mir die KRAFT, die Dinge zu ändern, die ich verändern kann, die GELASSENHEIT, die Dinge zu ertragen, die ich nicht verändern kann und die WEISHEIT, dass eine vom anderen zu unterscheiden!"

Hier sind aus meiner Froschperspektive Weisheit und Gelassenheit der richtige Weg, ich meine damit, dass ich für meine Kunden und Mandanten versuche, im bestehenden System die besten Lösungen zu finden. Aber ich will mich nicht lapidar herausreden. Sie fragen nach den Gründen und die Antwort findet sich im Wesen der meisten Menschen: Egoismus.

Diese eigentlich nicht schlechte Eigenschaft treibt in einer kapitalistisch geprägten Welt ihre Blüten und führt zu einem Verteilungskampf, aus dem einige als Sieger und viele als Verlierer hervorzugehen scheinen (Schuldenkrise <-> Guthabenkrise/Anlagenotstand).

Noch krasser könnte man die Gier nach noch mehr Rendite und die Angst vor Verlusten als weitere Triebfedern nennen. Auch Gier ist nicht unbedingt schlecht, denn hierdurch kann Energie entstehen, die zur Leistungssteigerung oder Innovationen beflügelt und motiviert. Wenn man Angst durch Vorsicht ersetzen würde, erkennt man ebenso, dass hier etwas Positives beinhaltet ist.

Nur die Übertreibungen in beide Richtungen sind schädlich. Ich bin kein Volkswirt oder Ökonom und maße mir daher auch nicht an, bestehende Wirtschaftssysteme zu bewerten oder verbessern zu können. Aber ich beschäftige mich gedanklich schon seit längerem mit Systemen, die zumindest in der Theorie vielversprechend aussehen.

Ich denke hier unter anderem an auf Genossenschaftsbasis aufgebaute Systeme mit Regionalwährungen (die Sie ja auch gut kennen). Ein funktionierendes Beispiel sind die "Sterntaler" im Berchtesgadener Land.

Hier wird dafür gesorgt, dass Geld den Charakter behält, für den es eigentlich geschaffen ist: Als Tauschmittel, dass im Umlauf bleiben soll und nicht "gehortet" wird. Damit so etwas auf Dauer erfolgreich funktioniert, sind meines Erachtens jedoch bestimmte Voraussetzungen notwendig:

1.) Gemeinsinn (das Wohl der Gemeinschaft steht über dem Wohl des Einzelnen) verbunden mit "Krisenbewußtsein".

Dazu gehört "Verzichtbereitschaft" und in unserer Gesellschaft steht eher die "Besitzstandswahrung" im Vordergrund. Vor rund 2000 Jahren ist es gelungen, nach dem Zerfall des römischen Reiches, eine neue Kulturepoche in Europa einzuleiten. Das Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" (das ja nicht unbedingt für evangelistische Züge bekannt ist) schrieb einmal darüber:

"Die Christen ahnten oder sahen die Krise nur voraus und stellten sich beizeiten darauf ein. Sie entwickelten eine Ideologie für bescheidene Leute und bescheidenere Zeiten.....Und siehe da, die neue Moral, die Selbstbescheidung und der Gemeinschaftsgeist der Gefolgsleute Jesus, erwiesen sich in der bösen Zeit als eine äußerst erfolgreiche Überlebensstrategie. Die Christen waren es und niemand sonst, die aus den Wirren der antiken Übergangsepoche als Sieger auftauchten und ganz Europe geistig eroberten."

Was manche der "großen Kirchen" danach aus dieser "Bescheidenheit" gemacht haben, möchte ich an dieser Stelle nicht kommentieren (Kreuzzüge, Ablasshandel usw.).

2.) Akzeptanz

Ein Finanzsystem ist immer nur so gut, wie die Akzeptanz durch die Menschen, die es nutzen. Die Bilder aus 2008, als Tausende von Kunden die Northern Rock Filialen stürmten, weil sie kein Vertrauen mehr hatten, sind mir noch gut in Erinnerung.

3.) Weitsicht (im Sinne von Nachhaltigkeit)

Wie schon bei einer Antwort vorher gesagt, fehlen heute den meisten Menschen langfristige Perspektiven, auch dass ist ein Zeichen mangelnden Vertrauens. Aber ein "nachhaltiges Geld- und Wirtschaftssystem" kann nur dann funktionieren, wenn man über seinen eigenen begrenzten Zeithorizont hinausschaut. Die aktuelle Diskussion über das "Für und Wieder" von Atomenergie macht das ganz deutlich:

Einmal von den schrecklichen menschlichen wie wirtschaftlichen Folgen eines Atomunfalls abgesehen, gibt es bis heute noch keine Lösung für die "Endlagerung" atomarer Abfälle. Das Problem wird achselzuckend auf nachfolgende Generationen verlagert, um kurzfristige eigene Bedürfnisse ("billiger Strom") zu befriedigen.

Vor einigen Tagen hörte ich im Gegensatz dazu ein schönes Beispiel von einem vorbildlichen Menschen, der ganz anders gehandelt hat. Seitdem geht mir dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf und ich nutze jetzt die Gelegenheit, es weiter zu verbreiten.

Ich bitte Sie (und alle LeserInnen dieses Interviews) sich bei Interesse einmal folgende Geschichte durchzulesen, wobei es reicht, sich den ersten Teil der Erzählung vom Schafhirten aus der Provence durchzulesen:

VERÄNDERE DIE WELT!

http://thewingsofcourage.com/blog/verandere-die-welt

Ich finde, dass sagt alles!

Wir können als Einzelne nicht diese Welt verändern, aber jeder kann in seinem persönlichen Umfeld dazu beitragen, sie etwas angenehmer für sich und andere (insbesondere unsere Nachkommen) zu gestalten. Das ist tatsächlich "Fürsorge" und "Vorsorge" in einem.

Ich bleibe dabei: "Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr!"

...wird in Teil 4 fortgesetzt.

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