Isfahan, Iran. Im Restaurant Ark, einem der angesagten Treffpunkte in Jolfa, dem armenischen Viertel der Stadt, unterhält Mohammed N. seine Gesprächspartner mit Anekdoten von einer zurückliegenden Europa-Reise. In Helsinki, seit einigen Jahren der Wohnort seiner Schwester, besuchte er abends alleine eine Kneipe.

„Nach ein paar Minuten kam so ein bulliger Typ auf mich zu, ein Finne, und fing an, mich zu beschimpfen. Irgendetwas ausländerfeindliches, so nach dem Motto, verpiss Dich Du Araber. Ich antworte ihm ebenfalls mit Beschimpfungen, auf Farsi. Wenig später tranken wir zusammen, unterhielten uns die ganze Nacht.  Vor ein paar Wochen war der Finne hier zu Besuch im Iran und war begeistert. Jetzt sind wir enge Freunde“, erzählt er lachend.

„Warst Du geschockt, als Ausländer beschimpft zu werden?“, fragt ein Mädchen aus der Runde, eine Schönheit mit grünen Augen, der eine kastanienbraune Haarsträhne ins Gesicht fällt, da sie ihr obligatorisches Kopftuch – wie die meisten jungen Frauen in den urbanen Quartieren - weit nach hinten geschoben hat.

„Nein“, antwortet Mohammed schmunzelnd. “Ich war geschockt als 'Araber' bezeichnet zu werden!“
Die Runde lacht, eher zurückhaltend als lauthals, basierend auf der für viele Iraner schmerzhaften Erfahrung, im Westen pauschal als Araber betrachtet zu werden, was den ausgeprägten Nationalstolz dieser nichtarabischen Nation verletzt.

Dabei handelt es sich hier nicht lediglich um eine für Linguisten und Ethnologen wichtige Information, sondern um eine der wesentlichen Grundlagen für das Verständnis der aktuellen politischen Situation im Land. Iraner sind weder sprachlich, kulturell noch ethnisch der arabischen Welt zuzurechnen. Farsi, die Staatssprache, ist ein indoarisches Idiom und aufs engste mit den indogermanischen Sprachen Europas verwandt. Der Islam kam etwa 642 nach Christus infolge der arabischen Invasion nach Persien und konnte sich erst nach Jahrhunderten von Aufständen und Revolten dort durchsetzen. Die Iraner haben sich damals für die schiitische Variante dieser monotheistischen Religion entschieden und der Iran ist bis heute der größte schiitische Staat der Welt. Mit einer Fläche von rund 1,6 Millionen Quadratkilometern und einer Bevölkerung von fast 80 Millionen Menschen gehört der Iran außerdem zu einem der 20 größten Staaten der Erde. Zusammen mit der Türkei und Israel ist der Iran einer von drei nichtarabischen Staaten des Nahen Ostens und zusammen mit diesen zählt er zu den politisch stabilsten und militärisch stärksten Kräften der Region.

Mohammed ist gerade von einem Trakking-Tour aus dem Zagrosgebirge zurück, wo er eine Gruppe von Touristen aus Deutschland und der Schweiz durch die majestätische Gebirgswelt im Süden des Iran geführt hat, auf den Spuren der dort ansässigen Bahktiari-Nomaden.

„Ich bin zwar aus Teheran, doch in den Bergen fühle ich mich richtig zu Hause!“, berichtet der Enddreißiger, der seine langen Haare zum Zopf gebunden trägt. Er stammt aus einer Familie von Bergsteigern im Iran eine Art Nationalsport und übt auch diesen Beruf aus.
Zur Zeit arbeitet er exklusive für das im rheinland pfälzischen Gerolstein ansässige Unternehmen Nomad-Reisen- dessen Inhaberin Julietta Baums regelmäßig nach Iran reist, um mit ihren Guides vor Ort neue touristische Pfade zu erkunden.

Der Tourismus im Iran boomt, nachdem das seit der Revolution verschlossene Land seine Tore zaghaft geöffnet hat und Isfahan ist eines der Hauptreiseziele.

Das Restaurant ist an diesem Nachmittag gut Besucht. Neben Einheimischen trifft man inländische Touristen an, vor allem aber viele Besucher aus dem Ausland, Europäer, Australier, zunehmend auch Ostasiaten.

Rund um das Restaurant entfaltet sich das Leben im Stadtviertel, welches nicht nur seinen armenischen, sondern auch seinen kosmopolitischen Charakter erhalten hat. Gleich gegenüber befindet sich die Vank-Kathedale und das armenischen Museum, in welchem sich kostbare Artefakte der reichen und tragischen armenischen Kulturgeschichte befinden, das alles flankiert von Hinweisen auf den Genozid an den christlichen Armeniern im untergehenden Osmanischen Reich, welcher vom Iran bedingungslos anerkannt wird, was in vielen westlichen Staaten nicht der Fall ist.

Mohammed verabschiedet sich von seinen Bekannten und  lädt den ausländischen Besucher zu einer Tour durch Isfahan ein. Vor dem Restaurant wird sein Kumpel Reza verständigt, der 10 Minuten später mit seinem Wagen eintrifft.

Reza steuert seinen Wagen zielsicher durch den dichten Verkehr, aus dem Autoradio erklingt die Stimme von Pharell Williams.

Über Isfahan, der zweitgrößten Stadt Irans, hängt ein orangener Nebel.

Reza, Anfang 30, hat Deutsch und Englisch studiert und versucht nun einen Quereinstieg in den Tourismus. Die Fahrt geht entlang der Hauptstraße Chahar Bagh, der Straße der vier Gärten, die im 17. Jahrhundert, als Isfahan Hauptstadt Persiens war, die Hauptachse des königlichen Gartenbezirks darstellte.

Für die ausländischen Besucher ist Isfahan eine orientalische Märchenstadt, ein urbaner Traum aus 1000 und einer Nacht. Für die Iraner eine liberale Metropole, das Tor zum Süden des Landes, reich an Geschichte und Kultur. Der zentrale Königsplatz, seit der Revolution 1979 zum Imam-Platz umbenannt gilt als die Sehenswürdigkeit der Stadt. Von drei Seiten wird die riesige grüne Fläche umrahmt, von der Imam-Moschee, dem Eingang zum ehemaligen Königspalast und der Scheich-Lotfollāh-Moschee der das Schiitentum zur Staatsreligion ernannte.

Reza berichtet von einem Besuch in Tehranangeles, wie viele Iraner scherzhaft Los Angeles nennen, aufgrund der vielen iranischen Einwanderer dort. Ungefähr 6 Millionen Iraner leben heute im Ausland. Nirgendwo auf der Welt leben aber, mit Ausnahme des Mutterlandes, so viele Iraner wie in Südkalifornien und insbesondere in Los Angeles. Die iranische Diaspora dort gehört zu einer der erfolgreichsten der Welt und Los Angeles ist ihre heimliche Hauptstadt. Alleine im Stadtteil Beverly Hills sind 20 Prozent der Einwohner iranischer Herkunft. Die iranischen Einwanderer haben sich weltweit, trotz staatlicher Einschränkungen und bürokratischer Hindernisse, angesehene gesellschaftliche Positionen aufgebaut. Die CNN-Journalistin Christine Amanpour, der Tennisspieler Andre Agassi oder der Gründer von e-Bay, Pierre Omidyan, sind nur einige Beispiele von vielen.

„Wenn die Amerikaner wüssten, wie amerikafreundlich wir hier sind“, erwähnt Reza, während er seinen Wagen in eine Parklücke manövriert,...