Die Wirtschaftsmedien beschäftigen sich heute aufgrund der Nachrichtenflaute mit den eingeleiteten Ermittlungen gegen Ex-Porschechef Wiedeking wegen des Verdachts auf Insiderhandel.

Was ist eigentlich Insiderhandel?

Hier geht es um die Ausnutzung von internen Informationen, die Außenstehende nicht haben können, um sich einen Vorteil beim Handel mit Aktien zu verschaffen. Machen wir es plastischer:

Der Vorstand des Unternehmens Pfefferminzia hat gerade hinter verschlossenen Ledertüren einen Übernahmevertrag mit dem Konkurrenten Schokoladia abgeschlossen. Schokoladia übernimmt Pfefferminzia für 100 Euro pro Aktie. Der Kurs von Pfefferminzia war zuletzt bei 70 Euro. Unmittelbar nach der Unterschrift ruft der Vorstand seine Schwiegermutter an und erzählt ihr von dem Deal. Beide kaufen jetzt in der nächsten Stunde an der Börse ein großes Paket Pfefferminzia-Aktien zu noch immer 70Euro. Von dem Übernahmevertrag weiß ja noch niemand. Kurz danach veröffentlicht er die Information über das Geschäft und der Kurs schießt auf 100 Euro hoch, denn das ist Schokoladia ja bereit zu zahlen.

Der Vorstand und seine Schwiegermutter freuen sich wie ein Schnitzel über die schnell verdiente Marie. Aber nicht sehr lange. Kurz darauf kommt ein Schreiben der BaFin (Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen). Man habe Ermittlungen wegen Verdachts auf Insiderhandel aufgenommen. Die Information kam zum Beispiel von der HÜST (Handelsüberwachungsstelle), die kurz vor Veröffentlichung der Nachricht ungewöhnlich hohe Umsätze festgestellt hat und über die Banken die Käufer ermittelt hat. Als dann der Name des Vorstandes erschien, hat man diese Informationen an die BaFin übergeben. Oder die beleidigte Ex-Frau des Vorstandes hat ihn bei der BaFin verpetzt oder….

Vorstand und Schwiegermutter machen sich schlau und es fährt ihnen mächtig der Schreck in die Glieder. Gemäß §38 Abs1 des Wertpapierhandelsgesetzes stehen auf Insiderhandel bis zu 5 Jahre Gefängnis!

Nach dem ersten Schock und einem Beruhigungsschnaps wird ihnen aber sehr schnell klar, dass sie nicht allzu viel zu befürchten haben. Denn leider sind unsere staatlichen Institutionen hier ausgesprochen schlecht aufgestellt. Aufgrund von Personalmangel, rechtlichen Grauzonen und vielen anderen Gründen, wird kaum ein untersuchter Insiderhandel mit einer Verurteilung abgeschlossen. Die allermeisten Ermittlungen verlaufen auch bei (zumindest von außen betrachtet) offensichtlicher Sachlage meist im Sande.

Ekkehard Wenger, Professor für BWL sagte einmal über die BaFin:

„Jede Polizeidienststelle, die solch einen Aufwand betreibt und solch eine miese Erfolgsquote hat, würde geschlossen.“

Nicht umsonst zieht es immer wieder die Lausbuben aus USA und Russland an die deutschen Märkte, um Kleinanleger mit abenteuerlichen Aktien, die Ihnen per Fax oder „Brandheißem Börsenbrief“ empfohlen werden über den Küchentisch zu ziehen. In Russland würden sie vermutlich im Gulag landen, die SEC in den USA würde sie für 20 Jahre wegsperren und in Deutschland versanden die Untersuchungen aufgrund diverser Unzulänglichkeiten und sie können die dicke Kohle mit in die Schweiz nehmen.

Der Vorstoß gegen Wiedeking ist mal wieder ein prominenter Untersuchungsfall und die Kursbewegungen der letzten Monate bieten genügend Grund für Untersuchungen. Aber zunächst einmal gilt die Unschuldsvermutung und ob sich das Gegenteil beweisen lässt ist aus vielfältigen Gründen mehr als fraglich.

Der letzte prominente Fall stammt aus dem Jahr 1993, als IGMetall Chef Steinkühler seinen Verwandten empfohlen hat Mercedes-Aktien zu kaufen, nachdem er erfahren hat, dass diese in Daimler-Aktien umgetauscht werden würden. Eine Verurteilung kam auch hier nicht zu Stande, allerdings nur, weil die Strafbarkeit erst 1995 eingeführt wurde ;-)

Vor den 80er Jahren war Insiderhandel ein Kavaliersdelikt und wurde quer durch die Republik wie selbstverständlich betrieben. Auch sogenanntes „Frontunning“ war normales Tagesgeschäft. Ein Makler, der von einer Bank den Auftrag bekam, im Laufe des Tages einen großen Posten Pfefferminzia-Aktien für diese Bank zu kaufen, hat sich erst mal selbst einige Aktien gekauft, weil er wusste, dass er mit diesem Auftrag in den nächsten Stunden den Kurs hochtreiben würde.

Heute kann man ein solches Verhalten weitgehend ausschließen. Die Risiken entdeckt zu werden sind immens, aufgrund der guten Arbeit der Handelsüberwachung. Die Konsequenzen für den Job und die Börsenzulassung währen „final“.

Der Vorstand in unserem obigen Beispiel ist ein „Primärinsider“, seine Schwiegermutter „Sekundärinsider“, da sie die Information nur mittelbar bekommen hat. Für die Verurteilung spielt das keine Rolle. Sehr wohl aber für die Beweisführung. Wie will das Gericht beweisen, dass der Vorstand der Schwiegermutter beim Kaffee von dem Deal erzählt hat? Vielleicht kam sie nur zufällig heute auf die Idee, gerade mal wieder Pfefferminzia-Aktien kaufen zu wollen, weil sie in einer Frauenzeitschrift von so einem schönen Produkt dieser Firma gelesen hat…. Das gelingt nur, wenn sich einer von beiden saublöd anstellt.

Insiderhandel bezieht sich nicht nur auf Aktien, sondern auch auf Optionen und jede Art von Wette, die aufgrund eines Börsenkurses abgeschlossen wird. Das Feld ist weit.