Die Banco Popolare reißt italienische Bankaktien einmal mehr mit sich in die Tiefe. Seit Jahresbeginn haben italienische Bankaktien im Durchschnitt um etwa 40% an Wert beziehungsweise an Marktkapitalisierung verloren. Die Gründe liegen auf der Hand. Die Banco Popolare berichtete vorgestern Abend über einen „überraschend“ hohen Nettoverlust im ersten Quartal dieses Jahres. Grund sind signifikant steigende Abschreibungen auf faule Kredite, die sich, so das Management, im laufenden Jahr noch potenzieren werden.

Ein Nettoverlust in Höhe von 314 Millionen Euro in den ersten drei Monaten dieses Jahres wurde hauptsächlich aufgrund von signifikant steigenden Abschreibungen im Hinblick auf uneinbringbare Kredite verursacht. Diese Abschreibungen beliefen sich auf insgesamt 684 Millionen Euro. Im Vergleich mit derselben Periode des Vorjahres entspricht dies einem Anstieg um das Vierfache.

Dabei wird es allerdings nicht bleiben. Laut der Nachrichtenagentur Reuters erklärte Vorstandschef Saviotti im Rahmen einer Telefonkonferenz mit Analysten, dass die vorgenommenen Abschreibungen erst der erste Schritt in Richtung eines geplanten Verkaufs von faulen und uneinbringbaren Darlehen im laufenden Jahr sei. Analysten wurden somit also auf weitere – und vielleicht noch – weitaus höhere Nettoverluste in den kommenden Quartalen eingestimmt.

Italiens Bankensektor steht auch aufgrund anderer Entwicklungen nach einem kurzen technischen Rebound abermals unter hohem Abgabedruck. An den Finanzmärkten wachsen die Bedenken, dass Italiens Banken erneut zusätzliches Kapital benötigen könnten, um Reserven für einen angedachten Verkauf von faulen Krediten zu bilden. Die Q1-Zahlen der Banco Popolare gaben darauf wohl nur einen Vorgeschmack.

Offiziell sind die in den Portfolien von italienischen Banken gehaltenen faulen und uneinbringlichen Darlehen nach einer langen Rezession auf über 360 Milliarden Euro geklettert. Allein im gestrigen Handel gab die Aktie der Banco Popolare in der Spitze um rund 15% an Wert ab. Innerhalb der vergangenen sieben Tage beliefen sich die kumulierten Kursverluste auf etwas mehr als 25%, wodurch das Papier der Banco Popolare auf ein neues Allzeittief befördert wurde.

Grund für die plötzliche Abschreibungsfreudigkeit bei der Banco Popolare ist die Aufforderung der Europäischen Zentralbank, den Gesamtumfang der durch das Institut gehaltenen faulen Kredite zuzugeben. Denn um sich für den Moment zu „retten“, hat das Management der Banco Populare eine baldige Fusion mit der Banco Popolare di Milano ins Auge gefasst.

Würde diese Fusion Realität werden, entstünde in Italien ein weiterer Bankenkoloss auf tönernen Füßen. Aus einer Fusion der beiden Institute würde die drittgrößte Bankengruppe des Landes hervorgehen. Die EZB hatte jedoch durchblicken lassen, diese Fusion nur dann zu genehmigen, wenn die Banco Popolare ihr Kreditportfolio transparent machen würde.

Wie jüngst bekannt wurde, hat die EZB die Banco Popolare zudem dazu aufgefordert, die eigenen Barmittelreserven zur prozentualen Abdeckung der im Kreditportfolio des Instituts gehaltenen faulen Darlehen von 60% auf 62% aufzustocken. Dabei dreht es sich allerdings nur um die am stärksten durch einen Zahlungsausfall bedrohten Darlehen.

Analysten und Experten geben sich überzeugt, dass auch andere italienischen Banken sich schon bald dazu gezwungen sehen werden, zusätzliches Kapital aufzunehmen, um deren Kreditportfolien gegen zunehmende Zahlungsausfälle „abzusichern“. Wie sich spätestens jetzt zeigt, hat sich die seit Mitte Februar einsetzende Erholung unter italienischen Bankaktien als kurzweilig erwiesen.

Damals lösten durch die italienische Regierung an die Öffentlichkeit lancierte Pläne zur Schaffung eines eiligst zu gründenden Fonds zum Zweck von Kapitalinjektionen in die schwächsten Kreditgeber des Landes eine Trendwende unter den Aktienkursen im Sektor aus. Angedacht war, Italiens Banken auf diese Weise staatlich zu stützen, um den schwächsten Instituten darüber hinaus auch faule Kredite abzukaufen.

Momentan werden die einst an insolvente Kreditnehmer vergebenen Darlehen unter Italiens Banken mit durchschnittlich 40% in Relation zu deren Nominalwert in den Bilanzbüchern geführt. Die Marktpreise liegen allerdings noch immer darunter. Nach mark-to-market erzielen diese Kredite im Höchstfall 30 bis 35 Cents pro Euro – und dies nur in dem Fall, falls der vergebene Kredit durch eine hochwertige Sicherheit unterlegt ist.

Die systemische Relevanz dieser Ereignisse wird nach wie vor allgemein ignoriert. Wie lang wird das noch möglich sein?