Im mittlerweile dicht bevölkerten Teich der Länder mit Schuldengrippe dreht ein besonders großer Fisch schon seit längerem seine Runden. In Japan ist das Schatzamt durch jahrelanges hartes Training, hartnäckige Budgetdefizite und zahllose erfolglose Konjunkturprogramme ebenso gewohnt wie die stetig wachsende Staatsverschuldung…

Allen fruchtlosen Maßnahmen zum Trotz wird mit Disziplin und Ausdauer von neuen Konjunkturmaßnahmen, finanziellen Lockerungen und einer „Stabilisierung der Staatsschulden“ gesprochen. Was genau bei absurd niedrigen Zinsen noch gelockert werden soll bleibt offen.

Angesichts der verfahrenen Situation und einer bizarren Schuldenquote der öffentlichen Hand, die bei rund 200% des BIP liegt, dürfen sowohl die avisierten Maßnahmen als auch geäußerte Durchhalteparolen getrost in der Akte „Kabarett“ abgeheftet werden. Diese Schulden werden – wie auch die vieler anderer Länder etwa in Europa – nicht in der ausstehenden Summe zurückgezahlt werden. Das ist wenig überraschend, wird aber umso überraschender selten erwähnt. Oft heißt es vielmehr, man dürfe etwas derartiges nicht sagen, es könne „die Märkte“ beunruhigen. Eine solche Aussage aus dem Mund eines so genannten Repräsentanten setzt schon einen gesunden Humor voraus. Es ist davon auszugehen, dass die meisten Bondhändler auf dem Globus sich der Situation nicht erst seit gestern bewusst sind.

Gerne in den Hintergrund gedrängt werden in der allgemeinen Debatte um Schuldenstände und Zinspegel die Gesamtstände privater und staatlicher Schulden. In Japan führt eine Aufsummierung der öffentlichen, privaten und unternehmerischen Außenstände zu einer Quote von mehr als 500% vom BIP. In UK liegt der entsprechende Wert übrigens auf vergleichbarem Niveau. Die sprichwörtliche Geduld einer waity Katy dürfte den Gläubigern beider Inselstaaten folglich gut zu Gesicht stehen.

Neben den Problemen einer geplatzten Immobilienblase, die auch in mehr als 20 Jahren nicht vollständig gelöst werden konnten, droht Ungemach unter anderem von der demografischen Seite. Man mag den Verweis auf langfristige Entwicklungen kritisieren, sie zu missachten könnte sich aber als grober Fehler herausstellen. Die Bevölkerungsentwicklung in Japan ist nach einigen Dekaden, die von einer konstant sinkenden Geburtenrate gekennzeichnet waren, vor einiger Zeit in den negativen Bereich gesunken. Die Bevölkerung des Inselreiches schrumpft.

Die sinkende Geburtenrate und die anhaltend schwierige wirtschaftliche Entwicklung haben auch in den volkswirtschaftlichen Daten ihren Spuren hinterlassen. Während die eine oder andere Fondsgesellschaft möglicherweise „Renter-Konsum-Baskets“ auflegt, die sich vorwiegend in Aktien des Gesundheits- und Reisesektors tummeln, vergessen die Strategen vielleicht die Kehrseite der Medaille. In Japan ist diese nun in der Gegenwart zu beobachten.

Die Zahl derjenigen Menschen, die sparen können, ist gesunken. Die Zahl der Menschen, die ihre Ersparnisse ausgeben – dafür wurden sie schließlich angelegt – steigt. Die über Dekaden trotz sinkender Sparquote halbwegs stabile Finanzierung des japanischen Haushalts mit Spargeldern der eigenen Bevölkerung steht auf tönernen Füßen. Die Gelder der Japaner selbst werden in Zukunft nicht mehr ausreichen. Andere Geldquellen sind nötig, um die Anleihen des Schatzamtes an die Frau oder den Mann bringen zu können. Die Frage ist, wer findet Anleihen eines extrem verschuldeten Landes, die im zehnjährigen Laufzeitband mit gerade einmal 1,2% rentieren, attraktiv? Und wer will das Währungsrisiko tragen? Fragen Sie doch einmal spaßeshalber bei der Schweizer Nationalbank nach, was die Damen und Herren zum Thema Währungsverluste zu sagen haben.

Geld wird Japan weiterhin brauchen. Hat es schon in Dekaden der fast weltweit blühenden Konjunktur nicht mit einer strukturellen Problemlösung geklappt, so wird dies vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Schuldenproblematik in Amerika und Europa zu einer Unmöglichkeit. Mit ausgeglichenen Haushalten ist auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Als Industrieland mit nicht sonderlich ausgedehntem und vielerorts sehr schwer gangbarem Territorium, das seinen Rohstoffhunger größtenteils im Ausland decken muss, gibt es als weiteres Problem die Abhängigkeit von der Währungsentwicklung.

Der allen Schuldenständen zum Trotz über Jahre nachhaltig starke Yen wird gerne als Belastungsfaktor dargestellt. Im deutschsprachigen Raum kennen wir die ewigen Talkshow-Tiraden über die seligmachende Wirkung einer schwachen Währung. Wir halten davon nichts, betrachtet diese schlichte Einordnung doch lediglich eine Seite der Gleichung. Die Japaner werden sich vermutlich hüten, eine sehr rasche und deutliche Abwertung ihrer Währung bei einer aufkommenden Schuldendebatte ungestört geschehen zu lassen. Sollte der Yen allerdings beginnen, zu deutlicher Schwäche zu neigen, wird es sehr schwer werden, sich gegen die Tendenz zu stemmen. Ebenso wie bei einem zu starken Anstieg ist zwar mit Interventionen seitens der Zentralbank zu rechnen, diese werden sich allerdings dauerhaft als ebenso erfolglos entpuppen, wie dies schon im aktuellen Aufwertungsszenario der Fall war.

Es mag zwar schön sein, sich vorzustellen, wie die Preisschilder an den Autos im Ausland kleinere Zahlen ausweisen. Zunächst einmal ist es fraglich, ob das überhaupt der Fall ist, wenn man alle Inputfaktoren aus dem Ausland einführen muss und die Lohnempfänger von ihren Einnahmen vielleicht den ein oder anderen Importartikel – wie wäre es mit Weizen? – kaufen wollen.

Wie in der BRD sitzt man in Japan nicht eben auf überquellenden Erzlagern. Noch übler sieht es bei der Energieversorgung aus. Hier hängt Japan genauso am Tropf wie die aufgekratzten XL-Aufschwüngler, die es in der Tat schaffen, gleichzeitig eine Schwachwährung als Exporthilfe zu feiern und dubiose Spekulanten wegen eines steigenden Ölpreises zu geißeln.

Ein Blick auf die Pipelines in Japan.

Beim Gas sieht es noch schlimmer aus.

Den Verlauf bei der Kohle ersparen wir Ihnen an dieser Stelle, Sie können Ihn anhand der oben stehenden Darstellungen ableiten.

Solange es mit den Exporten klappt – der Energieimport steigt natürlich auch durch steigende Produktion – ist dies händelbar. Nichtsdestotrotz existiert eine vollkommene Abhängigkeit von Inputfaktoren, deren Kosten direkt an der eigenen Währung hängen. Eine allzu leichtfertige Äußerung über wunderbare Exporthilfen greift hier zu kurz, denn eine Schwachwährung trifft sämtliche eingeführten Produkte – darunter neben Energieträgern unter anderem auch Lebensmittel.

Ob das japanische Produktivitätswunder noch vorhanden ist, ist fraglich. Angesichts vor allem technologisch rasch aufholender oder auch überholender Staaten ist die Situation alles andere als einfach. Ein interessantes Beispiel ist diesbezüglich der wieder stärker segmentierte globale Automobilsektor mit einer größeren Zahl konkurrenzfähiger Produzenten, wie etwa den südkoreanischen Herstellern.

Auch das BIP pro Kopf befindet sich in Japan auf dem Rückzug (in bester Gesellschaft, wie die Grafik zeigt).

Die aktuelle Entwicklung, eine Kombination aus stagnierender Wirtschaftsleistung und schrumpfender Bevölkerung, deutet vorerst auf eine Fortsetzung der Entwicklung hin.

Der Sprecher der japanischen Regierung sieht die finanzielle Lage ebenfalls nicht rosig.

(Bloomberg) Japan’s top government spokesman said the country’s fiscal situation is “approaching the edge of a cliff,” underscoring Prime Minister Naoto Kan’s call for a national debate on raising the 5 percent sales tax.

Japan is “expressing his deep sense of crisis and resolution about the sustainability of social security as the aging population increases under a low birth rate,” Chief Cabinet Secretary Yoshito Sengoku told reporters today in Tokyo. “The supporting fiscal conditions don’t allow for any delays, it’s finally approaching the edge of a cliff.”

Keine allzu neue Erkenntnis, aber eine klare Ansage. Wenn das mal nicht die Märkte beunruhigt.

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