Kapital hat eine rationale Logik, es wird dahin gehen, wo es Geld verdienen kann, es wird logische Entscheidungen treffen, wo und wie es investiert. Wenn ihm eine bestimmte Region oder eine bestimmte Industrie nicht gefällt, geht es woanders hin. Regierungen und Gesellschaften, die sich dieser Marktlogik entziehen, werden bestraft.“ Und dies ist ein Spiel ohne Grenzen, ohne Limits und ohne Regeln.

In den letzten zehn Jahren haben sich die schnell wechselnden Kapitalströme zu einer echten Gefahr für die Weltökonomie entwickelt. Der Einfluss der internationalen Kapitalströme auf die Weltwirtschaft ist mittlerweile enorm und nimmt ständig zu. Besonders der Mittelzufluss in Entwicklungs- und Schwellenländern (Kapitalempfänger) steigt seit Jahren drastisch. Schon 2011 rechnete der IWF mit einem Nettozufluss für diese Staaten von 960 Mrd. Die Industriestaaten spielen dabei den Gegenpart als Kapitalsender. Das Kapital verhält sich dabei wie eine Biene. Es fliegt von Blume zu Blume auf der Suche nach dem süßesten Nektar. Es ist unbestritten, das mit der Liberalisierung der Weltökonomie und der Finanzmärkte viele positive Effekte für die Weltwirtschaft verbunden sind. Die zunehmende Abhängigkeit von Entwicklungsländern - aber auch manchen Schwellenländern -  vom internationalen Geldstrom, birgt jedoch auch große Gefahren für die Stabilität der Weltwirtschaft und der Finanzmärkte.

Gefahr der Abhängigkeit

Der Kapitalstrom ist Geld, das zu Investitionszwecken von einem Land in einen anderen Markt (Land) transferiert wird. Länder mit der höchsten Investitionsrendite infolge hoher Zinsen, Wirtschaftswachstum und Wachstum an den inländischen Finanzmärkten ziehen in der Regel das meiste ausländische Kapital an. Diese Länder haben einen positiven Kapitalfluss. Wenn der Aktienmarkt eines Landes gut dasteht und hohe Zinsen geboten werden, dann werden ausländische Quellen mit hoher Wahrscheinlichkeit Kapital in das Land investieren. Besonders kleinere Länder können abhängig vom ausländischen Kapital werden, das zunächst für „blühende Landschaften“ sorgen kann. Aber im Falle einer Krise wird das Geld dann plötzlich wieder abgezogen. Kleinere Volkswirtschaften trifft eine Finanzkrise -wie 2008- doppelt hart. Es verhält sich wie mit Ebbe und Flut. Bei Flut presst das Geld in Länder mit hohen Zinsen, hohem Wirtschaftswachstum und attraktiven Börsen. Es werden Kredite verstärkt nachgefragt und auch vergeben. Im Falle einer externen Krise oder internen Verschlechterung der Rahmendaten erfolgt dann übergangslos die Ebbe. Plötzlich und konsequent ziehen ausländische Investoren das Geld wieder ab.  Das Ergebnis ist das die Finanzmärkte des Landes kollabieren, die Immobilienpreise fallen und die Banken auf ihren „faulen Krediten“ sitzen bleiben, weil die Schuldner nicht mehr zahlen können. Diese Effekte eine Abwärtsspirale verstärken sich mit zunehmender Abhängigkeit vom Fremdkapital

Gefahr der Spekulation

Die internationalen Kapitalströme haben sich innerhalb der letzten Jahrzehnte vervielfacht. Zunächst  floss das Geld hauptsächlich innerhalb der Industrienationen hin und her. Doch im letzten Jahrzehnt verstärkte sich zusehends die Sogwirkung der Volkswirtschaften der Schwellenländer. Die Globalisierung der Weltökonomie ist dafür als Auslöser auszumachen.  Durch die Revolution der Informations- und Kommunikationstechnik (IuK) wurde es der Wirtschaft ermöglicht die industriellen Produktionsabläufe zu Segmentieren und zu internationalisieren. Waren wurden so auch fortan vermehrt im  Absatzmarkt direkt hergestellt.  Das einzige was dazu nötig war, waren Kapitaltransaktionen in größerem Ausmaß. Diese großvolumigen Finanztransaktionen wurden erst durch die weltweite Liberalisierung des Handels und der Finanzmärkte möglichst. Diese Direktinvestitionen sind auch heute noch ein wesentlicher Bestandteil der weltweiten Kapitalströme. Doch auch Finanzjongleure erkannten bald den großen Vorteil von schnellen Finanzumschichtungen. Investoren legen in stetig steigendem Volumen ihr Geld in Finanz- und Immobilienmärkten von Schwellenländern an. Die Zinsen und das Wachstum sind hoch und die Börsen- und Immobilienpreise steigen durch kontinuierlichen Kapitalzufluss. Noch im Jahre 2007 flossen 550 Mrd. USD in Schwellenländer. Doch nach der Flut kommt die Ebbe. Mit der Krise brach der Kapitalstrom plötzlich ab. Die Industrieländer brauchten nun das Kapital selbst um Schulden zurück zu zahlen. Drei Jahre später fiel die Investitionssumme in der Krise um bis zu 90% auf kurzfristig unter 50 Mrd. USD. Spätestens damals wurden die Risiken offensichtlich.  

Aber bereits im Jahre 1999 versuchte der Internationale Währungsfonds erfolglos internationale Stabilisierungsmaßnahmen zur besseren Kontrolle von Geldströmen durchzusetzen. Die Asienkrise von 1997/1998 war der Grund für die Bemühungen des IWF und gilt seither als perfektes Beispiel für die Schattenseiten, die die internationalen Kapitalströme haben können. In Indonesien, Südkorea, Thailand und indirekt auch in Japan machte sich die Finanz- Währungs- und Wirtschaftskrise hauptsächlich bemerkbar. Die Grundlage der Krise waren zuvor hohe ausländische Kapitalzuflüsse, welche in die boomenden Volkswirtschaften dieser Länder drängten. Niedrigen Zinsen sorgten dann für eine Kreditblase und zu ausufernden Investitionen auf Pump. Die Kredite wurden meist in Fremdwährungen (Dollar, Yen) abgeschlossen und die Zinsen wurden oftmals, ohne Absicherung, nur kurzfristig festgeschrieben. Das führte dazu, dass in den genannten Ländern die Auslandsschulden phasenweise die eigenen Währungsreserven überstiegen. Japan steckte bereits zu dieser Zeit in einer schweren Rezession und wurde durch die anschließende Wirtschaftskrise Thailands und Südkoreas mit in die Krise verwickelt. Das Abhängigkeitsverhältnis von Fremdkapital war zu diesem Zeitpunkt bereits fortgeschritten. Als nun erste Zweifel an einer Fortführung des Wirtschaftsbooms aufkamen und die Überschuldung der Länder immer deutlicher wurde, zogen die ersten Investoren Geld ab. Erste Finanzinstitute bekamen Zahlungsprobleme und die Lawine kam ins Rollen. Immer mehr Investoren zogen ihr Geld ab und die kurzfristigen Kredite liefen aus. Liquiditäts-Schock. Immobilienpreise stürzten ab. Börsenkurse fielen. Die Blase platze und der IWF musste mit Krediten aushelfen. Viel zu spät, wie einige Kritiker meinen.

Um derartige Krisen künftig zu verhindern und Lösungswege aufzuzeigen, müssen zunächst genaue Analysen durchgeführt werden Um diese Analyse durchzuführen braucht es genaue Daten über grenzüberschreitende Kapitalbewegungen. Ausführliche Daten über die Zu- und Abflüsse der Länder. Und bereits da fangen die Probleme an, denn es gibt von vielen Volkswirtschaften - besonders von Empfängern von Kapital -  kaum verlässliche Statistiken über deren Kapitalströme. Teilweise wollen viele Staaten keine Daten an internationale Institutionen weitergeben. Und teilweise verfügen viele Länder einfach über keine genauen Zahlen aus Mangel an vernünftigen Strukturen. Deshalb ist der IWF in seinen Berechnungen sehr stark von Schätzungen abhängig. Die Schätzungen ergeben aber einen deutlichen Trend. Während bis zum Ende des Jahrtausends das Kapital hauptsächlich innerhalb der Industriestaaten floss, erhalten nun immer mehr Schwellen- und Entwicklungsländer Kapitalzuflüsse aus den OECD-Staaten. Der IWF erwartet im Jahr 2012 über 1 Bill. USD an Netto-Zuflüssen in solche Länder.

Die ansteigenden Geldbewegungen und die damit verbundenen Risiken machen geeignete Gegenmaßnahmen unausweichlich. Doch bisher ist dem IWF und anderen Institutionen nur wenig dazu eingefallen. Ein Instrument, das immer wieder ins Spiel gebracht wird, sind Kapitalverkehrskontrollen. Doch diese gelten in Zeiten des Freihandels als nicht mehrheitsfähig.

Viele Risiken für die Weltwirtschaft sind mit den internationalen Kapitalströmen verbunden. Bisher weiß man zu wenig über die direkten und indirekten Faktoren die diese beeinflussen. Es wird höchste Zeit die Bemühungen zu verstärken, um effektive Mittel zu finden, den Geldfluss in Zukunft besser kontrollieren zu können. Das ist die große Herausforderung der Zukunft.

 

Oliver Roth

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