Bandwurmsätze, abstrakte Begriffe, zusammengesetzte Wörter und Bandwurmsätze – Verständlichkeits-Index von Professor Brettschneider / Uni Hohenheim – Unter den DAX-Managern Obermann / Telekom am besten – Reizles Rede / Linde nicht viel besser als eine Doktorarbeit

Schon mehrfach (vergl. cashkurs vom 31.5.2012 und 26.3.2010) hatten wir Aktionären empfohlen, soweit möglich die Hauptversammlungen ihrer Unternehmen zu besuchen. Schließlich können dort Erkenntnisse gewonnen werden, die in keiner Finanzanalyse stecken; zum Beispiel Hinweise auf die Qualität des Managements. Doch nun schüttet uns ein Professor Wasser in den Wein.

Gemeint ist Professor Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Er hat, natürlich mit Hilfe einer Verständlichkeits-Software, untersucht und herausgefunden, dass die von unseren DAX-Spitzenmanagern gehaltenen Hauptversammlungsreden nicht gerade vor allgemeiner Verständlichkeit strotzen. Sein Verständlichkeits-Index reicht von 0 (formal so verständlich wie eine Doktorarbeit) bis 10 (formal so verständlich wie Radio-Nachrichten). Dabei ermittelt seine Software u.a. den Abstraktheitsgrad der Reden, den Fremdwörter-Anteil und die Satzkomplexität.

Am verständlichsten: Telekom-Chef Obermann

The winner is Telekom Chef Redé Oberman mit einer Note von 7,2 im Verständlichkeits-Index. Es folgen, vergl. Tabelle, BMW-Chef Norbert Reithofer und Peter Bauer von Infineon. Die formal unverständlichste Rede hielt der Vorstandsvorsitzende von Linde, Wolfgang Reitzle mit einem Wert von lediglich 1,0, dicht gefolgt von Fresenius-Chef Ulf M. Schneider und Olaf Koch von der Metro. Brettschneider resumiert, dass mit einem Durchschnittswert von nur 3,8 im Verständlichkeits-Index vielfach die Chance verschenkt wird, mit den Reden eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. „Sie denken offenbar vor allem an Analysten, Finanz- und Wirtschaftsjournalisten, wenn sie ihre Rede halten“, und offensichtlich weniger an die breite Anlegerschaft.

Als Verständlichkeitshürden werden im wesentlichen Bandwurmsätze, abstrakte Begriffe, zusammengesetzte Wörter und nicht erklärte Fachbegriffe herausgefiltert. Zusammengenommen ergebe das Kauderwelsch statt Klartext. Und dabei sollte doch gelten, dass nur der die Aktionäre überzeugen kann, der auch verstanden wird. Also folgende Grundregel: kurze Sätze, gebräuchliche Begriffe, Fachbegriffe übersetzen und zusammengesetzte Wörter möglichst vermeiden. Allerdings, so wird auch angemerkt, ist die formale Verständlichkeit nicht das einzige Kriterium, von dem die Güte einer Rede abhängt. Wichtiger sei noch der Inhalt. Und dazu kommen Kriterien wie der Aufbau der Rede und der Vortragsstil, also – Anmerkung des Autors dieser Zeilen nach dem Besuch von einigen Hundert Hauptversammlungen - nicht pflichtbewusst runterleiern.

Ein Bandwurm-Beispiel von Reto Francioni

Machen wir es nicht zu lang, zum Abschluss deshalb nur ein Beispiel für den „Bandwurmsatz“ von unserem Schweizer Freund Reto Francioni von der Deutschen Börse auf der diesjährigen Hauptversammlung: „Hätten wir die Chance, die sich aus der industriellen Logik und den vielen Vorteilen für die Kapitalmärkte ergeben hätten und die von Ihnen nachvollzogen wurden und zu einer überragenden Akzeptanz des Zusammenschlussvorhabens von über 97 Prozent geführt haben, nicht zu nutzen versucht, hätten wir eine großartige Gelegenheit in Ihrem Interesse und im besten Interesse der Gesellschaft zur – in der Verantwortung des Vorstands liegenden – Fortentwicklung unseres Unternehmens verstreichen lassen.“ (68 Wörter, fügt die Studie hinzu!!).

Aber im nächsten Jahr wird sicher alles besser. Einerseits gewöhnen wir Aktionäre uns an das Vorstands-Kauderwelsch und sind sukzessive dann in der Lage, immer mehr davon zu verstehen. Andererseits machen aber eventuell auch die HV-Redner - bzw. ihre Redenschreiber -  Fortschritte, indem sie an uns armen Zuhörer denken.

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