Gastbeitrag von Prof. Dr. Christian Kreiß, Hochschule Aalen


Hier geht es zum ersten Teil dieses Gastbeitrages.


Machtkonzentration und soziale Krebsbildung

Durch die soeben geschilderten Umverteilungsflüsse nimmt die Ungleichverteilung ab einem bestimmten Zeitpunkt also immer stärker zu. Und in der Tat kann man das für fast alle Länder der Welt und in fast allen Regionen feststellen: Fast überall nahm seit etwa 1980 die Ungleichverteilung sowohl der Einkommen wie der Vermögen zu. Das hat bestimmte ökonomische Auswirkungen.

Steigt die Ungleichverteilung, so steigt normalerweise auch die Sparquote in dem betreffenden Land und damit die Summe des anzulegenden Kapitals. Durch die steigende Menge an Kapital entsteht tendenziell Druck auf die Zinsen. Genau dies trat in den letzten Jahrzehnten in fast allen Ländern ein. Kapital war in großer Fülle vorhanden, die Kreditstandards seitens der Banken wurden teilweise dramatisch gelockert, wie zahlreiche Beispiele zeigen und wie ich selbst zu meiner Zeit als Investment-Banker zwischen 1995 und 2002 erlebt habe.

Weltweite Blasenbildungen

Weltweit betrachtet hat das in den letzten 35 Jahren exponentiell wachsende Kapitalangebot die Zinsen gedrückt. Die stetig wachsenden Kapitalmassen suchten international nach rentierlichen Anlagemöglichkeiten. Diese (über)reichlich zur Verfügung stehenden „vagabundierenden“ Geld- bzw. Kapitalmittel führten weltweit zu hohen Investitionen in Sachanlagen aller Art. Wo ist das Problem? Sind Investitionen nicht gut und segensreich, weil sie uns einen höheren Lebensstandard in der Zukunft ermöglichen? Nehmen wir den Hausbau: solange die Menschen kein Dach über dem Kopf haben ist der Bau neuer Häuser ein Segen. Wenn jedoch alle eine Wohnung oder ein Haus haben und es werden weiterhin immer neue Häuser gebaut, dann wird das zum Fluch. Das sieht man zum Beispiel an Spanien seit 2007. Die Spanier bauten über viele Jahre viel mehr Häuser als sie brauchten und stecken daher seit 2007 in einer tiefen Depression, weil die gesamte Baubranche kollabierte. Der spanische Ökonom Montalvo sprach daher 2008 von einem Immobilientumor in Spanien, eine sehr zutreffende Bezeichnung. 

Wenn man also des Guten zu viel tut, besteht durchaus die Gefahr, dass es schädlich wird. Und genau hier liegt die Hauptursache der derzeitigen globalen finanziellen und wirtschaftlichen Verwerfungen. Die wachsenden Kapitalmassen führten über niedrige Zinsen zu weltweiten Überinvestitionen, zu krebsartigen Investitionen in praktisch alle Arten von Anlageobjekten: nicht nur in Immobilien, sondern auch in Unternehmensanteile, Rohstoffe, Nahrungsmittel, Gold, und vor allem: in reale Produktionsanlagen wie Maschinen, Gebäude und Infrastrukturanlagen.

Die Weltwirtschaftslage 2016: Ähnlich wie 1929 ist eine tiefe Bereinigung überfällig

Die Abbildung „tatsächlicher versus nachhaltiger Wachstumspfad“ stellt den stilisierten Verlauf des weltweiten Wirtschaftswachstums von 1980 bis heute dar. Die untere Linie zeigt das Wachstum der Masseneinkommen und damit den nachhaltigen Wachstumspfad der Nachfrage durch die privaten Haushalte, der aus eigener Kraft, aus nachhaltigem Einkommen möglich gewesen wäre. Die steiler ansteigende, obere, durchgezogene Linie beschreibt den stilisierten tatsächlichen Wachstumspfad der letzten 35 Jahre. Die Lücke dazwischen, der Keil, der sich innerhalb dieser Jahre gebildet hat, verdeutlicht, inwiefern das Masseneinkommen und damit auch die Massenkaufkraft als Folge der Ungleichverteilung hinter dem Wachstum des Sozialprodukts zurückgeblieben sind. Ein paar Zahlen dazu aus den USA: Das reale BIP pro Kopf der USA wuchs zwischen 1978 und 2011 laut Regierungsangaben von 100 auf 173, also real um 73 Prozent. Die Medianeinkommen stiegen im gleichen Zeitraum real laut offiziellen Angaben dagegen lediglich von 100 auf 105. Damit stellt sich die Frage: Wer hat eigentlich die ganzen Burger gegessen? Wer hat die vielen Autos, Bildschirme, Kühlschränke, die produziert wurden, eigentlich gekauft, wenn doch die Massennachfrage nur um 5 Prozent gestiegen ist, das Angebot hingegen um 73 Prozent?

Die Antwort ist einfach: Das wurde über Kredite finanziert. Die Leute sind shoppen gegangen ohne das Geld dafür in der Tasche zu haben. In den Industrienationen erhöhte sich die reale, inflationsbereinigte Verschuldung der privaten Haushalte von 1980 bis 2010 auf das Sechsfache. Vermutlich weit über 100 Millionen Familien weltweit (und einige Länder) haben in den letzten 30 Jahren deutlich über ihre Verhältnisse gelebt, sie haben mehr ausgegeben als eingenommen und die künstliche Nachfrage durch höhere Verschuldung finanziert. Langfristig wäre aber im Grunde genommen lediglich die untere Linie des Wirtschaftswachstums möglich gewesen. Denn Massenproduktion setzt Massennachfrage und damit Massenkaufkraft und Masseneinkommen voraus. Nachhaltig können Produktion und Wirtschaft also nur wachsen, wenn die Massenproduktion der tatsächlichen Kaufkraft entspricht. Dass dennoch die obere Wachstumslinie erreicht wurde, lag an der künstlich überhöhten Nachfrage, die durch Millionen Kredite für Privathaushalte finanziert wurden.

So entstand ein auf Pump und damit auf Sand gebautes Wirtschaftswachstum in Höhe des Keils zwischen den beiden durchgezogenen Linien. Wie groß der Keil in etwa ist, zeigen die oben angeführten Zahlen aus den USA: Dort wurden gewaltige Überkapazitäten geschaffen, die nun bereinigt werden müssen. Die Lücke könnte, wenn man ähnliche Daten wie aus den USA auch auf den Rest der Welt überträgt, eine Größenordnung von bis zu einem Drittel der Weltindustrieproduktion haben. Kurzum: Etwa jede dritte bis vierte Produktionsanlage weltweit wird überhaupt nicht gebraucht und müsste in den kommenden Jahren stillgelegt werden! Was das für Arbeitslosigkeit und soziale Entwicklungen bedeuten würde, kann man nur erahnen.

Was tun?

Die Antwort ist eigentlich verblüffend einfach: Wir brauchen nur die falschen und schädlichen Trends der letzten etwa 35 Jahre rückabwickeln.

1. Entweder auf einen Schlag durch eine einmalige Vermögensabgabe von etwa 30 Prozent auf alle Vermögen nach Abzug von Freibeträgen von vielleicht einer Million Euro pro Kopf.

2. Oder durch eine spürbare Erhöhung der Erbschaftssteuer auf beispielsweise 50 Prozent mit Freibeträgen von denkbar ein bis zwei Millionen Euro pro Empfänger. Erbschaften sind ja der Inbegriff von leistungslosen Einkommen. Pro Jahr werden derzeit in Deutschland etwa 300 Milliarden Euro vererbt, davon allein 100 Milliarden durch die wohlhabendsten Deutschen, die lediglich 1 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen. Die real bezahlte Erbschaftssteuer beträgt zurzeit etwa 5 Milliarden Euro pro Jahr. Damit liegt unser Erbschaftssteuersatz momentan bei etwa 1,7 Prozent. Das verfestigt die Ungleichheit und die ungleichen Startchancen in unserem Land.

3. Oder durch eine allmähliche Rückabwicklung in den nächsten 35 Jahren. Statt immer mehr Geld „von fleißig nach reich“ wandern zu lassen wie bisher, das Gegenteil tun: Das Geld „von reich nach fleißig“ fließen lassen. Die Mittel dazu sind im Prinzip auch ziemlich einfach: Drei Hauptvermögensarten wären zu belasten, beispielsweise:

a) Eine Vermögenssteuer von 3 Prozent des tatsächlichen Marktwertes auf nicht selbst genutzten bzw. bearbeiteten Grund und Boden inklusive Immobilien. Von dieser Steuer nicht betroffen wären beispielsweise Familien, die im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung wohnen, oder der Landwirt, der seinen eigenen Grund und Boden bearbeitet. Großgrundbesitz hingegen würde besteuert. De facto wären von dieser Steuer lediglich 10 bis 18 Prozent der Deutschen betroffen. Das Argument der Steuerflucht zieht hier nicht, denn Grundbesitz kann sich nicht in die Schweiz absetzen.

b) Eine Vermögenssteuer auf Unternehmenseigentum in Höhe von 3 Prozent des tatsächlichen Markt- bzw. Verkehrswertes pro Jahr bei Berücksichtigung eines Freibetrages von möglicherweise 2 Millionen Euro. Diese Steuer müssten maximal 10 Prozent aller Bundesbürger entrichten.

c) Einführung von umlaufgesichertem Geld, wie z.B. in der kleinen Gemeinde Wörgl in Österreich 1932/33. Dieser Ort führte Ende 1932 für gut 12 Monate Schwundgeld ein, Geld, das jeden Monat ein wenig an Wert verlor. Daraufhin  wurde das Geld nicht weiter gehortet, sondern ausgegeben und es setzte ein deutlicher Wirtschaftsaufschwung ein, während in den anderen Landesteilen Österreichs sich die Depression weiter verschlimmerte. Als Ende 1933 das Schwundgeld mit Gewalt eingestellt werden musste, verfiel Wörgl zurück in die Depression.

Mit den hierdurch eingenommenen Mitteln von deutlich über 100 Milliarden Euro jährlich könnte man im Gegenzug die Sozialversicherungsbeiträge oder die Einkommensteuersätze für Niedrigverdiener senken. Dadurch wäre das oben beschriebene Problem der Unterkonsumtion bzw. der Überkapazitäten gemildert oder sogar gelöst. Wir stünden nicht vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch, sondern hätten das Problem mit Vernunft statt mit Unvernunft, wie es heute geschieht, gelöst. Das gilt auch für Griechenland oder Spanien, deren massive Konjunkturprobleme durch die obigen Maßnahmen problemlos lösbar wären. Würde man die Reichen und Superreichen stärker zur Finanzierung der Staatsfinanzen heranziehen statt die kleinen Leute, wie man es derzeit macht, hätten sich die Konjunkturprobleme in diesen Ländern erledigt. Diese drei Maßnahmen würden einen Geldstrom von reich zu fleißig auslösen, anstatt den derzeitigen riesigen Geldstrom von fleißig nach reich weiter zu perpetuieren.

Zunehmende Ungleichverteilung

Oxfam: 62 Menschen haben ebenso viel Vermögen wie 50% der Erdbevölkerung


Website von Christian Kreiß: www.menschengerechtewirtschaft.de

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