Das deutsche Bildungswesen leidet an chronischem Geldmangel. Wie im 1. Teil erläutert, greifen Unternehmen und Interessenverbände den Schulen in punkto ökonomische Bildung unter die Arme, indem sie als Sponsor auftreten. Dabei sind dies jedoch fragwürdige Praktiken, weil die Förderer ihre Eigeninteressen stark mit einfließen lassen. Die Unternehmen und Interessensgruppen nehmen ebenfalls massiven und zunehmenden Einfluss auf die Hochschulen. Die Kooperationen zwischen den öffentlichen Bildungseinrichtungen und der Wirtschaft (Private-Public-Partnership) wird in der Außenkommunikation als Win-Win-Situation dargestellt. Derartige Maßnahmen im Hochschulwesen bringen jedoch auch bedenkliche Konsequenzen mit sich. Die Gefahr, dass die Freiheit von Forschung und Lehre - wie etwa durch Lehren einseitiger wirtschaftstheoretischer Dogmen oder enormen Einfluss der Wirtschaft auf Lehrkonzepte - unterhöhlt wird, ist offenbar gegeben. Die Folgen dieser Kooperationen reichen zudem in wirtschaftspolitische Entscheidungen hinein.

Studieren im Aldi…?

… könnte man fast denken, wenn man den Begriff "Aldi-Süd-Hörsaal" liest. An der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt wurde der geräumigste Hörsaal mit diesem skurrilen Namen tituliert. Wo es früher noch üblich war, Hochschulen, Hörsäle, Forschungseinrichtungen etc. nach Wissenschaftlern zu benennen, die sich durch herausragende Leistungen ausgezeichnet haben, kann heutzutage der (Bildungs-)Sponsor den Namen bestimmen, als wäre es eine Werbefläche. Mittlerweile sind Dutzende Hörsäle an deutschen Hochschulen nach Firmen benannt. Darunter beispielsweise der "easy-credit-Hörsaal" an der Universität Erlangen-Nürnberg oder die "Altana-Galerie" (benannt nach dem Chemiekonzern) an der TU Dresden. Diese Exempel zeigen die Dimension, wie salonfähig das Bildungssponsoring - bzw. das kommerzielle Denken in unserer Gesellschaft - mittlerweile geworden ist.

Outsourcing mit Knebelvertrag

Ein besonders illustratives Beispiel für weitreichende Verquickungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ist ein Vertrag, der zwischen der Deutschen Bank und zwei Berliner Universitäten im Jahr 2006 geschlossen wurde. Die Deutsche Bank hat mit der Humboldt Universität und der TU Berlin einen exklusiven "Sponsoring- und Kooperationsvertrag" geschlossen. Der Bank wurde damit das gesonderte Recht zugesprochen, ihr Unternehmen zu präsentieren, Netzwerkveranstaltungen durchzuführen und die Hauspost der Uni für die Distribution ihres Infomaterials zu nutzen. Darüber, wie erfolgreich die Maßnahmen dieser Personalakquise gewesen sind, haben die beiden Universitäten der Deutschen Bank jährlich Bericht zu erstatten. Das besonders Maßlose bei diesem anfangs geheim gehaltenen Vertrag, der von einem Professor der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, beschränkt sich nicht auf bloße Sponsoringaktivitäten, sondern geht es darüber hinaus um den gezielten Eingriff in Forschung und Lehre durch den Förderer. Die beiden Universitäten einigten sich mit der Deutschen Bank, gemeinsam ein Institut für Angewandte Finanzmathematik zu gründen - das Quantitive Poducts Laboratory (QLAB). Unter anderem sollen Bankmitarbeiter Lehraufträge erhalten, Mitspracherechte bei der Ausrichtung des Lehrinhalts bekommen oder Vetorechte bei der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen haben, die der Deutschen Bank vorher zur Freigabe vorzulegen sind. Die Bank bekam zudem direkte Einflussmöglichkeiten auf entscheidende Gremien. Die Bankvertreter sitzen beispielsweise in den Berufungskommissionen der Professuren. Der Lenkungsausschuss des Instituts, der über die Inhalte berät und entscheidet, besteht aus zwei Vertretern der Bank und zwei Professoren der Uni. Wenn bei einer Abstimmung Stimmgleichheit gegeben ist, entscheidet jedoch die Stimme des Managing Directors der Deutschen Bank, der zugleich Vorsitzender des Gremiums ist. Eine Reihe von Klauseln, die das Eigeninteresse des wohltätigen Mäzens deutlich werden lassen. Die drei Millionen Euro, die sich die Deutsche Bank diese Kooperation jährlich kosten lässt, sind zweifelsohne kein kleiner Betrag. Doch dieses "Outsourcing" der Forschungen an öffentliche Universitäten ist, verglichen mit in Auftrag gegebenen Forschungen gleicher Art, relativ günstig. Den Hochschulen fehlen, wie bereits erwähnt den Schulen auch, die nötigen finanziellen Mittel. Sponsoren aus der Wirtschaft sind daher immer häufiger gerne gesehen, auch wenn elementare Entscheidungsbefugnisse, die die Freiheit von Lehre und Forschung ausmachen, dafür abgegeben werden müssen.

Rechenaufgaben und Lehrmeinungen

Beim QLAB werden die Professuren des Instituts „Angewandte Finanzmathematik“ der HU Berlin und „Finanzmathematik“ der TU Berlin durch die Deutsche Bank finanziert. Diese Kooperation zeigt exemplarisch die Bedeutung der Rolle, die der Mathematik in den Wirtschaftswissenschaften zugesprochen wird. Es werden Finanzmathematiker, Ökonometriker oder Ökonophysiker eingestellt. Es ist auch keine Seltenheit, dass Raketeningenieure oder Nuklearphysiker beauftragt werden, hochkomplexe Algorithmen zu entwerfen. Auch wenn es sich bei diesem „Labor“ vorrangig um die Schaffung von (neuartigen) Finanzprodukten geht, wird der Rechenkunde auch in den volkswirtschaftlichen Kalkulationsmodellen viel Vertrauen zugesprochen. Dass sie in der Regel praktisch versagen, führt selten dazu, dass die Vorgehensweise kritisch hinterfragt wird. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass die Formeln nicht präzise genug formuliert sind, und es wird versucht die vermeintliche „Weltformel“ dadurch aufzuspüren, dass die Berechnungsformeln immer weiter „verfeinert“ werden. Die mathematisch logischen Schlussfolgerungen bieten die Illusion von Exaktheit. Dass die Rechenschritte richtig sind, bedeutet jedoch noch lange nicht, dass die Grundannahme stimmen muss.

Die Annahme, dass man in der Lage sei, die hochkomplexen Entwicklungen und umwindenden Zusammenhänge in Formeln komprimieren zu können, gehört genauso zu den grundsätzlichen Maximen der allseits gelehrten ökonomischen Theorien, wie die Behauptung der Neoklassik, dass eine „unsichtbare Hand“ automatisch für Gleichgewicht und Systemstabilität sorge. Da die Neoliberalen die Wirtschaftswissenschaften seit den 1980ern unumstritten dominieren, ist es nur kohärent, dass auch die Nachfrage nach Lehrbüchern in der entsprechenden Literaturlandschaft deutlich überwiegt. Ein Musterbeispiel dafür ist der Harvard-Professor Gregory Mankiw. Der Makroökonom, der als einer der einflussreichsten der Gegenwart gilt, hat Lehrbücher verfasst, die internationale Bestseller sind. Diese werden in vielen Universitäten als Standardwerke genutzt und behandeln die VWL generell aus der neoliberalen Sichtweise.

Gekürzte Lebensläufe und das Drehtür-Prinzip

Dass die gesetzgebenden Parlamente von einflussreichen Lobbyisten durchdrungen sind, die maßgeblich an legislativen Prozessen mitwirken, ist bekannt. Wie durch eine Drehtür wechseln Wirtschaftsvertreter (die auch mal als so genannte „Leihbeamte“ an Gesetzesentwürfen mitwirken dürfen) und Politiker die Seiten. Das Argument dabei ist, dass die Expertise aus der Wirtschaft schlichtweg nötig sei. Dass sich die zuständigen Angestellten mit der Materie auskennen sollten, liegt (eigentlich) in der Natur der Sache. (Dabei die berechtigte Frage außer Acht lassend, warum sie nicht von vornherein Beamte mit dem nötigen Sachverstand einstellen…?). Die Politik holt sich außer bei der Wirtschaft auch Rat bei der Wissenschaft. So haben in den USA der Finanzdienstleistungsausschuss des Repräsentantenhauses und der Bankenausschuss des Senats zwischen Herbst 2008 und Frühjahr 2010 92 Experten geladen, um die Krise und ihre Auswirkungen zu erörtern. 86 von ihnen waren Wirtschaftswissenschaftler. Rund ein Drittel dieser Experten sind als neutrale Wissenschaftler aufgetreten und haben nicht erwähnt, dass sie zugleich für Unternehmen wie Brokerhäuser, Banken, Finanzdienstleister, Versicherungen etc. arbeiten. Da die Wirtschaft erheblichen Einfluss auf die Wissenschaft ausübt, kann sie somit auch indirekt auf die Politik einwirken. Vor diesem Hintergrund bekommt der Begriff ‚wirtschafts-wissenschaftlicher Einfluss‘ eine weitere Bedeutung… Prof. Gerald Epstein von der University of Michigan Amherst hat in einer Studie festgestellt, dass Wissenschaftler ihre Arbeitgeber aus der Wirtschaft nicht nur vor den Ausschüssen, sondern auch in der Öffentlichkeit verschweigen. Er hat 19 prominente Ökonomen aus der Finanzwirtschaft analysiert und herausgefunden, dass sie ihre Verbindungen zur Wirtschaft auch nicht offengelegt haben, wenn sie Stellungnahmen in Zeitungen oder akademische Abhandlungen für die Finanzaufsichtsreform verfasst haben. Welchem der zwei Herren sie letztendlich dienen (der Politik oder der Wirtschaft?), bleibt fragwürdig.

Ein Großteil der Mitarbeiter im wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Finanzen ist ebenfalls neoklassisch orientiert, was natürlich bei einer konservativ-liberalen Regierung nicht unbedingt verwunderlich ist. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Gremien mit wirtschaftlicher Beratungsfunktion auch unter der Großen Koalition und sogar unter Rot-Grün überwiegend mit marktliberal orientierten Mitgliedern besetzt waren. Beschäftigte im Beirat gehören wirtschaftliberalen Denkfabriken und Forschungsinstituten, wie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Stiftung Marktwirtschaft, ECONWATCH, dem Walter Eucken Institut oder dem Institut der Deutschen Wirtschaft an.

Das Gremium „Expertengruppe Neue Finanzmarktarchitektur“ wurde im Oktober 2008 von Kanzlerin Merkel ins Leben gerufen. Anlass dafür war die Finanzkrise. Die Expertengruppe ist unter anderem mit dem ehemaligen Chef-Volkswirt der Deutschen Bundesbank und Ex-Direktoriumsmitglied der EZB, Otmar Issing, besetzt. Er ist Berater von Goldman Sachs und Mitglied mehrerer neoliberaler Netzwerke. Er ist zudem Leiter des „Center for Financial Studies“, einem Forschungs- und Politikberatungsinstitut in Frankfurt, das von der Finanzbranche gegründet wurde und von ihr gesponsert wird. Ein weiteres Mitglied ist Jörg Asmussen, der im Direktorium der EZB sitzt. Er hat sich als Finanzstaatssekretär vor dem Beginn der Immobilien-Krise stark für die Deregulierung des Finanzsektors und für die Förderung von Verbriefungsgeschäften in Deutschland eingesetzt. Schon als Beamter des Finanzministeriums wurde ihm eine große Nähe zur Finanzbranche vorgeworfen.

Silvio Gesell? Wer ist das??

Monetarismus oder Keynesianismus, Kapitalismus oder Sozialismus…? Die wirtschaftstheoretischen Modelle werden meist diametral gegenübergestellt. Daher drehen sich die Argumentationen häufig im Kreis. Wie heißt es noch: Wenn Du zwei Möglichkeiten hast, wähle die Dritte…! Neben den vorgesetzten Wirtschaftstheorien und ihren spezifischen Inhalten gibt es noch viele weitere Ansatzpunkte, die - falls sie überhaupt Erwähnung finden - in den Hochschulen Randbemerkungen bleiben. Themen wie Schuldgeldsystem, Giralgeldschöpfungs-Prozess, Zinseszins-Effekte, Vollgeldsystem, Monetative, Komplementärwährungen, Regionalgeld, Fiat-Money, Wörgler-Geldexperiment, Schwundgeld, Freigeld etc. sind dem Großteil der Studenten und Lehrkräften kaum bekannt. (Falls Sie diese Begriffe nachschlagen möchten, werden Sie im Archiv von Cashkurs sicherlich genügend Material dazu finden; insbesondere die Beiträge von Helmut Reinhardt kann ich Ihnen sehr empfehlen.) Der Ökonom Silvio Gesell, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Freiwirtschaft als Wirtschaftsmodell begründete, hat sich mit derartigen Themen wie z.B. Zinsfreiheit oder Geldhortungs-Effekten auseinandergesetzt. Wenn der Begriff „Silvio Gesell“ in die Suchmaschine eingegeben wird, erscheinen 201.000 Resultate. Wenn der Begriff des Vertreters des Monetarismus eingegeben wird, sind es 5.470.000 und bei „John Maynard Keynes“ 3.360.000. Die Zahlen sind selbstverständlich nicht repräsentativ, doch zeigen sie bis zu einem gewissen Grad Tendenzen auf, in welchem Verhältnis die verschiedenen Theorien in der Gesellschaft präsent sind.

Eines sei an dieser Stelle klar betont: Die Grundidee des Liberalismus, auf dem der Neoliberalismus quasi aufbaut, ist an sich nicht verwerflich. Sie besagt, dass die Menschen ein Recht auf Selbstbestimmung haben sollen, und dass diese Maxime in der politischen Kultur auch umgesetzt werden soll. Es geht also nicht darum, die Neoklassik - die wertfrei gesehen, vorerst lediglich ein wirtschaftstheoretisches Gedankengebäude darstellt - per se anzuprangen. Der Kritikpunkt ist die Einseitigkeit, mit der das marktliberale Paradigma präsentiert und forciert wird; und dass in ihrem Namen demokratische Grundregeln aus Eigennutz unterminiert werden. Ein wissenschaftlicher Diskurs lebt von Kontroversen. Wissenschaftliche Prozesse sind auf sie angewiesen, um sich weiterentwickeln zu können. Wenn die Wissenschaft bzw. die  Menschen Lösungsansätze für eine bessere und gerechtere Wirtschaftsordnung finden wollen, müssen sie sich durch Neugier und Aufgeschlossenheit kennzeichnen, um diese neuen Wege gehen zu können. Themen wie Lebensmittelspekulation, Zinseszins-Effekte, Sozio-Ökonomie, gesellschaftliche Verantwortung, Nachhaltigkeit oder Wirtschafts- und Sozialpsychologie sollten daher nicht unbedacht beiseite gelegt werden, indem man sich vorrangig auf das Prinzip des Homo oeconomicus konzentriert, der durch rationale Entscheidungen zu einem größtmöglichen individuellen Nutzen zu gelangen versucht.

Fazit

In Hinblick auf die Forschung hat Aristoteles ihre völlige Neutralität, ihre Autonomie und Freiheit, sowie ihre Ungebundenheit an Voraussetzungen und Werten gefordert. Letztes Jahr haben Harvard-Studenten aus Protest die Vorlesung von Prof. Greg Mankiw verlassen, weil er traditionelle und realitätsferne Modelle predige. Ein solches Verhalten von Studenten in einer Kaderschmiede der Wall-Street vorzufinden, ist äußerst ungewöhnlich. Möglicherweise ist dieser Vorfall ein Ausdruck dessen, dass die Studiosi der Einseitigkeit in der ökomischen Bildung nichts mehr abgewinnen können und sich mit wirklichkeitsnahen Inhalten auseinandersetzen oder auf Grundlage von eigenständigem Denken mitgestalten möchten. Vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer dafür, dass das Hochschulsystem sich von innen heraus verändert.

Es mag zu weltentrückt klingen, aber die Wissenschaft soll - wie letztlich die Politik, die Wirtschaft und die Medien ebenfalls - dem Wohle der Menschheit bzw. dem Allgemeinwohl dienen. Auch wenn eine vollständige Umsetzbarkeit dieser Ideen utopisch ist, sollten wir uns zumindest auf diesen Idealzustand zubewegen anstatt uns davon zu entfernen. Wer die Bildung als etwas Wertvolles und Schützenswertes ansieht, muss auch ihre Grundsätze als solches betrachten.