Schöpferische Zerstörung, Teil II: Libyens Rolle in Washingtons „Greater Middle East“ (¼)

FWE, 3. Mai 2011

Glauben Sie an Zufall? Es ist schon auffällig, dass die Obama Administration ihre militärischen Schläge gegen Libyen, offenbar zum Errichten einer Flugverbotszone zum Schutze unschuldiger Zivilisten, ausgerechnet am 19. März befahl. Auf den Tag genau acht Jahre zuvor, am 19. März 2003, befahl Amtsvorgänger George W. Bush den uneingeschränkten Angriff auf den Irak, genannt Operation Shock and Awe (Operation Schrecken und Ehrfurcht).

Die Aktionen für die Flugverbotszone wurden nach der UN-Resolution unter Kommando der USA mit verdächtiger Eile aufgenommen. Bis jetzt wurden die Angriffe von Amerikanischen, Britischen und Französischen Kriegsschiffen beziehungsweise der jeweiligen Luftwaffe durchgeführt. Ein Sturm von Tomahawk-Lenkraketen und GPS-geführten Bomben ging hernieder auf bislang unbekannte Ziele in Libyen, von vielen getöteten Zivilisten wurde berichtet. Gegenwärtig ist keine Ende in Sicht.

Rückblende: 2003 startete die Regierung Bush ihre Operation Shock and Awe, die militärische Zerstörung und Besetzung des Irak, vermeintlich deshalb, um der Irakischen Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen vorzubeugen, die niemals existierten, wie heute hinlänglich bekannt ist. Der Invasion folgte nun fast ein Jahrzehnt illegaler Flugverbots-Aktionen im Irakischen Luftraum, orchestriert von ein und demselben Trio: Amerika, Frankreich, Großbritannien.

Viel wichtiger jedoch als etwaige Nummernspiele, die von einem abergläubischen Pentagon nun gespielt werden oder nicht, ist die finale Agenda hinter der dominomäßigen Destabilisierung eines Regimes nach dem anderen, die Washington unter den Bannern von Demokratie und Menschenrechten seit Dezember 2010 quer durch die islamische Welt entfacht hat.

Washington übt starken Druck auf andere NATO-Mitgliedsstaaten aus, formell das Kommando über die US-geführten Bombardierungen auf Libyen zu übernehmen, egal unter welchem Namen. Damit wird dem Pentagon ein Feigenblatt umgehängt, um von der zentralen Rolle der militärisch-operativen Koordination via AFRICOM abzulenken. Während dem Verfassen dieser Zeilen erscheinen die zahlreichen Unruhen, die nun über Nordafrika und die islamischen Länder hereingebrochen sind, mehr und mehr als eine Dämmerung eines Dritten Weltkrieges. Von einigen Herrschaften der NATO ergingen bereits Hinweise dahingehend, dass dieser Krieg, wenn wir ihn so nennen möchten, erwartungsgemäß Jahrzehnte andauern wird. Genau wie die Weltkriege I und II, würde dieser genauso dazu eingesetzt werden, die von David Rockefeller und George Bush Senior propagierte „Neue Weltordnung“ voranzubringen. 

(Anm. der Redaktion: AFRICOM ist das Oberkommando der US-Streitkräfte für den gesamten Afrikanischen Kontinent, mit Ausnahme von Ägypten. Es ist seit der Inbetriebnahme 2008 das jüngste Regional-Kommando der US-Army. Der Hauptsitz von AFRICOM liegt übrigens in Stuttgart.)

Gaddafis wahre 'Verbrechen'

In den Fällen Tunesien und Ägypten ergibt die Behauptung noch einigermaßen Sinn, dass durch explodierte Nahrungsmittelpreise und eine enorme Ungleichverteilung geschürte Leid in der Bevölkerung die Umbrüche auslöste. Libyen, das sich selbst übrigens als Arabisch-Libysche Dschamahiriyya bezeichnet, ist jedoch ein vollkommen anderer Kandidat.

(Anm. der Redaktion: Die Dschamahiriyya ist ein arabischer Neologismus und bezeichnet die Staatsform Libyens, welches als einziges Land weltweit diese Staatsform trägt. Dschamahiriyya kann vage mit „Herrschaft der Massen“ übersetzt werden. Libyen funktioniert bis dato als eine Volksrepublik mit sozialistischen und basisdemokratischen Elementen – keineswegs also als eine Tyrannei oder Diktatur.)

Libyer genießen die höchsten Lebensstandards auf dem gesamten Afrikanischen Kontinent. Davon habe ich mich zusätzlich in einigen Gesprächen mit verschiedenen Afrikanern vergewissert, die direkt Bescheid wissen. Gaddafi wäre wohl kaum seit 42 Jahren an der Spitze des Staates, wenn er nicht gewisses Ansehen bei den Libyern genösse. Das Gesundheitswesen, sowie Bildung und Energiepreise sind extrem staatlich subventioniert. Libyen besitzt die geringste Kindersterberate und die höchste Lebenserwartung unter allen afrikanischen Ländern. Als Gaddafi vor mehr als vier Jahrzehnten König Idris das Szepter aus der Hand nahm, lag die Alphabetisierung des Landes bei unter 10 Prozent. Heute beträgt sie über 90 Prozent – und das ist wohl kaum die Handschrift eines klassischen Despoten. Weniger als fünf Prozent der Bevölkerung sind unterernährt, damit liegt Libyen sogar besser als die USA. Als Reaktion auf die gestiegenen Lebensmittelpreise der letzten Monate schaffte Gaddafi kurzerhand alle Steuern auf Lebensmittel ab. Zudem lebt ein geringerer Prozentsatz der Menschen unter der Armutsgrenze als in den Niederlanden. Gaddafi bezeichnet sein Modell als eine Form des ‚islamischen Sozialismus‘. Dieser ist säkular und nicht theokratisch, trotz des überwiegenden sunnitischen Anteils an der Bevölkerung..1)

Warum sind die Vereinigten Staaten Gaddafi gegenüber so feindlich? Ganz klar, weil er einfach nicht ins Konzept passt. Gaddafi hat bereits mehrfach, und das nicht ohne Grund, gezeigt, dass er Washington ganz und gar nicht traut. Unablässig versuchte er eine unabhängige Stimme für Afrika zu schmieden, das immer mehr durch das AFRICOM des Pentagons zurückgedrängt wird. 1999 initiierte er die Bildung der in Addis Abeba ansässigen Afrikanischen Union zur Stärkung der internationalen Stimme der ehemaligen afrikanischen Kolonialstaaten. Während eines pan-afrikanischen Gipfels in 2009 rief er zur Gründung der Vereinigten Staaten von Afrika, zur Zusammenführung der wirtschaftlichen Stärken des möglicherweise reichsten Kontinents der Erde, bezogen auf  die Menge ungeförderter Bodenschätze und das landwirtschaftliche Potenzial, auf.

Zugegeben, Gaddafi verfügt nicht über die besten westlichen PR-Agenturen wie Saatchi & Saatchi oder Hill & Knowlton, um seiner Botschaft den hübschen Schliff zu geben, wie sie Barack Obama oder David Cameron oder Nikolas Sarkozy haben. Er ist auch nicht fotogen, wie sein Pendant in Washington, wodurch sein grausiges Gesicht leicht in den Medien als eine neue Art Hitler zu dämonisieren ist.

Gaddafi ist Washington jedoch aus anderen Gründen ein Dorn im Auge. Er behauptet, dass die Attentäter vom 11. September in den USA ausgebildet wurden. Trotzdem rief er die Libyer nach dem 11. September dazu auf, Blut für die Amerikaner zu spenden. Gaddafi arbeitet bereits seit Jahrzehnten am Aufbau einer unabhängigen Stimme für afrikanische Staaten, die weder von den USA, noch von ehemaligen europäischen Kolonialmächten kontrolliert wird, seinen Vereinigten Staaten von Afrika. Wenn man die ganze Dämonisierung der westlichen Medien einmal außen vor lässt, dann ist Gaddafi der letzte noch Amtierende einer Generation moderater sozialistischer Pan-Araber, nachdem Ägyptens Nasser und Iraks Saddam Hussein eliminiert wurden und Syrien sich nach dem Iran ausgerichtet hat. 2)

Solange er bleibt, verfügt Libyen über eine beinahe schon empörende wirtschaftliche Alternative zu Washingtons Globalisierungsmodell des 'Freien Marktes‘, welches es nun verzweifelt der Milliarde Menschen der Islamischen Welt von Marokko über Afrika und den Nahen Osten bis Afghanistan aufzwingen will. Für die Kräfte, die diesen sich ausweitenden Krieg vorantreiben, ist es eine Frage des Überlebens des amerikanischen Jahrhunderts, oder was die wunderlichen Neo-Konservativen als das 'Neue Amerikanische Jahrhundert‘ bezeichneten. Es ist eine Frage des künftigen Überlebens einer einzigen amerikanischen Supermacht durch die Verbreitung von Krieg und Chaos, während seine Wirtschaft tagtäglich weiter zerfällt.

Wird in Teil 2/4 fortgesetzt...

Fußnoten:

1 David Rothscum, The World Cheers as the CIA Plunges Libya Into Chaos, Global Research, 2. März 2011, abgerufen auf globalresearch.ca/index.php.

2 Ibid.