Man öffnet die Tür und setzt einen ersten Fuß auf die Straße. Schon jedoch kommt der schnelle Schritt zurück, da sowohl von links als auch von rechts schnelle Roller kommen und sich einem ein organisiertes Chaos in den Weg stellt. Man hört Sirenen von Krankenwagen oder Polizei und eine ältere Dame rast fluchend an einem vorbei, weil sie mit ihren Baguettes nicht schnell genug vorbei gekommen ist.                                                                                                                                                                    Auf der anderen Seite hingegen warte ich im Sonnenschein des Mittelmeeres, da ich gleich von einem meiner Marseiller Freunde abgeholt werde. Dies ist zwar ein großer Umweg für ihn jedoch ganz und gar kein Problem, nein sogar eher eine Freude.

So oder so ähnlich lässt sich das Leben in Marseille sicherlich sehr gut beschreiben. Die zweitgrößte Stadt Frankreichs gelegen direkt am Mittelmeer ist garantiert eine besondere Stadt mit einer langen Geschichte. In diesem Jahr nun wurde die Stadt mit seinen fast eine Millionen Einwohnern zur Kulturhauptstadt Europas gekürt. Für mich hingegen spielt diese Stadt auch so eine sehr besondere Rolle, da ich zwei Jahre meiner Studienzeit dort verbringen durfte und nun nach einem Jahr Abstinenz auf einen Besuch zurückgekehrt bin.

Marseille: Das bedeutet den alten Hafen um den sich das gesamte Leben der Stadt abspielt. Es bedeutet ebenso eine verrückte Kultur mit einem Leben für den Club Olympique Marseille. Man weiß das Leben zu genießen und das uns so bekannte Savoir-Vivre wird hier voll und ganz ausgelebt. Auf der anderen Seite steht Marseille gerade in der letzten Zeit jedoch auch für Kriminalität und hohe Arbeitslosigkeit. Es herrscht ein Drogenkrieg in der Stadt, der sich vornehmlich in den Vororten abspielt. Jedoch verlagert sich dieser Bandenkrieg zusehendes in die inneren Bezirke, sodass bereits viele Unschuldige (u.a. auch ein Student meiner Universität) ihr Leben lassen mussten. Es gibt Bezirke, auch direkt im Stadtkern, in dem man gerade mir als Blondschopf geraten hat Abstand davon zu halten. Durch die Größe des Hafens (Marseille besitzt den größten Industriehafen des Mittelmeeres von europäischer Seite) und die früheren Kolonien Nordafrikas verzeichnet die Stadt eine hohe Einwanderungsquote, sodass sich ganze Afrika-Viertel gebildet haben. Trotzdem schlendere ich gerne über den Markt von Noailles (ein Viertel mit afrikanischen Einwohnern) um mir das bunte Treiben dort anzusehen. Jedes Gesundheitsamt Deutschlands würde hier wahrscheinlich völlig resignieren, schaut man sich die jeweiligen Zustände der einzelnen Stände an. Spannend ist es trotzdem zu sehen, wie das Leben hier blüht, sei es auch auf eine völlig andere Art und Weise. Ebenso gibt es viele Kirchen für die zum großen Teil auch muslimische Bevölkerung. In den alten Gassen, in denen die Kleider noch über den Straßen getrocknet werden, verspürt man ebenso einen gewissen Charme, wie natürlich auch in den kleinen Buchten am Meer, genannt Les Calanques.  

Während meiner Zeit dort habe ich schnell Anschluss gefunden und mich einem regionalen Fußballclub angeschlossen. Ich wollte die Kultur dort live erleben und will nicht missen, was ich in diesen zwei Jahren dort erlebt habe. Wenn man dann gemeinsam beim Bierchen danach so einige Geschichten gehört hat wurde einiges deutlich. Einerseits lieben die Marseiller ihre Stadt mit allen Mängeln und Fehlern. Das gemeinsame Essen, sowie das einfache Beisammensein hat höchste Priorität. So wurde ich stets gefahren, mir wurde bei der Wohnungssuche geholfen und einfach bei allen Problemen die für einen Neuankömmling anfallen, geholfen. Eine solche Solidarität, die den Marseillern hingegen sogar Spaß macht ist in Deutschland sicherlich schwer zu finden. Bei den vielen Unterhaltungen wurde jedoch auch klar, dass viele das große Durcheinander und vor allem die Kriminalität verabscheuen. Eine wirkliche Anstrengung etwas dagegen zu tun war allerdings selten zu vernehmen. Ebenso ist es völlig untypisch sich über alltägliche Dinge wie die Arbeit zu unterhalten. Hier wird direkt nach der Arbeit die Seele baumeln gelassen. Weiterhin fand ich es sehr erstaunlich wie positiv wir Deutschen in Frankreich dastehen. Zugegebenermaßen war mir anfangs etwas mulmig zu Mute, da die Geschichte unserer beiden Länder ja nicht immer positiv war.  Großer Respekt, sowie viel Anerkennung ist es jedoch, was mir immer wieder für unser Land entgegengebracht wurde. Erst heute bei einem kurzen Gespräch über den Sturm XAVER in Deutschland wurde zu den doch nicht so großen Schäden gesagt: „Hier in Marseille wäre alles untergegangen, in Deutschland jedoch nicht. Das ist doch klar die sind doch viel besser organisiert.“ Dies erkennt man alleine daran, dass ganz Marseille beispielsweise über lediglich ein (!) Fahrzeug zur Straßenräumung im Winter verfügt. Zugegebenermaßen wird die Stadt nicht allzu häufig von Schnee und Eis heimgesucht. Während meiner zwei Jahre war jedoch auch dies der Fall, sodass ich sehr zügig Augenzeuge von vielen Autos im Straßengraben werden konnte. Vielen Leuten hier von dem Wunderwerk Winterreifen zu erzählen war dann immer wieder ein lustiges Unterfangen.

Wichtige Konzerne dort gibt es kaum, was für eine Stadt mit fast einer Millionen Einwohnern natürlich besonders ist. Bekannt sind noch Firmen wie Eurocopter, Haribo oder Ricard. Ebenso, wie bereits genannt, die vielen Logistiker am Hafen der Stadt. Dieser Mangel an Industrie ist sicherlich ein Grund der hohen Kriminalität, da die Menschen bei ca. 17% Arbeitslosen (offizielle Zahl, die Dunkelziffer sieht sicherlich nochmals anders aus) schneller der Drogenkriminalität verfallen. So sagt man, dass Marseille über mehr Kalaschnikows verfügt als Afghanistan.

Die Kulturhauptstadt Europas ist also einerseits voller Kultur unterschiedlicher Religionen und spannender Entdeckungen. Andererseits leider auch stark von Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität getroffen. Die Region Provence in der Marseille liegt, und in dem Departement Bouches-du-Rhône dessen Hauptstadt sie ist, herrscht allgemein ein wohlhabender Lebensstandard. Marseille ist hier die Ausnahme und ist unter allen Städten dieser Gegend die mit Abstand ärmste. So ist es auch nur logisch, dass sich gut verdienende Einwohner ein Haus zum Beispiel in den Nachbarstädten Aix-En-Provence oder Cassis suchen, um sich dem Lärm und Dreck der Großstadt zu entziehen. Wer jedoch die Aufregung und das Bordel (frz. für Durcheinander) dieser unterschiedlichen Kulturen innerhalb einer Stadt mag, sollte Marseille im Leben einmal gesehen haben. Ich jedenfalls werde stets zurückkehren und der Hafenstadt am Mittelmeer immer wieder einen Besuch abzustatten.

Beste Grüße

Ihr Andreas Meyer