Jetzt bin ich wieder da. Da, wo ich Ende letzten Jahres schon war. In der griechischen Grundschule. Hier interviewte ich mit Kamera die Schulleiterin und veröffentlichte das Video nicht, nachdem ihr von der vorgesetzten Behörde negative Konsequenzen für den Fall der Videoveröffentlichung angedroht wurden.

Allerdings veränderte ich Personen- und Ortsnamen und gab den Gesprächsinhalt hier auf cashkurs.com als schriftlichen Beitrag wieder.

Damals berichtete ich auch darüber, dass In der Nähe der Schule der Bezirk gerade ein neues, großes Schulgebäude errichtete. Dort sollten alle Schüler aus dem Umkreis zusammengefasst werden und das System der vielen kleinen Dorfschulen aufgegeben werden. 

Am Ende des damaligen Beitrags schrieb ich: „Ich habe mir den naheliegenden Grundschulneubau angesehen. Die reinen Baukosten schätze ich auf rund 1 Million Euro. Für das Grundstück veranschlage ich mal 200.000 Euro.

Zum Vergleich: das Jahresgehalt eines Junglehrers liegt bei etwa 9500 Euro Brutto. In 10 Jahren macht das 95.000 Euro.

Für das Geld könnte man 25 Lehrer einstellen und 5 Jahre lang bezahlen. Das scheint aber niemanden zu interessieren. So ein schöner Schulneubau macht optisch ja auch mehr her und da können einige, im Gegensatz zur Vergabe von Lehrerstellen, mitverdienen.“

Neues Gebäude fertig gestellt

Das neue Gebäude ist mittlerweile fertig. Das hat mich interessiert. Deshalb habe ich die Schule nochmal besucht.

Das Gebäude ist schön geworden. Da gibt es nichts zu meckern. Endlich vernünftige Sanitäranlagen. Die Klassenzimmer sind hell und groß. Sogar die Schulleiterin hat nun ein Büro, das diesen Namen verdient. Kein Vergleich mehr zu dem Kabuff, in welchem ich sie zuletzt besuchte.

Es gibt auch eine Sporthalle und einen weitläufigen Schulhof. Ich vermisse hier zwar Schatten, aber man kann nicht alles haben.

Was mich wundert, ist, dass keine ordentliche Straße zur Schule führt. Hat man wohl vergessen.

Die Klassenräume wurden eingerichtet mit gebrauchten Schulmöbeln aus Deutschland. Das ist doch mal echtes „recycling“.

Leider stehen eine Menge Klassenzimmer leer, da die anderen Dorfschulen sich gemeinsam mit den Eltern dort gegen die Zusammenlegung wehren. Denn das bedeutet mehr Fahrerei für die Kinder und für die Eltern sowie für einige Lehrer den Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Kosten

Dieses Mal habe ich mich auch mit einem Mitglied des Elternbeirats getroffen. Ich wollte wissen, wie viel das nun alles so gekostet hat.

Meine Schätzung vom letzten Jahr lag bei 1,2 Mio.

Das Elternbeiratsmitglied, nennen wir es mal „Nikos“, erklärte mir, dass für die gesamte Baumaßnahme 2 Mio. an den Bauunternehmer bezahlt wurden.

„Tatsächlich!“, erwiderte ich erstaunt und erklärte Nikos, dass mir das doch recht hoch erscheine, ich aber natürlich die Bauland- und Baupreise nicht so genau einschätzen könne. Dennoch: ich hielt es für überteuert. Nikos antwortete mir, dass ich mit meiner Einschätzung gar nicht so schlecht läge. Es verhalte sich nämlich so, dass zwar für die Maßnahme 2 Mio. bezahlt wurden, die Gesamtkosten jedoch nur bei 1 Million Euro lagen.

Verwundert rieb ich mir die Augen und fragte, was denn mit der zu viel bezahlten Million passiert sei. „Exafanistike“ war die knappe Antwort. „Verschwunden. Seit Wochen versuchen wir, das Geld oder wenigstens Spuren davon zu finden. Nichts, wir bekommen keine Informationen.“

Da es schon Nachmittags und somit griechische Mittagszeit war, lud ich Nikos in eine Taverne zum Essen ein.

Nach dem zweiten Ouzo machte er seinem Ärger Luft und schimpfte über die unendliche Korruption, die sämtliche Bereiche der Gesellschaft durchdringt.

Das Bauunternehmen habe vor ein paar Jahren schon eine andere Schule gebaut. Diese sei im letzten Winter einfach hangabwärts gerutscht, nachdem das Fundament zerbröselt war. Warum denn dort das Fundament zerbröselt sei, wollte ich wissen.

Weil das Bauunternehmen am Eisen gespart habe, antwortete er.

Dimitris, der Wirt

Zwischenzeitlich hatte sich auch der freundliche Inhaber der Taverne zu uns gesellt und gleich noch einen Ouzo dazu gestellt.

„Eise Germanos?“ Bist Du Deutscher, fragte er mich.

Nachdem ich das bejahte, wollte er wissen, was ich denn glaube, wie es in Griechenland weitergehen würde mit den Schulden, mit der SYRIZA-Regierung, mit dem Euro u.s.w.

Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich zwar Deutscher sei, aber kein Hellseher und ich deshalb keine Ahnung habe, wie es weiter geht.

Er wollte aber auch gar nicht wirklich wissen, ob ich wüsste, wie es weiter geht. Vielmehr wollte er seine Sicht der Dinge kundtun.

Der Tavernenbesitzer Dimitris meinte, dass das schon alles ziemlich verfahren sei mit den Schulden und so.

Aber wenn man in die griechische Antike schaut, dann wäre es nur gerecht, wenn die Griechen die Schulden nicht zurückzahlen müssten.

Das erstaunte mich und ich wollte schon wissen, was das mit der griechischen Antike zu tun habe.

„Koita Thoma“,  „schau mal Thomas“, sagte er und legte mir väterlich (ich schätze ihn mindestens 10 Jahre jünger als mich) seinen Arm um die Schulter, „wir die Griechen, wir hatten Archimedes, Aristoteles, Deinostratos, Galenos von Pergamon, Pappas, Platon und einige mehr. Die haben die Mathematik, die Physik, die Medizin die Astronomie u.s.w. entwickelt.“

Das sei ja schön, sagte ich ihm, das Problem der Gegenwart sei nur, dass die Griechen daraus womöglich zu wenig gemacht hätten.

Das bekümmerte Dimitris nicht, denn erklärte mir in weiterhin väterlich überlegenem Ton: „Nai, exeis dikio, alla…“, „Ja, du hast recht, aber dafür gibt es einen einfachen Grund: Wir die Griechen haben die Grundlagen für die Mathematik, die Physik, die Technik, die Industrie, die Luft-, Raum- und Schifffahrt, also für alles, was menschliche Errungenschaft ist, geschaffen. Es fielen aber dann die Barbaren (das ist nach griechischer Sichtweise jedes Volk nördlich von Mazedonien und vor allem die Mittel- und Nordeuropäer. Anm. des Autors) nach Griechenland ein und haben all dieses gewaltige Wissen gestohlen. Darauf basierend haben die Barbaren dann ihre Wirtschaften und Industrien entwickelt.“

Das Copyright

Was das nun mit den Schulden zu tun habe, die nicht zurückbezahlt werden brauchen, wollte ich wissen.

Seine Antwort: „Das ist doch klar, Thomas, wir Griechen haben das Copyright auf all das Wissen und die paar Schulden decken lange nicht den Wert dieses Copyrights!“ Er lachte schallend, kippte seinen Ouzo und verschwand hinter dem Tresen.

Wenn man Land und Leute nicht so gut kennt, dann könnte mancher Tourist meinen, der Wirt habe Humor und ein Späßchen gemacht. Wenn man allerdings, so wie ich, viele Gespräche im Land führt, dann weiß man: Das ist kein Witz. Das ist todernst. Dimitris ist überzeugt von dem, was er sagt. Jedes einzelne Wort davon ist für ihn die Wahrheit. Griechenland schuldet niemandem irgendetwas. Wegen der Antike. Das meint auch Nikos vom Elternbeirat.