Vielleicht ist dazu geraten, seine Blicke wieder einmal in Richtung des Fernen Ostens schweifen zu lassen, dorthin, wo sich das Reich der Mitte als Motor einer angestrebten Vertiefung der Wirtschaftskooperation auf dem Eurasischen Kontinent erweist. Fest steht, dass alt hergebrachte Strukturen sich in Zeiten des Wandels befinden.

Diese Beobachtung gilt insbesondere für die Art und Weise, auf die in der Zukunft Handel zwischen den Nationen des Eurasischen Kontinents betrieben werden soll. Über viele Jahrhunderte wickelte China seinen Handel mit Afghanistan und den zentralasiatischen Turk-Völkern der eurasischen Steppe über eine Tausende Kilometer lange Landstrecke ab.

2016 erweist sich als erstes Jahr, in dem sich die Dinge ändern, nun, da eine weitere Eisenbahnlinie zwischen China und Afghanistan in Betrieb genommen worden ist. Fortan wird diese neue Bahnlinie hauptsächlich zum Transport von Gütern zwischen Afghanistan und dem Reich der Mitte dienen.

Meilenstein für Afghanistan

Entlang der alten Handelsstraßen der Seidenroute erwächst in diesen Tagen heimlich, still und leise eine Wiederauferstehung des Handels auf Basis modernistischer Bestrebungen und dem Einsatz von neuen Techniken. Und so fuhr in der vergangenen Woche erstmals ein aus China kommender Güterzug im nordafghanischen Hairatan ein, der Projektkritiker mundtot macht.

Laut des afghanischen Staatspräsidenten Aschraf Ghani, erweise sich die Bahnverbindung als Meilenstein auf dem Weg zur Verwirklichung seines Traums, Afghanistan in der Zukunft in ein Drehkreuz des innerasiatischen Handels zu verwandeln. Noch befindet sich China nur auf Platz 5 in der Rangliste der größten Handelspartner Afghanistans, was sich bald ändern soll.

In Afghanistan verspricht man sich von einer Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Reich der Mitte eine Zurückdrängung des pakistanischen Einflusses auf das eigene Staatsgebilde. Gleichzeitig soll die neue Transportverbindung nach China zu einer deutlichen Reduzierung der Einfuhrpreise für Rohstoffe aller Art führen.

Verkürzung der Transportzeit von drei bis sechs Monaten auf nur noch zwei Wochen

Mit der Inbetriebnahme der Zugverbindung reduziert sich gleichzeitig auch die Transportzeit von der Ostküste Chinas in den Norden Afghanistans von drei bis sechs Monaten (über den herkömmlichen Landweg unter Einbezug Pakistans) auf nur noch zwei Wochen. Der in der vergangenen Woche in Hairatan einfahrende Güterzug brachte Waren im Gegenwert von etwa $5 Millionen nach Afghanistan. 

Größtenteils handelte es sich dabei um Fabrik- und Fertigprodukte, Textilien und Kleidung sowie Baumaterial. Yao Jing, Chinas Botschafter in Afghanistans Hauptstadt Kabul, erklärte, dass Chinas Traum einer Verbindung zum Rest der Welt ohne eine Transportverbindung mit Afghanistan zum Scheitern verurteilt sei.

Umso mehr wurde die letztwöchige Einfahrt des Zuges seitens der offiziellen Stellen gelobt und zelebriert. Gleichzeitig wurde einmal mehr darauf hingewiesen, dass die Aktivitäten Pekings darauf fokussiert seien, nicht nur den innerasiatischen Handel durch Revitalisierung der alten Seidenstraße zu stärken, sondern dass das Projekt ebenfalls darauf abziele, Eurasien durch eine Realisierung des Projekts Frieden und Wohlstand zu bringen.

Weitergehende wirtschaftsstrategische Motive Pekings

Selbstverständlich verfolgt Peking in Afghanistan auch weitläufigere Pläne. Längst ist der Rohstoffreichtum Afghanistans in den Fokus der roten Mandarine in Peking geraten, die sich bestrebt zeigen, diesen bislang ungehoben Schatz für sich zu bergen. Auf einen Gegenwert von bis zu $3 Billionen sollen sich die unter der Erde schlummernden Naturreichtümer in Afghanistan belaufen.

Bereits seit dem Jahr 2007 baut die Metallurgical Corporation of China in Afghanistan hochgradige Kupferbestände ab. Seit dem Jahr 2011 exploriert die China National Petroleum Corporation zudem Ölliegenschaften. Um den Rohstoffreichtum Afghanistans zu heben, ist ein Ausbau der Infrastruktur in dem seit Jahrzehnten durch Bürgerkriege heimgesuchten Land dringend erforderlich.

Und so soll die neu instand gesetzte Eisenbahnlinie in der Zukunft unter anderem auch die in Afghanistan abgebauten Kupferbestände an die Ostküste Chinas transportieren. Um den Handel zukünftig jedoch richtig in Schwung zu bringen, wird die Kabuler Regierung ihren innerstaatlichen Auseinandersetzungen – und hier insbesondere mit den Taliban – endlich Herr werden müssen.

Ob dies allein mit Hilfe und Unterstützung Chinas oder nur unter der Prämisse internationaler Hilfsleistungen – egal ob wirtschaftlicher oder militärischer Art – möglich sein wird, bleibt indes abzuwarten.