Selten hat es solch einen internationalen Widerstand gegenüber einem Produkt gegeben, das – vermeintlich – den wissenschaftlichen Fortschritt und die Wohlstandssteigerung eines jeden von uns verkörpert, wie gegenüber genetisch veränderten Nutzpflanzen (im Allgemeinen mit „GMO“ bezeichnet: genetisch modifizierte Organismen). Dieser Widerstand scheint merkwürdig, da uns die Hauptvertreter von GMO erzählen, dass ihre „Biotechnologie“ für die Menschheit einen großen Schritt nach vorne darstellt. Dabei argumentieren die Vertreter von GMO, dass ihr Produkt der Schlüssel sei, um das Welthungerproblem bei wachsender Bevölkerung zu lösen, da Landwirte mehr Nutzpflanzen pro Hektar anbauen könnten als mit konventionellen oder natürlichen Samen. Außerdem seien beim Anbau weitaus weniger aggressive Pflanzenspritzmittel von Nöten als bei der Verwendung herkömmlicher nicht genetisch veränderter Samen. So lauten zumindest ihre Behauptungen. Des Weiteren schließen die Vertreter aus der Erfahrung der nun etwas mehr als zehnjährigen Zeitspanne in den USA, in der genetisch veränderte Mais- und Sojapflanzen zu einem essentiellen Bestandteil der menschlichen und tierischen Nahrungskette wurden, dass GMO absolut ungefährlich für Mensch und Tier seien.

Man fragt sich folglich, warum es dann solch einen weltweiten Widerstand gegenüber der weiteren Verbreitung von GMO-Samen gibt? Wenn all die Behauptungen der Vertreter von Monsanto, BASF (Monsantos GMO-Partner in Europa), Syngenta oder von anderen GMO-patenthaltenden und agrargeschäftlich-aktiven Unternehmen wahr sind, warum reißt sich die Welt nicht um diese heilsbringenden Samen? Auf der anderen Seite fragt man sich natürlich auch, warum die GMO-Produkte in den USA von Konsument und Landwirten bereitwillig akzeptiert werden. Vor allem in Anbetracht dessen, dass wiederholt durchgeführte unabhängige Studien klar zeigen, dass GMO-Nutzpflanzen letztendlich weniger Ertrag pro Hektar einbringen und zusätzlich mehr Pflanzenpestizide benötigen als naturbelassene Nutzpflanzen. Wobei die Pestizide, die hier zum Einsatz kamen, wissenschaftlich nachgewiesen schon in geringen Mengen toxische Wirkungen auf menschliche Embryos zeigen. [1]

Des Weiteren finden sich auch in wissenschaftlichen Untersuchungen aus Neuseeland ähnlich alarmierende Ergebnisse über die Auswirkungen auf die Gesundheit von Embryos in Bezug auf Pestizide, die in Verbindung mit GMO-Nutzpflanzen eingesetzt werden. [2]

Natürlich ist es der ausgezeichneten Lobbyarbeit der GMO-Industrie zu verdanken, dass kaum einer jemals von diesen alarmierenden Studien gelesen oder gehört hat.

Mir ist es wichtig, im Folgenden zu einem äußerst wesentlichen Punkt der GMO-Debatte, der innerhalb wie außerhalb der USA nicht richtig verstanden wurde, Licht ins Dunkel zu bringen.

Wesentliche Gleichwertigkeit

Im Jahre 1992 fand im Weißen Haus im Amtszimmer des Präsidenten, dem Oval Office, unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein schicksalhaftes Treffen statt. Anwesend waren neben Präsident George W. Bush (Senior) die Geschäftsführer von St. Louis (Agrochemikalien-Produzent) und Monsanto. Monsanto hatte eine Methode entwickelt und patentiert, mit der sich die genetische Struktur von Samen so abändern lässt, um den daraus später entstehenden Pflanzen neue Eigenschaften zu verleihen. [3]

Obendrein ließen sie sich mit der Hilfe einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA die neu modifizierten Samen patentieren. Das Ziel der Geschäftsleitung von Monsanto war es im nächsten Schritt, den Präsidenten davon zu überzeugen, dass ihrePatente ohne weitere Gesundheits-, Sicherheits-, oder ähnlichen Studien und Prüfungen durch staatliche Einrichtungen für den amerikanischen Markt zugelassen werden. Dabei appellierten sie geschickt mit der Aussicht auf permanent gesicherte US-Agrarexporte, die durch ihre GMO-patentieren Samen erzielt werden könnten, an den Geschäftssinn von Präsident Bush.

Was auch immer letzten Endes die überzeugenden Gründe waren, Präsident Bush ordnete unverzüglich nach dem Treffen an, dass staatliche Einrichtungen keine unabhängigen Studien zu den neu patentierten GMO Samen herausgeben dürfen. Dies geschah trotz des Fakts der bereits lautstark anhaltenden wissenschaftlichen Debatten über die Zweckmäßigkeit der Verbreitung der GMO-Produkte unter der Bevölkerung – ohne zuvor strikte Studien durchzuführen, die jeden Zweifel an der Sicherheit ausschließen könnten. Das störte allerdings Herrn Bush nicht. Stattdessen erließ er eine Anordnung, die mit dem Namen „Doktrin der wesentlichen Gleichwertigkeit“ (Doctrine of Substantial Equivalence) bekannt wurde. Dabei ist anzumerken, dass einem jeder kompetente Jurist/Wissenschaftler erklären würde, dass das Resultat bei der Kombination einer absolut vagen Begrifflichkeit  wie „wesentlich“ und einer absolut präzisen Begrifflichkeit wie „Gleichwertigkeit“ völliger Schwachsinn ist. Es ist so, als würde eine Frau ihren Freundinnen berichten, sie sei nur ein „bisschen“ schwanger. Das ist offensichtlich absoluter Blödsinn. Denn entweder die Frau ist schwanger oder eben nicht. Das Gleiche gilt für GMO-Samen, die entweder 100% äquivalent zu natürlichen Samen sind, was bedeuten würde, dass es keine patentrechtlichen Grundlagen gibt... Oder die GMO-Samen sind eben nicht gleichwertig zu herkömmlichen Samen, was wiederum bedeuten würde, dass strenge Langzeitstudien erforderlich sind, bis GMO-Produkte ihren Platz in unsere Nahrungekette einnehmen dürften.

Die vage „Schummel“-Doktrin lässt es gleichwertig erscheinen. Folglich eröffnete dies Monsanto und Konsorten die Möglichkeit, die größten Vorteile aus beiden Perspektiven zu genießen: auf der einen Seite keine staatlichen Kontrollen oder Tests und auf der anderen Seite exklusive Patentrechte zum Schutz ihrer GMO-Samen. Bis zu diesem Tage beziehen sich die US- und EU-Regierungen lediglich auf die hauseignen Studien von Monsanto oder anderen Unternehmen aus der GMO-Branche, die keinen Zweifel an der Sicherheit und Nutzbarkeit von GMO-Samen aufkommen lassen. Belege, dass Wissenschaftler dazu gezwungen wurden, die Testergebnisse zu Gunsten von Monsanto zu manipulieren, lassen natürlich erhebliche Bedenken an der wissenschaftlichen Aussagekraft dieser hauseignen Studien aufkommen.

Eine Konsequenz von Bushs Doktrin der wesentlichen Gleichwertigkeit war das strikte Kennzeichnungsverbot von GMO-Nahrungsmitteln. Die Folge hieraus wiederum war, dass seit der Zulassung von GMO-Nahrungsmitteln im Jahre 1994 die durchschnittliche amerikanische Familie nichts davon mitbekommt, dass zirka zwei Drittel ihrer täglichen Mahlzeiten mit aus GMO-Lebensmitteln bestehen. Jedoch steht dieses nationale Kennzeichnungsverbot unter zunehmender Attacke unabhängiger Bürgerbewegungen, die realisieren, dass neben der Lebensmittelqualität auch die Gesundheit ihrer Kinder zerstört wird.

Interessenkonflikt der Regierung

Bemerkenswert ist auch der Sachverhalt, dass sich Washingtons unterstützende Politik für die Kommerzialisierung der GMO-Produkte seit dem Treffen mit Präsident Bush im Jahre 1992 nicht verändert hat. Konkret hat jeder einzelne Präsident in den letzten 20 Jahren an der exakt gleichen Pro-GMO- und Contra-Produktkennzeichnungspolitik festgehalten. Dazu zählen gleichermaßen Präsidenten der Demokraten und der Republikaner wie Bill Clinton, Bush (Junior) und nun Obama. Das alles zeigt eindrucksvoll den mächtigen Einfluss des Unternehmens Monsanto, der zum größten Teil auf eine Person zurückzuführen ist: den früheren Anwalt und Vize-Präsidenten des Monsanto-Konzerns...

Wird in Teil 2/2 fortgesetzt...!

Fußnoten und Verweise:

[1] Gilles-Eric Seralini, et al, "Genetically modified crops safety assessments: present limits and possible improvements", Environmental Sciences Europe 2011, 23:10 doi:10.1186/2190-4715-23- 10.

[2] Peter Gluckman et al, "Effect of In -Utero and Early life conditions on Adult Health and disease", 2008, via http://www.pinniped.net/gluckman2008.pdf

[3] Für einen detaillierten Überblick zur Einführung des GMO-Saatguts in die Nahrungskette der USA in den 90er Jahren (ohne jegliche gesundheitliche Untersuchung) siehe: F. William Engdahl, "Saat der Zersto?rung" (www.amazon.de).