Liebe Cashkurs-Community,

wir dürfen Ihnen einen neuen Autor hier auf Cashkurs.com präsentieren.
Ohne viele Worte verlieren zu wollen, überlassen wir gerne Herrn Babucke selbst das Feld. Herzlich Willkommen.

„Yama-Ha, Mitsubishi, Toyota, Suzuki, Sony...“ – wer unter Ihnen kann sich nicht noch an den NDW-Hit von Annette Humpe, dem Gründungsmitglied der Band Ideal erinnern? Oder an „Big in Japan“ von Alphaville – ein auch heute noch gern auf diversen Ü30-Parties gespielter Ohrwurm? Damals, in den achtziger Jahren, sah es so aus, als ob die Japan AG dank „Kaizen“ (zu deutsch „Verbesserung“) und „Lean Production“ den gesamten Weltmarkt – allen voran in der Elektronikbranche und im Automarkt - im Handstreich übernehmen würde. Bücher wie „Die Wiege der Sonne“ von Michael Crichton oder Filme wie „Black Rain – Schwarzer Regen“ mit Michael Douglas waren Dauerbrenner und versuchten den Eindruck vom exotischen Wirtschaftsgiganten im Fernen Osten zu erwecken, den niemand so richtig durchschauen kann, aber vor dem sich jeder in acht nehmen sollte. Mittlerweile verbinden wir in Europa mit Japan statt Yamaha, Mitsubishi, Toyota und Sony eher Namen wie Fukushima, „verlorene Dekade“, oder „karoshi“, den Tod durch Überarbeitung. Leider. An dieser Entwicklung ist Japan ein gutes Stück selbst schuld, aber ist das wirklich alles, was wir mit Japan verbinden? Warum ist diese kleine Insel am Rande des Pazifiks dann immer noch der liquideste Markt in Asien mit der weltweit größten an der Börse gelisteten Marktkapitalisierung außerhalb der USA? Warum hat Japan den nach den USA größten und liquidesten Markt für Staatsanleihen? Und warum kann Japan es sich – trotz aller bereits heraufbeschworenen Untergangsszenarien der letzten Jahre - immer noch leisten, relativ unbeeindruckt von den ökonomischen Verwerfungen in den USA und in Europa zu agieren?

Seit meiner Studienzeit beschäftige ich mich intensiv mit der japanischen Wirtschaft (ja, auch mich haben die oben genannten Bücher und Filme nachhaltig beeindruckt) und bin seit knapp 10 Jahren inmitten der japanischen Finanzwelt angesiedelt. Seit 2010 arbeite ich für die Tokyo Stock Exchange, zuvor für einige andere Finanzfirmen hier in Tokyo. Als – immer noch – einem der wenigen Ausländer in Japan ist es mir vergönnt, direkten Zugang zur japanischen Wirtschaftswelt zu haben und dank ausreichender Sprach- und Kulturkenntnisse habe ich die Möglichkeit, Informationen aus erster Hand zu erhalten und ein direktes Ohr an „Tokyos Wirtschaftspuls“ zu haben. Ich möchte Ihnen in meinen Kolumnen ein realistisches Bild von Japans Wirtschafts- und Finanzwelt geben, ohne mich dabei auf irgendeine Seite zu schlagen. An dieser Stelle sei ausdrücklich betont, daß ich freiwillig und ohne Anspruch auf Gegenleistung diese Kolumnen verfasse. Ich bin niemandem verpflichtet, bitte erwarten Sie von mir aber auch keine Betriebsgeheimnisse oder Vorab-Neuigkeiten zur geplanten Fusion der Börsen von Tokyo und Osaka oder dergleichen. TSE-Interna werden Sie also hier ebenso wenig finden wie Insider-Informationen zur Aktie xy, die an der TSE gehandelt wird.

Sollten Sie dennoch Interesse an Japan und dessen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft haben, so würde ich mich freuen, Sie in meinen Kolumnen ab und zu auf eine kleine Reise ins Land des Lächelns mitzunehmen. Ein Lächeln, welches zugegebenermaßen, in letzter Zeit ein wenig gequält erscheinen mag.

Nomura: Muster- oder Sorgenkind der japanischen Finanzwelt

Kennen Sie noch Yamaichi Securities? Yamaichi wurde 1800 gegründet und war bis in die späten 1990er Jahre unter den „Großen Vier“ der japanischen Handelsbanken: Nomura, Daiwa, Sumitomo, Yamaichi. Dann kam das Jahr 1999 und es stellte sich heraus, daß Yamaichi über Jahre mit fingierten Konten Verluste versteckt hatte. Irgendwann trug das Ponzi-Spiel nicht mehr, und die Firma meldete bankrott an. Ein sichtlich erschütterter Vorstandsvorsitzender verbeugte sich weinend vor laufenden Kameras und bat um Entschuldigung. An dieses Bild fühlte ich mich wieder erinnert, als ich vor kurzem die Zeitung aufschlug und den scheidenden Chef der größten Wertpapierhandelsbank Japans, Nomura Securities, in einer ähnlichen Haltung sah. Er entschuldigte sich für den Vertrauensverlust, den einige seiner Händler durch Insidergeschäfte dem Haus beschert hatten. Dabei sah es vor einigen Jahren noch so gut für Nomura aus: gestützt durch einen extrem renditestarken Einzelhandelssektor auf dem einheimischen Markt hatte Nomura dermaßen viel liquide Mittel zur Verfügung, daß diese „Kriegskasse“ ausreichte, um im September 2008 die europäischen und asiatischen Büros der Investmentbank Lehman Brothers aufzukaufen –  inklusive garantierter Boni über zwei Jahre (auf dem Stand des Boomjahres 2007) für die neu hinzugekommenen Mitarbeiter von Lehman. Nomura wußte, daß der einheimische Markt gesättigt war, und sah seine Chance, in der Übernahme der „Big Swinging Dicks“ von Lehman schnell die Leiter in der internationalen Investmentbankenwelt empor zu klettern. Der damalige CEO, Kenichi Watanabe, war Kosmopolit und Visionär. Die Nomura-Aktie stand bei ca. 2000 Yen, das waren damals ca. 13,50 EUR. Mittlerweile steht die Aktie bei 275 Yen, das sind heute noch knapp 3 EUR. Was war passiert? Selbst durch die großzügigen Gehaltsversprechungen an die Lehman-Banker wurde bei Nomura nur kurzzeitig ein operativer Verlust eingefahren, denn gerade im Fusions- und Akquisitionsgeschäft brachten die neuen Kollegen Nomura schnell in die Top 10, besonders vor dem Hintergrund des historisch starken Yen und der damit verbundenen Kauflust japanischer Firmen im Ausland war Nomura eine gesetzte Nummer. Nachdem jedoch die zweijährige Gehaltsgarantie an die ehemaligen Lehman-Banker abgelaufen war, verließen zahlreiche Mitarbeiter die Firma. Zum einen kann man hierfür sicherlich den Unterschied in der jeweiligen Firmenkultur verantwortlich machen, der bei den einen (Lehman) Frustration und bei den anderen (Nomura) Neid hervorgerufen hatte. Zum anderen ist es aber eben dieser Kulturunterschied sowie ein Unverständnis für die japanische Arbeitsweise gewesen, der ein langfristiges Engagement bei Nomura für viele ehemalige Lehman-Banker nicht attraktiv genug machte. Nichtsdestotrotz machen nichtjapanische Angestellte immer noch ein Drittel der gesamten Belegschaft aus – für japanische Verhältnisse ein enorm internationales Verhältnis. Auch ist sicherlich das Einkommen ein entscheidender Faktor gewesen. Zum Vergleich: Der Vorstandsvorsitzende von Nomura hat im vergangenen Jahr inklusive nichtmaterieller Zuwendungen circa 2 Millionen Dollar verdient. Nicht zu vergleichen mit den 23 Millionen (ohne nichtmaterielle Zuwendungen) eines Jamie Dimon von JPMorgan oder den 45 Millionen Dollar eines Richard Fuld von Lehman Brothers im Jahre 2007. Im Gegensatz dazu ist aber eine Anstellung bei einer japanischen Firma ein Engagement auf Lebenszeit. Die Arbeitslosenrate in Japan steht bei 4,5% - und das ist für Japaner eine erschreckende Zahl! Vor der Lehman-Krise stand diese Zahl bei ca. 2%.

Der neue Vorstand von Nomura könnte nicht gegenteiliger zum alten sein: Koji Nagai, der neue CEO, leitete bisher das einheimische Einzelhandelsgeschäft und hat bereits angekündigt, sich großflächig aus dem internationalen Geschäft zurückzuziehen.

So sehr man als Analyst und langfristiger Beobachter der Aktivitäten von Nomura deren Überheblichkeit (á la „Halt Dei Gosch, i schaff beim Bosch“ – ja, das gibt es auch in Japan) auch nachgetragen hat, der Verlust eines weiteren Mitspielers auf dem internationalen Handelsplatz kann für die Vielfältigkeit an den Märkten und einem daraus resultierenden gesunden Konkurrenz- und Preisdrucks nicht im Sinne der Kunden sein, die an diesen Märkten zu fairen Gebühren handeln und sich ihre Handelspartner frei aussuchen wollen.

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