Wen wundert es, dass die Budgets großer Ölproduktionsländer im Angesicht der aktuellen Entwicklungen an den Rohölmärkten immer stärker unter Druck geraten? Dies gilt in besonderem Maße für Venezuela, einem Land, das Ölpreise jenseits der $100 Marke benötigt, um sein sozialistisches Utopia aufrechtzuerhalten. Nicht nur, dass sich der Bolivar seit Monaten in einer nicht enden wollenden Abwärtsspirale befindet, die zu Kapitalflucht, einer Verknappung des Lebensmittelangebots und wachsender Angst vor Vermögens- und Geldentwertung unter der Bevölkerung geführt hat. Auch Venezuelas Bondpreise taumeln von einem Rekordtief zum nächsten, während die Zinsen explodieren.

Venezuelas Bondpreise befinden sich im heutigen Handel abermals nahe ihrer Rekordtiefs. Im Gegenzug kletterten die Zinsen auf umlaufende Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 15 Jahren auf knapp über 20%. Das ohnehin durch einen enormen Währungsverfall bei gleichzeitig stark sinkenden Devisenreserven und abhebender Inflation gebeutelte Land (ich berichtete auf kontinuierlicher Basis) sieht sich nun auch noch einer sich verschärfenden Lage auf seiner Einnahmenseite ausgesetzt.

Das OPEC-Land Venezuela benötigt Ölpreise oberhalb der Marke von $100 pro Barrel, um seine staatlichen Ausgaben zu bestreiten. Davon sind die Preise an den globalen Ölmärkten zurzeit meilenweit entfernt. Wen wundert es, dass die heimischen Bondkurse in einem Abwärtstaumel gefangen bleiben? Zuletzt brachte ein Analyst die Dinge treffend auf den Punkt, als er erklärte:

„Es herrscht die allgemeine Ansicht vor, dass die Jungs in Venezuelas Regierung in argen Problemen stecken, weil sie keinen Plan oder politische Leitlinie haben, um sich aus ihrer ökonomischen Malaise zu befreien.“

Hier ein Blick auf die Zinsentwicklung der 15-jährigen venezolanischen Staatsanleihe / Chart: investing.com

Venezuela dürfte neben Nigeria, Brasilien, Lybien und den Vereinigten Staaten zu jenen Erdöl produzierenden Staaten in der Welt gehören, die dem Ölpreisverfall aufgrund hoher Förderpreise am stärksten ausgesetzt und deshalb finanziell am verwundbarsten sind. Am Beispiel Venezuelas wird die interne Spaltung der OPEC am sichtbarsten. Kein anderes Land, das der OPEC als Mitglied angehört, hatte sich in den letzten Wochen lautstarker für eine weltweite Drosselung der Erdölproduktion ausgesprochen.

In den Golfemiraten und Saudi-Arabien blieben diese Forderungen ungehört. Schon im Oktober hatte die Regierung des Landes die OPEC zu einem Notfallgipfel aufgerufen, dessen Zustandekommen neben Kuwait auch durch Saudi-Arabien boykottiert wurde. Wie sich zeigt, befindet sich Venezuela finanziell mit dem Rücken zur Wand. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Bolivar – der in den letzten zwölf Monaten eine Abwertungsspirale von fast 90% gegenüber dem offiziell durch die Zentralbank festgelegten Dollarwechselkurs durchlebte – vollends durch die Luke fallen wird.

Die sozialistische Regierung des verstorbenen Maximo Leaders Hugo Chavez und dessen Amtsnachfolger Nicolas Maduro hatten nach der Verstaatlichung der venezolanischen Erdölindustrie eigentlich nichts anderes getan, als die staatliche Ölfirma PDVSA als Melkkuh zu nutzen. Diese Melkkuh erlaubte es der Regierung in Caracas, ihren Versprechungen zu einer extremen Ausweitung der sozialstaatlichen Leistungen in der vergangenen Dekade nachzukommen.

Dies galt zumindest bis zu dem Tag, solange die Erdölpreise über der Marke von $100 notierten. Selbstverständlich hat das finanzielle Ausschlachten von PDVSA dazu geführt, die staatliche Erdölfirma ihrer benötigten Investitionsmittel zu berauben. Folge war, das kaum mehr Geld in neue Ölexplorationen geflossen ist, um die heimische Produktion auszuweiten. In Zahlen drückt sich die Lage auf die folgende Weise aus: Seit dem Jahr 2000 ist Venezuelas Erdölförderung von 3,6 Millionen Barrel auf heute nur noch 2,4 Millionen Barrel pro Tag gesunken.

Trotz allem ließ sich beobachten, dass es schon zu Beginn dieses Jahres zu starken Tumulten und sozialen Unruhen auf den Straßen venezolanischer Großstädte gekommen war. Damals lagen die Ölpreise noch komfortabel über $100 pro Fass. Was Venezuela nun noch stärker in die Bredouille bringt ist die Tatsache, dass die Ölausfuhren einen Anteil von 97 Prozent an der Generierung von Auslandsdevisen auf sich vereinen. Um sein völlig aus dem Ruder gelaufenes Staatsbudget zu finanzieren, benötigt das Land Ölpreise von durchschnittlich $120 pro Barrel.

Schon zum jetzigen Zeitpunkt ist die Inflationsentwicklung in ein Stadium fernab von gut und böse eingetreten. Auf Jahresbasis hat sich die Teuerungsrate um 60 Prozent erhöht. Laut Goldman Sachs lässt sich ab einem Anstieg von 40% auf Jahresbasis vom Eintritt in eine Hyperinflation sprechen. Im 1. Halbjahr 2014 schrumpfte Venezuelas Wirtschaft um rund 5%. Die aus einer anhaltenden Bolivar-Abwertung resultierenden Folgen waren Verknappung von Lebensmitteln, Medizinknappheit und die Tatsache, dass sich bestimmte Importprodukte nur noch gegen Auslandsdevisen erwerben lassen.

Venezuela ist König unter den potenziellen Ausfallkandidaten an den Bondmärkten / Chart via Zerohedge

Die Kriminalitätsrate ist insbesondere in der Hauptstadt Caracas durch die Decke geschossen. Des Nachts setzt schon nicht einmal mehr ein Hund seinen Fuß auf die Straße. Kein Wunder, dass diejenigen, die es sich finanziell leisten können, das Land verlassen. Hinzu kommt, dass die venezolanische Regierung hoch verschuldet ist, während die umlaufenden Staatsanleihen an den Credit-default Märkten gerade das Etikett des weltweit höchsten Ausfallrisikos aufgeklebt bekommen haben.

Der enorme Rückgang der Ölpreise seit Sommer dieses Jahres verschärft die finanziellen Probleme des Landes auf dramatische Weise. Es besteht durchaus das Potenzial, Venezuela in eine der schwersten Krisen in seiner Landeshistorie zu stürzen. Analysten weisen zurecht darauf hin, dass es Venezuelas Regierung selbst im Angesicht von beständig hohen Ölpreisen (das Krisenjahr 2008 ausgenommen)  nicht geschafft hat, seiner Schuldenproblem Herr zu werden. Die deutlich gesunkenen Ölpreise könnten die innenpolitischen Entwicklungen aus diesem Grunde nun sehr schnell aus dem Ruder laufen lassen...