Varoufakis veröffentlicht pikante Details

Lagarde hatte Anfang 2015 bei einem Treffen der Eurogruppe spöttisch gefragt, ob sich Erwachsene im Raum befinden würden. Sie hätte besser fragen sollen, ob jemand ein Aufzeichnungsgerät für Mitschnitte benutzt. Denn das ist die Grundlage des Buches von Varoufakis. Bereits auf den ersten Seiten erfährt der Leser, dass der wortgewandte Professor und frische Ehrendoktor der Universität Sussex für all seine Zitate im Buch die entsprechenden Tonaufzeichnungen hat.

Im Buch gesteht er, dass er auch beim Gespräch mit dem früheren Präsidenten der USA, Barack Obama, sein Mobiltelefon zur Aufzeichnung nutzte. Darüber hinaus habe er an den damaligen Krisenstab des Kabinetts Tonaufzeichnungen von kompletten Sitzungen der Eurogruppe geliefert, aber bislang keine Reaktion erhalten.

Das Buch wird in Griechenland für die Regierung zu einer Unzeit diskutiert. Premierminister Alexis Tsipras möchte eigentlich die Tatsache feiern, dass seit 2014 zum ersten Mal wieder eine neue griechische Staatsanleihe mit fünfjähriger Laufzeit an den internationalen Märkten gehandelt wird. Wer nun an Verschwörungstheorien glauben möchte, wird enttäuscht. Die öffentliche Diskussion wurde nicht etwa von Varoufakis terminlich geschickt eingefädelt. Auch hat keine Oppositionspartei hier die Hände im Spiel gehabt.

Es war Sparsamkeit, welche die großen griechischen Medien dazu anhielt, erst auf eine griechische Übersetzung des zunächst auf Englisch erschienenen Werks zu warten. Dies bestätigten Redakteure anlässlich des großen Empfangs beim griechischen Präsidenten zum dreiundvierzigsten Jahrestag der Wiederherstellung der Demokratie hinter verborgener Hand.

Varoufakis vs Tsipras

Demnach fiel den Redakteuren eine „irgendwo im Internet“ gefundene Datei mit der griechischen Übersetzung des im September im Buchhandel befindlichen Buchs in die Hände. So etwas ist in Hellas durchaus üblich. Noch immer gibt es Chefredakteure großer Medien, die ihre Bildredakteure darauf hinweisen, dass „Google doch kostenlos liefert“, was letztere lieber von einer Fotoagentur beziehen würden. Juristische Konsequenzen müssen die Initiatoren solcher Geschäftsmethoden kaum fürchten. Auch heute noch gilt in Griechenland das Recht des Stärkeren.

In diesen Kontext erscheinen die von Varoufakis im Buch präsentierten Dialoge mit Tsipras durchaus real und verständlich. Tsipras, sein enger Freund Nikos Pappas und Yanis Varoufakis hatten sich demnach sowohl 2011 als auch 2014, beide Male in Perioden des intensiven Vorwahlkampfs für vorgezogene Neuwahlen zusammengefunden.

 Dabei soll Tsipras laut Varoufakis getönt haben, er würde sobald er Premier sei, den Zentralbankchef und früheren Finanzminister von Antonis Samaras, Yannis Stournaras mit Tritten und Schlägen aus dem Amt entfernen. Pappas soll hinzugefügt haben, dass es effektivere Methoden gäbe. Tatsächlich ist Stournaras auch heute noch im Amt.

Für die griechischen, an die hiesige Dialogkultur gewohnten Leser sind solche Gespräche zwar unterhaltsam, jedoch kaum so erschreckend, wie sie auf eine außenstehende Leserschaft wirken. Die Tatsache, dass Varoufakis seinen früheren Freund Alexis als ungebildet einstuft, verwundert in Griechenland kaum jemanden. Tsipras hat auch heute noch ein Problem damit, in der Öffentlichkeit seinem Amt entsprechend aufzutreten.

 Wassilis Aswestopoulos

Es ist nicht nur die fehlende Krawatte, die Tsipras bei Empfängen im Präsidentenpalast als provinziell erscheinen lässt. Im Gegensatz zu dem penibel auf seine Körpersprache und sein Erscheinungsbild achtenden Varoufakis kann der griechische Premier, der sich vor Kameras lässig in einen Sessel lümmelt, nicht mithalten. Rhetorisch ist Tsipras dem eloquenten Rednern Varoufakis ohnehin unterlegen.

Die Quintessenz der knapp 550 Seiten von Varoufakis Werk findet sich hingegen in zwei Abschnitten. In einem geht es darum, wie Varoufakis an den Posten des Finanzministers kam, im anderen darum, wie er ihn wieder verlor.

Varoufakis hatte dem früheren Premierminister und Parteivorsitzenden der PASOK Giorgos Papandreou bis 2006 als Berater gedient. Die Zusammenarbeit endete mit Differenzen hinsichtlich der politischen und wirtschaftlichen Ausrichtung von Papandreous Wahlprogramm.

Als dieser im Mai 2010 Griechenland unter den Euro-Rettungsschirm brachte, trat sein einstiger Berater verstärkt an die Öffentlichkeit. Er war ein gern gesehener Gast in politischen Sendungen, in denen er populärwissenschaftlich die Fehler der Euro-Konstruktion erklärte.

Damit lieferte Varoufakis Gegenargumente zum damaligen Zeitgeist, der allein in Griechenlands Korruption, Steuermoral und aufgeblähter Verwaltung die Ursache des Desasters sah. Es darf nicht verschwiegen werden, dass Varoufakis wiederholt betont hat, dass knapp siebzig Prozent der von den Kreditgebern verlangten Reformen sinnvoll sind.

Varoufakis postulierte, dass ein Euroaustritt des Landes eine Katastrophe sei, und dass stattdessen im Sinne des europäischen Projekts nur eine Reform der Gemeinschaftswährung die Lösung bringen könne. Mit dieser Meinung stand er zum damaligen Zeitpunkt, 2011 und 2014 gegenüber der von SYRIZA vertretenen Doktrin im eher konservativen oder sozialdemokratischen Lager.

Trotzdem fand Tsipras Gefallen an ihm. Varoufakis hatte der Führungsriege von SYRIZA im Herbst 2014 eine Alternativstrategie präsentiert. Diese beinhaltete als Szenario eine Einführung einer elektronischen Parallelwährung, für den Fall, dass die Kreditgeber bei Verhandlungen als Druckmittel die Banken schließen. Laut Varoufakis sollte dies dazu dienen, keine eigenen Banknoten auszugeben, und somit nicht einseitig aus dem Euroraum auszutreten.

 Aufgrund dieses Plans, der präsentierten Verhandlungstaktik und Varoufakis Wirtschaftsprogramm soll Tsipras, der mittlerweile auch in der Öffentlichkeit bei Buchpräsentationen neben dem Ökonomieprofessor auftrat, bereits vor den Wahlen vom Januar 2015, Varoufakis zum Finanzminister bestimmt haben.

Selbst dessen Einwand, dass seine Strategie nicht der von Tsipras selbst anlässlich der Internationalen Messe in Thessaloniki präsentierten entspräche, und dieser in weiten Teilen diametral entgegen stünde, ließ Tsipras nicht gelten. Er empfahl seinem neuen Minister auch, keineswegs in die Partei einzutreten, da er sich dort mit endlosen Diskussionen und den Zwängen kollektiver Entscheidungen auseinandersetzen müsse.

Das Ende der Zusammenarbeit stellt Varoufakis als Ergebnis einer Diskussion mit Tsipras in der Nacht nach dem Referendum vom 5. Juli 2015 dar. Er eilte freudig über die knapp 62 Prozent Ablehnung zum Sparkurs ins Amt des Premierministers. Dieser wirkte jedoch ernüchtert, sogar ängstlich.

Tsipras soll Varoufakis über einen drohenden Putsch informiert haben. Er müsse der Troika, die ihm bereits mehr Zugeständnisse als den Vorgängern abverlangt habe, nachgeben, lässt Varoufakis Tsipras sagen.

Tsipras komplimentierte Varoufakis aus dem Amt. Einen angebotenen alternativen Ministeriumsposten, zum Beispiel das Kulturministerium, wollte der Ökonom nicht annehmen. Varoufakis kommentiert in seinem Buch süffisant, dass Tsipras sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen die Zustimmung der Opposition zum dritten Rettungspaket Griechenlands geholt habe.

Gegenüber der PASOK und der Nea Dimokratia versicherte er, dass es ob des einen Drittels Abweichler aus seiner Partei keine Neuwahlen, sondern vielmehr eine kollektive Regierung geben würde.

Tsipras holte sich die Voten der Opposition im Parlament und rief Neuwahlen für den September 2015 aus.

Wassilis Aswestopoulos

Die Reaktionen

Die Regierung schwieg mehrere Tage lang zu den in der griechischen Presse kursierenden Details. Tsipras wählte erst am Montag den Ausweg über ein Interview gegenüber dem Guardian, um seine Sicht der Dinge zu erzählen.

Darin gibt er schwere Fehler seiner ersten Regierungszeit zu, und bezeichnet die Besetzung wichtiger Kabinettsposten mit unpassenden Leuten als einen seiner schwersten. Den Alternativplan von Varoufakis kanzelt Tsipras als zu vage und unausgegoren und nicht des Lesens wert ab. Allerdings bezeichnet er Varoufakis als richtige Wahl für einen Konfrontationskurs.

Der Presseprofi Varoufakis antwortete augenblicklich mit einem ebenfalls im Guardian platzierten Brief. Er wirft Tsipras Verteidigungsstrategie einen Denkfehler vor. Denn schließlich könne nicht beides Zutreffen, die richtige, auf seinen Plan beruhende Konfrontationsstrategie oder dessen Unausgewogenheit. 

Varoufakis nutzte die Gunst der Stunde, dem Premier auch in anderen Punkten Verrat an der linken Ideologie vorzuwerfen. Exemplarisch präsentiert er die Abschiebung eines in Pakistan von Islamisten bedrohten Flüchtlings als Beleg dafür, dass Tsipras sich auch von seiner einstigen Menschenrechte propagierenden Rhetorik entfernt habe.

Die Anleihe

Für Tsipras brechen schwierige Zeiten an. Denn auch die neue Anleihe brachte nicht den gewünschten Erfolg. 2014 hatte sein Vorgänger Antonis Samaras seine Anleihe für 4,95 Prozent Zinsen platzieren können. Die neue Anleihe wird bei knapp 4,65 Prozent Zinsen gehandelt.
Zum Vergleich dazu liegen die aktuellen Werte für die übrigen Euro-Sorgenkinder Portugal und Zypern bei knapp 1,2 beziehungsweise 1,7 Prozent…