Am Beispiel Chinas offenbarte sich mit betrüblicher Deutlichkeit, in welchem Ausmaß den Europäern und Amerikanern das geschichtliche Bewußtsein abhanden gekommen war. Die Fehldiagnose des amerikanischen Politologen Fukuyama vom “End of History” war auf allzu fruchtbaren Boden gefallen.

So begegnete die westliche Welt dem phänomenalen Aufstieg Chinas in den Rang der zweiten, bald der ersten Weltmacht, mit einem Gemisch aus Arroganz und Missgunst.

Nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA, sind die geopolitischen Grundlagen auch in diesem Feld in Bewegung geraten.

In jüngster Zeit wiederholte die Bundesregierung mehrfach den Willen, den Freihandel zu verteidigen. Chinas Präsident Xi Jinping hielt  sogar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ein - für seine Verhältnisse - leidenschaftliches Plädoyer für offene Märkte.

Bedeutet dies den Beginn einer Partnerschaft?

China und Deutschland als die beiden größten Exportnationen der Welt gelten als die Gewinner der handelspolitischen Globalisierung der letzten Jahrzehnte. US-Präsident Trumps erklärte „America first“-Leitline, flankiert von Isolationsismus, der Aufhebung von Freihandelsabkommen, der Androhung von Strafzöllen und seine jüngst wiederholten Vorwürfe, dass sich beide Länder Wettbewerbsvorteile durch Währungsmanipulation verschafft hätten, hat die Regierungen in Berlin und Peking alarmiert. Beide Länder hätten bei einer Auseinandersetzung mit den USA und weltweit zunehmenden Protektionismus viel zu verlieren; das verbindet und schafft eine gemeinsame Interessenlage. Wäre eine verstärkte Kooperation zwischen Berlin und Peking also zukunftsfähig?

Ja, wenn das politische Berlin einen außenpolitischen Neustart beginnt.

Die explosive Dynamik Chinas erzeugte bis in die jüngste Vergangenheit wachsende Furcht, ja die Ahnung des eigenen Rückfalls in unerträgliche Mittelmäßigkeit.

Die an Sinophobie grenzende Abneigung, die immer wieder in der westlichen Berichterstattung über China zu erkennen ist, hängt wohl auch damit zusammen.

Dabei ist der phämonale Aufstieg dieses Riesenreiches - in den letzten 30-40 Jahren - eine Erfolgsgeschichte ohne Gleichen.

Wäre es dem Westen denn lieber, in Peking würde immer noch ein totalitärer, unberechenbarer Herrscher regieren, dessen ideologischen Verirrungen Millionen Menschen das Leben kosten würden?

Viele der westlichen Wortführer, die heute mit der äußerst selektiven Menschenrechtskeule pseudodemokratische Reformen im Reich der Mitte einfordern, während im Westen die demokratischen Grundrechte sukzessive eingeschränkt werden, während auch viele Verbündete des Westens weit weniger demokratisch agieren als China, waren ja während der  Herrschaft von Mao recht schweigsam, bisweilen sogar heimliche Bewunderer dieses Herrschers.

Es wäre im Interesse Berlins und Pekings, die Beziehungen zu intensivieren.

Deutschland und Europa sind in den letzten Jahren zu einer der Haupt-Zielregionen chinesischer Investitionen geworden. Nach der Amtseinführung Trumps wurde bereits eine neue Art der gegenseitigen Betrachtung sichtbar. Ende Januar erklärten beide Seiten, weiterhin gemeinsam für Stabilität an den globalen Märkten einzutreten.

In Folge des Machtwechsels in den USA wurde wiederholt die Frage aufgeworfen, inwieweit nun die Bundesrepublik stärkere globale Verantwortung übernehmen könne und müsse. Diesbezüglich betrachtet China Deutschland als unumstrittene wirtschaftliche und (außenpolitische Führungsmacht der EU. In Folge der Krisen der EU, sind Pekings Erwartungen an Berlin noch gewachsen. Ob es sich hierbei nur um eine temporäre Beurteilung handelt, dürfte auch sicher von der Haltung der Bundesregierung abhängig sein. Chinas Interesse könnte sich auch schnell wieder anderen Weltregionen zuwenden, ohne das Deutschland seine neue Rolle dann schon gefunden hätte.