15.09.2009 | 09:55 |  PETER HUBER (DiePresse.com)

Dirk Müller, bekannt als "Dirk the Dax", schildert im DiePresse.com-Interview wie sich die Welt seit der Pleite von Lehman Brothers verändert hat. Er warnt vor Finanzderivaten: "Diese Bombe kann jederzeit platzen".

DiePresse.com: Wie hat die Pleite von Lehman Brothers die Finanzwelt verändert?

Bis zu diesem Tag war klar, dass die großen Banken in mächtigen Problemen steckten, aber der Staat würde sie nie fallen lassen. Das hat sich mit dem 15.9.2008 schlagartig geändert. Plötzlich war alles möglich. Das gilt noch immer. Das Vertrauen in die Banken ist keineswegs wieder hergestellt. Es wurde lediglich durch die Banken hindurch auf die Staaten als letzte Instanz durchgeleitet, deren Situation dadurch an die äußerste Belastungsgrenze gebracht wurde.

DiePresse.com: War das drohende Ende der Lehman-Bank tatsächlich nicht absehbar, wie das deutsche Spitzenpolitiker heute unisono beteuern?

Das war absolut absehbar. Bear Stearns hatte schon Monate zuvor die Grätsche gemacht. Es war nur die Frage wer von den Big Ones der nächste wäre. Die Probleme und Risiken in den Bankbilanzen waren hingegen schon Jahre zuvor bekannt. Man erinnere sich nur an die Ereignisse um die Hypo-Vereinsbank Anfang des Jahrtausends.

DiePresse.com: Haben wir den Höhepunkt der Krise schon gesehen oder droht schon bald eine Welle neuer Überraschungen? Welche Gefahren sehen Sie?

Ich befürchte, dass uns das Schlimmste noch bevor steht. Es wird zwangsläufig zum großen Reset kommen. Das einzige, was wir gerne diskutieren können ist der Zeitraum. Vieles spricht für einen großen Schlag in den nächsten 24 Monaten, mit viel Glück, vielen weiteren Bilanzbeschönigungen und sonstigen Mogelpackungen schaffen wir es vielleicht noch ein paar Jahre Zeit zu gewinnen. Die extreme Verschuldung der „entwickelten Staaten“ und ihrer Bürger kann nur in einer Streichung eben dieser Schulden enden und das wird starke Verwerfungen mit sich bringen.

DiePresse.com: Die Trockenlegung von Steueroasen wird in der Öffentlichkeit groß gefeiert. Ist das ein reines Ablenkungsmanöver oder erkennen Sie Ansätze einer wirklichen Reform des internationalen Finanzsystems?

Das ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt, wenn er weltweit vollzogen würde. Das wird aber nicht passieren. Es wird immer Orte geben, an denen das Geld der „Großen“ sicher ist. Dann fließt das Geld eben nach Hongkong, Singapur oder Dubai. Der Einfluss der EU ist dort ausgesprochen bescheiden.

Bislang gab es viel heiße Luft aber absolut keine ernsthaften Reformen. Die erwarte ich auch künftig nicht, da die Interessenslagen ganz klar verteilt sind. An die Themen „Überschuldung“, Spekulation auf Kredit, Geldschöpfung durch private Banken oder Zinseszins, die die tiefen Ursachen unserer Finanzkrise sind will erst recht niemand herangehen. Also bleibt es bei der üblichen Kosmetik und der Bürger trägt die Lasten weiter.

DiePresse.com: Auf den ersten Blick haben sich die Banken wieder erholt: So legten die US-Großbanken im letzten Quartal durchwegs Milliardengewinne hin. Ist hier schon eine nachhaltige Trendwende erkennbar? Oder ist das die Folge aufgeweichter Bilanzierungsregeln?

Das ist zum Großteil auf Bilanzierungskniffe zurückzuführen. Wenn man sich immer neue Tricks einfallen lässt, um die Bilanzierungen zu erleichtern - oder übersetzt: zu verschleiern - fragt man sich schon, welche Berechtigung ein Finanzsystem noch hat, das auf legalem Lug, Trug und Täuschung aufbaut. Das haben wir in den vergangen Jahrzehnten zu Recht dem Kommunismus vorgeworfen, dass man sich dort die Zahlen zurechtbiegt und somit keine Legitimation hat. Das gilt bei uns inzwischen auch für zahlreiche Wirtschaftsdaten wie die Arbeitslosenstatistik.

Dennoch verdienen die Banken tatsächlich in einigen Bereichen wieder exzellent. So fahren amerikanische Großbanken wieder einen ungeheuer heißen Reifen, was riskante Geschäfte angeht. Dazu kommt der Zinsgewinn. Wenn ich Geld für 0 Prozent bekomme und es für 15 Prozent, wie bei einer Girokontoüberziehung, weitergebe, dann muss ich mich schon mächtig blöd dranstellen, wenn ich da kein Geld verdiene. Da viele Firmen kaum noch Kredite von den Banken bekommen - und wenn, dann zu teuren Konditionen - müssen sie Anleihen begeben. An diesen Anleiheemissionen verdienen die Banken wiederum richtig dick. Auch an den ganzen neuen Staatsanleihen, mit denen die Staaten ihre Banken retten, verdienen die Banken ein paar goldene Näschen. Perfide, aber wahr.

DiePresse.com: Auch die Börsen befinden sich seit Monaten wieder auf einem Höhenflug. Droht ein baldiges Ende der Rally? Wie werden sich die Börsen weltweit im nächsten halben Jahr entwickeln?

Die Märkte entwickeln eine Eigendynamik aus „crazy money“. Geld, das verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten sucht. Die Aktienmärkte sind viel zu weit gelaufen. Man unterstellt für 2010 einen Gewinnanstieg der Unternehmen von 28 Prozent. Wo soll das bitte herkommen? Alle vermeintlich starken Umfrage-Indikatoren beruhen auf Glaube und Hoffnung. Die harten, belastbaren Indikatoren wie Industrieproduktion und Auftragseingänge sehen nach wie vor katastrophal aus. Ich befürchte ein dickes Ende, auch wenn der Markt sich im Rausch noch einige Monate hochschrauben sollte.

DiePresse.com: US-Investor Warren Buffett hat Finanzderivate einmal als "finanzielle Massenvernichtungswaffen" bezeichnet. Welche Gefahr geht Ihrer Meinung nach weiterhin von diesen Produkten sowie verbrieften Kreditforderungen aus?

Eine unabschätzbare. 600 Billionen Dollar an Wetten, wobei alle Waren und Dienstleistungen der Erde in einem Jahr zusammengerechnet nicht einmal bei 60 Billionen liegen. Diese Bombe kann jederzeit platzen, wenn einer der wenigen großen Spieler aus dem Spiel ausscheiden sollte und seinen Verpflichtungen nicht nachkommen kann. Einer von vielen Sprengsätzen auf unserem Golfplatz.

DiePresse.com: "Die Party in Osteuropa ist vorbei". Sind die Risiken österreichischer Banken in Osteuropa übertrieben oder hat Österreich hier noch unangenehme Überraschungen zu erleben?

Natürlich haben die österreichischen Banken hier noch einige Probleme zu bewältigen und das kann sicherlich noch höchst unangenehm werden, das darf man nicht unterschätzen. Teile Osteuropas haben ihren neuen relativen Wohlstand auf Pump aufgebaut und das kann naturgemäß hässlich für den Gläubiger werden, wenn die Einnahmen ausbleiben. Das ist der Fall. Daraus einen Kollaps des Euro zu basteln, geht jedoch zu weit. Dazu sind die Summen zu gering. Da sind auch wieder Einzelinteressen im Spiel.

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