Rocket Internet. Der Name der diese Woche an die Börse gehenden Firma geistert derzeit durch viele Gazetten. Laut Frankfurter Rundschau schickt sich das Unternehmen sogar an, die Welt zu erobern. Lässt man die platten Werbesprüche beiseite und schaut in den Börsenprospekt des Unternehmens findet man beste Unterhaltung…

In der Frankfurter Rundschau darf man folgendes lesen:

  • Oliver Samwer macht keinen Hehl daraus, dass er mit Rocket Internet die Welt erobern will. 5,4 Milliarden Menschen gehörten zur Zielgruppe der Rocket-Startups. Rocket wolle mit seinem Geflecht junger Internet-Firmen die größte Internet-Plattform außerhalb der USA und Chinas sein, verkündete er am Mittwoch zum Startschuss für den Börsengang.

Das sind ganz schön viele potenzielle Kunden, die dem Geflecht junger Internet-Firmen Geld in die Kassen spülen sollen. Die mehr als eine Milliarde Menschen, die weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung haben, hat man offenbar nicht im Visier. Aber wenn die indische Landbevölkerung und die Menschen südlich der Sahara erstmal ihren Tee und Reis über das (geleaste) Smartphone bestellen, geht die Saat der Samwers ganz sicher auf finanziell auf. Ganz sicher …

Abgesehen vom Marketing und altbekannten Internet-Platitüden findet sich im Prospekt zum Börsengang manche wohl ernst gemeinte Anmerkung. Wenn nicht anders erwähnt stammen die Zitate im Artikel aus der deutschen Übersetzung des Börsenprospekts (S-27).

  • Unsere ausgereiftesten Unternehmen, die sogenannten „proven winners“ (bewährte Gewinner), erwirtschafteten Gesamtumsatzerlöse von € 757 Mio. (ungeprüfter Gesamtbetrag ihrer Umsatzerlöse auf der Grundlage der für die jeweilige Gesellschaft anzuwendenden allgemein anerkannten Bewertungs- und Bilanzierungsgrundsätze, jeweils für das letzte Geschäftsjahr, für das Daten zur Verfügung standen) sowie Gesamtjahresfehlbeträge von € 442 Mio. (…)

Bei diesen Erträgen interessiert den geneigten Leser natürlich die Bewertung.

  • Die gesamten von der Emittentin, unmittelbar und mittelbar gehaltenen Anteile an allen unseren Unternehmen einschließlich der proven winners, der wachsenden Unternehmen, die bereits eine bedeutende Größe erreicht haben und die wir als „emerging stars“ (aufstrebende Sterne) bezeichnen, unserer regionalen Internetunternehmensgruppen und unserer anderen wesentlichen strategischen Beteiligungen und sonstiger Investitionen haben – basierend auf der jeweils letzten Finanzierungsrunde unter Beteiligung außenstehender Dritter (wie nachstehend unter diesem Element B. 3 näher erläutert) – einen Gesamtwert von € 2,6 Mrd(1).

Klingt beachtlich, die erwähnte Fußnote enthält jedoch folgenden für die Beurteilung dieses „Gesamtwertes“ nicht ganz unwichtigen Passus:

  • Ungeprüft. Basierend auf Rechnungswesen bzw. Controllingunterlagen der Emittentin berechnet.

Weiter geht’s.

  • Wir bauen Internetgeschäftsmodelle, die die Grundbedürfnisse von Konsumenten befriedigen, vorwiegend auf drei Kerngebieten auf. Zu unseren Unternehmen des E-Commerce gehören Einzelhandelsunternehmen in den Bereichen Mode, Konsumgüter, Haus und Wohnen sowie Bürobedarf und Lebensmittel. Unsere Marktplatzunternehmen streben danach, herkömmliche Lieferketten zu ersetzen, indem sie Wege eröffnen, mittels derer Käufer und Verkäufer direkt miteinander Geschäfte vornehmen können; dies schließt Immobilien- und Kfz-Internetkleinanzeigen, Reisen und Transport sowie Essenslieferdienste ein. (…).

Beim Lesen mancher Textstellen wird man den Verdacht nicht los, man hat auch das Schreiben dieses Textes bereits über das Internet an Praktikanten ausgelagert. Vielleicht zielten die Verfasser aber lediglich auf schlichte Phrasen ab, die entfernt an TV-Nachrichten für Kinder erinnern.

Schön finden wir auch den folgenden Abschnitt der zeigen soll, was man in der Zukunft anders machen will als bisher.

  • In der Vergangenheit bedeutete dies, dass die direkten und indirekten Beteiligungen der Emittentin an den Unternehmen im Zeitablauf mit zunehmender Größe und Reifegrad der Unternehmen auf unter 50 % gesunken sind. Daher kontrolliert die Emittentin die meisten unserer Unternehmen nicht. Die Emittentin beabsichtigt gegenwärtig, zukünftig, einen Anteil von mindestens 50 % des wirtschaftlichen Eigentums an den meisten neuen Unternehmen zu behalten. Das bedeutet, dass sich die Kapitaleinlagen der Emittentin in den Unternehmen erhöhen und die Emittentin noch bedeutsamer an deren Entwicklung teilhaben werden.

Man möchte „noch bedeutsamer“ an einer Entwicklung teilhaben. Was mag man damit wohl meinen. Bevor man die Teilhabe an den wundersamen Entwicklungen hochschraubt, sollte man vielleicht in einem ersten Schritt versuchen, ein paar positive Cash Flows zu generieren. An verlustbringendem Umsatzwachstum sind schon viele gescheitert, ein Problem, mit dem bekanntlich auch Amazon kämpft aber nicht von der Stelle kommt. Für Raketenforscher dürfte dieser einfache Schritt vor der „bedeutsameren Teilhabe“ sicher ein Leichtes sein.

Auch der Blick auf die Strategie bietet Unterhaltsames:

  • Strategie: Die Emittentin strebt danach, die größte Internetplattform der Welt außerhalb der USA und Chinas zu werden. Die wesentlichen Elemente der gegenwärtigen Strategie der Emittentin umfassen: Bewältigung der Vielschichtigkeit unserer Märkte und Lokalisierung in jeder Dimension.

Vielschichtigkeit und Lokalisierung in jeder Dimension. Das klingt wie ein Werbetext zur Verklärung zusammengelöteter Metalltrümmer zu moderner Kunst. Es stellt sich die Frage: “Ist das ein Geschäftsmodell oder kann das weg?”

  • Abdeckung eines großen Teils der Konsumentenausgaben durch Ausnutzen unseres mobilen Ecosystems, um von der Smartphone-Revolution zu profitieren. Ausbau unseres bestehenden Netzwerks von Unternehmen.

Wie hätten sie ihr mobiles Ecoystem denn gerne? Mindestens 10 Neugründungen pro Jahr in Afrika, Indonesien oder Argentinien?

  • Behalten von Mehrheitsbeteiligungen an neuen Unternehmen, gezielte Erhöhung der Anteile an emerging stars.

Emerging Stars. Das waren die mit den Verlusten, die man aber eigentlich nicht so recht bewerten konnte.

  • Verfolgung einer ausgewogenen Strategie anhaltend hohen Wachstums in Verbindung mit im Laufe der Zeit verbesserter Rentabilität für unsere proven winners.

Proven winners. Das waren die anderen mit den Verlusten, die man genauer ermitteln konnte.

  • Wenngleich wir davon ausgehen, dass unsere proven winners Potenzial zeigen, besteht keine Sicherheit, dass diese tatsächlich zu erfolgreichen Unternehmen werden.

Proven winners, bei denen man nicht weiß, ob sie in der Zukunft einmal erfolgreiche Unternehmen werden. Das ist internetökonomischer Neusprech 2.0. Wie würde man wohl ein erfolgreiches Unternehmen im Hause Rocket Internet nennen?

  • Mit Ausnahme der proven winners verfügt die Emittentin jedoch nicht über Informationen, die es ihr erlauben würden, den Gesamtverlust der Unternehmen in einer der anderen Kategorien verlässlich zu ermitteln.

Das schafft Vertrauen.

  • Die proven winners erwirtschafteten Gesamtjahresfehlbeträge von € 442 Mio. (ungeprüfter Gesamtbetrag ihrer Jahresfehlbeträge auf der Grundlage der für die jeweilige Gesellschaft anzuwendenden allgemein anerkannten Bewertungs- und Bilanzierungsgrundsätze, jeweils für das letzte Geschäftsjahr, für das Daten zur Verfügung standen und unter Bereinigung von außerordentlichen Erträgen von Dafiti resultierend aus der Bewertung von Kommanditanteilen). Betreffend die emerging stars verfügt die Emittentin über belastbare und aussagekräftige Finanzinformationen für CupoNation, Lendico, Paymill und Zencap.

Hier einige Finanzdaten zu den bewährten verlustbringenden Gewinnern und denen, die noch soweit kommen wollen…

Bisher kann man sich offensichtlich darüber freuen, meistens nur Minderheitsaktionär zu sein. Das erspart die lästige Konsolidierung von Verlustbringern. Damit sehen auch die eigenen Berichte freundlicher aus…

Die Liste der Risiken ist lang. Sie werden vom Emittenten minutiös aufgeführt. Hier nur zwei relevante Beispiele aus dem Prospekt.

  • Nahezu alle unsere Unternehmen weisen eine begrenzte Historie ihrer Geschäftstätigkeit auf, machen derzeit bedeutende Verluste und verfügen über einen negativen operativen Kapitalfluss, erfordern einen hohen Kapitaleinsatz und werden möglicherweise nie gewinnbringend oder zahlungsmittelgenerierend sein.

An eine unbegrenzte Historie hätte vermutlich nicht einmal ein Neuaktionär geglaubt. Immerhin wird das zweite Ende der Historie nicht lange auf sich warten lassen, wenn die positiven Cash Flows ausbleiben.

  • Sollten wir nicht in der Lage sein, unser Geschäftsergebnis genau und zuverlässig mittels bestimmter Leistungskennzahlen zu bewerten, kann unsere Fähigkeit, angemessene Geschäftsstrategien zu bestimmen und umzusetzen, beeinträchtigt sein.

Eine bemerkenswerte Aussage. Man stelle sich vor, was eigentlich passieren muss, damit man selber sein Geschäftsergebnis nicht bewerten kann. Späteres Gejammer können sich Anleger angesichts dieser Offenheit sparen, es wäre nur peinlich. Man wundert sich allerdings, mit welchen Zahlenwerken man heutzutage Aktien verkaufen kann.

Einen solchen Prospekt wie den von Rocket Internet haben wir bisher noch nicht in die Hände bekommen. Man darf sich nicht wundern, dass die Firma mit den so hohen Ansprüchen nicht in den USA gelistet wird sondern ausgerechnet in Deutschland, dem Epizentrum des Mittelstandsanleihen-Debakels. Die Auflagen in den Staaten dürften um einiges zu hoch gewesen sein.

Auch früher, zu den Zeiten des ersten Internet-Hypes gab es einige spannende Geschichten. So berichtete einst jede Gazette über einen seinerzeit bekannten „Inkubator“. Der Name lautete CMGI. Die Nachrichten, die seinerzeit kursierten erinnern an das doch recht unbedarfte Geplatter, das man zum Thema Rocket Internet hören muss. Am unterhaltsamsten sind die Foreneinträge aus der damaligen Zeit. Wer erst ein paar Jahre an Bord ist und die Probleme der Jahrtausendwende nur vom Hörensagen kennt, dem sei ein bisschen Stöbern in der Vergangenheit ans Herz gelegt. Hier ein besonders hübsches und beispielhaftes Zitat aus dem Jahr 1999:

  • CMGI keeps climbing and climbing and climbing. Considering it’s stakes in so many internet stocks, it’s a pretty sure thing.

Hier noch der Übersichtlichkeit halber ein Bild zum Timing. Eine sichere Sache.

Nun ist Erfahrung bekanntlich durch nichts zu ersetzen. Weniger bekannt ist, dass es Erfahrung nicht zum Nulltarif gibt. So werden auch dieses Mal wieder zahlreiche Aktienkäufer über kritische Berichte schmunzeln und allen Zahlen zum Trotz ihr Geld auf eine rosige Zukunft wetten. Die Begründungen werden denen gleichen, die man alle Jahre wieder bei ähnlichen Gelegenheiten zu hören bekommt. Nun kann auch ein Stein fliegen, wenn man ihn in die Luft wirft, an der Gravitation ändert dies nichts. Dies sollten potenzielle Anleger im Hinterkopf behalten, bevor sie sich zu sehr aus dem Fenster lehnen. Denn eines ist angesichts der hoffnungslos deutlichen Darstellung der Lage im Börsenprospekt klar: Allzu hoffnungsfrohe Anleger sollten sich nicht darauf verlassen, künftige Verluste über den Anwalt wiederholen zu können.

Beitrag senden Beitrag drucken