Nachdem Russlands Ölpapst Igor Sechin der Organisation Erdöl produzierender Länder (OPEC) vor einigen Tagen das faktische Aus prophezeit hatte, weisen viele Entwicklungen darauf hin, dass auch das Gründungsmitglied Saudi-Arabien der OPEC in der Zukunft keine vorherrschende Rolle mehr einzuräumen gedenkt. Die Pläne der Saudis richten sich an anderen Visionen aus. Trotz allem darf die Frage aufgeworfen werden, ob die „Vision 2030“ nicht zu ambitioniert sein könnte.

Die Saudis sind auch gleichzeitig größter Erdölexporteur der Welt. In den vergangenen beiden Jahren hatte sich das Wüstenkönigreich vor allem dadurch ausgezeichnet, die traditionelle Rolle der OPEC im Zuge eines schmerzhaften Rohölpreissturzes zu unterlaufen. Anstatt die eigene Ölförderung zu drosseln, um die Ölpreise zu stabilisieren, verlagerten sich die Saudis auf eine Strategie.

Im Bruch mit alten Traditionen weiteten die Saudis ihre Ölproduktion im Angesicht der herben Preisrückgänge an den Weltölmärkten gar noch aus, um nicht nur eigene Marktanteile zu verteidigen, sondern gleichzeitig auch noch Marktanteile von teilweise zu weitaus höheren Kosten fördernden Produzentenländern einzuheimsen.

Schließen sich eine OPEC-Mitgliedschaft und die "Vision 2030" gegenseitig aus?

Dies traf vor allem mit Blick auf Produzentenländer wie Venezuela oder die amerikanische Fracking-Industrie zu. Der jüngst durch Kronprinz bin-Salman vorgestellte Plan mit dem verheißungsvollen Titel „Vision 2030” signalisiert, dass es der saudischen Führung mit einer Diversifikation der eigenen Wirtschaft (weg vom Öl) ernst zu sein scheint.

Würde sich die Abhängigkeit der Saudis von Öleinnahmen in der Zukunft minimieren, so gäbe es kaum noch einen Anlass, die Ölpreisentwicklung mittels der OPEC zu beeinflussen. Die angekündigte Teilprivatisierung des saudischen Erdölriesen Aramco wird Saudi-Arabien zum einzigen OPEC-Mitgliedsland avancieren lassen, dessen Erdölfördergesellschaft sich nicht mehr komplett unter staatlicher Kuratel befinden wird

Analysten und Branchenkenner geben sich überzeugt, dass nach der Vorstellung des Plans „Vision 2030“ kein Platz mehr für Saudi-Arabien innerhalb der OPEC sein dürfte. Die jüngste Entlassung von Ölminister Al-Naimi, der das Amt des saudischen Ölministers über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren inne gehabt habe, werfe ebenfalls einen Schatten auf die zukünftige Rolle Saudi-Arabiens innerhalb der OPEC.

Noch setzt sich die OPEC aus insgesamt dreizehn (durchaus inkongruenten) Mitgliedsstaaten zusammen, die in etwa 40% des weltweiten Ölangebots kontrollieren. Zum Nachfolger Al-Naimis wurde – wie zuvor berichtet – Khalid Al-Falih, ein enger Vertrauter von Kronprinz bin-Salman, ernannt. Dieser plötzliche Wechsel spricht Bände, hatte sich Al-Naimi in den letzten Monaten doch für ein Einfrieren der Produktion auf aktuellen Niveaus ausgesprochen.

Al-Falih erteilte derartigen Bestrebungen als Amtsnachfolger indes eine Absage. Nach wie vor scheint im saudischen Königshaus die Mehrheitsmeinung vorzuherrschen, dass ein „Deal“ zum Ölausstoß ohne Berücksichtigung des Irans nicht möglich sein wird. Im Rahmen eines Ende April gegebenen Interviews teilte Kronprinz bin-Salman recht unverblümt mit, dass ihn die aktuelle Ölpreisentwicklung nicht interessiere. 

Egal ob $30, $60 oder $70 pro Fass, für ihn und sein Land sei dies alles dasselbe, wie sich bin-Salman ausgedrückt hatte. Saudi-Arabien blicke auf die Umsetzung von ambitionierten Wirtschaftsprogrammen, die keine hohen Ölpreise benötigten. Nach der Teilprivatisierung des saudischen Ölförderers Aramco werde das staatliche Unternehmen seine Produktionsziele selbst definieren.

Strategiewechsel aufgrund einer rigiden Änderung der Politleitlinie?

Der durch die Staatsspitze ernannte Oberste Rat werde sich ab dann aus den Geschäften von Aramco heraushalten. Interessant sind diese Aussagen allein deshalb, da bin-Salman diesem Gremium momentan noch vorsitzt. Immer mehr Beobachter verleiteten diese Aussagen zu der Annahme, dass der saudische Strategiewechsel auf eine rigide Änderung der Politleitlinie hindeuteten. Saudi-Arabien brauche die OPEC nicht mehr, so der Tenor. 

Andere Beobachter geben sich hingegen überzeugt, dass sich bin-Salman die Umsetzung einer nicht erfüllbaren Aufgabe auf die Fahnen geschrieben habe. Dazu zählen unter anderem auch ehemalige OPEC-Repräsentanten wie Abdul al-Awadhi, dem einstigen Vertreter Kuwaits bei der OPEC. Danach verfolge bin-Salman den Plan, Aramcos Produktionsziele von Mitspracherechten der Regierung abzuschotten.

Doch selbst nach der angekündigten Teilprivatisierung Aramcos werde die saudische Regierung noch einen Anteil von 95% an Aramco halten. Momentan verfügt Aramco über eine Förderkapazität von 12 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Privaten Investoren werde es, so die Kritiker, schwierig zu verkaufen sein, warum das Unternehmen diese Förderkapazität nicht komplett ausreize.

Ist der Tod der OPEC absehbar?

Im Juli des vergangenen Jahres erhöhten die Saudis ihre Förderung auf rekordhohe Niveaus, was zu einer starken Ausweitung des Überangebots an den internationalen Weltölmärkten geführt hatte. Die Ölpreise hatten sich darauf in der Spitze um rund 70% minimiert. Ob die seit Februar zu beobachtende Ölmarktrallye auf rund $50 pro Barrel nachhaltig sein wird, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Bei der Citigroup zeigt man sich ob der aktuellen Entwicklungen nicht sonderlich überrascht. Denn der Tod der OPEC sei seit langer Zeit prophezeit worden. Der nun durch die Saudis vorgestellte Plan „Vision 2030“ scheine diesen Prozess zu beschleunigen. Mit Blick auf die anstehende Teilprivatisierung Aramcos und unter OPEC-Mitgliedsstaaten kollidierenden Sichtweisen gäbe es keine Rolle mehr, welche die OPEC in der Zukunft ausfüllen könnte, wie man sich bei Citi überzeugt zeigt.