Auf der einen Seite muss ich langsam darüber nachdenken, ob ich mich nicht doch der Selbsthilfegruppe „Verzweifelte Väter weiblicher, pubertierender Teenager“ anschließe. Auf der anderen Seite bin ich heilfroh, dass es zu meiner Sturm- und Drangzeit weder Handys noch Seuchen namens Facebook oder StudiVZ gab. War es früher eigentlich tatsächlich so, dass wir uns als Kinder und Jugendliche ständig über jeden und alles auslassen mussten? Den ganzen lieben, langen Tag einen Telefonhörer in der Hand hielten und, während wir sprachen oder tippten, mit den Eltern in Zeichensprache kommunizierten? Damals! In ferner Vergangenheit – als man Peanuts  gedanklich noch mit Treets und Schokolade verband – und Bankangestellte tatsächlich zum Vorteil der Kunden berieten und keine mehr oder weniger nutzlosen Versicherungspolicen und anderen Schrott verkaufen mussten, damit sich die kostenlosen 50 Euro Startguthaben für die Bank auch rechnen.

Der Druck auf die jungen Bankkaufleute sei in den letzten Jahren immens geworden, berichtete mir neulich ein ehrlicher, anständiger Banker, der es sich aufgrund seiner jahrzehntenlangen Tätigkeit für die Bank und einer gewissen Unkündbarkeit noch erlauben kann, seinem Gewissen treu zu bleiben. Doch Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit haben keine Chance in einem System, das darauf angelegt ist, ewiges, exponentielles Wachstum der Geldvermögen und Schulden zu erzeugen. Wen wundert es denn eigentlich noch, dass Banken in unserer bestehenden Geldordnung gar keine andere Wahl haben, als wieder zurückzukehren zu risikoreichen, forderungsbesichertenVerbriefungen? Die Anleger fordern ihre Rendite zuzüglich zum Inflationsausgleich und die Banken müssen ihre Schulden samt Zins und Zinseszins bedienen. Und diese Bankschulden sind in der Eurozone um 300 Prozent (!) höher als die Staatsschulden, was die geplante europäische Bankenunion und die geplanten, (un)möglichen Rettungsaktionen von Banken durch den ESM und somit durch die Staaten als Treppenwitz entlarvt. [1] [2] [3]

Doch zurück zu meinem Töchterchen. Eine Anzeige wegen übler Nachrede auf Facebook und ein weiterer Rechtsanwaltsbrief in einem ähnlich gelagerten Fall – innerhalb von zwei Wochen – sollten nun langsam einmal reichen. Wobei die Gegenparteien natürlich auch keine Kinder von Traurigkeit sind, wie mir meine 16jährige Tochter anhand der in der Cloud gespeicherten Chatverläufe nachhaltig bestätigen konnte. War es eigentlich früher tatsächlich so, dass wir als Kinder und Jugendliche Rechtsanwälte beschäftigen mussten, um miteinander klar zu kommen? Damals! In ferner Vergangenheit – als die Telefone noch lustige Drehscheiben und Kabel hatten und man einzig und allein mit ihnen telefonieren konnte. Damals! In ferner Vergangenheit – als man an Tankstellen nur Sprit und Autozubehör kaufen und keine Bankgeschäfte erledigen konnte und bei der Deutschen Bundespost von den Beamten nicht betrogen wurde, wenn man einen neuen Telefonanschluss beantragte.

Musste man in den 1990iger Jahren noch darüber nachdenken, wie man überhaupt einen 386er oder 486er Rechner an das Internet anschließt, um auf wenigen Seiten surfen zu können, weiß man heutzutage gar nicht mehr, wie man aus dem Netz wieder rauskommen soll. Man selbst und die Jugend von heute ist ja fast ständig online. Multimediale vierundzwanzig Stunden am Tag. Schlaf abgezogen. Mit dem iPhone oder anderen Smartphones ist man ständig im Internet. Verbunden nicht nur mit seinen „Freunden“, sondern mit der ganzen Welt und dem tagtäglichen Wahnsinn, jedoch auch mit dem gesamten, ständig verfügbarem Wissen der Menschheit.

„Papa, wo wachsen eigentlich Ananas?“, fragte mich neulich meine Neunjährige.

„Hm, ich denke in Südamerika, aber bestimmt auch in anderen, warmen Ländern.“

„Papa, wachsen die auf Bäumen oder an Sträuchern?“

„Upps, ich denke an Sträuchern, aber ich weiß nicht genau – warte, ich schau mal gerade im Telefon nach.“ 

„Papa, warum weiß ein Telefon eigentlich alles?“

Heutzutage ist alles so einfach. Sämtliche Informationen sind sofort abrufbar. Und doch ist es so grausam, wenn man im Wald an seinem Lieblingsplätzchen im Gras der Lichtung liegt, mal in einem Buch liest, mal nachdenkt, mal döst, der Hund ein Loch nach Australien gräbt und das Telefonklingeln den Moment zerstört, weil Unerreichbarkeit einem heutzutage übel genommen wird. Ich will doch nur mal Ruhe. Und Frieden. Mit niemandem reden. Allein sein.

Zu den Anfangszeiten des World Wide Web war alles so herrlich kompliziert und beschwerlich. Nicht nur mit den Anschlüssen, auch mit dem restlichen Gedöns. Meine gute, alte Olympia leistete damals noch recht gute Dienste und ich habe mich nie getraut, sie wegzuwerfen. War es früher eigentlich tatsächlich so, dass man bei jedem geringsten Fehler das frisch beschriebene, kostbare Blatt Papier in den Mülleimer warf, nur weil der Zeilenabstand nicht ganz korrekt war oder ein Komma fehlte? Damals! In ferner Vergangenheit – als man noch Bonanza schaute und der gute, alte „Ben“ Cartwright mit seinen Söhnen Adam, Hoss und Little Joe über die Ponderosa ritt und in jeder gefühlten zweiten Folge der Zaun an der Nordweide repariert werden musste. Damals! In ferner Vergangenheit – als man noch Schecks ausstellte und noch recht viele Arbeitnehmer ihr Gehalt in bar per Lohntüte erhielten, weil sie gar kein Bankkonto besaßen.

Heutzutage ist alles ganz anders. Man schaut nicht mehr nur fern oder liest ein gutes Buch. Wie langweilig! Man ist aktiv und baut sich gar ein zweites Leben auf. Im Internet! Und das mag ganz anders aussehen als das reale. Auch wenn der eine oder andere dabei fett wird, was dem Avatar jedoch recht schnuppe ist. Doch erfolgt die Zunahme nicht nur physisch, sondern auch ein wenig in finanzieller Hinsicht. Denn manche Online-Spielereien hinterlassen tatsächliche pekuniäre Nebenwirkungen. Ob positiv oder negativ. Bei Second Life (SL) beispielsweise herrscht er noch – der ungebremste Konsum. Dort wird alles virtuell produziert und ver- und gekauft, was das Herz begehrt. Für Lindendollars bekommt man nicht nur Land, Villen, Häuser, Autos, Luxusuhren und Kleidung, sondern zum Beispiel auch Jachten und Motorboote.

Einkaufen in Second Life

Ein User (Mitglied der SLKüstenwache und begeisterter SLSailor) erzählte mir, dass er solche Bötchen programmiert und diese Schifflein für dreitausend Lindendollars (L$) verkauft. Mit dieser bequemen Nebentätigkeit verdient er Monat für Monat rund eintausend Euro. Nebenher natürlich. Die Finanzbehörden haben da bisher kein Auge drauf geworfen, was auch schwierig wäre, da nur er seine SL-Identity und Passwort kennt und der Server, über den die Geschäfte abgewickelt werden, auf den Caymans steht. Doch ist er nur ein kleiner Fisch. Da gäbe es andere, die monatliche Einkommen von bis zu 20.000 Euro und mehr erzielen. Meistens seien es die Landlords und die Immobilienmakler, die große Ländereien in den unendlichen Weiten dieser digitalen Welt bei den Betreibern der Plattform aufkaufen, in kleine Parzellen aufteilen und an die User gegen gute Lindendollars veräußern. Luxusvillen und Häuser werden in Eigenarbeit programmiert. Bezahlt wird per Mausklick. Einfach und effektiv. Natürlich kann man seine Lindendollars auch in andere Währungen eintauschen. Zurzeit entsprechen 250 L$ etwa einem Euro, wobei der Kurs in letzter Zeit stark gefallen ist. Meistens werden die in Euro oder anderen Währungen umgetauschten L$ direkt auf ein paypal-Konto gebucht und im Internet verkonsumiert. Die Finanzbehörden haben hier (noch) keine Chance. Second Life! Grenzenlos! Ein Weg, die feuchten Träume der Politiker und so manchem Wirtschaftswissenschaftler vom ewigen Wachstum wahr werden zu lassen? Man weiß es nicht.

Lindendollars Exchange - Börse

Sind wir schon auf dem Weg dahin? Auf der Flucht vor der herrlichen, harten, überfordernden Realität in die schöne neue Welt? Wird nicht nur die noch ungeborene Jugend in ferner Zukunft, sondern werden wir alle irgendwann völlig digitalisiert sein und leben? Mit direktem Hirnanschluss an das Netz? Werden wir eines Tages geistig verbunden sein mit einem jeden Menschen auf diesem Planeten? Weltweit und grenzenlos? Werden wir eines Tages über Gedanken in jedweder Sprache kommunizieren können? Facebook im Kopf! Wikipedia im Kopf! iTranslate im Kopf! amazon.de im Kopf. Wäre doch gelacht, wenn das Meisterwerk des Universums – unser Gehirn – nicht das gleiche vollbringen könnte, wie ein simples 16 GB iPhone. [4]

Die Welt am virtuellen Draht? Unheimlich. Beängstigend. Vielleicht chancenreich? Ich weiß es nicht. Und doch, auch für mich ist auch schon vieles Realität geworden in dieser schönen neuen Welt. Sie können sie gerade lesen – diese Zeilen. Einen Brief hätte ich Ihnen in ferner Vergangenheit niemals geschrieben. Vielleicht ein Buch – vielleicht auch nicht. Und doch. War es früher eigentlich tatsächlich so, dass sich niemand darüber Gedanken machte? Mitnichten! Auch früher schon stellte man sich Fragen und gab Antworten. Rainer Werner Fassbinder zum Beispiel im Jahre 1973 mit diesem hervorragenden Sci-Fi-Klassiker.  Und natürlich vergessen wir sie nicht: die Meister Aldous Huxley und George Orwell. Doch ist 1984 wirklich ferne Vergangenheit? Wahrscheinlich nicht.

Ich möchte zurück an meinen Lieblingsplatz.

[1] Prof. Dr. K. Wohlmuth: Die Vereinigten Staaten von Europa und der Euro

[2] FAZ: Verbriefungen - Emissionen von ABS-Papieren kehren zurück

[3] Frank Schäffler: Abstimmung über den ESM - Zusammenfassung der problematischen Punkte

[4] Welt Online: 9.11.10 Neurologie Web 3.0 Computer als Erweiterung des Gehirns

Beitrag senden Beitrag drucken