Es ist der 9. September 2001. Ein arabisches Fernsehteam hat ein Interview mit Ahmad Shah Massoud, dem Anführer der afghanischen Nordallianz, verabredet. Massoud, seine Begleiter und sein Dolmetscher betreten den Raum. Plötzlich explodieren die Kameras, Massoud wird in Fetzen gerissen. Der Raum füllte sich mit Blut, Körperteile fliegen umher. Die arabischen Reporter waren al-Qaida-Agenten, die von Osama bin Laden geschickt wurden, um seinen größten Widersacher zu beseitigen. In den internationalen Medien findet die Tat nur wenig Beachtung. Wer wusste damals schon, wer Massoud oder bin Laden waren?
Am 9. September 2001, heute vor 15 Jahren, wurde in Afghanistan ein Mordanschlag verübt, der unmittelbar mit dem zwei Tage später erfolgenden Terroranschlägen in New York zusammenhing.

Der Mordanschlag auf Shah Achmad Massoud, den Führer der sogenannten Nordallianz, die den Taliban verzweifelten Widerstand leisteten.
Massoud wurde von den Afghanen als "der wahre Vater Afghanistans" verehrt, besonders von den Völkern Nordafghanistans, den Tadschiken. Noch heute ziert sein Porträt die Wände vieler Wohnzimmer in Afghanistan und in der weltweiten Diaspora dieses leidgeprüften Volkes, dessen Martyrium kein Ende zu nehmen scheint. Massouds Ermordung fand nur einen geringen Widerhall in den Agenturmeldungen der Welt. Im Westen war das Zeitalter der Spaßgesellschaft angebrochen.

Massouds Aufstieg begann mit dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan. Zeitweise war er Verteidigungsminister der Regierung Rabbani. Zu diesem Zeitpunkt hatten auch die Amerikaner ihr geostrategisches Interesse an Afghanistan verloren, nicht aber Pakistan. Die pakistanische Regierung hatte das Ziel Hekmatyar in Kabul als Marionette zu installieren und startete einen blutigen Bürgerkrieg, der schließlich zur Machtergreifung durch die Taliban, die ebenfalls durch Pakistan unterstützt wurde, führte.

Ahmad Shah Massoud gelang es, eine Allianz gegen die Taliban zu schmieden, aus Vertretern aller von diesen Steinzeitislamisten verfolgten Afghanen. Der Bürgerkrieg zog sich hin, Afghanistan versank erneut in Blut und Tränen. Die Macht der Taliban weitete sich aus, zum Schluss beherrschten sie fast das ganze Land, bis auf einen schmalen Streifen im Norden. Die Taliban errichteten eine Gewaltherrschaft und verwandelten Afghanistan in einen Stützpunkt des dschihadistischen Terrors. Noch im Frühjahr 2001 warnte Massoud bei einem Besuch des Europaparlaments seine Gesprächspartner vor Osama Bin Laden bzw. dessen Terrorplänen. Er fand nur wenig Gehör.

Ein Modell für eine friedliche Zukunft Afghanistans

Die amerikanische Hilfe für die Nordallianz blieb lau. Im amerikanischen Außenministerium hegte man starke Vorbehalte gegenüber Massoud aufgrund seiner Verbindungen zum Iran und zu Russland. Dabei stand Massoud zu diesem Zeitpunkt vor dem Sprung zur wichtigsten Führungspersönlichkeit Afghanistans aufzusteigen. Er hatte seine Beziehungen zur Muslim-Bruderschaft längst aufgegeben und sich zu  einem afghanischen Patrioten gewandelt. In seiner Nordallianz vereinte er alle von den Taliban verfolgten Gruppen und Ethnien. Massoud war es gelungen eine Vision für eine friedliche Zukunft Afghanistans zu entwickeln, jenseits des Taliban-Terrors und der heutigen Fremdherrschaft.

Im September 2001 war eine Rede Massouds vor der UN-Vollversammlung in New York geplant. Dazu kam es nicht mehr. In seinem Buch "Sturz ins Chaos" beschreibt der pakistanische Journalist eine Begegnung mit Massoud, kurz vor dessen Ermordung: "Er war über Pakistan zutiefst verärgert. Er fragte mich wiederholt warum Pakistans Präsident und Armeechef Pervez Musharraf, der 1999 per Staatstreich an die Macht gekommen war, eine selbstmörderische Politik der Unterstützung von Terroristen betreibe, wie er es nannte. Und noch ärgerlicher über die Vereinigten Staaten und die internationale Gemeinschaft, die Pakistans Hilfe für die Taliban nicht stoppen. Er berichte mir, wie CIA-Agenten ihn in seiner Festung im Pandschir-Tal besucht und nach Hilfe bei der Ergreifung Bin Ladens gefragt hatten, aber er hatte über sie gelacht, als sie ihm sagten, dass sie ihm keine Waffen liefern oder sonstige Hilfe leisten könnten."

Massoud war sicherlich kein Demokrat "westlichen Typus", er war ein Krieger aus dem rauen Hochland von Afghanistan. Man muss ihn eher zu einer "der größten Führer der Widerstandsbewegungen im 20. Jahrhundert zählen", wie es der amerikanische Schriftsteller Robert D. Kaplan in seinem Buch "The Soldiers of God" ausdrückte.

Der „Krieg gegen den Terror“, welcher unmittelbar nachdem 11. September 2001 ausgerufen wurde, hat eine ganze Region ins Chaos gestürzt , ca, 1,3 Millionen Menschenleben gefordert und einen verheerenden Anstieg von Fluchtbewegungen ausgelöst. Statt den Terror zu besiegen, hat er sich global verbreitet.

Vielleicht hätte der Verlauf der Weltgeschichte sich etwas anders vollzogen, wäre Massoud noch am Leben, oder hätte man im Westen seine Warnungen ernst genommen.