Selbst in der geistigen Mangelwirtschaft sind die Ausreden der Finanzauguren im Überschuss vorhanden. Denn sicher ist nur eines: Auf die größte anzunehmende Sicherheit folgt stets die größte anzunehmende Überraschung. Zum Glück wissen hinterher meistens alle wieder bescheid…

Seit geraumer Zeit schleppen sich die Aktienmärkte diesseits und jenseits des Atlantik in einer breiten Seitwärtsphase dahin. Wie auf einem Segelschiff, dass seit Monaten von einer Flaute gepeinigt dahindümpelt breitet sich auch an Deck der MS Börsania langsam aber sicher ein fauliger Geruch aus. Die ersten faulen Eier, sprich die absehbaren „Überraschungen“ wie der Einbruch der Rohstoffaktien (siehe u.a. „Elender Schweinezyklus") und die Probleme am High Yield Markt (siehe „High Yield – Nachdenken nicht vergessen“), sind bereits gefunden worden. Und schon erwachen unschöne Erinnerungen an die Jahre 2006 und 2007 zu neuem Leben.

Seinerzeit irrten weite Teile der Finanzwelt durch den Supermarkt der überteuerten Kreditderivate, akzeptierten munter niedrigste Risikoprämien bei Unternehmensanleihen und hielten den Aktienmarkt für eine Art Voyager-Sonde auf ihrem Jahrhunderte andauernden Weg in ein neues Sonnensystem der ewig sprudelnden Erträge. Das war, wie bereits einige Jahre zuvor der Hype um wertlose Internet-Aktiengesellschaften (von Unternehmen mögen wir bei vielen der teils leeren Hüllen nicht sprechen), ein teurer Irrtum.

Das eine Mal war es der US-Immobilienmarkt, der nie mehr fallen konnte und damit niedrigste Risikoprämien zu rechtfertigen schien. Zur Jahrtausendwende war es Nonsens.com . Viele Anleger preisten bizarre Einnahmepotentiale bei allen möglichen Internet-Aktiengesellschaften ein. Nachdem in der alten Welt nur jeder Chinese eine neue Bratpfanne kaufen sollte, sollten die Asiaten dies nun online gleich bei jedem der neuen Unternehmen tun. Eine gewagte und wie sich rasch herausstellte falsche Annahme.

Das breitgetretene Thema der derzeitigen Hausse, die Ausrede warum man nur kaufen darf, ist das Experiment der Zentralbanken. Die Zinsen seien tief, deshalb gäbe es keine Alternative zu Aktien. Die Akzeptanz der ökonomischen Nutzlosigkeit des Unterfangens sowie die systematische Zerlegung des Banken- und Versicherungssektors mit allen Folgen für die existierenden Kapitalanlagen spielt in diesen naiven Überlegungen offenbar keine Rolle.

Nun haben wir keine generellen Einwände gegen eine Anlage in Aktien. Die Begründung, dass man diese Papiere kaufen müsse, weil andere sehr niedrig rentierten, ist jedoch von beängstigender Schlichtheit und zudem von einer bemerkenswerten Vergesslichkeit geprägt. Die Zentralbanken und deren Eingriffe sind bekanntlich nicht erst infolge des Debakels 2008 und 2009 erfunden worden. Auch der Greenspan-Put und der Bernanke-Put verbreiteten einst viel Hoffnung auf das Ausbleiben eines Kursrückgangs. Diese Puts waren allerdings weit aus dem Geld, so dass es zweimal eine Halbierung oder Deftigeres zu verdauen gab. Hoffnung ist ein schlechter Ratgeber und 2,3% Dividende sind nicht mehr als eine unauffällige Bewegung einer Aktie.

Hier ein paar Charts, die natürlich nicht von der Festtagsstimmung an der handvoll noch positiver Aktienindizes ablenken sollen. Einfach schnell löschen nach dem Lesen. Die Auswahl haben wir zielsicher und zufallsbestimmt aus dem Indexordner gezogen.

Lateinamerika

Middle East & Africa

Kuwait

Italien

Spanien

Natürlich hält auch diese Aktie zu jeder Zeit irgendein Glückspilz. Aber was solls, langfristig läuft die Maschine. Wie hieißt es schön. Buy and hold funktioniert prima wenn man ewig lebt!

Die Warnzeichen nehmen weiter zu. Neben den bekannten hohen mittleren Bewertung vieler Aktienmärkte kommen folgende wachsende Hürden hinzu: 

Anziehende Zinsen in den USA. Damit ist nicht das schaumschlägerische Mikro-Management am kurzen Laufzeitende gemeint sondern der Anstieg der Zinsen am langen Ende. So markierten die Zinsen für 10-jährige US-Treasuries bereits 2012 ihren Tiefpunkt.

Ausweitung der Risikoprämien und sinkende Liquidität bei Unternehmensanleihen. Seit mehr als einem Jahr steigen die Risikoprämien in den USA und den Schwellenländern. Zum einen wirkt sich die langsam ans Debile grenzende Fusionswelle und die sich oft deutlich verschlechternden Kapitalstrukturen auf das Interesse der Anleihekäufer aus. Zum anderen ist wohl bald auch dem trägsten Beobachter der Märkte klar, woher das Geld der meisten Firmen für Aktienrückkäufe stammt: Aus neuen Schulden. Das kann gut sein, wenn man ein funktionierendes Geschäftsmodell, eine niedrige Bewertung und stabile Cash Flows aufweist. Das ist allerdings nur bei einem geringen Anteil der Aktienrückkäufer der Fall. Die Gegenbewegung, das Platzieren neuer Aktien und damit der nächste Verwässerungszyklus, dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Wer wissen möchte, wie so etwas aussieht muss nur auf die Banken in den Jahren nach 2009 (das sogenannte Loch Bless-Syndrom) oder auf die aktuelle Entwicklung der Rohstofftitel zu schauen. Viel Spaß bei der Suche nach frischem Eigenkapital.

Weitere Schwierigkeiten ergeben sich aus der enorm hohen Bewertung der US-Aktien, die mal wieder auf Hoffnung und nicht auf Daten beruht. Das kann eine Weile gut gehen, ewig funktioniert es natürlich nicht. Wenn eine historisch sehr hohe Bewertung mit deutlich überhöhten Margen zusammenkommt, ergeben sich interessante Korrekturziele, die dem einen oder anderen die Schuhe ausziehen dürften. Natürlich kann sich die Überbewertung auch in einer zehnjährigen Seitwärtsphase normalisieren, die Frage ist, wie wahrscheinlich so ein Szenario ist.

An Ausreden und Begründungen warum man eigentlich immer das Gleiche tun sollte herrscht wie eingangs erwähnt jedoch kein Mangel. Der Mensch ist kreativ wenn es ums Recht haben geht. Besonders putzig ist immer wieder eines der albernsten Argumente. Es kommt unter dem Deckmantel der „Rotation“ (Rotations-Irrsinn) oder dem „Cash an der Seitenlinie“ daher. Das faszinierende an diesem dürren Strohhalm, an dem sich auch institutionelle Anleger gerne festhalten, ist, wie leicht es als Unfug zu enttarnen ist und wie wenig dies die Freunde dieses Arguments beeindruckt.

Jedes Wertpapier wird zu jeder Zeit von einem Anleger gehalten. Das gilt für Anleihen, Aktien, Gold und alles was man so ins Depot oder in den Tresor legen kann. Verkauft der eine Anleger seine Aktie erhält er Geld. Der andere zahlt und erhält die Aktie. Käufer können aggressiver bieten und höhere Preise bezahlen. Sie können auch zurückhaltend bieten und niedrige Preise bieten. Auf das sogenannte „Cash an der Seitenlinie“ ist das irrelevant. Zahlen sie 101 Euro für die Zabadak-Aktie erhält der Verkäufer 101. Zahlen Sie 99, erhält er 99. Das Cash wechselt lediglich die Seitenlinie.

Nun ist dies derart simpel, dass es natürlich jeder weiß. Daher wird im Nachgang auf Fragen, wie denn das mit der Rotation gemeint sein könnte, sogleich relativiert, man habe das doch anders gemeint. Wie man es gemeint haben könnte, bleibt allerdings ungeklärt. Sicher aus Zeitmangel.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung einiger Aktienindizes. Die letzte Spalte haben wir eingefügt, sie zeigt das Verhältnis der Kursbewegung des letzten Monats im Verhältnis zur gesamten Veränderung des letzten Jahres. Oft ist die Bewegung des Monats größer als die des gesamten Jahres. Das darf man ruhig als Gegenmittel gegen die 365 Tage andauernde mediale Interpretation jeglicher Kurszuckung und der entsprechenden Auswertung der kosmischen Begleitumstände verwenden. Warum gibt es eigentlich keine Windeln für den Fernseher? Mal bei der GEZ nachfragen.

Auf der Liste der akuten Probleme für die Anlagemärkte stehen derzeit neben den anziehenden Zinsen in den Staaten, steigenden Risikoprämien bei Unternehmenspapieren, eine deutlich nachlassende Marktbreite am US-Aktienmarkt und das Stolpern so mancher Favoriten. Dazu gesellen sich dahinsiechende Finanzierungskanäle an den High-Yield-Märkten sowie die langsam ans Licht tretenden Auswirkungen der Probleme der Zulieferer der Bergbaufirmen. Danach sind die Banken und Anleihegläubiger an der Reihe, die die Folgen der irrsinnigen Expansion zahlreicher Firmen in Form einer zunehmenden Anzahl notleidender Kredite in den Büchern haben.

Derzeit setzt sich ungeachtet davon, welcher Index sich noch ans positive Ufer gerettet hat und welcher es auf den letzten Metern des Jahres nicht geschafft hat, der Weg der finanziellen Seuche durch die Sektoren fort. Das Verschließen der Augen hilft in diesem Fall nicht weiter. Das Verschließen der Geldbörse und die Vermeidung allzu leichtfertiger Investments hingegen ist oft eine schlaue Idee. Außer nervenden Schwankungen am Rande des Niemandslandes hat ein sparsam investierter Anleger an vielen breiten Aktienmärkten nicht viel verpasst. Die großen Chancen kommen erst noch. Sonderangebote gibt es nicht zu Weihnachten.

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