Russland, Wirtschaft, Militär und Sanktionen Teil 2

Am 03.06. erschien mein Beitrag „Russland, Wirtschaft, Militär und Sanktionen Teil 1“. Klar, dass auf einen Teil 1 mindestens ein Teil 2 folgen muss.

Diesen  zweiten Teil hatte ich ursprünglich für etwas später geplant. Ein Kommentar zu meinem Artikel vom 22. Juni „Und sie dreht sich doch - EZB reagiert auf Abgang des Ex-Hegemons“ hat mich motiviert, diesen Beitrag vorzuziehen. Der Leser schrieb unter anderem „…Aber was soll's, militärisch ist man (die USA, Anm. d. Autors)  immer noch die Weltmacht, die man wirtschaftlich gerne wieder sein würde.“

Da ich in vielen Gesprächen, Vorträgen und E-Mails immer wieder mit dieser Aussage konfrontiert werde, konzentriere ich mich heute, im Teil 2, auf das Militär Russlands. Der Stoff ist so umfangreich, dass dafür mindestens noch ein Teil 3 erforderlich wird.

Der Kaiser ist nackt

Eine Kernaussage aus dem folgenden Text ziehe ich an dieser Stelle vor: Nein, es ist ein Irrtum, davon auszugehen, die USA wären noch die militärische Weltmacht.  Das sind sie nicht mehr. Sie vermitteln nur noch durch lautes Geschrei und der PR-Unterstützung ihrer  hörigen Medien diesen Eindruck. Der Kaiser ist nackt, auch militärisch!

Die untertriebenen Sorgen des EUROPEAN COUNCIL ON FOREIGN RELATIONS

Dazu zitiere ich zunächst mal aus einer Veröffentlichung des EUROPEAN COUNCIL ON FOREIGN RELATIONS (ecfr.eu). Der  ECFR ist eine Denkfabrik, die Analysen zu Themen europäischer Außenpolitik bereitstellt und es sich zum Ziel gesetzt hat, als Fürsprecher einer kohärenteren und stärkeren europäischen Außen- und Sicherheitspolitik aufzutreten. Gegründet wurde der ECFR 2007 von fünfzig prominenten Europäern, darunter ehemalige Regierungschefs und Minister, Parlamentarier und Intellektuelle, die sich für eine starke Rolle Europas in der Welt einsetzen. Als erste paneuropäische Denkfabrik verfügt der ECFR über Büros in sieben europäischen Großstädten – Berlin, London, Madrid, Paris, Rom, Sofia und Warschau. Verfasst wurde der Aufsatz von Gustav Gressel.  

“Russia has surprised the West with its military capacity twice in succession. First, in Ukraine, the Russian armed forces overturned Western assumptions about their inefficiency with a swift and coordinated “hybrid war”, combining subversion and infiltration with troop deployment to gain an early military advantage. The effectiveness of Russia’s action unnerved Western planners, who scrambled to devise a response. Then, in Syria, Russia used military force outside the borders of the former Soviet Union for the first time since the end of the Cold War. Its forceful intervention in defence of President Bashar Al Assad made the United States look hesitant and indecisive…”

Möglichst wortgetreue  Übersetzung von mir:
Russland hat den Westen mit seiner militärischen Kapazität zweimal hintereinander überrascht. Zuerst, in der Ukraine, haben die russischen Streitkräfte westliche Annahmen über ihre Ineffizienz ins Gegenteil verkehrt. Dies mit einem schnellen und koordinierten Hybridkrieg, kombiniert mit Subversion und Infiltration von Truppen, um einen frühen militärischen Vorteil zu gewinnen.  Die Effizienz von Russlands Aktion machte die westlichen Planer nervös, die hastig versuchten, eine Antwort zu finden. Dann hat Russland in Syrien zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges militärische Gewalt außerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt. Seine kraftvolle Intervention in der Verteidigung von Präsident Bashar al Assad ließ die Vereinigten Staaten zögern und unentschlossen erscheinen …“

In der Zusammenfassung von Gressel’s Aufsatz heißt es:
„ Russia has implemented far-reaching military reforms to create a more professional and combat-ready armed forces that can swiftly deploy abroad, backed by expertise in nonconventional warfare tactics such as subversion and propaganda. The West has misunderstood these reforms – focusing on shortcomings in equipment – and, as a result, has dangerously underestimated Russia’s military capacity, as shown by its response to the Ukraine crisis. Russia could now overwhelm any of the countries in the post-Soviet sphere if they were isolated from the West, but it lacks the capacity for effective long-term military action further afield, such as in Syria. Europe’s military advantage over Russia is undermined by low combat-readiness, understaffing, and the need to coordinate between countries.
 Europe should develop a united political response to Russian expansionism, including a coordinated position on nuclear deterrence, while preparing for hybrid scenarios. It will need the support of the US, but EU crisis response agencies would be key in a hybrid war.

Übersetzung:
Russland hat weitreichende militärische Reformen umgesetzt, um professionellere und kampfbewusste Streitkräfte zu schaffen, die sich schnell im Ausland einsetzen lassen, unterstützt durch Kompetenz in nicht-konventionellen Kriegsführungstaktiken wie Subversion und Propaganda. Der Westen hat diese Reformen missverstanden. Er fokussierte sich zu sehr auf Ausrüstungsmängel (der russ. Armee, Anm. d. Autors). Infolgedessen hat er die militärische Kapazität Russlands, mit welcher es auf die Ukraine-Krise geantwortet hat, in gefährlicher Weise unterschätzt. Russland könnte nun jedes, vom Westen isoliertes Land des post-sowjetischen Einflussgebiets  bezwingen, aber es fehlt die Fähigkeit zur wirksamen langfristigen militärischen Aktion, wie etwa in Syrien. Europas militärischer Vorteil gegenüber Russland wird durch niedrige Kampfbereitschaft, Unterbesetzung und die Notwendigkeit, zwischen den Ländern zu koordinieren untergraben. Europa sollte eine politische Antwort auf den russischen Expansionismus entwickeln, einschließlich einer koordinierten Position zur nuklearen Abschreckung, während es sich auf Hybridszenarien vorbereitet. Es wird die Unterstützung der USA brauchen, aber EU-Krisenreaktionsagenturen würden bei einem Hybridkrieg entscheidend sein.

Für NATO-Verhältnisse grenzt die Beschreibung Gressel’s schon an eine Brandrede, obwohl weitere Fakten über die tatsächliche Kampf- und Verteidigungskraft der russischen Armee, die ich später versuche aufzuzeigen, unterschlagen werden.

Weiter im Text:
“The new round of Russian military reform started in late 2008, after the Georgian campaign was over. The armed forces had not undergone such a rapid transformation since the 1930s, and before that the 1870s. The authorities planned the “new look” reform in three phases, starting with the reforms that would take the longest to produce results. First, increasing professionalism by overhauling the education of personnel and cutting the number of conscripts; second, improving combat-readiness with a streamlined command structure and additional training exercises; and third, rearming and updating equipment. ..”

Übersetzung:
„Die neue Runde der russischen Militärreform begann Ende 2008, nachdem die georgische Kampagne vorbei war. Die Streitkräfte hatten sich seit den 1930er Jahren so wie vor den 1870er Jahren noch nicht so schnell verändert. Die Behörden planten die „New Look“- Reform in drei Phasen, beginnend mit jenen, die am längsten brauchten um Ergebnisse zu zeigen.  Erstens, Steigerung der Professionalität durch die Überarbeitung  der Ausbildung des Personals und Reduktion der Zahl der Wehrpflichtigen; Zweitens, Verbesserung der Kampfbereitschaft mit einer stromlinienförmigen Befehlsstruktur und zusätzlichen Trainingsübungen; Und drittens Wiederbewaffnung und Aktualisierung der Ausrüstung…“

Gressel hat untertrieben

Welche Panikreaktionen im Westen würden folgen, wenn Gressel noch die folgenden Sachverhalte beleuchtet hätte?

Seit die NATO damit begonnen hat, unablässig Waffen und Truppen an Russlands Grenzen zu konzentrieren, hat Russland seine Abwehrfähigkeiten sukzessive ausgebaut.

Die NATO oder der „Wertewesten“, wie immer Sie das Konstrukt nennen möchten, sähe sich im Falle eines Angriffs auf das größte und rohstoffreichste Land der Erde mit einer Abwehrkapazität konfrontiert. Dagegen dürfte  der Russland-Feldzug der deutschen Wehrmacht, der am 22.06.1941 begann und in dem mindestens 24 Millionen Russen und etwa 3 Millionen deutsche Soldaten starben,  wie ein Spaziergang dünken. Und es würde dieses mal wohl keine vier Jahre dauern, bis die russische Armee in Berlin stände.  Man kann davon ausgehen, dass in diesem Fall schon nach wenigen Wochen, manche Experten meinen, nach wenigen Tagen, in Berlin mit dem Rubel bezahlt würde.

Abwehrmaßnahmen

Die Maßnahmen Moskaus gegen den NATO-Waffenaufbau an seiner Westgrenze laufen längst. Dort ist man auf das schlimmste vorbereitet.

Iskander, NATO-Code SS-26
Zunächst werfen wir einen Blick auf die Boden-Boden-Rakete mit dem Nato-Code  SS-26 Stone. Die russische Bezeichnung dafür ist Iskander. Diese Rakete gibt es in mindestens fünf bekannten Ausführungen. Für dieses operativ taktische Raketensystem sind die Installationsphasen abgeschlossen.

Je nach Ausführung erreicht die Iskander  Ziele in bis zu 2500 Kilometern Entfernung und kann mit unterschiedlichsten Sprengköpfen, auch nuklearen, bestückt werden. Die Iskander kann mobil auf LKWs untergebracht werden. Die Iskander CDM wird auf Schiffen eingesetzt.

Die Maximalgeschwindigkeit wird mit 2570 m/s angegeben.  Die minimale Einsatzdistanz beträgt 50 km. Das System erreicht eine Präzision von 7  bis 10 Metern.  Die Rakete verfügt über eine Reihe von Systemen zur Überwindung gegnerischer Abwehrmaßnahmen. Als erstes fliegt die Rakete in einer äußerst flachen semi-ballistischen Flugbahn. Eine flache Flugbahn erschwert die Zielerfassung durch Suchradare. Während des Zielanfluges führt die Rakete nach dem Zufallsprinzip abrupte Ausweichmanöver durch. Ebenso werden beim Zielanflug Täuschkörper ausgestoßen. Auch befindet sich ein Störsender an Bord, der das Feuerleitradar von Raketenabwehrsystemen stören soll. Zusätzlich ist die Raketenoberfläche mit einer radarabsorbierenden Schutzschicht versehen.

Die neue Iskander soll vergleichbaren westlichen Typen deutlich überlegen sein.
Die etwa 2000  amerikanischen Anti-Ballistischen-Raketensysteme (ABR), die von der NATO in Europa und Fernost gegen Russland installiert wurden, könnten schon gegen die Iskander so gut wie nichts ausrichten.

Super-Satan, NATO-Code SS X 30
Mit Schweißperlen auf der Stirn schauen die westlichen Militärexperten auf die Interkontinentalrakete mit dem NATO-Code SS X 30, auch „Super-Satan“ genannt. Die Aufstellung auch dieses Typs ist abgeschlossen und lässt manchem Strategen, der sich bisher in Amerika, da durch den Atlantik von Europa getrennt, in Sicherheit wägte, das Blut in den Adern gefrieren.

Fortsetzung im Teil 3