Es dürfte in der deutschen Kapitalmarktlandschaft wenige geben, die den Namen Prokon in der jüngeren Vergangenheit vor allem durch negative Berichterstattungen nicht wahrgenommen haben. Geboten wurde eine langfristige und vor allem gut verzinste Kapitalanlage, bei der man sich gleichermaßen in einer moralischen Ehrenwerten Industrie engagiert hatte. Schließlich ist Deutschland DAS Vorreiterland der Energiewende hin zu Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. Genau diese Nachfrage hat Prokon ideal abgedeckt. Die Prokon-Unternehmensgruppe mit Sitz in Itzehoe (Schleswig-Holstein) plant, finanziert, realisiert und betreibt Onshore-Windparks vor allem in Deutschland aber auch in Polen und Finnland. Im Jahre 1995 gegründet, beschäftigt die Firma heute ca. 650 Mitarbeiter. Man hat sich ebenfalls auch an der Entwicklung und dem Bau einer eigenen Windkraftanlage versucht. Bis diese jedoch zur finalen Reife entwickelt werden konnte, funkten die kaufmännischen Fehler dazwischen. Über die Tochter Prokon Regenerative Energien GmbH hat man begonnen vornehmlich bei Privatanlegern Kommandit- und Genussrechtkapital (Beitrag zu unterschiedlichen Fremdkapitalfinanzierungen) einzuwerben. Im Jahr 2011 erhielt man darauf immerhin eine „steife Brise“ mit bis zu 8% Rendite p.a. Die Stiftung Warentest hatte damals schon vor den hohen Risiken bis hin zum Totalverlust gewarnt, die Anleger bei einem Engagement tragen würden. Durch äußerst geschickt platzierte Marketingstrategien durch TV und Postwurfsendungen bis hin zu großen Plakaten in der U-Bahn konnte man jedoch immer wieder die notwendigen Gelder einsammeln. Dass diese 8% Rendite nicht einmal durch die betriebswirtschaftlichen Einnahmen gedeckt waren, interessierte viele Anleger nicht bzw. wurde durch geschickte Bilanzkniffe (ein Geschäftsbereich sorgte für Nachfrage innerhalb eines anderen und erhöhte fiktiv die Einnahmen usw.) verhüllt. Das Ende des Liedes ist damit einhergehend die deutliche Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit.

Einige Jahre später hat sich herausgestellt, dass die vielen Skeptiker dieser Finanzierungsstrategie richtig lagen, Prokon nicht in der Lage war die ambitionierten Ziele zu erreichen und somit den Weg in die Insolvenz zu Beginn des vergangenen Jahres antreten musste.  

Abstimmung der Privatanaleger

Am heutigen Donnerstag ist der Tag der Entscheidungen gekommen. Insgesamt über 75.000 (!) Privatanleger können nun darüber entscheiden, was aus ihren verbliebenen Investments wird.  Dafür wird es eine große Gläubigerversammlung in insgesamt zwei Hamburger Messehallen stattfinden. Klar ist dabei von vornerein: Ungefähr die Hälfte des eingesetzten Kapitals werden Anleger verlieren was einer Summe von ungefähr 700 Mio. Euro (!) entspricht. Im Zuge des Insolvenzverfahrens wurden nun zwei Varianten ausgearbeitet, zwischen denen sich die insgesamt 100.000 Anleger (75.000 Privatanleger + 25.000 institutionelle Anleger) entscheiden müssen. Zum einen existiert die Möglichkeit Prokon in eine Genossenschaft (eG) umzuwandeln. Auf der anderen Seite steht die EnBW bereit Prokon für insgesamt 550 Mio. Euro zu übernehmen. Beide Varianten haben ihre positiven wie auch negativen Merkmale, welche es genauer zu beleuchten gilt. Zu allererst muss dabei beachtet werden, dass eine Übernahme durch die EnBW nur dann zur Abstimmung kommt, sollte die Genossenschaftsvariante scheitern.

Genossenschafts-Insolvenzplan

Zu allererst muss man sich damit vertraut machen, was eine Genossenschaft überhaupt ist, bzw. wie diese funktioniert. In den modernen Wirtschaftswissenschaften werden Genossenschaften vor allem als Produktivgenossenschaften gegründet, die sich vornehmlich in innovativen oder auch alternativen (und hier würde ich erneuerbare Energie zu zählen) Bereichen gründen. Dabei ist ein Unternehmen in diese Genossenschaft „hineingelegt“, wodurch sich für Genossenschaftsmitglieder eine Erwerbsquelle bildet. Genau einen solches Konstrukt hätten wir auch im Falle der Prokon, die dann Prokon eG heißen würde. Die Gläubiger (also die heutigen Privatanleger) würden einen Anteil von insgesamt 57,8% erhalten. Wenn man sich nun jedoch nicht weiter an der Prokon beteiligen will, so wird der eigene Anspruch mit einer „Abgeltungsquote“ von lediglich 23,3% aus künftigen Verwertungserlösen ausbezahlt. Dieser Verwertungserlös muss natürlich ebenso aufgebracht werden. Dafür stehen noch offene Forderungen bei der Holzindustrie Torgau oHG sowie der Prokon HIT Timber S.R.L. (Waldabbau in Rumänien) zur Verfügung. Wie liquide letzteres aus der Prokon Familie ist, darf sicherlich bezweifelt werden. Wählt man die Variante der unternehmerischen Beteiligung so werden ebenso 23,3% in Form von Mitgliedschaftsrechten vergeben. Die in beiden Fällen übrigen 34,5% (57,8%-23,3% = 34,5%) werden in Form eines Erwerbsrechtes auf handelbare, festverzinsliche und besicherte Schuldverschreibungen beglichen. Diese sollen mit 3,5% p.a. verzinst werden. Folgende Abbildung soll einmal aufzeigen, wie die Varianten aussehen könnten, zwischen denen ein Anleger im Falle der Genossenschaftsvariante entscheiden muss.

EnBW als Investoren-Insolvenzlösung

Wie bereits anfänglich erläutert kann diese Variante nur eintreten, wenn die Genossenschaftspläne nicht auf Zustimmung treffen. Die EnBW (Energie Baden-Württemberg AG) ist ein börsennotierter Energieversorger mit Hauptsitz in Karlsruhe. Bereits auf Rang drei notiert EnBW hinter E.ON und RWE als drittgrößtes Energieunternehmen des Landes. Zum Ausbau seiner regenerativen Energien will EnBW Prokon übernehmen und in den Konzern eingliedern. Dafür stellt der Versorger aus Süddeutschland eine Insolvenzquote von 52,2% (also 5,6 Prozentpunkte weniger als in Variante 1) als „Kaufpreis“ zur Verfügung. Dies sind insgesamt ca. 550 Mio. Euro. EnBW wäre bereit insgesamt 525 Mio. sofort an die Gläubiger auszuzahlen. Weitere 25 Mio. Euro erhalten diese dann zu einem späteren heute noch nicht definierten Zeitpunkt. Mit diesem Angebot konnte man aus Sicht des Insolvenzverwalters alle weiteren Interessenten ausstechen. In bar sollen sofort 34,1% der Ansprüche an die Gläubiger fließen. Die restlichen 18,1% werden dann ebenso als Abgeltungsquote durch die Verwertungserlöse der bereits erwähnten offenen Forderungen fließen. Der Auszahlungstermin ist hier jedoch ebenfalls noch im Dunkeln.

Unterm Strich haben Anleger also die Wahl zwischen zwei Optionen, die sich deutlich voneinander unterscheiden.

Genossenschafts-Variante

  • Gesamtverlust: 42,20%
  • Die Anleger erhalten immerhin 57,8% ihrer Anlagen zurück und somit 5,6 Prozentpunkte mehr als in der EnBW-Variante
  • Rückzahlung nicht in bar sondern durch verzinsliche Anleihen - 34,50% (Tilgung ab 2017 mit Laufzeit bis 2030) und Mitgliedschaftsrechte – 23,30%
  • Weitere unternehmerische Beteiligung im Bereich der erneuerbaren Energien
  • Stimmrecht für künftige Strategien und unternehmerische Entscheidungen

EnBW-Variante

  • Gesamtverlust: 47,80%
  • Sofortige Zahlung von Geld an die Anleger
  •       In einem ersten Schritt 34,10% sowie später 18,10% durch Verwertungserlöse
  • Ein Ende der nervenaufreibenden Prokon-Geschichte

Alles in allem muss jeder Anleger nun für sich entscheiden. Durch die großen Strapazen sowie dem emotionale Druck, der entsteht, wenn man sein hart erspartes Geld in vermeintlich attraktive und professionelle Anlagen steckt, kann man mit der EnBW-Variante endlich einen Schlussstrich ziehen. Dafür muss man zwar einen höheren Verlust in Kauf nehmen, kann das Thema Prokon aber endlich zu den Akten legen. Wer weiterhin aktiv dabei sein will und auch eine positive Einschätzung gegenüber der Windindustrie hat, für den kann die Genossenschaftsvariante eine spannende Alternative darstellen. Man muss sich hier jedoch im Klaren sein, dass das bereits investierte Kapital weiterhin mittel- bis langfristig gebunden ist und man mit einer „vollständigen“ Rückzahlung der 57,80% erst im Jahr 2030 rechnen kann. Es dürfte heute in Hamburg also spannend werden zu sehen, wie die Gläubiger sich entscheiden. Die Natur des Geschäftes sollte auch in Zukunft tragfähig sein. Ob dies jedoch noch unter dem verbrannten Namen Prokon geht, bleibt abzuwarten. 

Ihr Andreas Meyer

Quelle: www.am-capital.de, www.prokon.net, www.handelsblatt.com